US Open 2017: Stephens & Nadal Sieger – 20. Update

Lesen Sie hier die Beiträge von  MPTC-Mitglied Doris Henkel zu den US Open 2017, die vom 28. August  bis 10. September 2017 in New York stattfanden, weitere Beiträge von Doris Henkel zu den US Open 2016, 2015 und 2014 finden Sie weiter unten.

Mehr Info unter www.usopen.org

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+++ 20. Update vom 12.09.17 +++  Rafael Nadal gewinnt US Open 2017

Von Doris Henkel

Wenn ein Finale in Flushing Meadows zu Ende geht, bevor die Sonne drüben in Manhattan hinter den Wolkenkratzern untergeht, dann war es ein schneller Sieg. Selbst auf dem Oberrang des Arthur Ashe Stadion spielte sie noch ein wenig mit den Farben, als Rafael Nadal seinen dritten Titel bei den US Open gewann. Ein überlegener Sieg gegen den Südafrikaner Kevin Anderson, abgeschlossen mit einem klassischen Rückhandvolley, steht als Schlusspunkt einer Grand-Slam-Saison, die keiner auf dem Planeten Tennis kommen sah. In Melbourne und Wimbledon Titel für Roger Federer, in Paris und New York Titel für Nadal, der Spanier wieder an der Spitze der Weltrangliste, der Schweizer mit Abstand als erster Verfolger und die Platzhirsche der vergangenen Jahre im Krankenstand. Verrückte Welt.

Nadal gewann nach 2010 und 2013 seinen dritten Titel in dieser gigantischen Arena, und er dominierte die US Open wie der höchste Turm die Skyline in Manhattan, der Riese One World Trade Center. Am Ende wirkte er so spritzig, voller Tatendrang und engagiert wie Federer zu Beginn des Jahres. „Stimmt schon“, sagte er hinterher, „ich bin nicht mehr 25, aber ich hab immer noch die Leidenschaft und die Liebe zu diesem Spiel. Ich suche noch nach der Herausforderung, ich bin jedes Mal nervös, wenn ich auf den Platz gehe, und solange das so bleibt, werde ich dabei sein.“

Roger Federer hatte nach seiner Niederlage im Viertelfinale gegen Juan Martin del Potro zugegeben, in der Form hätte er gegen Nadal keine Chance gehabt. Die hatte del Potro im Halbfinale auch nicht, der im Gegensatz zu Anderson immerhin einen Satz gewann. Für den langen Mann aus Südafrika war es mit weitem Abstand der größte Erfolg seiner Karriere. Er tat, was er konnte, aber das reichte wie bei allen Kandidaten nicht annähernd, um Nadal in Gefahr zu bringen. Denn der ist nicht nur so schnell auf den Beinen wie eh und je, er schlägt nicht nur nach wie vor diese gemeine, einschüchternde Vorhand, er war auch taktisch schwer auf Zack. Anderson wusste nie, woher die Gefahr beim nächsten Ballwechsel kommen würde, und wenn er es rausgefunden hatte, war es meist zu spät. Am Ende fasste er den Unterschied zwischen seiner eigenen und der Karriere des Spaniers auf eine schöne Art so zusammen: „Ich bin genau so alt, aber ich habe das Gefühl, dass ich dir mein Leben lang zugesehen hab.“

Vor zwei Jahren sah Nadal im Spiel manchmal aus wie ein Schatten seiner selbst, er verstand sich selbst nicht mehr, weil er sich nicht mehr motivieren konnte. Er löste das Problem – vielleicht auch, weil er offen darüber sprach -, und im vergangenen Jahr kehrte er aus dem Schatten zurück ins Licht. 2016 kämpfte er wieder mit einer Verletzung, diesmal mit einer Sehnenentzündung im linken Handgelenk, doch auch dieses Problem ist nun seit Monaten überwunden. „Gesund zu sein, gut trainieren zu können und im Wettkampf stark zu sein, das ändert alles“, sagt Nadal. „Egal, ob ich gut oder schlecht spiele, mein Kampfgeist war immer da.“

Wenn er die 16. Trophäe eines Grand-Slam-Turniers demnächst in die Vitrine im kleinen Museum seiner neuen Tennis-Akademie in Manacor zu den 15 anderen stellen wird, wird er sicher keinen Gedanken daran verschwenden, dass er sie auf einem vergleichsweise leichten Weg gewann. Beim Marsch zum Titel begegnete ihm kein einziger Spieler der besten 20 der Welt, keiner der Gegner hieß Federer, Djokovic, Murray oder Wawrinka. Aber man kann nicht gegen Leute gewinnen, die nicht dabei sind, und wer will ausschließen, dass seine Form auch für die Besten der vergangenen Jahre gereicht hätte? Das Finale im Arthur Ashe Stadion war jedenfalls eine Demonstration der neuen, alten Stärke, und in seiner Siegerpose sah Nadal ziemlich erwachsen aus. Er lag nicht platt auf dem Boden, er ging nicht in Knie, er blieb einfach stehen wie ein Feldherr und reckte im Triumph die Arme. Señoras y Señores: Rrrrafael Nadaaaal.

Drei Grand-Slam-Finals in einem Jahr, von dieser Bilanz hätte er nicht mal geträumt; sie erinnert an die Jahre seiner Dominanz. 2010 gewann er in Paris, Wimbledon und bei den US Open, im Jahr danach siegte er wieder in Paris, verlor aber in Wimbledon und in New York gegen Novak Djokovic, den überragenden Mann des Jahres. Und viel fehlte ja auch 2017 nicht zum dritten Titel; man erinnert sich, dass er im fünften Satz des Finales in Melbourne gegen Federer 3:1 führte, ehe der Schweizer die Festung schließlich knackte und gewann.

Aber das ist Geschichte. Zum ersten Mal seit sieben Jahren schnappen sich Federer und Nadal je zwei Titel, und natürlich führt diese Bilanz mit größtem Überraschungswert direkt zur Frage, wie die Sache weitergehen kann. In der Weltrangliste hat der Spanier jetzt fast 2000 Punkte Vorsprung auf den Schweizer, dessen Aussichten auf einen Wechsel in den kommenden Wochen damit nicht allzu groß sind. Darüber hinaus gibt es vor allem Fragen. Wann wird Novak Djokovic wieder eingreifen und vor allem, in welcher Form? Wie wird Andy Murray das Problem mit seiner dauerhaft lädierten Hüfte lösen? Wann kommt der Angriff der jungen Leute wie Alexander Zverev, Dominic Thiem oder vielleicht schon Denis Shapovalov bei den Grand-Slam-Turnieren?

Eines wird aber sicher anders sein. Mit dem dritten Titel bei den US Open endete offiziell die Zeit des berühmtesten TrainerOnkels der Tennisgeschichte. Toni Nadal wird sich in Zukunft mehr um die Akademie des Neffen in Manacor kümmern und die Arbeit auf dem Trainingsplatz Carlos Moya überlassen, der schon in diesem Jahr zum Team gehörte. Einen besseren Abschied hätte Rafael Nadal dem Mann nicht schenken können, der immer fordernd an seiner Seite stand. Aber er findet, es gebe keinen Grund, sentimental zu werden. Der Onkel werde immer sein Onkel sein, und darauf komme es an. Ende der Geschichte.

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+++ 19. Update vom 11.09.17 +++  Sloane Stephens gewinnt Damentitel

Von Doris Henkel

Eine ganze Crew aus Hollywood saß in einer der Logen des Arthur Ashe Stadions und sah zu, wie Sloane Stephens an einem frischen, aber klaren Sommertag die US Open gewann. Wie sie hinterher die besiegte Finalistin und Freundin Madison Keys in einer innigen Umarmung tröstete, die fast länger dauerte als das gesamte Spiel. Wie sie mit 1000-Volt-Lächeln den Pokal präsentierte, als hätte sie nie was anderes getan. Und vor allem, wie sie die Augen aufriss, als ihr der Siegerscheck überreicht wurde, ausgestellt auf 3,7 Millionen Dollar und sie in ehrlicher Verblüffung feststellte: „Meine Güte, das ist ein Haufen Geld.“

An das Spiel an sich wird sich niemand lang erinnern. Es war extrem einseitig (6:3, 6:0), weil Madison Keys in großer Nervosität Fehler über Fehler produzierte. Jeder weiß, dass sie viel, viel besser spielen kann, sie wusste es auch, und am Ende war sie schwer enttäuscht von ihrem Auftritt im ersten großen Finale ihrer Karriere. Sie weinte in der Stunde danach dicke Tränen, aber sie zeigte auch lebensnahe Entschlossenheit. Als sie sehr vorsichtig gefragt wurde, ob es möglich sei, dass sie vielleicht bei der Siegerparty ihrer Freundin mitmachen werde, versicherte sie, ohne eine Sekunde lang zu zögern: „Na klar, 1000 Prozent sicher werde ich dabei sein. Sie kann meine Drinks bezahlen – und zwar alle.“

Sloane Stephens versprach, das werde sie tun, und man hatte danach eine Vorstellung, dass es die beiden später irgendwo da drüben in Manhattan richtig krachen lassen würden. Madison Keys bewährte sich als großartige Verliererin, die Siegerin gönnte sich das volle Programm und legte eine Pressekonferenz, die in Sachen Unterhaltungswert schwer zu überbieten war. Schade, dass die Gäste aus Hollywood nicht mehr dabei waren, sie hätten vermutlich applaudiert. Vor dem Finale hatten die beiden Regisseure und diverse Darsteller des Films „Battle of the Sexes“, darunter Emma Stone und Elisabeth Shue, an gleicher Stelle im Interviewraum gesessen, zusammen mit Billie Jean King, um deren Geschichte es in diesem Film geht. Ein paar Stunden später übernahm Sloane Stephens den Platz auf dem Podium. Sie war witzig, spontan, offen, und die halbe Stunde dieser Pressekonferenz verdichtete sich zu einem Feuerwerk jugendlicher Lebensfreude.

Im seriösen Teil sprach sie wie nach jedem ihrer Siege bei diesem Turnier über die Sorgen, die sie sich in den elf Monaten ihrer Pause wegen eines Ermüdungsbruchs am linken Fuß und einer Operation gemacht hatte. Dass sie sich nicht in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können, nur fünf Wochen nach ihrer Rückkehr im Raketentempo ganz oben zu landen. Gut möglich, dass ihr ohne die Verletzung und ohne die lange Pause nie so eindringlich klar geworden wäre, wie sehr sie am Tennis hängt. Wie sehr sie diese gleichermaßen verwirrenden wie befriedigenden Momente des Wettbewerbs liebt. Ohne Erwartungen kam sie zurück, zunächst einfach nur froh, wieder dabei zu sein, und mit diesem neuen Gefühl spielte sie besser, befreiter als je zuvor. „Mit Worten kann man die ganze Geschichte kaum beschreiben,“ sagte sie. „Wenn mir das jemand vor ein paar Wochen erzählt hätte, hätte ich nur sagen können: Das ist doch verrückt.“ Vor Platz 934 in der Weltrangliste flog sie mit Lichtgeschwindigkeit innerhalb von fünf Wochen auf Platz 17, und jetzt muss sie sich keine Sorgen mehr darüber machen, bei welchen Turnieren sie nun mitspielen darf.

Für den amerikanischen Tennisverband waren diese US Open eine Offenbarung mit vier Spielerinnen im Halbfinale und dem ganz großen Auftritt von Sloane Stephens als Höhepunkt. Keiner weiß, ob Serena Williams nach der Geburt ihrer Tochter tatsächlich wie geplant Anfang kommenden Jahres zurückkehren wird. Und es kann auch niemand mit Sicherheit sagen, ob Stephens mit der Aufgabe klarkommen wird, die New Yorker Ereignisse zu bestätigen, vielleicht gemeinsam mit ihrer Freundin Madison Keys neue Impulse zu setzen und in eine Zeit überzuleiten, in der Serena und Venus Williams irgendwann nicht mehr spielen werden.

Aber dieser Abend in New York mit der ganz großen Show einer Spielerin, die schon vor Jahren zu den großen Talenten gehört hatte, die aber dann irgendwie untergegangen war, hatte einen eigenen Wert. So wie Stephens’ umwerfend ehrliche Antwort auf die Frage, ob sie nach dem ersten großen Sieg jetzt erst so richtig Lust auf weitere große Taten habe. Sie sah die Fragestellerin sehr direkt an, konnte sich vor Vergnügen kaum auf dem Sitz halten und trompetete: „Na klar. Hast du diesen Scheck gesehen, den mir die Lady da draußen überreicht hat? Wenn dir das keine Lust auf Tennis macht, dann weiß ich’s nicht.“

Im ersten Teil ihrer Karriere war sie bisweilen mit einem Anflug von Überheblichkeit aufgefallen, in der Stunde nach dem kaum zu fassenden Sieg war davon nichts zu hören und zu sehen. In dieser Stunde empfahl sie sich wortreich für die Moderation des nächsten Oscar-Abend. Von Serena Williams ist man ja einiges gewohnt an bühnenreifen Auftritten nach großen Siegen, aber Sloane Stephens überzeugte mit einem eigenen frechen Stil. Als in diesem Auditorium dann irgendwann alles gesagt war, tänzelte sie sie dem Ausgang zu, reckte eine Hand in die Luft, blickte noch mal über die Schulter zurück und rief: „Danke, Leute“. So hinterließ sie eine Ahnung, wie die Nacht aussehen würde, und die Frage, was die Zukunft bringen wird, war in diesem Moment so was von egal.

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+++ 18. Update vom 10.09.17 +++  Herrenfinale:  Rafael Nadal gegen Kevin Anderson

Von Doris Henkel

Auch nach so vielen Jahren auf der Tour, nach Hunderten von Interviews und Fragen aller Art, ist er weiterhin ein Freund kurzer Ansagen, bisweilen garniert mit trockenem Humor. Es war die erste Pressekonferenz 2017, als Rafael Nadal im Januar in Brisbane gefragt wurde, ob er glaube, in diesem Jahr bei den Grand-Slam-Turnieren wieder zu den Herausforderern zu gehören. Zwei Jahre lang hatte er bei diesen wichtigsten Turnieren keine große Rolle gespielt, war nie weiter als bis ins Viertelfinale gekommen, und es hatte manchmal so ausgesehen, als werde die Welt des Tennis in Zukunft auf den großen Sieger Nadal verzichten müssen. Er wusste, dass die Leute so dachten, aber bei der Antwort auf die Frage brachte er die Sache auf für ihn typische Weise auf den Punkt. „Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich nicht in die Zukunft sehen kann“, erklärte er. „Und ich will nicht über Dinge reden, über die ich nicht reden sollte, weil ich sie nicht weiß. Das Einzige, was ich sagen kann ist: Ich glaube, wenn ich gesund bin, dann werde ich auch wieder zu den Siegern gehören. Wenn ich es nicht bin, werde ich zuhause beim Fischen sein.“

Sagen wir mal so: Die Fische vor der Küste Mallorcas hatten eine ziemlich gute Zeit, vom bekanntesten Angler der Insel weitgehend in Ruhe gelassen. Sonntagabend wird Rafael Nadal bei den US Open in New York zum dritten Mal in diesem Jahr im Finale eines Grand-Slam-Turniers um den Titel spielen. In Melbourne verlor er das Finale in einer dramatischen Partie gegen Roger Federer, in Paris holte er sich mit größter Souveränität den zehnten Titel, und seine Chancen stehen auch in New York nicht schlecht, wenn er gegen Kevin Anderson spielt. Der Südafrikaner, mit 2,03 einer der Längsten auf der Tour, stand nie zuvor in einem großen Finale. Aber Nadal wäre der Letzte, der auf die Idee käme, wegen dieser Konstellation sei er der Favorit; aus seiner Sicht beginnt jedes Spiel auf beiden Seiten bei Null. Und würde es nicht irgendwie zu diesem verrückten Turnier passen, wenn am Ende keiner nicht er den Pokal in den Händen hielte, sondern ein Mann wie Anderson vom Weltranglistenplatz 32?

Nadal steht seit drei Wochen zum ersten Mal seit Sommer 2014 wieder an der Spitze dieser Rangliste, und falls er an diesem Sonntag im Arthur Ashe Stadion den Titel gewinnt, wird er vermutlich auch den Winter dort verbringen. Gewinnt er den Titel nicht, gibt es für Roger Federer vielleicht noch eine Chance, den langjährigen Rivalen wieder zu überholen. Aus dem erhofften Spiel zwischen Federer und Nadal wurde ja bekanntlich diesmal in New York nichts, weil der Schweizer im Viertelfinale gegen Juan Martin del Potro verlor. Der Argentinier wiederum startete im Halbfinale gegen Nadal wie die Feuerwehr, baute aber nach dem gewonnenen ersten Satz deutlich ab, auch zermürbt von Nadals veränderter Taktik und Schüssen aus allen Lagen.

Auf der Tribüne ist dieser Tage in der Box des Spaniers wie so oft bei großen Turnieren nie ein Platz frei. In der zweiten Reihe nehmen seine Eltern, seine Schwester und seine langjährige Freundin Platz, in der ersten sitzen gewöhnlich von rechts nach links der PR-Mann, daneben Manager Carlos Costa, Coach Carlos Moya und außen an der Treppe wie immer Onkel Toni mit der weißen Kappe. Gut möglich, dass man den berühmtesten Traineronkel der Welt in Zukunft in New York nicht mehr sehen wird. Schon vor Monaten hatte Rafael Nadal angekündigt, der Onkel werde sich nach diesem Jahr aus seinem Team verabschieden, um sich in Zukunft zuhause in Manacor mehr um seine neue Akademie und die Familie zu kümmern, die Hauptarbeit im Training werde Moya übernehmen.

In Europa wird man den Onkel sicher gelegentlich noch bei einem Spiel des Neffen treffen, aber Toni Nadal fliegt nicht gern, und es ist fraglich, ob er sich die Tour nach New York dann noch antun wird. Ohne den Onkel, der seit mehr als 20 Jahren Trainer und gewissermaßen sein zweiter Vater ist, wäre der Spieler Rafael Nadal nicht der unerbittliche Wettkämpfer, der er ist. Oft genug gab er ihm im Leben wie im Training Aufgaben, die so aussahen, als seien sie zu hart, doch die beiden stehen sich nach wie vor sehr nah. Bei den French Open in Paris wurde Toni schon mit einem Pokal verabschiedet und belohnt, der dem Siegerpokal des Neffen exakt nachgebildet war. Es war ein großer Moment für ihn, als er bei der Siegerehrung auch aufs Podium gerufen wurde, und es könnte nun keinen besseren Abschluss für den wichtigsten Denker und Lenker des spanischen Tennis geben als einen dritten Titel des Neffen im Arthur Ashe Stadion.

Mit 15 Grand-Slam-Titeln stünde Rafael Nadal dann allein auf Platz zwei in der Erfolgsliste des Männertennis hinter Roger Federer (19), aber man darf ihm glauben, wenn er sagt, wichtiger sei ihm eine ganz spezielle Form von Glück. „Ich bin glücklich, wenn ich gesund bin, und ich bin glücklich, wenn ich den Wettbewerb annehmen kann, und genau so war es in diesem Jahr.“ Es gab Zeiten, vor allem vor zwei Jahren, als er sich nicht mehr motivieren konnte, als er auf einmal in einen Abgrund blickte und sich nicht wiedererkannte, weil ihm das Spiel und die tägliche Schinderei nicht mehr so viel bedeuteten wie früher. Jetzt quält er sich wieder und ist glücklich dabei, im Training wie im Spiel, und er hätte nichts dagegen, wenn das noch ein paar Jahre so weiterginge.

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+++ 17. Update vom 09.09.17 +++  Damenfinale; Sloane Stephens gegen Madison Keys

Von Doris Henkel

Zu den ersten Gratulanten gehörte eine Frau, die Siegerinnen erkennt, wenn sie vor ihr stehen. Congratulations Sloane, twitterte Oracene Price nach dem ersten Coup, Congratulations Madison schrieb sie nach dem zweiten. Mrs. Price ist Mutter zweier Töchter, die auch ein wenig Tennis spielen können, die eine trägt den Vornamen Venus, die andere heißt Serena. Viele andere schlossen sich den Glückwünschen an, aber neben dem persönlichen Aspekt der Finalistinnen lebt diese Geschichte vor allem vom überraschenden Erfolg des amerikanischen Frauentennis. Vier Spielerinnen der USA im Halbfinale, und das ohne die junge Mutter Serena Williams, demzufolge zwei im Finale – auf diese kühne Idee wäre vor Beginn der US Open selbst der größte Optimist in Miami oder San Francisco nicht gekommen.

Zwischen 1979 und 1985 hatte es eine solche Konstellation bei den Grand-Slam-Turnieren weltweit fünfmal gegeben, zuletzt in Wimbledon mit Chris Evert, Martina Navratilova, Zina Garrison und Kathy Rinaldi. Der zweite Erfolgswelle rollte in den frühen 2000er-Jahren mit Lindsay Davenport, Jennifer Capriati und den jungen Williams-Schwestern, doch in den vergangenen Jahren sah es oft genug so aus, als werde es derartige Feiertage für das Tennisverband der Vereinigten Staaten nicht mehr geben. Zehn Jahre lang, zwischen 2007 und 2016, landete nie mehr als eine Amerikanerin im Halbfinale, und die hieß entweder Serena oder Venus Williams. Nach 2003, als Andy Roddick gewann, gab es bei den US Open bei den Männern keinen Sieger aus den USA mehr, bei den Frauen war das wegen der Schwestern anders, aber zuetzt fürchteten sich viele vor dem Gedanken, Serena und Venus Williams könnten sich spontan entscheiden, den Schläger in die Ecke zu stellen.

Der amerikanische Tennisverband macht mit den US Open jedes Jahr einen satten Gewinn, und es müsste doch irgendwie möglich sein, einen Teil des Geldes aus diesem Gewinn in die Förderung des Nachwuchses zu stecken. Nun, mehr als 60 Millionen Dollar pumpte die USTA diesem Gedanken folgend in ihre neues Prachtstück, das neue Leistungszentrum mit 100 Tennisplätzen, einem Wohnheim und allem Schnickschnack in Lake Nona in der Nähe von Orlando. Im Januar wurde das Zentrum eingeweiht, und man kann sich vorstellen, welche Möglichkeiten sich da in Zukunft bieten. Die Präsidentin der USTA, Katrina Adams, versteht es nicht schlecht, sich selbst und damit auch den Verband in Szene zu setzen.

Im Prinzip müsste der Verband aber auf jedem Tennisplatz des Landes Erinnerungstafeln für Oracene Prices unglaubliche Töchter an die Wand hängen. Nicht nur, weil es ohne die Schwestern in sehr vielen Jahren ziemlich finster ausgesehen hätte, sondern auch deshalb, weil die Wirkung der beiden auch viele sportbegabte Kids aus afroamerikanischen Familien erreichte. 60 Jahre nach den Siegen der Pionierin Althea Gibson, die 1957 in Wimbledon und Forrest Hills den Titel gewann, gäbe es keine passendere Besetzung des Finales als Sloane Stephens und Madison Keys.

Wer vor zwei Wochen auf ein Endspiel dieser beiden getippt hätte, den hätte man zum Zeichen der Bewunderung in einer Sänfte über die Anlage tragen müssen.

Aber es gab ja in der jüngeren Vergangenheit schon Beispiele für Konstellationen, die niemand auf dem Plan hatte. Das russische Finale des Jahres 2004 mit Swetlana Kusnezowa und Jelena Dementjewa etwa und vor allem das italienische Endspiel mit Flavia Penetta und Roberta Vinci vor zwei Jahren. Penetta erklärte damals nach dem Sieg noch auf dem Platz ihren Rücktritt – das wird diesmal garantiert nicht passieren. Sloane Stephens, die im Halbfinale in drei höchst gegensätzlichen Sätzen gegen Venus Williams gewann, und Madison Keys, souveräne Siegerin gegen CoCo Vangeweghe, sind gerade dabei, sich selbst und ihre Möglichkeiten neu zu entdecken. Keys, 22 Jahre alt und Nummer 16 der Welt, galt schon vor Jahren als Kandidatin auf einen Titel, ebenso die zwei Jahre ältere Sloane Stephens. Beide wurden in letzter Zeit von Verletzungen gestoppt; Keys wurde zweimal am Handgelenk operiert, zuletzt erst im Juni, Stephens fehlte nach einem Ermüdungsbruch im linken Fuß elf Monate lang.

Das Wort zum Tage und zur Besetzung des amerikanischen Finales sprach Venus Williams: „Champions kommen von Verletzungen oder Umständen zurück, mit denen sie nie gerechnet haben. Und sowas macht den Leuten Mut.“ Ihr selbst fehlte am Ende auch ein wenig die Kraft, aus dem Happyend mit einem dritten Grand-Slam-Finale in diesem Jahr wurde nichts.

Keys oder Stephens, das ist nun die Frage. Die beiden sind eng befreundet, es wird keine Kleinigkeit sein, das im Finale zu vergessen, aber für beide ist die Chance gleich groß. Egal, wer gewinnt, sagt Stephens, „es soll mich aber bitte nie mehr irgendwer nach dem Zustand des amerikanischen Frauentennis fragen – zumindest in den nächsten zehn Jahren nicht.“

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+++ 16. Update vom 08.09.17 +++  Viertelfinal: Roger Federer verliert gegen  Juan Martin del Potro

Von Doris Henkel

Es dauerte wie immer nach einer Niederlage nicht lange, bis Roger Federer zur Pressekonferenz erschien. Er will die letzte Aufgabe schnell hinter sich bringen, aber natürlich reagiert er jedes Mal ein wenig anders. Manche Niederlagen tun so weh, dass du glaubst, es zerdrückt dir einer das Herz mit der bloßen Hand. Andere machen wütend, geben Rätsel auf oder brennen dir hässliche Löcher ins sorgsam gepflegte Selbstbewusstsein. „Du siehst nur die schlechten Dinge“, sagte er ein paar Minuten später. „Es soll weh tun, und es tut auch weh.“ Aber es war an diesem Abend der Niederlage gegen Juan Martin del Potro auf eine fast sprachlos machende Art faszinierend, mit welcher Klarheit, Genauigkeit und Offenheit er Ereignissen und Umstände analysierte. Als habe der Spieler Federer einen Fachmann gleichen Namens mitgebracht, der alle Details kennt und sie zu werten weiß.

Und es klang so, als hätten sich die beiden in den knapp zehn Minuten nach dem Ende der Partie, die der Schweizer in vier Sätzen verloren hatte (5:7, 6:3, 6:7, 4:6), sehr schnell auf eine bemerkenswerte Kernaussage geeinigt. „Ich habe das Gefühl“, sagte Federer, „dass ich nichts im Halbfinale zu suche habe. Die Art, wie ich heute gespielt habe und wie ich im Moment spiele, ist einfach nicht gut genug, um dieses Turnier zu gewinnen. Es ist besser, dass ich draußen bin und ein anderer die Chance hat, es besser zu machen.“

Unter dem geschlossenen Dach des Arthur Ashe Stadions hatte er nie sicheren Boden gefunden, und das begann schon beim ersten Schlag. Viele Spieler schlagen härter auf als Federer, aber alle sind beeindruckt von dessen Präzision, den Variationen und der Verlässlichkeit; in all den Jahren war es der Schlag, auf den er sich immer verlassen konnte. Aber selbst wenn er führte, fühlte er sich nicht sicher, spürte Treibsand unter den Füßen, und er spürte ziemlich schnell, dass die Sache nicht besser werden würde. Es hatte ja im Laufe des Turniers Hinweise auf seine Verfassung gegeben, vor allem bei den mühevollen Fünfsatzsiegen in den Runden eins und zwei, bei denen es manchmal so aussah, als fehle ihm jedes Gefühl.

Als das Spiel gegen del Potro begann wusste Federer, dass er auf eine Schwäche des Gegners hoffen musste, und auch diese Art von Gefühl mag er nicht. Zumal nach einem Jahr, das er oft auf Wolke sieben verbracht hatte. Die ersten Monate, ein einziger Panoramaflug mit Siegen in Melbourne, Indian Wells und Miami. Später der große Sommer mit dem achten Sieg in Wimbledon, dem 20. Grand-Slam-Titel seiner Karriere und dann die Hoffnung, zum ersten Mal nach neun Jahren auch in New York wieder den Titel gewinnen zu können.

Doch während des Turniers in Montreal, das er im Finale gegen Alexander Zverev verlor, verdrehte er den Rücken, und danach lief nichts mehr so, wie er es gern gehabt hätte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er kein Wort über die Probleme verloren, mit denen er zu kämpfen hatte. Kein Spieler redet gern über Verletzungen, weil man sich noch schlechter fühlt, wenn man ständig darauf angesprochen wird. Aber da er wegen der Probleme von Montreal beim Turnier in Cincinnati abgesagt hatte, wussten alle Bescheid, und das behagte ihm nicht. Es trug zu seiner Unsicherheit bei.

In New York fühlte er sich nie so frei wie Ende Januar in Melbourne und Anfang Juli in Wimbledon. Er habe einfach nicht das richtige Gefühl gehabt, sagte er hinterher, und der Fachmann neben ihm nickte im Geiste. „Ich war nicht gut genug, weder geistig noch körperlich noch im Spiel.“

Vielleicht wäre er gegen einen weniger starken Gegner durchgekommen. Aber del Potro hatte sich gut von seiner Erkältung und den Anstrengungen des aufregenden Spiels gegen Dominic Thiem erholt. Bis auf den zweiten Satz, in dem Federer vergleichsweise stabil spielte, war der Argentinier durch nichts zu erschüttern, weder von den Antworten des Gegners noch vom gelegentlichen Beifall des Publikums für einen seiner Doppelfehler. Wer in dieser Arena gegen Federer gewinnen will, der muss auch das Publikum besiegen. Die del-Po-Sänger saßen oben unter dem Dach, sie versuchten immer wieder, ihren Mann zu unterstützen, aber die Atmosphäre war nie so dicht wie zwei Tage zuvor beim Sieg gegen Thiem.

Doch er schaffte es diesmal allein. Im wegweisenden Tiebreak des dritten Satzes wehrte er vier Satzbälle ab, und danach wurde der Eindruck immer klarer, dass Federer nicht in der Verfassung war, den Güterzug aufzuhalten, der sich von der anderen Seite des Platzes mit hoher Geschwindigkeit näherte. Um das zu wissen genügte auch ein Blick in seine Box in die Gesichter seiner beiden Coaches, seiner Frau und seiner Mutter; da war nicht mehr allzu viel Hoffnung zu erkennen.

Mit einem abenteuerlichen Fehler bei einem hohen Volley schenkte Federer del Potro den einen Matchball, der Argentinier griff wie während der gesamten Partie entschlossen zu, und das war es dann. So zerplatzen die Hoffnungen der New Yorker, endlich im Spiel mit Roger Federer und Rafael Nadal zu sehen. In so vielen Tennisarenen der Welt haben die beiden bisher gegeneinander gespielt, 13 Jahre lang in Australien, China, in Europa  und den USA, nur bei den US Open haut es einfach nicht hin. Nadal hatte seinen Teil mit einem expeditiven Sieg gegen den jungen Russen Andrej Rublew beigetragen, der hinterher selbst fand, das sei eine Lehrstunde gewesen.

Federer meinte, natürlich sei es schade, dass nun wieder nichts werde aus dem großen Spiel, aber ganz ehrlich – er selbst habe während der Partie gegen del Potro keine Minute daran gedacht. Mit seiner Niederlage im Viertelfinale ist auch klar, dass Rafael Nadal bis auf weiteres an der Spitze der Weltrangliste stehen wird; mit einem Sieg hätte Federer die Chance gehabt, an der Spitze zu landen. Er versichert, damit könne er leben, außerdem sei das Jahr ja noch nicht zu Ende. Am Ende legte der Fachmann dem Spieler im vollbesetzten Interviewraum des Arthur Ashe Stadions den Arm um die Schulter und sagte: Komm’, lass uns gehen. Mehr können wir nicht erklären, und du brauchst ein bisschen Pause.

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+++ 15. Update vom 07.09.17 +++ Sloane Stephens

Von Doris Henkel

Es ist immer wieder spannend zu beobachten, was alles in den Menschen steckt. Welche Widersprüche sie in sich tragen, das vor allem. Gerade noch hatte Sloane Stephens im größten Tennisstadion der Welt mit Biss und Beharrlichkeit alle Herausforderungen eines langen, heißen Spiels mit der Lettin Anastasija Sevastova angenommen, da fiel sie eine Stunde später bei der Abwehr eines fliegenden Käfers vom Stuhl. Hysterisch fuchtelte sie mit den Armen in der Luft herum, versteckte sich unter dem Tisch, und man hätte meinen können, da sei ein irre gefährliches Tier unterwegs, zu dessen Lieblingsspeise Tennisspielerinnen gehören. Der harmlose Gast entkam, aber er fragte sich sicher, als er davonflog: Großer Gott, was war das denn?

Das war und ist Sloane Stephens, 24 Jahre alt aus dem Sonnenstaat Florida, Tochter eines ehemaligen Footballprofis der New England Patriots. Sie galt vor ein paar Jahren als eines der großen Talentes des amerikanischen Frauentennis, the next big thing, wie die Amis das gern nennen. Und sie war damals ziemlich populär. Als sie bei den Australian Open 2013 mit einem Sieg gegen Serena Williams im Halbfinale landete, trudelten Glückwünsche zuhauf ein, darunter von Größen wie Dirk Nowitzki und dem früheren NBA-Star Shaquille O’Neal. Wer sie reden hörte, der konnte nur über ihre ungeheuer selbstbewussten Töne staunen, über freche Sprüche und einen mehr oder weniger leichten Hang zur Überheblichkeit. Das Halbfinale in Melbourne verlor sie gegen Viktoria Asarenka, doch von Australien aus startete sie in ein sehr erfolgreiches Jahr mit einem Viertelfinale in Wimbledon und den Achtelfinals in Paris und New York. Im Herbst stand sie in der Weltrangliste auf Platz 11, der Sprung in die Top Ten schien unmittelbar bevorzustehen.

Doch es wurde nichts daraus. Stephens gewann zwar vier Titel bei kleineren Turnieren, aber auf der großen Bühne spielte sie nicht konstant, und immer wieder waren neue Trainer an ihrer Seite. Das ging so bis zu den Olympischen Spielen vor einem Jahr. Mit einem Ermüdungsbruch im linken Fuß kehrte sie von den Spielen zurück, und es dauerte lange, bis die Verletzung ausgeheilt war. Doch in den elf Monaten der erzwungenen Pause hatte sie viel Zeit, sich Gedanken zu machen, verbunden mit der Chance, Dinge aus einer normalen Position zu betrachten. Sie sagt, diese Zeit habe ihr irgendwie die Augen geöffnet. Die elf Monate seien nicht leicht gewesen, aber habe viel mehr als früher am Familienleben teilnehmen können, vor allem mit den Großeltern, und das habe sie glücklich gemacht. „Aber als ich dann endlich wieder spielen konnte, wusste ich sofort: Das ist es, was ich machen will. Das ist es, was ich liebe. Ich habe Glück, dass ich mit Sport Geld verdienen kann, aber es geht hier nicht um Leben und Tod. Ich spiele jeden Tag Tennis und schwitze dabei, verbringe Zeit mit meinen Freunden, trainiere und mache Fotos. Ich schätze, ich hab’s ziemlich gut.“

Elf Monate Pause, das ist eine lange Zeit, und als sie Anfang Juli in Wimbledon zum ersten Mal danach wieder spielte, verlor sie verständlicherweise und prompt in der ersten Runde, desgleichen direkt danach in Washington. Bei den folgenden Turnieren in Toronto und Cincinnati landete sie zur eigenen Überraschung schon im Halbfinale, und in der Weltrangliste rauschte sie innerhalb von drei Wochen von Platz 934 auf 83. Mit dem Halbfinale von New York wird sie wieder mindestens zu den besten 40 der Welt gehören, und da sie in den kommenden Wochen keine Punkte zu verteidigen hat, dürfte es in dieser Richtung weitergehen.

Aber die Amerikaner feiern dieser Tage nicht nur Sloane Stephens. Sie staunen über eine Dominanz ihrer Spielerinnen, wie es sie bei den US Open lange nicht mehr gab, misst man die Erfolge nicht nur an den Taten der berühmten Schwestern. Serena Williams brachte bekanntlich in der vergangenen Woche eine Tochter zur Welt, deren Tante Venus feiert das Ereignis auf ihre Art und spielt nun an diesem Donnerstag gegen Stephens zum dritten Mal in diesem Jahr im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Und das mit 37 – eine in jeder Hinsicht sehr, sehr reife Leistung. In Melbourne und Wimbledon landete sie auch im Finale, diesmal ist schon jetzt garantiert, dass zumindest eine Amerikanerin um den Titel spielen wird, vor den letzten beiden Viertelfinals mit CoCo Vandeweghe und Madison Keys bestand sogar die Möglichkeit eines Endspiels im Zeichen der Stars und Stripes.

Die erstaunliche Venus Williams ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Sloane Stephens. Wollte man die Gegensätze wirkungsvoll in Bildern festhalten, wäre das ganz leicht. Auf der einen Seite Stephens’ Flucht unter den Tisch, auf der anderen die Reaktion von Williams auf die Frage, wie sie die vergangenen sechs Jahre beschreiben würde, das Auf und Ab dieser Zeit. „Wow“, sagte sie und lächelte wie Athene, die Göttin der Weisheit. „Ich würde diese Zeit als sechs Jahre beschreiben.“ Eine Antwort wie ein perfekter Volleystopp, listig und endgültig.

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+++ 14. Update vom 06.09.17 +++ Viertelfinale Thiem – del Potro

Von Doris Henkel

Zwei Stunden danach stellte Juan Martin del Potro ein Foto ins Internet, auf dem er die Arme selig ausbreitete und in den Himmel blickte. Darunter schrieb er nur ein Wort: Inolvidable. Unvergesslich. Zu jedem großen Turnier gehört ein Spiel wie dieses, und jedes Mal, wenn der lange Argentinier daran beteiligt ist, klingen einem die Töne noch stundenlang in den Ohren. Das war vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen in Rio so, und so war es diesmal wieder. Gesänge, verrückte, spitze Schreie, immer wieder del-Pooo, del-Pooo, unterbrochen vom Knall seiner Vorhand. Für den neuen fantastischen Grandstand, der im vergangenen Jahr bei den US Open eingeweiht wurde und der im Moment der zweitgrößte Court der Anlage ist, war es das erste ganz große Spiel, ein Spektakel in fünf Akten mit del Potro und dem Österreicher Dominic Thiem in den Hauptrollen und mit völlig entrückten Fans auf der Tribüne, viele in den Farben ihres Landes, blau und weiß.

Zusammengefasst passiert in diesen fünf Akten  Folgendes: Zwei Sätze lang relativ leichtes Spiel für Thiem, weil sich del Potro wegen einer Erkältung schlecht fühlt. Er kriegt kaum Luft, hat schwere Beine und denkt daran aufzugeben, doch irgendwie kann er das nicht. Er sieht die ganzen Leute, auch hinter den Sitzplätzen weiter oben in Dreier-und Viererreihen, er spürt, was sie von ihm erwarten. Er denkt: vielleicht geht’s ja doch. Es geht tatsächlich, Thiem spürt auf einmal den Widerstand, die argentinischen Gesänge werden lauter, del Potro gewinnt den dritten Satz. Thiem beruhigt sich, geht im vierten in Führung, hat zwei Matchbälle, doch die wehrt der andere mit Assen ab.
In diesem Moment ist nebenan im Arthur Ashe Stadion die Partie von Roger Federer und Philipp Kohlschreiber schon im Gange, selbst die beiden hören das Getöse von Grandstand, und sie wissen: Da drüben brennt der Baum. Federer sagt, das habe er noch nie erlebt; normalerweise hört man nichts von den Außengeräuschen, wenn man in der großen Schüssel spielt. Als er nach dem zweiten Satz zu einer kleinen Behandlungsauszeit den Platz verlässt, checkt er in den Katakomben, wer auf dem Grandstand gewinnt. Sein Problem ist schnell gelöst, er kehrt guter Dinge ins Spiel zurück, und nicht allzu lange danach gewinnt er die Partie; Kohlschreiber hat keine Chance. Enttäuscht packt seine Sachen.

Auf dem Grandstand holt del Potro alles aus seinem schwachen Körper heraus. Er jagt Geschosse über den Platz, die so irre schnell sind, dass sie drüben in Manhattan am Union Square abgefeuert nur Bruchteile später in East Harlem landen würden, Laserstrahle auf der Park Avenue. Thiem hat bis zum Ende eine Chance, aber in vielen Momenten schießt er übers Ziel hinaus. Mit einem Doppelfehler setzt er nach drei Stunden und 35 Minuten den Schlusspunkt unter das Spektakel in fünf Akten. Die Zahlenfolge 6:1, 6:2, 1:6, 6:7, 4:6 steht auf der Tafel, aber sie sagt nichts über die phänomenale Atmosphäre dieser Partie.

Wieso del Potro immer wieder inmitten solcher Szenerien landet? Das hat ein bisschen mit seinen irren Schlägen zu tun, aber viel, viel mehr mit einem Gefühl, das er in den Menschen auf der ganzen Welt weckt. Die Leute lieben diesen Typen, der so sanft ist, dass er keiner Fliege was zu Leide tun könnte, und sie lieben ihn noch mehr nach seiner langen Auszeit wegen diverser Operationen am Handgelenk. Auch Federer gehört zum Camp der Sympathisanten. „Wir mögen uns sehr“, sagt er. Und von del Potros Laserstrahlen ist er so beeindruckt, dass er ihn in einem Beitrag auf Twitter del THORtro nennt.

Und nun wird Thor, Gott des Donners, an diesem Mittwoch im Viertelfinale versuchen, das Kunststück des Jahres 2009 neu aufzulegen. Damals gewann er den Titel mit einem Sieg in fünf Sätzen gegen Federer, der zuvor auf im Arthur Ashe Stadion sechs Jahre lang nicht verloren hatte. Der Schweizer sagt, das sei eines jener Spiele, das er im Nachhinein gern noch mal spielen würde, weil er sich ziemlich sicher sei, den Sieg aus der Hand gegeben zu haben. Del Potro schien damals die Macht zu haben, die Welt des Tennis zu verändern, nachdem es mehr als fünf Jahre lang keinem anderen Spieler gelungen war, Federer und Rafael Nadal bei einem Grand-Slam-Turnier zu besiegen. Doch er erreichte bis heute nie wieder ein Finale in Melbourne, Paris, Wimbledon oder New York, wegen all seiner Verletzungen, aber auch geplagt von Depressionen in düsteren Monaten abseits des Tennisplatzes.

Die Frage ist, ob er sich bis zum Treffen mit Federer erholt haben wird. Wie der ohnehin schon durch die Erkältung geschwächte Körper die dreieinhalb Stunden auf dem Grandstand verkraften wird. Federer versichert, auf seiner Seite sehe die Sache gut aus. Die kleine Auszeit während des Spiels gegen Kohlschreiber habe nichts zu bedeuten, er sei fit. Und wenn er auch das nächste Spiel gewinnt, dann könnte New York vielleicht endlich eine seit mehr als zehn Jahren sehnsüchtig erwartete Partie gegen Rafael Nadal im Arthur Ashe Stadion sehen. Nur zwei können den Showdown im Corona Park jetzt noch verhindern, der vielgeliebte Juan Martin del Potro und ein begabter 19 Jahre alter Russe namens Andrej Rublew, Nummer 53 der Welt.

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+++ 13. Update vom 05.09.17 +++ Mischa Zverev +  Julia Görges

Von Doris Henkel

Eigentlich weiß man ja, was zu tun ist, wenn auf freiem Feld der Blitz einschlägt. So platt wie möglich an den Boden pressen, vielleicht eine kleine Grube graben, wenn es irgendwie geht. Aber was macht man, wenn auf einem Tennisplatz 77 Minuten lang pausenlos der Blitz einschlägt? Auf diese Frage fand Mischa Zverev im Achtelfinale der US Open gegen Sam Querrey nur eine Antwort: Aufrecht stehen bleiben und am Ende froh sein, wenn es vorbei ist. Der Amerikaner rauschte Tempo und Konsequenz durch dieses Spiel und brauchte für den Sieg in drei Sätzen (6:2, 6:2, 6:1) nicht länger als andere für einen einzigen Satz.

Querrey selbst meinte hinterher, das sei vermutlich einer der besten Auftritte seiner Karriere gewesen; am Ende standen 55 so genannte Winner gegenüber nur acht unerzwungenen Fehlern zu Buche. Selbst in bester Verfassung hätte Zverev wohl nicht arg viel ausrichten können an diesem Abend, aber er fühlte sich ohnehin nicht optimal. Nach dem Spiel in der Runde zuvor gegen Querreys Landsmann John Isner war er erst um drei Uhr in der Nacht zur Ruhe gekommen, er war früh wieder aufgewacht, hatte dann Doppel gespielt, und die Kombination tat ihm am Ende nicht gut. Er hatte das Gefühl, einen Schritt langsamer zu sein als sonst, und er begriff relativ schnell, dass das nicht genügen würde.

Mischa Zverevs Erkenntnisse zur Dienstreise nach New York? Mit Ausnahme des Endes positiv – weitermachen in diesem Stil. Nach ein paar Tagen Pause wird er denn zuhause in Monte Carlo auf Sand trainieren. Ende kommender Woche wird die deutsche Mannschaft im Davis Cup in Portugal gegen den Abstieg aus der Weltgruppe spielen, und wenn die Zeichen nicht täuschen, wird er dabeisein. „Ja“, sagt er, „davon gehe ich aus.“ Auch Alexander, der kleine Bruder, der schon vor Tagen nach einer Niederlage in der zweiten Runde tief enttäuscht die Heimreise angetreten hatte? Mal sehen. Bundestrainer Michael Kohlmann wird die Mannschaft an diesem Dienstag nominieren.

Bei Julia Görges schlug zwar nicht der Blitz an, aber die beste Deutsche der US Open 2017 fand, irgendwie hätten die Umstände schon etwas mit ihrer Niederlage gegen die Amerikanerin Sloane Stephens zu tun. Weil es am Tag vor ihrem Spiel und auch am Morgen desselben regnete, konnte sie sich im provisorischen Louis Armstrong Stadion nicht einspielen, und auf dem frisch verlegten Belag fehlte ihr lange Zeit das richtige Gefühl. Doch sie sagt, die Niederlage ändere nichts an ihrer Einschätzung, in diesem Jahr einen großen Schritt vorangekommen zu sein.

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+++ 12. Update vom 05.09.17 +++  Venus William + Petra Kvitova

Von Doris Henkel

Es ist nicht ganz leicht, dieses monströs große Stadion zu füllen; nicht jedes Spiel zieht mehr als 23.000 Menschen an, nicht mal in einer kaum weniger monströs großen Stadt wie New York. Aber wenn die Schüssel voll ist, dann verdichten sich die Ereignisse und Gefühle darin bisweilen zu einer einzigartigen Atmosphäre. Aufregung, Spannung und Verrücktheit, immer wieder neu gemischt, schwirren durch die Luft, und manchmal kommt es einem vor, als sei die Mixtur dreidimensional. Bei allen großen Tennisturnieren gibt es leidenschaftliche Fans, aber nirgendwo ist der Kontakt zwischen denen auf den Rängen und den Spielern so intensiv wie in der Arena der US Open in New York.

Und wenn nun Venus Williams und Petra Kvitova im Viertelfinale gegeneinander spielen, dann wird das große Stadion bis rauf zum Gestänge der Dachkonstruktion noch dazu mit Empathie gefüllt sein. Nicht nur für eine Spielerin, sondern für beide. Es mag nicht verwundern, dass die Amerikaner und viele Gäste einen speziellen Draht zu Venus Williams haben. Die Ältere der berühmten Schwestern stand in den vergangenen Jahren oft im Schatten der Jüngeren, klaglos und stolz. Doch schon als sie zu Beginn des Jahres bei den Australian Open nach acht Jahren wieder im Finale eines großen Turniers landete, wurde sie von einer Welle der Bewunderung getragen, und dass sie das Finale gegen die Schwester verlor, änderte nichts an dieser Verbindung. In Wimbledon war es nicht anders, aber natürlich fiel es ihr auch in diesem Fall nicht ganz leicht, am Ende mit der kleineren Trophäe auf dem Rasen zu stehen. Zwei Grand-Slam-Finals mit 37 Jahren – mal sehen, ob Roger Federer das auch schaffen wird.

Wimbledon und Venus Williams gehören zusammen; das kann nicht anders sein nach fünf Titeln in all den Jahren. Aber noch mehr gehören das Arthur Ashe Stadion und Venus Williams zusammen. Vor 20 Jahren wurde die 23.771 Zuschauer fassende Arena eingeweiht – und sie war dabei. Beim dritten Grand-Slam-Turnier ihres jungen Lebens landete Williams mit 17 zum ersten Mal im Finale, und sie ist immer noch da, 2017 stärker als in vielen Jahren zuvor. Von ihrer eigenen Gefühlswelt gibt sie außer in den Momenten großer Siege nicht allzu viel preis, aber die Voraussetzungen sind diesmal anders als in Wimbledon. Damals litt sie unter den Nachwirkungen eines Autounfalls zuhause in Florida, in dessen Folge ein älterer Mann gestorben war. Ohne ihre Schuld, wie festgestellt wurde, aber die Seele ist taub bei Freisprüchen dieser Art. In New York dagegen gab es schon in der ersten Woche Grund zur Freude nach der Geburt ihrer Nichte, Serenas Tochter. Alle Versuche, Genaueres zum Befinden von Mutter und Kind zu erfahren, scheiterten, und dabei wird es vermutlich auch bleiben. An der Bewunderung für die beste und größte große Schwester im Sport ändert das nichts.

Aber wenn es jemanden gibt, der noch mehr bewundert wird, dann ist das Petra Kvitova. Die Geschichte ihrer Rückkehr nach dem Überfall in ihrem Apartment zuhause in Tschechien im Dezember vergangenen Jahres ist überall bekannt. Und jedem läuft bei der Vorstellung, in der eigenen Wohnung ein Messer an der Kehle zu spüren, ein eiskalter Schauer über den Rücken. Es gibt seither zwei gleichermaßen bemerkenswerte Geschichten einer Heilung. Kvitova kann zwar ihre linke Schlaghand, die der Angreifer mit dem Messer fast zerfetzte, nach wie vor nicht zur Faust ballen, und in zwei Fingern fehlt ihr immer noch das Gefühl. Es war ein Meisterstück der Ärzte, die die Hand reparierten, und es ist kaum zu glauben, dass sie seit drei Monaten tatsächlich wieder Tennis spielen kann.

Aber fast noch erstaunlicher ist es, wie sie die Messerstiche in ihre Seele täglich ein bisschen mehr überwindet. In der eigenen Wohnung angegriffen zu werden und acht Monate später den Menschenmassen einer Stadt wie New York mit relativ großen Vertrauen zu begegnen – das ist ein sehr weiter und harter Weg, aber sie geht ihn lächelnd und auf eine Art, die viele Herzen öffnet. Das sieht auch Venus Williams so. „Was Petra hinter sich hat ist unvorstellbar, eine absolute Zumutung. Es ist so wunderbar zu sehen, wie sie es schafft, dabei zu sein und alles zu tun, damit es ihr wieder besser geht. Und ich glaube, es ist ein Segen für sie, dass sie wieder so gut spielt.“
Petra Kvitovas steinige Wanderung aus dem Land der Fratzen und Dämonen führte sie zunächst im Mai zu den French Open, wo sie ein Spiel gewann, nach Birmingham, wo sie ein Turnier gewann, nach Wimbledon und schließlich nach Nordamerika. Im vergangenen Jahr verlor sie in New York in der vierten Runde gegen Angelique Kerber, nun hat sie an diesem Dienstag im Spiel gegen Venus Williams die Chance, im Halbfinale zu landen. Beim Erfolg gegen die spanische Wimbledonsiegerin Garbiñe Muguruza machte sie den Eindruck, als sei sie auf alles vorbereitet und könne mit jeder Herausforderung umgehen. Danach sagte sie: „Wenn ich nicht weiterkomme und das hier das Ende ist, dann ist es ein Happyend.“ Das wissen die Zuschauer, und sie werden sie spüren lassen, dass sie es wissen.

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+++ 11. Update vom 04.09.17 +++ 

Von Doris Henkel

Im Prinzip hätte sich Madison Keys bei Roger Federer bedanken müssen. Hätte sich der Schweizer wie in den ersten beiden Runden auch an diesem Abend fünf Sätze gegönnt, dann es wäre noch viel, viel später geworden. Aber der Meister machte die Bühne im Arthur Ashe Stadion diesmal nach drei Sätzen frei, eine Viertelstunde vor Mitternacht ging es los für Keys, und zwei Stunden später nahm die Amerikanerin glücklich und erschöpft die Glückwünsche der besiegten Jelena Wesnina entgegen. Fazit Nummer eins danach: Wer bei den US Open nicht mit Nachtschichten umgehen kann, der bleibt besser zuhause, und das gilt nicht nur für Spieler. Fazit Nummer zwei: Dem amerikanischen Frauentennis geht dieser Tage überraschend gut.

Als fünfte Spielerin ihres Landes landete Madison Keys im Achtelfinale, und um eine bessere Bilanz für die Gastgeber zu finden, muss man in den Büchern eine Weile suchen. Es war vor 15 Jahren, bei den US Open 2002, damals waren es sieben, darunter Serena und Venus Williams, Monica Seles, Jennifer Capriati und Lindsay Davenport. Die Aufzählung der Namen hört sich wie eine Zusammenfassung und ein Rückblick auf die besten Zeiten des Frauentennis der USA an, aber in den Jahren danach gab es immer nur zwei, auf die sie sich verlassen konnten, und beide tragen den heißen Williams.

Serena W. brachte bekanntlich zur allgemeinen Freude am Freitag eine Tochter zur Welt, sie stand also bei der aktuellen Statistik nicht zur Verfügung. In den vergangenen zehn Jahren hätte es ohne ihren Beitrag auf dem Tennisplatz bisweilen düster ausgesehen. Madison Keys aus Rock Island/Illinois, 22 Jahre alt und derzeit Nummer 16 der Welt, wird in den USA schon seit Jahren als aussichtsreiche Kandidatin gehandelt, aber bei den US Open kam sie nie weiter als ins Achtelfinale. Mittlerweile wird sie wieder von der früheren Nummer eins, Lindsay Davenport, betreut, aber es gibt auch einen Beitrag aus dem Allgäu zu den Siegen dieser Tage. Dieter Kindlmann, einst ständiger Trainingspartner von Maria Scharapowa und fester Bestandteil des inneren Zirkels, gehört nun zum Team Keys. Lindsay Davenport kann Unterstützung gebrauchen, sie hat vier Kinder und arbeitet zudem regelmäßig fürs Fernsehen.

Den größten Beitrag für das amerikanische Frauentennis ohne Beteiligung aus dem Hause Williams lieferte bisher in diesem Jahr CoCo Vandeweghe. Aus komplizierten Namen machen sie in den USA bekanntlich bei der Aussprache gern eine sehr eigene Version, in diesem Fall wird aus Vandeweghe Wändewäj. Mit dem Halbfinale bei den Australian Open und dem Viertelfinale in Wimbledon war sie neben Venus Williams bei den Grans-Slam-Turnieren die erfolgreichste Spielerin der USA bisher in diesem Jahr, und in New York hat sie gewissermaßen Heimspiel. Es ist die Stadt, in der sie vor 25 Jahren geboren wurde und in der ihr Name aus anderen Sportarten ein Begriff ist. Ihr Großvater Ernie spielte Basketball bei den New York Nicks, ebenso ihr Onkel Kiki.
Zu CoCo Vandeweghes Team gehört seit ein paar Wochen ein neuer Coach, der Wimbledonsieger des Jahres ’87, Pat Cash. Der Australier ist ein Freund der direkten, nicht allzu komplizierten Ansprache, und offenbar funktioniert das nicht schlecht mit einer Spielerin, die recht heftig von sich selbst überzeugt ist und gelegentlich zu Ausbrüchen neigt. Wenn sie im Arthur Ashe Stadion spielt, so wie beim Sieg in der dritten Runde gegen Agnieszka Radwanska aus Polen, könnte man immer meinen, ihr gehöre das ganze Ding.

Zu den fünf Amerikanerinnen des Achtelfinales zählt auch das Phänomen Jennifer Brady. Alle sieben Spiele, die Brady in diesem Jahr im Hauptfeld eines Turniers gewann, fanden auf der höchsten Ebene statt, bei den Grand-Slam-Turnieren. Drei Spiele gewann sie in Melbourne, eines in Wimbledon und nun wieder drei in New York, darunter in der ersten Runde gegen Andrea Petkovic. Im Achtelfinale wird sie versuchen, die geheimnisvolle Serie gegen die Nummer eins des Turniers fortzusetzen, Karolina Pliskova. Die Tschechin ist in der oberen Hälfte des Tableaus als Einzige aus den Top Ten übrig geblieben, aber nach Abwehr eines Matchballs in Runde drei auch das nur mit Müh und Not.

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+++ 10. Update vom 04.09.17 +++ Roger Federer gegen Philipp Kohlschreiber

Von Doris Henkel

Hobbyspieler und einfache Tennisfreunde sollten dieser Tage in New York auf alles vorbereitet zu sein. Dazu rät das Beispiel der Leute, die neulich auf den öffentlichen Courts im Central Park spielten, als Roger Federer auftauchte, um zu trainieren. Nun ist es nicht so, dass auf den offiziellen Trainingsplätzen des Turniers bei nichts mehr frei gewesen wäre; das kann einem weniger bekannten Spieler schon mal passieren bei den US Open. Aber nein, der Meister wollte sich die mindestens zwei mal 30 Minuten – leicht auch mal das Doppelte – der Fahrt von Manhattan rüber nach Queens und zurück ersparen. Um am spielfreien Tag mehr Zeit für die Familie zu haben, um nach all den Jahren mal was neues zu sehen, um Teil des normalen Lebens zu sein.

Es sei total anders gewesen, berichtete er hinterher, und es habe ihm viel Spaß gemacht. Die Leute hörten auf zu spielen, sie kamen rüber und sahen ihm zu. Hinterher gab es Smalltalk und Fotos, und alle waren happy. Zwei Tage danach fand er einen neuen Ort, John McEnroes Tenniszentrum auf Randall’s Island, umgeben vom East River im nördlichen Manhattan gelegen. Und am Tag vor dem Spiel gegen Philipp Kohlschreiber wollte er noch mal die Umgebung erkunden.

Seit fast 20 Jahren kommt Federer nach New York, zuerst spielte er bei den Junioren, seit 2000 bei den Großen, und um die Freude am Gesamtpakt nach so vielen Jahren zu bewahren, braucht er neue Impulse. Und der Rücken bedankte sich auch freundlich für die kürzeren Autofahrten; bisher zeigte er sich kooperativ. Nach dem souveränen Sieg gegen den Spanier Feliciano Lopez (6:3, 6:3, 7:5) war Federer sehr zufrieden. Er fand, der Körper habe die Anstrengungen der beiden Fünfsatzspiele in den Runden eins und zwei gut verkraftet, im Training vor der Begegnung mit Lopez habe er zum ersten Mal seit ein paar Wochen wieder gespürt: Ahh, da ist der Rhythmus.

Ohh, das ist nicht gut als Botschaft für die Konkurrenz, in diesem Fall für Philipp Kohlschreiber. Auch der war zufrieden mit sich nach dem Sieg gegen den Australier John Milman (7:5, 6:2, 6:4), und nun steht er vor der gleichen Aufgabe wie vorher die Kollegen Lopez und Michail Juschni. Die Bilanz des Russen vor dem Spiel gegen Federer in Runde zwei: 0:16. Lopez stand bei 0:12, für Kohlschreiber geht’s bei 0:11 weiter. Nun werden Tennisspiele zwar einerseits auf dem Platz und nicht in den Bilanzen entschieden, und es gibt immer eine Chance. Aber andererseits wird es von Mal zu Mal schwerer, mit Zuversicht an die Aufgabe heranzugehen, wenn am Ende immer derselbe den letzten Punkt macht. Vor zwölf Jahren in Halle spielte Kohlschreiber zum ersten Mal gegen Federer, der zu diesem Zeitpunkt schon fünf Grand-Slam-Titel gewonnen hatte und souverän an der Spitze der Weltrangliste stand. Er gewann im Laufe der Jahre des öfteren einen Satz, und vor allem für die Freunde der einhändigen Rückhand waren es schöne Spiele.

Alle Welt schwärmt von Federers Schlägen, aber es muss doch irgendwas geben, das er nicht so gut kann, oder? Bei der Frage traut sich Philipp Kohlschreiber zuerst nicht so recht aus der Deckung, dann kann man seinen Worten aber doch entnehmen, dass er die eigene Rückhand für besser hält. Das ist ja schon mal ein Anfang. Federer mag Kohlschreibers Rückhand jedenfalls auch, gesehen hat er sie oft genug, nicht nur in den elf Begegnungen bisher, sondern in zahlreichen Trainingsspielen. Ansonsten, findet er, sei der Kollege aus Deutschland gut in Form und sei zurecht stolz darauf, ein harter Arbeiter zu sein.

Kohlschreiber trainiert anders als früher, er verbringt nicht mehr so viel Zeit mit Drills auf dem Tennisplatz, und es ist ja auch sonst einiges anders. Im Sommer trennte er sich von seinem langjährigen Coach Stephan Fehske, was kein leichter Schritt war. Am Ende sei der Wurm drin gewesen, sagt er. „Stephan und ich, wir haben es beide gespürt, aber keiner wollte dem anderen weh tun“. Befreundet sie sind auch nach der Trennung, Fehske kümmert sich weiter um Kohlschreibers Geschäfte, die Arbeit auf dem Trainingsplatz hat ein ehemaliger Profi übernommen, der Österreicher Markus Hipfl. Womit der österreichische Anteil im Leben des gebürtigen Augsburgers mit Wohnsitz in Kitzbühel noch ein wenig vergrößert wurde. Er sagt, die Zusammenarbeit mit Hipfl laufe sehr gut: „Markus versteht mich, der war früher ein ähnlicher Spielertyp.“

Er wird guten Mutes in die zwölfte Begegnung mit Roger Federer gehen, und die ersten Auftritte des Konkurrenten in New York hatte er die Hoffnung, dass vielleicht manches noch nicht rund laufen könnte in dessen nahezu perfektem System. „Es war zu spüren, dass mehr geht. Und wenn er nicht gut spielt, dann bin ich da.“ Der Gedanke, dass jede Serie irgendwann mal zu Ende geht, spielt in dem Zusammenhang keine Rolle. Und eine andere Statistik hilft auch nur bedingt. Von den 77 Spielen, die Roger Federer bisher im Arthur Ashe Stadion bestritt, verlor er nicht mehr als acht.

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+++ 9. Update vom 03.09.17 +++ Mischa Zverev

Von Doris Henkel

An der Stelle, wo im nächsten Jahr ein neues Stadion stehen soll, ragen Stahlträger in den blauen Himmel. Das ist zwar immer eine spannende Sache, aber wie kann man vor dieser Baustelle stehen und nicht daran denken, dass hier Geschichte plattgewalzt wurde? Bis zum vergangenen Jahr stand das gute, alte Louis Armstrong Stadion, bis 1996 die größte Arena des National Tennis Center in Flushing Meadows, gleich hinter dem Haupteingang. Rund 16.000 Zuschauer fasste der Armstrong, die Flutlichtmasten ragten in den Himmel, und in luftiger Höhe war auch das Pressezentrum untergebracht. Ein Fahrstuhl, auf den man lange warten musste, führte hinauf, notfalls bot sich auch ein wenig einladendes Treppenhaus an. Und man war viel unterwegs; in diesem Wolkenkuckucksheim von Pressezentrum gab es nicht mehr als zwei Fernsehschirme – nicht für jeden, sondern für alle zusammen -, und die Ergebnisse der Spiele wurden mit Kreide auf einer Schiefertafel aktualisiert. Wer wissen wollte, was gerade auf Platz zehn los war, dem blieb nichts anderes übrig, als mit dem Fahrstuhl nach unten zu fahren und sich direkt zum Platz zu begeben, wo nebenan vielleicht gerade ein Telefon klingelte. Ein silber glitzerndes New Yorker Straßentelefon, auf dem man sich anrufen lassen konnte.

Wenn er gesehen hatte, was er sehen wollte, hastete der Reporter zurück zum Armstrong und zum Fahrstuhl, zurück ins Pressezentrum, wo er oder sie zwei Wochen lang auf stählernen Barhockern saß, die für viele Gesäße definitiv nicht groß genug und für alle zu hart waren. Für die ersten Laptops, die deutlich mehr Platz brauchten als die schlanken Exemplare der heutigen Zeit, reichte der Platz auf einer Art Theke natürlich nicht, und wenn man den drei Zentimeter entfernt sitzenden Kollege im Sinne des Wortes nicht riechen konnte, dann gab’s keine Rettung. Pech gehabt. Aber zumindest die Leute in der ersten von drei Reihen wurden üppig entschädigt; sie sahen von ihrem Platz aus nicht nur direkt auf den Centre Court, sondern auch über den Rand der Schüssel hinaus bis nach Manhattan, wo die Sonne ausgesprochen stimmungsvoll unterging. Es ging chaotisch zu bei den US Open vor 30 Jahren, es war eng, es war laut – und es war auf eine verrückte, unvergessliche Art grandios.

Die Zeit des Wolkenkuckucksheimes endete bei den 1996. Im Jahr danach wurde der geliebte alte Louis degradiert und verkleinert, denn keine hundert Meter entfernt stand nun das neue Prunkstück der Anlage, das riesige Arthur Ashe Stadion, mit seinen 23.771 Sitzplätzen bis heute die größte Tennisarena der Welt. Das neue Pressezentrum verschwand im Bauch dieses Stadions, es gibt seither größere, bequemere und funktionalere Arbeitsplätze. Die Informationen fließen unvergleichlich schneller, der Weg zu den Tennisplätzen ist kürzer, aber da unten im Bauch gibt es kein Tageslicht, natürlich auch keine Aussicht, und die Klimaanlage ist so eingestellt, dass es ein Paradies für Pinguine wäre.

Auch draußen ist nichts mehr wie damals, als Louis Armstrong noch das Zentrum des Tennis-Universums im Corona Park war, aber aus der Sicht der Zuschauer ist das eine gute Nachricht. Das Durcheinander früherer Tage ist aufgeräumt, nirgendwo klingeln noch öffentliche Telefone, spätestens seit dem vergangenen Jahr, als neue, große Kennzeichnungen angebracht wurden, finden sich nun alle problemlos zurecht. Es gibt so viele Geschäfte, Imbissstände, Restaurants und Bars, dass die Kreditkarte in Windeseile glüht. Nein, die US Open des Jahres 2017 ähneln den US Open des Jahres 1987 nur noch sehr bedingt, und das betrifft nicht nur die Optik. Früher donnerten die startenden und landenden Maschinen im Minutentakt vom nahen Flughafen La Guardia mit Höllenlärm über die Anlage hinweg, heute schleichen sie in einer Kurve herum. Der Mann, der die Flieger während seiner Zeit als New Yorker Bürgermeister Anfang der neunziger Jahre auf den anderen Kurs schickte, wird dafür heute noch mit Beifall belohnt, wenn er trotz seines hohen Alters im Stadion erscheint. Die Töne, die Gerüche, die Aussicht – alles ist anders. Nicht mehr so verrückt, aber immer noch speziell.

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+++ 8. Update vom 03.09.17 +++ Mischa Zverev

Von Doris Henkel

Der letzte Teil des Weges ins größte Tennisstadion der Welt führt durch einen schmalen  Gang, die Geräusche von draußen werden mit jedem Schritt lauter, und dann ist man drin in der überdimensionalen Schüssel. Zuschauer und Sitzplätze, wohin das Auge blickt, bis weit, weit, weit nach oben, und irgendwo darüber muss dann der Himmel sein. Es ist ein Anblick, der einen extrem nervös machen kann. „Ich hatte Gänsehaut“, sagt Mischa Zverev. „und ich wusste nicht, was ich erwarten sollte. Ich hatte Respekt vor dem Stadion, vor den Zuschauern und vor New York.“

Der Respekt wechselte ziemlich schnell die Richtung an diesem Abend im Arthur Ashe Stadion. Zuerst verblüfft, dann ungläubig und bei fortschreitender Dauer des Spiels mit immer größerer Bewunderung sahen die Leute, wie dieser robust wirkende Typ aus Deutschland das Spiel ihres Landsmanns John Isner zersägte. Zverev ist, das hat sich herumgesprochen, einer der letzten seiner Art, er spielt Serve und Volley, und manchmal steht er so dicht am Netz, dass kein Handtuch mehr dazwischenpasst. Er griff auch an diesem Abend mit bewundernswerter Konsequenz an. Nur ein einziges Mal rannte er nicht nach einem ersten Aufschlag nach vorn – beim Matchball. Verwirrungstaktik, abgeschlossen mit einem perfekt getimten Annäherungsschlag und einem ebenso perfekten Volley.

Diese Art des Spiels hat er von seinem Vater gelernt. Alexander Zverev senior brachte seinem Erstgeborenen alles bei, und der ist überzeugt davon, die richtige Wahl getroffen zu haben. Er sagt, im Gegensatz zum kleinen Bruder Sascha seien seine Schläge von der Grundlinie einfach nicht gut genug, um damit gewinnen zu können, das habe sein Vater früh erkannt. Aber um so offensiv zu spielen braucht man Mut, Ausdauer und Kraft. Mut, um mitten rein in die Flugbahn des Balles rennen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ausdauer, es auch nach Fehlschlägen wieder und wieder zu probieren und nicht zu resignieren. Und Kraft für den schnellen Abdruck vom Boden, für den Sprint nach vorn.
Schon vor dem Spiel gegen Isner hatte Zverev prominente Fans. Der bisweilen so nörgelige John McEnroe hatte ihn schon in Australien zu seinem Lieblingsspieler erklärt, in New York schwärmte der Altmeister weiter. „Der jagt mir Schauer über den Rücken mit seinem Spiel.“

John Isner, einer der besten Aufschläger der Welt, hatte keine Chance gegen Zverev, der am Ende selbst staunend vor der Statistik des Spiels stand – vor nicht mehr als sieben unerzwungenen Fehlern während der gesamten Partie. Ein solcher Wert mit seiner Art des Spiels, die riskanter ist, als von der Grundlinie zu schießen, das ist ein Knaller.
Alexander Zverev hat New York inzwischen verlassen, immer noch geknickt und frustriert nach der frühen Niederlage in einem Turnier, das er gewinnen wollte. Und der zehn Jahre ältere große Bruder, der sich nach vielen Verletzungen fast schon vom Tennis verabschiedet hatte, wenn ihn der Kleine nicht inspiriert und nochmal motiviert hätte, steht mittendrin in einem Feld, in dem viele Hoffnungen sprießen.

In Zverevs unterer Hälfte des Tableaus ist nach der Niederlage des Kroaten Marin Cilic keiner mehr aus den Top Ten zu finden, das ist für alle eine einmalige Chance. Aber es gibt ja nur eine vernünftige Art, das Feld zu betrachten: Jeder, der im Achtelfinale landet, hat was zu bieten, sonst stünde er nicht da. Der Amerikaner Sam Querrey, gegen den er nun an diesem Sonntag spielen wird, ist ziemlich gut in Form, erreichte unter anderem vor ein paar Wochen das Halbfinale in Wimbledon. Bei den Australian Open zu Beginn des Jahres landete Zverev mit einem Sieg gegen Andy Murray im Viertelfinale, aber er rechnet nicht damit, dass das Spiel gegen den Amerikaner leichter werden wird. Und Querrey nähert sich der Herausforderung ebenfalls mit Respekt. „Mischa hat ein tolles Jahr“, sagt er, „und es macht nie Spaß, gegen einen Linkshänder zu spielen. Die meisten Linkshänder sind listig und schlau, und er ist der Schlaueste von allen.“

Bekanntlich dauert es eine Weile, bis die Dinge zusammenpassen, und das war auch im Fall des deutschen Spezialisten in Sachen Angriffstennis so. Zverev glaubt, seine für viele überraschenden Erfolge in diesem Jahr hätten auch mit einer anderen Form des Erlebens zu tun. „Früher waren die Spiele Stress für mich. Jetzt ist es aufregend und spannend, immer noch stressig, aber in einer positiven Weise. Ich finde, ich kann mehr genießen.“

Mal unabhängig davon, was es für ihn selbst bedeuten würde, noch weiter vorn zu landen, auch die Welt des Tennis müsste sich darüber freuen. Weil er einer der wenigen ist, der anders spielt. Weil es Spaß macht, ihm dabei zuzusehen. Und weil es den Jungen zeigt, dass man nicht nur mit hammerharten Schlägen von der Grundlinie gewinnen kann. Und das Arthur Ashe Stadion ist kein schlechter Ort, daran zu erinnern. Als das Stadion vor 20 Jahren eingeweiht wurde, schnappte sich der Australier Pat Rafter den Titel. Mit Mut und Schweiß und Serve und Volley.

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+++ 7. Update vom 02.09.17 +++ Philipp Kohlschreiber

Von Doris Henkel

Mit 33 ist er nicht mehr Jüngste in seinem Job, aber inzwischen reicht dieses Alter im Tennis längst nicht mehr, um damit aufzufallen. Mehr als ein Dutzend der 128 Spieler, die zu Beginn der Woche in die US Open starteten, ist noch älter als Philipp Kohlschreiber, angeführt vom 38 Jahre alten Kroaten Ivo Karlovic und vom zwei Jahre jüngeren Großmeister Roger Federer. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen sieben Teenager, das ist nicht allzu viel. Die Karrieren der meisten Spieler dauern länger als früher, womit selbst auf der mittleren Ebene diverse Möglichkeiten verbunden sind. Zum einen, vielleicht Dinge zu erreichen, die einem nie zuvor gelungen sind.

Philipp Kohlschreiber spielt zum 15. Mal bei diesem Turnier. 2003 startete er mit einer Niederlage gegen den Argentinier David Nalbandian in New York in seine Grand-Slam-Karriere, und hätte man ihm damals gesagt, er werde anno 2017 immer noch dabei sein, hätte er es vermutlich nicht geglaubt. Zwischen 2012 – jenem Jahr, in dem er vorübergehend in der Weltrangliste auf Platz 16 stand -, und 2014 erreichte er dreimal das Achtelfinale und landete dabei auch in den Rekordlisten des Turniers. Sein Sieg in der dritten Runde vor fünf Jahren gegen den Amerikaner John Isner wurde um 2.26 Uhr notiert; später in der Nacht endete nie ein Spiel bei den US Open.

Zuletzt lief es nicht so gut für Philipp Eberhard Hermann Kohlschreiber, um dessen Namen in voller Breite noch mal zu erwähnen, und in diesem Jahr hatte es zwischendurch Zweifel gegeben, ob er in New York überhaupt mitspielen würde. Ein Einriss in den Adduktoren machte ihm lange zu schaffen, zwischendurch war er sich nicht sicher, ob er ohne Eingriff durchkommen würde, und deshalb dosierte er die Zahl seiner Turniere. Nach dem Titelgewinn in seiner österreichischen Wahlheimat Kitzbühel Anfang August verzichtete er auf den Start bei den Hartplatzturnieren in Nordamerika, aber nun sieht die Sache dieser Tage gar nicht schlecht aus. Mit einem Sieg gegen den Kolumbianer Santiago Giraldo, der im dritten Satz aufgab, landete er in Runde drei und hat nun eine sehr hübsche Chance, noch ein wenig länger zu bleiben.

Kohlschreibers Gegner in der nächsten Partie an diesem Samstag wird ein Australier vom Weltranglistenplatz 235 sein, der eine Leisten-Operation und zwei Eingriffe an der Schulter hinter sich hat, John Milman. Das alles ist Teil eines Szenarios, das von einer Serie von Ausfällen und Absage geprägt ist, angefangen ganz oben mit Andy Murray und Novak Djokovic. Früher habe es bei den großen Turnieren vier Einbahnstraßen gegeben, auf denen die Besten unterwegs gewesen seien, sagt Kohlschreiber. „Jetzt ist alles viel offener und interessanter, es gibt keinen Topfavoriten, bei dem man sagen kann: der macht’s. Die Chancen sind für alle größer.“

In der unteren Hälfte des Tableaus stand vor Beginn der dritten Runde nur einer, der schon einen Grand-Slam-Titel in der Tasche hat, Marin Cilic aus Kroatien. In Kohlschreibers oberer Hälfte sieht die Sache mit Rafael Nadal, Roger Federer und Juan Martin del Potro besser aus, aber selbst im Fall von Federer gibt es gewisse Zweifel. Der Mann des Jahres brauchte wie in Runde eins auch zum Sieg gegen den russischen Routinier Michail Juschni fünf Sätze. Zwei Fünfsatzspiele als Einstieg in ein Grand-Slam-Turnier leistete sich Federer noch nie, und obwohl er beteuert, es gehe ihm gut, der zuletzt lädierte Rücken mache ihm keine Sorgen mehr und grundsätzlich habe er sich viel besser gefühlt als in Runde eins, war von seiner Kunst in vielen Phasen nicht viel zu erkennen. Mit seiner Einschätzung, es habe ihm vielleicht „ein Spürli Explosivität“ gefehlt, lag er von außen betrachtet mehr als nur eine Spur daneben.

Was das mit Philipp Kohlschreiber zu tun hat? Nun, mal vorausgesetzt, der Augsburger besiegt den Australier Milman, was ja theoretisch möglich sein sollte, könnte Federer im Achtelfinale sein nächster Gegner sein. Aber nicht nur der Schweizer tut sich schwer, auch Rafael Nadal spielt weniger souverän als gedacht. Beim Sieg in vier Sätzen gegen Taro Daniel, einen in New York geborenen und in Spanien lebenden Japaner vom Weltranglistenplatz 121, wirkte er zu Beginn wirklich nicht souverän. Daniel bot den Leuten eine gute Show, er spielte so, als habe tatsächlich im Moment jeder einer Chance.

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+++ 6. Update vom 01.09.17 +++ Alexander Zverev

Von Doris Henkel

Die Bandbreite der Gefühle nach Niederlagen ist ziemlich groß, deutlich größer als nach Siegen. Enttäuschung, Wut, Frust und Traurigkeit, gemixt zu einem schlammfarbenen Cocktail, der wie Schwefeldioxid riecht und nach Essigsäure schmeckt. Manche nippen nur daran, andere trinken den Becker in einem Zug leer, und natürlich dauert es dann eine Weile, bis sie sich davon erholen. Alexander Zverev hielt den Becher fast noch in der Hand, als er knapp eine Stunde nach seiner Niederlage in der zweiten Runde der US Open darüber sprach, wie und warum sie sich ereignet hatte und wie es ihm nun ging. In einem Wort: Lausig.

Nach den Erfolgen in diesem Jahr mit fünf Titeln und Siegen gegen Größen wie Roger Federer und Novak Djokovic, vor allem nach dem Start in die Hartplatzsaison in den USA mit den Turniersiegen nacheinander in Washington und Montreal, dachte er, auch bei den US Open zum Kreis der Favoriten zu gehören. Manchmal beklagen sich Spieler, der Druck von außen sei zu groß gewesen, man habe einfach zu viel von ihnen verlangt, aber Zverev sagt, dem sei nicht so. „Ich hab auch das Gefühl gehabt, dass ich einer der Favoriten war.“ Am Ende wusste er nur ansatzweise, wie er in der Niederlage gegen den Kroaten gelandet war, der zu seiner Generation gehört und nur knapp ein halbes Jahr älter ist. An mildernden Umständen war er nach vier spannenden Sätzen (6:3, 5:7, 6:7, 6:7) nicht interessiert. Der fand, das Niveau seines Spiels sei katastrophal gewesen, er habe viel zu defensiv gespielt, habe dem laufstarken Coric viel zu viel Zeit gegeben. „Wenn du den Ball nicht auf dem Schläger hast, kein Gefühl hast, dann ist es schwer. Jetzt bin ich halt draußen“. Und noch ein Schluck aus der Essigpulle.

Die Intensität, mit der er sich nach Niederlagen ärgert, ist prinzipiell ein gutes Zeichen, wenn auch für die Mitmenschen nicht immer ganz leicht zu ertragen. Er will so schnell wie möglich nach vorn, und nun saß er da und blickte auf eine Niederlage, die er hätte vermeiden können; Chancen dazu gab es genug. Die Frage zum Lerneffekt mag er nicht mehr hören. „Wie lange soll ich sagen, dass ich noch lerne? Ich hab hier gegen einen 20jährigen gespielt, nicht gegen Federer oder Nadal.“ Aber um bei einem Grand-Slam-Turnier gegen Federer oder Nadal im Halbfinale oder Finale spielen zu können, muss man halt erstmal kleinere Fische fangen. Wobei klein auch in diesem Zusammenhang ein relativer Begriff ist, denn Coric gehört zu den guten jungen Leuten des Tennis.

Aber wohl dem, der einen Bruder hat, der im gleichen Job unterwegs ist, der zehn Jahre mehr Lebenserfahrung hat und darüber hinaus die Fähigkeit besitzt, Dinge deuten zu können. Mischa Zverev, der zur gleichen Zeit wie sein kleiner Bruder spielte und in fünf Sätzen gegen den Franzosen Benoît Paire gewann, fühlte mit „Sasch“, wie er den Kleinen nennt, aber darunter sollte man sich kein Mitleid vorstellen. Ja, sagte er, er sei auch überrascht nach dessen Niederlage. „Aber ich finde, das gehört dazu. Da muss er durch. Man darf keine Angst vorm Verlieren haben. Jetzt ist er an Nummer vier gesetzt, spielt gegen Coric und hat das Gefühl, er muss ihn glatt schlagen. Und wenn’s nicht so gut läuft, macht er sich gleich Gedanken. Er erwartet selber von sich sehr viel von sich, und das ist ab und zu gut, weil er hat Ehrgeiz hat. Aber nicht so gut, wenn’s mal eng wird. Man muss sich selber auch verzeihen können.“

Das gehört – auch außerhalb des Tennisplatzes – bekanntlich nicht zu den leichtesten Aufgaben Es wird ein paar Tage dauern, bis sich der kleine Zverev von den Ereignissen dieses Abends erholt haben wird. Und vom Abschluss der Grand-Slam-Saison, die nicht so recht zu den höchst eindrucksvolle Auftritten bei den anderen Turnier passt. In Melbourne hatte er das Pech, schon in der dritten Runde gegen Rafael Nadal spielen zu müssen, in Paris verlor er in der ersten gegen den Spanier Fernando Verdasco, in Wimbledon landete er zum ersten Mal im Achtelfinale und verlor trotz guter Chancen gegen den Kanadier Milos Raonic. Aber er findet, dass es einen Unterschied zwischen diesen drei Ereignissen und dem Auftritt in der zweiten Runde der US Open gibt. „Schlecht gespielt hab ich nur hier“, sagt er, „bei den anderen hab ich einfach nur verloren.“ Möglich, dass er dennoch nach dem Ende der US Open in der Weltrangliste besser dastehen wird als im Moment auf Platz sechs, und das Tennisjahr hat ja noch einiges an Herausforderungen zu bieten, vor allem das ATP Finale der besten acht des Jahres im November in London. Drei der acht Plätze sind bisher besetzt, einer von Roger Federer, einer von Rafael Nadal – und einer von Alexander Zverev.

Für den schlauen großen Bruder geht’s in New York weiter, im Spiel der dritten Runde an diesem Freitag gegen John Isner. In aufgeräumter Stimmung und Plauderlaune sagt er dazu: „Ich will gar nicht daran denken. Das wird wieder so eine nervenaufreibende Sache.“ Er erinnert sich zu gut an die Begegnung in der zweiten Runde der Australian Open im Januar, die er in einem Monsterspiel von mehr als vier Stunden nach zwei abgewehrten Matchbällen gegen den Amerikaner gewonnen hatte. Der baumlange Isner ist einer der besten Aufschläge im Männertennis, und Spiele gegen ihn sind ein harter Test für die Geduld. Wie man am besten gegen ihn gewinnt? „Return ins Feld spielen“, sagt Zverev, der ältere. So einfach kann Tennis sein.

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+++ 5. Update vom 31.08.17 +++ Angelique Kerber

Von Doris Henkel

Das Leben ist manchmal ein gemeiner Freund. Mal schickt es dir einen Sonnenstrahl nach dem anderen, hält die Hand schützend über dich und verzeiht dir Fehler. Dann dreht es dir kommentarlos den Rücken zu, lässt dich für jede Kleinigkeit bezahlen und scheint gewisses Vergnügen daran zu finden, dich jede Prüfung zweimal machen zu lassen. Und wenn es einen ganz hinterlistigen Tag hat, dann schickt es dir die härtesten Prüfungen ausgerechnet an jenen Orten, die mit die schönsten Erinnerungen gefüllt sind. Und knallt dir ein großes Transparent vor die Füße, auf dem steht: Hej, hier gibt’s keine Sicherheit und keine Garantie!

Sicher, eine Niederlage in einer anderen Arena als in diesem gigantischen Arthur Ashe Stadion hätte Angelique Kerber auch wehgetan. Eine Niederlage in der ersten Runde eins Grand-Slam-Turniers tut immer weh, aber in der Verbindung mit den Bildern, die sie aus dem vergangenen Jahr im Kopf hat und die sie immer noch spüren kann, schmerzen sie noch mehr. Vor einem Jahr minus einer Woche und drei Tagen hatte Kerber nach dem Sieg im Finale der US Open gegen die Tschechin Karolina Pliskova platt auf dem Boden gelegen, nur den blauen New Yorker Sommerhimmel über sich. Auf dem Boden, aber obenauf, mit dem zweiten Grand-Slam-Titel nach dem dem dritten Finale in der Tasche, als neue Nummer eins des Frauentennis. Am nächsten Tag präsentierte sie beim Fototermin zwei Trophäen in zwei verschiedenen Kleidern, den Pokal für die US Open und jenen für die Nummer eins. Es war die Krönung eines Jahres, in dem es so aussah, als gingen auf einmal alle Türen auf. Willkommen, Angelique, welcome, bienvenue.

Jetzt sind die Türen wieder zu, und es gibt zwei Fragen. Erstens: Warum ist das so? Zweitens: Wo ist der Griff, um sie wieder zu öffnen? Bei der Suche nach nach den Gründen der Niederlage gegen Osaka sollte man nicht vergessen, dass die junge amerikanische Japanerin zu den größten Talenten des Frauentennis gehört. Und man kann Angelique Kerber auch nicht vorwerfen, sie bemühe sich nicht. Aber es fehlt ihr zum einen jene Autorität auf dem Platz, mit der sie im vergangenen Jahr überzeugte, es fehlt ihr auch eine gewisse Sicherheit, und das eine hat sehr direkt mit dem anderen zu tun. Sie habe von Anfang an wieder mit angezogener Handbremse gespielt, meinte Bundestrainerin Barbara Rittner. Vieles im Spiel erinnert an die Zeit vor 2016, als es manchmal so ausgesehen hatte, als könne Kerber den Schritt von einer sehr guten zu einer absoluten Spitzenspielerin einfach nicht machen.

Der Vergleich der Bilanzen sagt viel. 2016 absolvierte Kerber bis nach dem Ende der US Open insgesamt 63 Spiele, von denen sie 47 gewann. Diesmal sind es nur 43 mit 25 Siegen, darunter in zehn Spielen kein einziger gegen eine Konkurrentin aus den Top 20 der Weltrangliste. Aber der entscheidende Punkt ist die Anzahl der Spiele. Angelique Kerber ist kein Mensch mit einem gottgebenenen, unerschütterlichen Selbstvertrauen; manchmal genügen Kleinigkeiten, um sie nervös zu machen und an sich zweifeln zu lassen. Im vergangenen Jahr stieg der Kontostand ihres Zuversicht mit jedem Sieg, und in kritischen Situationen eines Spiels war genug auf diesem Konto, um weiter zu investieren. Mut zu zeigen ist deutlich leichter, wenn man sich sicher fühlt. Sie selbst sagt: „Ich brauche einfach mehr Matches. Ich weiß, wie gut ich spielen kann, und ich weiß auch, wie gut ich trainiert habe.“ Aber wer in der ersten Runde verliert, der schafft keine Rücklagen. Niederlagen sind eine schwere Last für das Konto des Selbstvertrauens, und das wissen auch die Gegnerinnen.

In gewisser Weise zahlt sie jetzt für die Erfolge des vergangenen Jahres, so kurios sich das anhören mag. Sie wurde ausgezeichnet, eingeladen, hier eine Fernsehshow, da ein roter Teppich, und natürlich nahm sie das alles mit Freude wahr. Es war ja auch völlig richtig; wer will dem Leben schon sagen: hau ab, wenn es dir eine Kiste Champagner, dekoriert mit Luftschlangen vor die Tür stellt? Sie sagt, das alles würde sie beim zweiten Mal genauso genießen, mit einem Unterschied. „Ich hätte vielleicht zwei Wochen länger Urlaub machen sollen. Alles resetten und neu beginnen.“

In der virtuellen Weltrangliste des Augenblicks rutscht Kerber nach der Niederlage in der ersten Runde der US Open auf Platz zwölf ab, es kann aber sein, dass sie bis zum Ende des Turnier weiter zurückfallen wird, je nachdem, was die hinter ihr stehenden Konkurrentinnen in New York anstellen. Aber darauf kommt es im Moment nicht an. Jetzt geht es erstmal darum, sich in den kommenden Wochen bei den Turnieren in Asien für die Herausforderungen des nächsten Jahres zu sortieren. Die Trainerfrage zu klären. Will sie bei Torben Beltz bleiben, der sie seit Ewigkeiten kennt und ein überaus treuer Begleiter ist? Will sie einen zweiten Versuch mit Benjamin Ebrahimzadeh wagen, der ein ganz anderer, temperamentvoller Typ ist, Kollisionskurs inbegriffen? In New York stand sie mit beiden auf dem Trainingsplatz, und die beiden litten nebeneinander auf der Tribüne, als sie verlor.

„Ich gebe jetzt nicht auf“, versprach Angelique Kerber, bevor sie die große Stadt verließ. „Und ich werde stärker zurückkommen.“ Aber sie muss das nicht nur sagen, sondern auch fühlen. Mit allen Sinnen.

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+++ 4. Update vom 30.08.17 +++ Maria Scharapowa

Von Doris Henkel

Eine Siegerin, die nach dem Ende eines Spiels der ersten Runde am Boden kniet. Die sich mit Tränen in den Augen beim Publikum bedankt. Dieses Publikum mit mehr als 20.000 Menschen hingerissen von einem großen Spiel, beleuchtet und in Szene gesetzt mit allem, was dazu gehört – so hört ein Turnier im besten Fall auf. Diesmal begann es so, und es ist gut möglich, dass irgendwann nicht die Bilder des letzten Abends in Erinnerung bleiben werden, sondern die des ersten, an dem Maria Scharapowa beim Sieg gegen die Nummer zwei der Welt, Simona Halep, mehr als nur ein Spiel gewann.
Es war ihr erster Auftritt bei einem der großen Turniere aus dem Quartett des Grand Slam seit Anfang vergangenen Jahres. Ein paar Wochen danach hatte Maria Scharapowa der Öffentlichkeit selbst mitgeteilt, sie habe eine positive Dopingprobe abgegeben, später wurde sie wegen der Einnahme des seit Ende 2015 verbotenen Wirkstoffes Meldonium gesperrt. Am Tag, als diese Sperre Ende April nach 15 Monaten ablief, kehrte sie beim Porsche Grand Prix in Stuttgart auf die Tour zurück, und der Empfang fiel nicht allzu herzlich aus.

Diverse Spielerinnen äußerten Kritik, dass sie vom Turnier mit einer Wildcard verwöhnt wurde, weil ihre Position in der Weltrangliste nach der langen Pause bei weitem nicht gut genug gewesen wäre, um gleich wieder mitspielen zu dürfen. Auch bei anderen Turnieren kam sie mit Wildcards wieder ins Spiel, nicht allerdings bei den Grand-Slam-Turnieren in Paris und Wimbledon. Die US Open hingegen bereiteten der Siegerin des Jahres 2006 die Bühne und offerierten ihr den Freifahrtschein; es gibt auf dem Planeten Tennis nach wie vor eine Menge Leute, die finden, das sollte nicht so sein. Die sich nicht generell an ihrer Anwesenheit stören, denn wenn eine Sperre abgelaufen ist, dann ist sie abgelaufen, aber die eine mühevollere Art der Annäherung und das Sammeln von Punkten bei kleineren Turnieren lieber gesehen hätten.

Das weiß Maria Scharapowa. In einem Beitrag für die Internet Platform The Players‘ Tribune schrieb sie Ende Juli, natürlich habe sie das alles mitbekommen, und vor allem die Kritik vieler Kolleginnen habe sie nicht kalt gelassen, obwohl es vielleicht manchmal so ausgesehen habe. „Ich war nie jemand, der von allen geliebt oder nur verstanden werden wollte“, schrieb sie. Aber in der Zeit der Sperre habe sie von vielen Fans eine Form von Unterstützung gespürt, die vieles geändert habe, und jetzt wolle sie für diese Leute eine Spielerin und eine Mensch sein, der es wert ist, dass man ihn unterstützt. „Jetzt bin ich dran, etwas zurückzuzahlen.“

Das alles muss man wissen, um ihre Reaktion nach dem Sieg vor ausverkauftem Haus an diesem Abend in New York zu verstehen. Das Spiel war leicht zu begreifen in all seiner Klasse mit langen, großartigen Ballwechseln. Mit Halep in der Defensive, leidenschaftlichem und scheinbar unermüdlich an der Grundlinie unterwegs, quasi im Dauersprint von Queens nach Manhattan und zurück. Für beide war vom Moment der Auslosung an klar gewesen, dass dies kein normales Spiel der ersten Runde sein würde, und gemeinsam machten sie daraus ein großes Ding; gut möglich, dass es bis zum Ende des Turniers kein besseres Spiel mehr geben wird.

Scharapowa knallte wie eh und je aus allen Lagen, und sie wirkte beweglicher als früher. Halep kämpfte mit allem, was sie hatte, aber sie schlug nicht gut genug auf, um mehr daraus zu machen; das fand sie selbst. Die Niederlage in drei Sätzen (4:6, 6:4, 3:6) war bitter für sie, speziell nach ähnlich harten Niederlagen in drei Sätzen im Finale der French Open gegen Jelena Ostapenko und im Viertelfinale von Wimbledon gegen Johanna Konta. Vor Beginn der US Open gehörte sie zu einer Gruppe von acht Spielerinnen mit der Aussicht, nach dem Ende desselben die Nummer eins des Frauentennis zu sein, und  eine kleine Chance besteht weiterhin, falls keine der Konkurrentinnen nicht mindestens im Achtelfinale landet.

Es war Maria Scharapowa, die diesmal alles gewann. Vom Moment an, als sie in ihrem mit Glitzersteinchen besetzten kleinen Schwarzen den Platz betrat und – anders als Ende April in Stuttgart – nicht mit einem einzigen Pfiff empfangen wurde. Bis zu jenem Moment drei Stunden später, in dem sie auf den blauen Boden sank und dort eine kleine Weile verharrte, in Glanz und Glitter zurückgekehrt auf die große Bühne ihres Lebens. Chris Evert, die das Spiel für den amerikanischen Fernsehsender ESPN kommentierte, staunte und stellte fest: „Ich hab Maria nie emotionaler gesehen – und ich sehe sie, seit sie 15 ist.“

Scharapowa selbst sagte später, noch immer sichtlich angefasst von den Strömungen, Schwingungen und den Ereignissen des Abends, sie habe sich in der Zeit der Sperre und auch auch immer bedingungslos auf ihr Team um Coach Sven Groeneveld verlassen können, daran habe sie nach dem Spiel vor allem denken müssen. Die Umarmung in den Katakomben mit ihrem langjährigen Manager Max Eisenbud, der mit allen Wassern gewaschen ist – und diese Wasser sind nicht besonders warm -, war lang und intensiv. Und als sich Eisenbud zögerlich daraus löste, wischte auch er sich Tränen aus den Augen. Drüben in Manhattan, am Broadway, hätten sie das nicht stimmungsvoller hingekriegt. Und zu keinem Turnier hätte dieser erste Abend mit dem Feuerwerk und den Knalleffekten eines letzten besser gepasst als zu den US Open in New York. It’s showtime, baby.

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+++ 3. Update vom 30.08.17 +++ Angelique Kerber

Von Doris Henkel

In den vergangenen Tagen hatte es so ausgesehen, als könne Angelique Kerber die Dinge beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres vielleicht zum Guten wenden. Sie wirkte ein wenig entspannter als so oft zuvor; es sah so aus, als habe das in vielen Wochen und Monaten so schwer auf ihren Schultern lastende Gefühl, die großen Erfolge des Jahres 2016 bestätigen zu müssen, an Gewicht verloren. Um neue Impulse zu setzen hatte sie für die Zeit der US Open ihren ehemaligen Coach Benjamin Ebrahimzadeh zurückgeholt, aber dem blieb am Ende nichts weiter übrig, als mit Kerbers erstem Coach Torben Beltz gemeinsam zuzusehen, wie sie am Ende immer schneller und direkter in eine Niederlage gegen die amerikanische Japanerin Naomi Osaka rauschte (3:6, 1:6).

Vor zwölf Monaten war Angelique Kerber mit ihren Siegen im Arthur Ashe Stadion auf Platz eins der Weltrangliste gelandet und hatte im dritten Grand-Slam-Finale des Jahres den zweiten Titel gewonnen. Überragend, das alles, unerwartet und ziemlich überwältigend. Mit der Niederlage gegen Osaka verschwand sie nun an gleicher Stelle bis auf weiteres aus den Top Ten des Frauentennis; in der virtuellen Weltrangliste des Augenblicks steht sie auf Platz zwölf, es kann aber sein, dass sie bis zum Ende des Turnier noch weiter zurückfallen wird. Für die US Open vielleicht kein so großer Schock wie für Kerber selbst, aber das Turnier steht nun schon nach Runde eins ohne die Titelverteidigerin und ohne eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen da nach Simona Haleps Niederlage gegen  Maria Scharapowa,

Es ist kein Geheimnis, wie gut die 19 Jahre alte Naomi Osaka spielen kann, deren Vater aus Haiti stammt und die Mutter aus Japan. Sie lebt, seit sie drei Jahre alt ist, in den USA und besitzt sowohl die amerikanische wie die japanische Staatsbürgerschaft. Osaka spielt flach und extrem schnell, liebt das Risiko, aber bisher fehlte ihr die Konstanz, um in der Weltrangliste weiter vorn als auf Platz 45 zu stehen. Aber an diesem Nachmittag unter dem geschlossenen Dach des größten Tennisstadions der Welt wich sie keinen Millimeter vom geraden Weg ab, und sie merkte relativ bald, wie unsicher die Titelverteidigerin auf der anderen Seite des Netzes war.

Viel zu schnell ließ Angelique Kerber die Schultern hängen, von der feurigen Entschlossenheit, mit der sie das Publikum im vergangenen Jahr erobert und überzeugt hatte, war wenig zu sehen. Der Geräuschpegel unter dem Dach verschluckte fast die Töne des Spiels, und ein wenig verwirrt sahen rund 15.000 Zuschauer zu, wie der Unterschied zwischen Kerber und Osaka immer größer wurde, nachdem die die ersten Satz gewonnen hatte. Am Ende ging es viel zu schnell. Entgeistert und nahezu regungslos nahmen die nebeneinander sitzenden Beltz und Ebrahimzadeh zu, was sich in der letzten Viertelstunde tat.

Mit dem ersten Matchball rannte Naomi Osaka mit wehender Mähne ins Ziel, Kerber verschwand schnell, leise und still. Es habe bestimmt nicht am fehlenden Willen gelegen, meinte sie hinterher sichtlich deprimiert, sie habe an diesem Tag aber nie das richtige Gefühl für das Spiel gehabt. „Manchmal geht es halt nicht. Ich bin immer noch dieselbe Spielerin und immer noch dieselbe Person. Ich weiß, dass ich stärker zurückkommen werde, ich werde jetzt ganz bestimmt nicht aufgeben.“

Sie wird es in den nächsten Tagen aus größerer Entfernung sicher nur vage wahrnehmen, wie das Turnier weitergeht. Wer am Ende den Titel gewinnen und an der Spitze der Weltrangliste landen wird. Das ist im Moment nicht mehr ihr Thema, nachdem sie bei den Grand-Slam-Turnieren in Melbourne und Wimbledon im Achtelfinale verlor, in Paris und in New York in Runde eins. Das Jahr ist noch nicht zu Ende, es bietet immerhin noch die Chance, alles genau zu hinterfragen und an den richtigen Stellen die Weichen für 2018 zu stellen.

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+++ 2. Update vom 29.08.17 +++

Von Doris Henkel

Der letzte Tag vor Beginn des Turniers war perfekt, um es sich in New York gutgehen zu lassen. Freundliche 25 Grad, gelegentlich Schleierwolken, ein frisches Lüftchen und nichts von der schweißtreibenden Schwüle, die den Sommer in der großen Stadt oft so anstrengend macht. Er werde es ruhig angehen lassen, hatte Roger Federer angekündigt, die Vorbereitungen seien abgeschlossen, und er fühle sich wohl. Er sagt, die Pause nach dem vor zwei Wochen in Montreal verlorenen Finale gegen Alexander Zverev sei lang genug gewesen, um dem Rücken Zeit zur Erholung zu gebe, das Gefühl für den Ball sei wieder da, und eine gewisse Unruhe vor dem ersten Spiel am Dienstag gegen den 19 Jahre alten Amerikaner Frances Tiafoe betrachtet er als normalen Zustand vor dem Beginn eines Grand-Slam-Turniers.

Irgendwie ist es kaum zu glauben, aber bei keinem der Grand-Slam-Turniere liegt der Gewinn seines letzten Titels länger zurück als in New York – neun Jahre. Als er damals im Finale gegen den Schotten Andy Murray seinen fünften Titel bei den US Open nacheinander gewann, hätte sich niemand vorstellen können, dass es das für sehr lange Zeit gewesen sein sollte. Zwar wirkte er 2008 nicht mehr nahezu unantastbar wie in den Jahren zuvor, hatte in Australien im Halbfinale gegen den jungen Novak Djokovic verloren und in den Finals von Paris und Wimbledon gegen Rafael Nadal, umso mehr bedeutete der Sieg in Flushing Meadows. Den möglichen sechsten Titel bei den US Open verlor er im Jahr danach gegen Juan Martin del Potro, als er nach souveränem Beginn zu viele Chancen vergab und die Geschosse des Argentiniers am Ende nicht mehr abwehren konnte.

Und jetzt? Sieht es so aus, als sei die Chance auf Titel Nummer sechs bei den US Open und Nummer 20 bei Grand-Slam-Turnieren so groß wie lange nicht mehr. Sicher nicht nur, weil jene beiden fehlen, die in New York in den beiden vergangenen Jahren gewannen, Novak Djokovic und Stan Wawrinka, sondern vor allem wegen Federers überragender Form 2017. Das ist die eine Hälfte der Geschichte. In der zweiten geht es darum, wie viele Jahre die New Yorker Tennisfans nun schon darauf warten, einen Kracher mit dem Schweizer und dem Spanier Rafael Nadal zu sehen. Auch das kann man sich kaum vorstellen, aber es stimmt: das riesige Arthur Ashe Stadion mit seinen 23.000 Plätzen, die größte Tennisarena der Welt, sah noch sie ein Spiel der beiden. Dreimal spielten sie auf dem Rasen Wimbledons gegeneinander, fünfmal im Sand von Roland Garros und viermal auf Melbournes blauem Boden, zuletzt in diesem Jahr, aber nie in New York. Und ein Finale der beiden populärsten Spieler wird es auch diesmal nicht geben.

Obwohl das Turnier ohne eine offizielle Nummer zwei der Setzliste begann, weil sich Andy Murray am Wochenende schweren Herzens zum Rückzug entschieden hatte, bleibt es an der Spitze bei der Setzliste mit Nadal an Nummer eins und Federer an Nummer drei. Hätte sich Murray vor der Auslosung entschieden, wäre Federer auf Position zwei aufgerückt und hätte damit damit nicht schon im Halbfinale gegen Nadal spielen müssen – natürlich vorausgesetzt, dass beide dann noch im Spiel sind. Aber nach der Auslosung war nichts mehr zu machen. Den Platz des Schotten nahm der an Nummer fünf gesetzte Marin Cilic ein, auf dessen Spot landete Sam Querrey aus den USA, und Philipp Kohlschreiber gehört nun als Nummer 33 ebenfalls zu den Gesetzten.

Federer sagt, er würde sehr, sehr gern auch in Flushing Meadows mal gegen Nadal spielen. Aber halt, entgegnet der Spanier, nicht mit mir. „Das hört sich super an, und ich verstehe auch, dass das für die Tennisgeschichte eine tolle Sache wäre“, sagt er, „aber ich ziehe einen anderen Gegner vor. Einen leichteren, wenn das möglich ist.“ Das Geständnis garnierte er mit einem Lächeln, und man konnte ihm in diesem Moment der Ehrlichkeit beim Willen nicht böse sein. Der nicht ganz unbekannte Kollege aus der Schweiz freut sich derweil in der erfolgreichsten Saison seit mehr als zehn Jahren vor allem über eine gewisse Freiheit in seinem Spiel. „Ich wusste immer, dass ich die hatte“, sagt er, „aber ich kann das jetzt einfacher abrufen. Aggressives Tennis ist eine schöne Sache.“ Wohl wahr. Über seinen Panoramaflug von Erfolg zu Erfolg in diesem Jahr staunt er immer noch, über die Siege von Rafael Nadal offenbar eher nicht. „Erst, wenn er irgendwann nicht mehr spielt, werde ich glauben, dass er nichts mehr gewinnt. Dazu ist er einfach viel zu gut.“ Aber genug des Vorgeplänkels und mittenrein in die Realität, in der sich Rafael Nadal und Roger Federer Ende nächster Woche vielleicht endlich im größten Tennisstadion der Welt treffen werden.

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+++ 1. Update vom 28.08.17 +++

Von Doris Henkel

In den letzten Minuten seines Trainings war es nicht mehr zu übersehen, dass es Andy Murray nicht gut ging; der Schotte humpelte wieder ein wenig. Er habe alles versucht, erklärte er später in einer kleinen Pressekonferenz im großen Interviewraum, habe wegen seiner Hüftprobleme fünf Wochen Pause gemacht und mit vielen Spezialisten geredet, aber die Zeit sei einfach zu knapp gewesen. Ende, Aus und Rückzug und noch ein Schlag für die US Open, die damit heute ohne Murray ohne Titelverteidiger Stan Wawrinka (Nummer 4 der Welt), ohne Novak Djokovic (5), Kei Nishikori (10) und Milos Raonic (11) beginnen werden.

Als der Patient sichtlich bedient über die Lage der Dinge sprach, war Alexander Zverev gerade auf dem Weg nach Harlem zu einem Sponsorentermin. Nach Murrays Absage ist er nun als Nummer vier der Setzliste der nominell beste Spieler in der unteren Hälfte des Tableaus. Die Favoriten Rafael Nadal und Roger Federer spielen in der oberen mit Kollisionskurs Halbfinale, und auf den Sieger könnte Zverev erst im Finale treffen. Es ist kaum zu glauben, wie schnell sich die Dinge entwickelt haben. Vor einem Jahr um diese Zeit stand Zverev in der Weltrangliste auf Platz 28, und eine Niederlage in der zweiten Runde gegen den Briten Daniel Evans passte nicht zur allgemeinen Einschätzung, er werde schon bald zu den Besten gehören.

Diesmal fehlt er in keiner Aufzählung der Favoriten, und er selbst sieht die Sache auch so. „Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich einer von vier, fünf Spielern bin, die sehr weit kommen, das Turnier vielleicht sogar gewinnen können“, sagt er, das sei in Paris und Wimbledon noch nicht so gewesen. Er weiß natürlich, dass auf der einen Seite seiner Erfolgsgeschichte jene fünf Titel stehen, die er in diesem Jahr gewann, zwei davon aus der Masters-1000-Kategorie, dass auf der anderen aber auf nach wie vor ein gewisses Missverhältnis bei den Grand-Slam-Turnieren herrscht.

Bei den Australian Open verlor er in der dritten Runde – allerdings gegen den späteren Finalisten Nadal -, in Paris in der ersten gegen dessen Landsmann Fernando Verdasco und zuletzt in Wimbledon im Achtelfinale in fünf Sätzen gegen Milos Raonic. Gemessen an dieser Bilanz sollte man vielleicht mit zu optimistischen Prognosen vorsichtig sein, gemessen am Rest des Jahres mit Siegen gegen Djokovic und Federer in den großen Finals gibt es aber keinen Grund, dem Wolkenkratzer der Erwartungen nicht noch ein Stockwerk draufzusetzen. Montagabend in der Night Session beginnt der lange, schweißtreibende Marsch für Zverev mit einem Spiel gegen einen Qualifikanten vom Weltranglistenplatz 168, Darian King aus Barbados.

Zverevs Name ist den amerikanischen Tennisfans inzwischen ein Begriff, aber im Hauptprogramm des ersten Abends der US Open 2017 geht es um Maria Scharapowas Rückkehr auf die Bühne der Grand-Slam-Turniere nach ihrer im April abgelaufenen Doping-Sperre. Ohne die von den Organisatoren offerierte Wildcard wäre das nicht möglich, aber vielleicht wird dieser nicht von allen gern gesehene erste Auftritt gleich der letzte sein angesichts einer starken Gegnerin wie Simona Halep. Die Rumänin, Finalistin der French Open in Paris, gehört zu den acht Spielerinnen, die eine Chance haben, nach dem Turnier an der Spitze der Weltrangliste zu landen.

Angelique Kerber gehört selbst dann nicht zum Kreis dieser acht, sollte sie wie im vergangenen Jahr den Titel gewinnen. Aber um die Nummer eins geht es im Moment nicht. Die Frage ist, ob sie es in New York schafft, in den Kreis der Kandidatinnen zurückzukehren. Ob sie es endlich wieder schafft, enge Spiele auf hohem Niveau zu gewinnen. Sie ist sich zwar im Moment nicht ganz sicher, wie der seit einer Weile schmerzende Ellbogen mitspielen wird, aber im Großen und Ganzen, so sagt sie, sei sie entspannt und guter Dinge.

Zu ihrem Team gehört dieser Tage überraschend wieder jener Mann, mit dem sie zwei Jahre lang bis Februar 2015 erfolgreich trainierte, bevor sie zu dessen Vorgänger Torben Beltz zurückkehrte, Benjamin Ebrahimzadeh. Der ist inzwischen angestellt in der Akademie des Franzosen Patrick Mouratoglou in Nizza, wo Kerber im Sommer gut eine Woche trainierte. Sie erklärt, Ebrahimzadeh sei jetzt erstmal nur in New York dabei, um für neue Eindrücke zu sorgen, Beltz gehöre nach wie vor zum Team, da gebe es überhaupt kein Problem. Mal sehen, wie diese Sache weitergeht. Und mal sehen, was sie aus der ersten Runde am Dienstag gegen die knallig spielende Japanerin Naomi Osaka macht.

US Open Turniermagazin 2017

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Rückblick US Open 2016

+++ New York, den 13.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Nichts zu machen, auch nach dem dritten Grand-Slam-Titel seiner Karriere besteht Stan Wawrinka darauf, von den so genannten großen Vier seines Sports unterscheide ihn eine Menge. Mal abgesehen davon, dass diese großen Vier durch die Pause von Roger Federer und die vergleichsweise schlechte Ranglisten-Position von Rafael Nadal in diesem Jahr zum Duo geschrumpft sind, bestehend aus Novak Djokovic und Andy Murray, tat sich der zweite Schweizer am letzten Abend der US Open 2016 allerdings ein bisschen schwer mit der Argumentation. Wenn einer so spielen kann, dass der Erste der Weltrangliste am Ende nicht mehr weiß, was er machen soll, dann muss eine neue Kategorie her.

Vor diesem Finale hatte Djokovic über den Rivalen gesagt, der spiele in den wichtigsten Matches immer sein bestes Tennis. Die Frage nach dem Warum beantwortet Wawrinka so: „Weil die wichtigsten Spiele am Ende des Turniers sind. Im Laufe des Jahres bin ich mal oben und mal unten, aber bei den Grand-Slam-Turnieren bin ich immer auf der Suche nach einem Weg, alles zusammen zu setzen.“ Ein Typ, der den besonderen Kick braucht, um alle Ressourcen seines Körpers nutzen zu können, kein faszinierendes Perpetuum Mobile der Ambitionen wie der Freund und Kollege Djokovic.

Noch kurze Zeit vor dem Beginn des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres war sich der Serbe nicht sicher gewesen, ob er es wegen seiner Verletzung am Handgelenk schaffen würde, in New York zu spielen. Auf dieser Basis war die Teilnahme am Finale, seine sechste in sieben Jahren, am Ende für ihn ein Erfolg. Natürlich war er trotzdem enttäuscht nach der Niederlage und meinte, im Gegensatz zu Wawrinka, der immer cool geblieben sei, sei es ihm nicht gelungen, in den entscheidenden Momenten die Nerven zu bewahren. „Aber ich kann mich nicht beschweren. Diese Niederlage kann die großartigen Momente, die ich in diesem Jahr in Australien und vor allem in Paris erlebt habe, nicht überschatten.“

Wawrinka leistete ganze Arbeit. Und das obwohl er, wie er hinterher zugab, vor dem Spiel so nervös wie nie zuvor gewesen sei, am ganzen Körper gezittert und beim letzten, kurzen Gespräch mit seinem Coach Magnus Norman sogar geweint habe. In seinem Innenleben sah es wohl ähnlich aus wie während der Spiele neben seinem Stuhl, ein Durcheinander der besonderen Art mit Schläger, Handtüchern und Flaschen. „Ich wollte einfach nicht verlieren“, sagt er. „Ich wollte mir selbst gegenüber hart sein. Keinen Schmerz zeigen. Kein Zeichen von Krämpfen zeigen. Du musst akzeptieren, dass du leiden wirst, du musst sogar fast Gefallen daran finden. Dieses Turnier war physisch und psychisch das schmerzhafteste, das ich je gespielt habe.“

Nicht viele Spieler reden in solcher Offenheit über ihre Ängste und Gefühle, die eine Menge darüber verraten, wie unendlich schwer es sein kann, raus auf diesen Tennisplatz zu gehen und sich einer Auseinandersetzung zu stellen, die aus einer Sammlung brutal schmerzhafter Momente besteht. Wie jedes Mal, wenn Wawrinka und Djokovic gegeneinander spielen, war es eine beinharte Angelegenheit mit erschöpfenden Ballwechseln, mit fantastischen Punkten und mit allem, was dieser Sport zu bieten hat. Manche Gegner neutralisieren sich, aber diese beiden scheinen wie füreinander geschaffen zu sein, Djokovic mit seiner unfassbaren Defensive und Wawrinka mit der Offensivkraft eines mächtigen Wasserfalls.

Nach dem Gewinn des zweiten Satzes schwanden die Kräfte des Serben, zu Beginn des vierten ließ er sich vor dem Aufschlag des Gegners an den Zehen behandeln, was nur in Notfällen erlaubt ist. Wawrinka war sichtlich nicht glücklich über die sechs Minuten Pause, aber er wollte hinterher keine große Sache daraus machen und sagte, der Oberschiedsrichter habe ihm diesen Notfall erklärt, und damit sei die Sache für ihn in Ordnung. Andere waren nicht so verständnisvoll; Patrick McEnroe, der das Spiel zusammen mit seinem Bruder John für den amerikanischen Fernsehsender ESPN kommentierte, kritisierte Djokovic und sagte, der habe die Regeln missbraucht.

Am Ende waren beide ohnehin stehend K.o. In den zwei Wochen des Turniers war Wawrinka insgesamt mehr als 21 Stunden bis nirgendwo und zurück gerannt, zum Teil bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit, im Spiel der dritten Runde hatte er einen Matchball gegen den Briten Dan Evans abgewehrt, und so war es nicht schwer zu verstehen, als er nach dem Spiel erklärte, er sei komplett leer. Dieser Sieg in vier Sätzen (6:7, 6:4, 7:5, 6:3) war sein elfter Sieg in Folge in einem Finale, und seine Bilanz gegen Djokovic in den Endspielen von Grand-Slam-Turnieren steht bei 2:0; zuerst der Coup bei den French Open im vergangenen Jahr, nun der Kraftakt in Flushing Meadows. Mit drei Grand-Slam-Titeln hat er zu Andy Murray aufgeschlossen, aber das alles ändert nichts an seiner Meinung, zum Quartett der großen Vier gehöre er nicht, weil er einfach viel, viel weniger gewonnen habe als die anderen. Er ließ sich noch nicht mal dazu überreden, die Vier auf Fünf zu erweitern, um ihn damit unterzubringen. „Ich will gar nicht dazu gehören. Ich versuche nur, das Beste aus meiner Karriere zu machen. Ich bin stolz auf mich, dass ich drei Grand-Slam-Titel gewonnen habe. Ich habe so was nie erwartet oder erträumt.“ Also gut, dann ist und bleibt er halt der Mann für besondere Fälle.

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+++ New York, den 12.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Die zweite kurze Nacht des Jahres war fast noch besser als die atemlose erste vor ein paar Monaten in Melbourne. Sie war gefüllt mit großen Glücksgefühlen nach einem ebenso großen Coup. Stunden nach dem Spiel, nach gefühlt hundert Interviews mit Fernsehkameras und ohne machte sie sich mit leerem Magen auf den Weg nach Manhattan, um auf die unglaublichen Tage in New York anzustoßen, an denen sie sich alles geschnappt hatte, wovon sie je geträumt hatte. Die neue Nummer eins des Tennis gewinnt Grand-Slam-Titel Nummer zwei, das ist wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen, und sie selbst hatte sich auf die schönste denkbare Weise beschenkt.

Auch ohne den Sieg im Finale gegen die großartige Debütantin Karolina Pliskova (6:3, 4:6, 6:4) hätte niemand sagen können, Angelique Kerber habe den Sprung an die Spitze der Weltrangliste nicht verdient nach all den Erfolgen in diesem Jahr. Nach dem Sieg bei den Australian Open in Melbourne gegen Serena Williams, dem Finale in Wimbledon gegen die Amerikanerin, nach dem Sieg beim Porsche Grand Prix in Stuttgart, Endspielen in Brisbane und Cincinnati. Aber vor allem die Art, wie sie diesen Titel an einem schwülen Nachmittag in Flushing Meadows gewann, erzählt eine Menge von den Veränderungen in ihrer Karriere. Hätte sie in zwei glatten Sätzen gewonnen – wonach es eine Weile lang aussah, weil sie eine Stunde lang fast fehlerlos spielte -, wäre das auch großartig gewesen. Aber die dramatische Zuspitzung zu Beginn des dritten Satzes, als die Tschechin mit ihrem schnörkellosen, temporeichen Spiel auf einmal 3:1 in Führung ging, gab dem Sieg die besondere Note. Im Kino kriegen sich die Liebenden ja auch nicht gleich; erst die Verwicklungen führen zur vollen Wirkung des Happyends.

In der Gefahr, als es zehn Minuten lang so ausgesehen hatte, als falle sie in alte Muster zurück, hadere und lasse die Schultern hängen, riss sie sich zusammen und gab noch mal Gas. Und wenn es einen Ballwechsel gab, der wie ein Symbol für all das stand, dann war es jener phänomenale Vorhandschuss die Linie runter, mit dem sie den entscheidenden Breakball zum 3:3 erzwang; jetzt oder nie, dachte sie. Die Leute im fast vollbesetzten Arthur Ashe Stadion jubelten, sie selbst spürte mit überwältigender Kraft, dass sie auf dem richtigen Weg war, und Karolina Pliskova ahnte es. Aber die Tschechin zeigte in ihrem ersten großen Finale, dass man sie in Zukunft auf der Rechnung haben sollte, wenn die Hierarchie im Frauentennis neu geordnet wird.

Angelique Kerber sagte, als sie zwei Stunden nach dem Sieg neben dem Pokal saß, sie habe in den kritischen Momenten einfach versucht, positiv zu sein und an ihre Stärken zu denken. Das hört sich leichter an, als es ist, aber natürlich war die Erinnerung an die Ereignisse in Australien eine Hilfe bei der Suche nach einer halbwegs stabilen Position. Siege schaffen Selbstbewusstsein, Selbstbewusstsein ist die Grundlage weiterer Siege, und so geht es in der Spirale immer weiter nach oben. Am Ende lag sie wie in Australien am Boden, sehr dekorativ direkt vor der Tribüne der Ehrengäste des amerikanischen Tennisverbandes. Es war, wie sie später zugab, der schönste, der größte und intensivste Moment dieses ereignisreichen Tages. Da auf dem blauen Boden, über sich ein Stück vom Himmel, mit dem Jubel der 20.000 Leute als Begleitmusik.

In ihrer Dankesrede bei der Siegerehrung war sie kaum zu bremsen, und auch in den restlichen Stunden des Tages sprudelten die Sätze aus ihr heraus; Deutungen, Erklärungen und Gefühlsbeschreibungen in bunter Folge. „Ich hab mich nicht stressen lassen, weil ich ja wusste, dass ich am Montag die Nummer eins bin“, sagte sie. „Aber nach dem Finale in Wimbledon, das ich verloren hab, war das wirklich sehr wichtig. Und dass ich es hier schaffe, wo vor fünf Jahren alles begonnen hat.“

Vor fünf Jahren war sie nach einer bis dahin weitgehend verkorksten Saison als Nummer 92 der Weltrangliste in New York gelandet, und völlig überraschend hatte sie das Halbfinale erreicht. Das Versprechen von damals ist jetzt eingelöst, und die Welt des Tennis staunt. Zwei Titel in drei Grand-Slam-Finals zu gewinnen, das sind Serena-Williams-Dimensionen. Die Amerikanerin schaffte das zuletzt in sieben Jahren fünfmal, aber man muss schon bis 2007 zurückgehen, um eine andere als Williams mit zwei großen Titeln in einem Jahr zu finden – Justine Henin.

Karolina Pliskova meinte hinterher in ihrer nüchternen, direkten Art, nach Jahren der Dominanz von Williams an der Spitze der Weltrangliste sei Kerbers Coup ein hübscher Wechsel. Das findet logischerweise auch der Coach der neuen Besten, Torben Beltz. Und er legte gleich noch was drauf. „Ja, jetzt ist sie die Nummer eins – aber die Sache ist noch lange nicht zu Ende.“

Was eher generell gemeint war, traf auch auf den Rest des Abends zu. Beltz hockte meist auf irgendeinem Stuhl – zuerst in der Eingangshalle des Spielerzentrums, später draußen im Garten mit Kerbers Mutter Beata, der Physiotherapeutin Cathrin Junker und ein paar gut gelaunten Gästen, zu denen auch die frühere französische Spitzenspielerin Mary Pierce gehörte – und wartete in Feierlaune auf seine Spielerin. Der unkomplizierte lange Kerl aus dem Norden hat einen großen Anteil an Kerbers Erfolgen. Sie holte ihn zurück ins Team, als sie im Frühjahr vergangenen Jahres in der Krise steckte und nach diversen frühen Niederlagen aus den Top Ten gerutscht war. Er sagt, es sei ein glücklicher Umstand gewesen, dass sie gleich das erste gemeinsame Turnier in Charleston gewonnen habe. Es war der erste Stein eines Turms, der in anderthalb Jahren mit einem Tempo gewachsen ist wie die Hochhäuser in Manhattan.

Zur großen Schar der Gratulanten gehörte auch Steffi Graf. Als feststand, dass Angelique Kerber die neue Nummer eins sein würde, schickte sie eine sms, verbunden mit guten Wünschen für das Finale. Und nach dem Titelgewinn ließ sie über den Deutschen Tennis Bund (DTB) wissen: „Ich habe die US Open intensiv verfolgt. Es ist wirklich ein Traum, wie gut Angie während des gesamten Turniers und jetzt im Finale in Flushing Meadows gespielt hat“. Die beiden kennen sich etwas besser nach ein paar Trainingstagen in Las Vegas in vergangenen und in diesem Jahr. Beim ersten Besuch 2015 war Angelique Kerber in ziemlich desolater Verfassung in Las Vegas gelandet, ratlos nach einer frühen Niederlage beim Turnier in Indian Wells. Das war Ende März 2015, aber angesichts des Tempos, mit dem sich die Dinge seither verändert haben, kommt es einem vor, als lägen diese Tage der Ratlosigkeit ewig lang zurück. Die Nachbildung des Pokals der US Open – das Original bleibt natürlich an Ort und Stelle – wird bald seinen Platz im Wohnzimmer der polnischen Großeltern in Puszczykowo einnehmen und gute Gesellschaft haben – die Kopie des Pokals aus Australien. Daneben wird auch Platz für die Silbermedaille aus Rio de Janeiro sein. Großer Glanz in Puszczykowo, ganz großer Glanz.

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US Open Turniermagazin 2016

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+++ New York, den 11.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Im Herbst vergangenen Jahres präsentierte die Frauentennis-Vereinigung WTA eine neue Trophäe für ihre Besten. In einen silbernen Tennisball sind Diamanten eingelassen, verteilt wie Sterne am Firmament, und jeder dieser Diamanten steht für eine Spielerin, die an der Spitze der 1975 eingeführten Weltrangliste stand. Oder steht. Einer für Chris Evert, die erste Nummer eins dieses Universums, einer für Martina Navratilova, für Steffi Graf, Monica Seles und Martina Hingis, für Venus und Serena Williams und all die anderen; bisher waren es 21 für 21 Namen. Jetzt sind es 22, und der neueste Diamant gehört Angelique Kerber.

Als die Trophäe in Singapur vorgestellt wurde, hätte niemand prophezeit, Kerber werde dieser Stern am Himmel des Planeten Tennis sein. Sicher, sie gehörte seit 2012 fast konstant zu den Top Ten und hatte sich dreimal für das Saisonfinale der besten acht qualifiziert, die WTA Championships, aber gerade damals in Singapur war noch mal deutlich geworden, dass ihr etwas fehlte. Nicht die Athletik, nicht die Schläge und nicht die Kombination aus allem. Es war das das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, vor allem in entscheidenden Momenten. Der Mut, beim Breakball oder Matchball aufs Ganze zu gehen. Weil sie zu sehr an sich zweifelte und weil sie Angst vorm Versagen hatte, schied sie in Singapur nach der Vorrunde aus, obwohl ihr nur noch der Gewinn eines einziges Satzes gefehlt hatte, und das schien noch mal ein deutlicher Hinweis darauf zu sein, warum sie zwar seit Jahren zu den Top Ten gehörte, aber nicht vorwärts kam.

Das war vielleicht die beste Niederlage ihrer Karriere; ohne den Flop in Singapur gäbe es den 22. Diamanten dieser Tage wohl nicht. Die Weltrangliste ist ein Zahlenspiel, überschaubar und nüchtern kalkuliert; wer genug gewinnt und mehr Punkte sammelt als im vorhergegangenen Jahr, der klettert. Wer das nicht schafft, der stagniert oder fällt. Das ist die eine Seite der Geschichte. Der vielbesungene Titelgewinn bei den Australian Open mit dem Sieg im Finale gegen Serena Williams, das Finale in Wimbledon gegen die Amerikanerin, dazu die Titelverteidigung beim Porsche Grand Prix in Stuttgart, Endspiele in Brisbane und Cincinnati, diverse Halbfinals – Kerber gewann mehr als 50 Spiele in diesem Jahr, mehr als jede andere. Die meisten Siege hatte sie auch im vergangenen Jahr schon, allerdings nicht auf höchster Ebene bei den großen Turnieren.

Aber die größte Veränderung lässt sich besser in Sätzen als in Zahlen erklären. Die amerikanische Autorin Louisa Thomas schrieb kürzlich eine Geschichte für das renommierte Magazin The New Yorker mit dem Titel: Die geheimnisvolle Verwandlung der Angelique Kerber. Darin schreibt sie, die neue Nummer eins sei ebenso reaktionsstark wie erfindungsreich, sie nutze das Tempo der Gegnerinnen und mache daraus mit der Kraft ihrer schnellen Beine ihr eigenes. Mit ihrer Konstanz verleite sie die anderen, zu viel zu riskieren, aber mit ihren präzisen und harten Schüssen bestrafe sie die anderen für zu wenig Risiko.

Andere schwärmen auch. Mary-Joe Fernandez, zu Zeiten Steffi Grafs Nummer vier der Welt und seit vielen Jahren in Diensten des amerikanischen Fernsehsender ESPN, meinte neulich während eines Spiels von Kerber: „Du kannst sie nicht wegschießen. Du kannst nicht um sie herum spielen. Stopp und Lob kriegt sie auch. Und sie schlägt winner.“ Es hörte sich so an, als sei das ein ziemlich komplettes Paket. Und selbst der lange kritisierte Aufschlag, vor allem der zweite, scheint inzwischen kein Problem mehr zu sein. Kaum Fehler beim Ersten, hin und wieder sogar ein Ass, der Zweite nach wie vor nicht gerade ein Geschoss, aber mit viel gefährlichem Linkshänder-Schnitt gespielt.

Bundestrainerin Barbara Rittner findet, der Aufschlag stehe in gewisser Weise als Zeichen für die frappierende Selbstverständlichkeit im Spiel der Angelique K. Und der Rest passe auch. „Sie spielt im Moment immer den richtigen Ball bei engen Spielständen. Sie überdreht nicht bei nem blöden Fehler, sie ruht in sich, flippt nicht aus. Sie ist jetzt in einer anderen Spielklasse.“

Und selbst der französische Coach der entthronten Nummer eins, Patrick Mouratoglou, lässt sich zu einem Lob hinreißen, das allerdings erst auf der Rückseite von Kritik ausgegraben werden muss. Als er neulich bei einem Termin seines Vertragspartner Maui Jim aus Loge 209 einen Blick auf Kerber warf, die gerade im Arthur Ashe Stadion spielte, meinte er in mehrfacher Hinsicht von oben herab: „Ich kann immer sagen, wohin sie spielen wird; sie ist berechenbar. Aber das, was sie tut, macht sie so extrem gut, dass es schwer ist, sie zu schlagen.“

Mouratoglou und Serena Williams werden sich darauf einrichten können, dass die neue Nummer eins nicht nur eine Kaffeepause an der Spitze der Weltrangliste verbringen will. Williams hat zwar in den letzten drei Monaten der Saison keine Punkte zu verteidigen, weil sie sich 2015 nach der Niederlage im Halbfinale bei den US Open zurückgezogen hatte. Aber wann sie nach der Niederlage am Donnerstag im Halbfinale gegen Karolina Pliskova wieder auftauchen wird, nach der sie sagte, sie sei am Knie verletzt, ist ja ungewiss.

Noch mal zurück zum New Yorker. Louisa Thomas schließt ihre großartige Geschichte mit den Worten: „Ich bin jedes Mal überrascht, wenn ich über ihren plötzlichen Aufstieg nachdenke. Und ich wäre überrascht, wenn er an dieser Stelle zu Ende wäre.“ Aber selbst Menschen aus der engsten Umgebung können oft nicht glauben, was sie sehen. Trainer Torben Beltz, mit dem sie im zweiten Versuch seit Frühjahr vergangenen Jahres besser denn je zusammenarbeitet und der sie lange und sehr gut kennt, sitzt immer wieder staunend auf der Tribüne. „Dass sie so gut ist, haben alle, die dicht dabei sind, immer gewusst“, sagte er vor dem dritten Grand-Slam-Finale seiner verblüffend erfolgreichen Partnerin in diesem Jahr. „Aber dass es so schnell geht und dass sie es so oft zeigt, ist einfach toll. Und sie hat es einfach verdient.“

Es gehört zu den Ritualen des Teams, dass sich der arme Mann nicht rasieren darf, solange Angelique Kerber bei einem Turnier gewinnt. Grand-Slam-Turniere dauern bekanntlich zwei Wochen, und da kommt eine ziemlich dichte Matte zusammen. Dass er in diesem Jahr so oft wie nie zuvor an Rasputin erinnerte, ist ein Zeichen für den Erfolg. Kein so schönes wie der Diamant im silbernen Tennisball, aber das Leben ist ja alles in allem auch eher eine haarige Angelegenheit.

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+++ New York, den 10.09.2016 +++

Von Doris Henkel
Der letzte Akt des Tages, an dem sie die Nummer eins der Welt wurde, bestand darin, ein Dutzend Fotos zu signieren. Sie lagen wie an einer Perlenkette aufgereiht vor ihr auf dem langen Tisch im leeren Interviewraum, sie unterschrieb eines nach dem anderen, dann sprang der Zeiger auf Mitternacht. Neue Zeitrechnung, zack. Draußen hing der wie mit einem scharfen Messer durchgeschnittene halbe Mond über dem Arthur Ashe Stadium, es hatte immer noch 28 Grad, und Angelique Kerber sah in ihrer Freude aus wie der junge Morgen. Sie wird sicher noch ein Weilchen brauchen, bis alle Einzelheiten dieses 8. September gespeichert sind, aber die grundlegende Wahrheit stand zu diesem Zeitpunkt seit drei Stunden fest; drei Stunden, die seit der Niederlage von Serena Williams vergangen waren.

Auch im vergangenen Jahr hatte Williams im Halbfinale verloren, diesmal hatte es während des ganzen Turniers so ausgesehen, als sei sie gut in Schuss; beim Sieg im packenden Viertelfinale gegen Simona Halep hatte jedenfalls nichts aufs Gegenteil hingedeutet. Aber es wurde an diesem extrem schwülen Abend schnell klar, dass sie mit dem ebenso gradlinigen wie unaufgeregten, sehr entschlossenen Spiel von Karolina Pliskova überfordert war und dass sie Fehler über Fehler produzierte. Die Tschechin zog die Sache durch, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie ignorierte Williams’ verzweifeltes Kampfgeschrei, und auch als es im Tiebreak des zweiten Satzes um alles ging, blieb sie standhaft und stark.

Angelique Kerber sah diesen Tiebreak gemeinsam mit ihrem Trainer Torben Beltz und ihrer Physiotherapeutin Cathrin Junker vor einem der Fernsehapparate im Fitnessraum, und sie war in diesen Momenten noch überzeugt davon, dass Williams die Sache drehen würde. Wie so oft. Ungläubig sah sie, wie das Spiel zu Ende ging. Es war 20.47 Uhr, als Williams mit einem Doppelfehler in die Niederlage fiel, als sie den Platz an der Spitze der Weltrangliste verloren hatte. Die drei im Gym sahen zu, und keiner sagte einen Ton. Da sei Sekundenlang Stille gewesen, berichtete Kerber später, dann habe sie gedacht: Ok, jetzt ist es passiert. Und Beltz, der notfalls in einen dreckigen Fluss springt wie in Australien, aber selten die Fassung verliert, ging sofort zur Tagesordnung über und meinte: Egal, was jetzt passiert ist, du musst dich aufs Match konzentrieren. Du bist jetzt Nummer eins, aber wir wollen dieses Match gewinnen.

In diesem Moment ging es um alles. Ihr Gesicht ähnelte einer Maske, als sie sich eine halbe Stunde später auf dem Weg zum Spiel gegen Caroline Wozniacki machte, im kurzen Fernseh-Interview ignorierte sie die Frage nach der Nummer eins und ließ nur kurz wissen: „Ich will jetzt nur an das Match denken, dann sehen wir weiter.“ Es war zu sehen, zu spüren und zu hören: Dieses Spiel hatte eine immense Bedeutung. „Ich wollte nicht mit ner Niederlage Nummer eins werden“, sagte sie später. „Das hat mir noch mehr Motivation gegeben, alles rauszuholen.“

Sie brauchte eine Stunde und 27 Minuten zum Sieg in zwei Sätzen gegen die frühere Nummer eins aus Dänemark. 87 überzeugende Minuten, in denen sie das Spiel und sich selbst so sehr im Griff hatte, dass man sich kaum noch erinnern konnte, sie jemals zweifelnd, mit sich selbst hadernd gesehen zu haben. Oft genug hatte sie sich früher selbst gebremst mit einer gewissen Negativität, mit der Angst vorm Versagen. „Wegen solcher Sachen hab ich viele Spiele verloren“, sagt sie, „aber jetzt versuche ich, stark zu seine und meinem Gegner nicht zu zeigen, wie es in mir aussieht. Ich versuche, positiv zu bleiben und wenn ich eine Chance habe, was zu riskieren und nicht auf Fehler der anderen zu warten.“

Während sie genau so spielte saß Serena Williams in der Pressekonferenz. Direkt nach der Niederlage hatte deren Coach Patrick Mouratoglou in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ESPN berichtet, Williams sei verletzt. Sie bestätigte die Aussage und sprach von einer Knieverletzung. Aber sie ließ sich auf keinerlei Diskussionen darüber ein, dass ihr die Konstellation mit dem aufreibenden Viertelfinale am Mittwoch und dem Halbfinale am Tag danach zu schaffen gemacht habe. „Wenn ich nicht nach 24 Stunden in der Lage bin, wieder zu spielen, dann sollte ich nicht auf der Tour sein und mir einen anderen Job suchen. Ich will keine Ausreden. Das passt nicht zu mir, denn ich bin Profi.“

Zur verlorenen Nummer eins mochte sie sich nicht äußern. Nach 186 Wochen ohne Unterbrechung an der Spitze der Weltrangliste muss sie nun damit klarkommen, von Angelique Kerber verdrängt zu werden. Mit diesen 186 erreichte sie den Bestwert von Steffi Graf aus der Zeit vom August 1987 bis März 1991, aber es ist ausgeschlossen, dass sie diese Marke jemals übertreffen wird. Und Kerber sicherte eine weitere Bestmarke der ersten deutschen Nummer eins, denn bis auf weiteres bleibt es bei 22 Grand-Slam-Titeln für Williams, und ebenso viele hatte Graf. Daran allerdings könnte sich schon irgendwann noch etwas ändern. Serena Williams will sich jetzt zunächst um das verletzte Knie kümmern, wann sie auf die Tour zurückkehren wird oder ob sie wie im vergangenen Jahr bis zum Ende der Saison Pause macht, das wird man sehen.

Offiziell wird Angelique Kerber erst am Montag an der Spitze stehen, wenn die neue Weltrangliste erscheint, aber sie darf sich jetzt schon als Serena Williams’ legitime Nachfolgerin fühlen, obwohl es in New York ja noch eine große Aufgabe gibt, das Finale am Samstag (22 Uhr MEZ) gegen Karolina Pliskova. Es wird ihr drittes Grand-Slam-Finale in diesem Jahr nach dem Sieg in Melbourne und der Niederlage in Wimbledon gegen Williams sein, und das allein ist ein starkes Stück. Drei Grand-Slam-Finals in einem Jahr – das hatten in den letzten 20 Jahren außer Serena Williams nur drei Spielerinnen zu bieten: Justine Henin (2006), Martina Hingis (vier, 1997) und Steffi Graf (1996). Graf gewann ihren letzten Titel in New York übrigens auf den Tag genau 20 Jahre, bevor Angelique Kerber virtuell auf dem Gipfel landete.

Ob sie in diesem Finale den zweiten großen Titel in diesem Jahr gewinnen kann? Das wird auch von Karolina Pliskova abhängen, die sich nach dem überaus überzeugenden Sieg gegen Williams nicht mehr aufhalten lassen möchte. Bei der letzten Begegnung im Finale des Turniers von Cincinnati Mitte August hatte Angelique Kerber keine Chance, was allerdings auch damit zu tun hatte, dass ihr die olympische Müdigkeit in den Knochen steckte.

Wie sie die Sache sieht? „Ich weiß, dass ich gegen eine Pliskova mein bestes Tennis spielen muss“, sagt sie. Aber Druck, so wie früher, Gedankenkarussell? „Nee. Ich spür den Druck jetzt gar nicht mehr so.“ Sie wird rausgehen und alles tun, was sie kann.

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+++ New York, den 09.09.2016 +++

Von Doris Henkel
Der beste Mann des Sommers hatte es eilig. Keine zehn Minuten nach seiner Niederlage im Viertelfinale der US Open saß Andy Murray hinter dem neuen Tisch im Interviewraum Nummer eins, und während sich der Raum allmählich füllte, trommelte er mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Er trommelte weiter, etwas leiser, als er die ersten Fragen beantwortete, und er gab sich wie immer große Mühe, vernünftige Antworten zu geben. Aber es war nicht zu übersehen, wie sehr er noch unter Strom stand. Nach einem Spiel gegen Kei Nishikori, das ihm entglitten war. In dem er geflucht, gebrüllt und sich beschwert hatte, aufgebracht von der Fehlfunktion eines elektronischen Gongs und einem gelben Schmetterling, aber vor allem vom einem Gegner, der die Ruhe bewahrte und sich nicht abschütteln ließ.

Zumindest eine These ist nun widerlegt. Amélie Mauresmo, die französische Vorgängerin seines früheren und jetzigen Coaches Ivan Lendl, hatte kurz vor dem Ende der Partnerschaft mit dem Schotten im Frühling dessen Verhalten auf dem Platz kritisiert. Unter Lendls strengen Blicken, so dachten viele, werde es weniger Ausfälle geben, aber dass das nicht stimmt, ist nun klar. Der Altmeister schien jedenfalls mächtig sauer zu sein; nach dem Spiel rauschte er davon und füllt die Luft im Gang mit eisiger Kälte.

Aber so sehr sich Murray im vierten Satz wegen diverser Störungen aufregte – im fünften hatte er sich wieder im Griff, und in diesem Satz verlor er schlicht und einfach gegen den besseren Mann. Nishikori war in seiner überaus gefassten Art so präsent und so schnell in seinen Entscheidungen, dass Murray zum Reagieren oft keine Zeit mehr hatte. Nach fast vier Stunden landete der letzte Ball des Schotten im Netz, und damit endete der Sommer der Siege. Anfang Juli hatte er in Wimbledon seinen zweiten Titel gewonnen, Mitte August schnappte er sich in Rio de Janeiro die zweite olympische Goldmedaille, und deshalb versicherte er bei allem Frust über die Niederlage, nach diesem Sommer wolle er sich wirklich nicht beschweren.

Doch nun ist Andy Murray raus aus dem Spiel, und Kei Nishikori marschiert weiter. Auf schnellen Beinen, mit Tempo, List und Tücke und mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck, dem man höchst selten entnehmen kann, wie es ihm geht. Das entspricht natürlich zum einen der japanischen Maxime, unter allen Umständen das Gesicht zu wahren, und man wird auf diese Art für den Gegner zum Rätsel. „Ja, sicher“, sagt Nishikori, „ich versuche immer, ruhig zu bleiben. Ich bin nicht der lauteste Typ auf der Tour, ich bin ja auch im Privaten so. Aber ich versuche, meinen Kampfgeist zu zeigen und eine gute Energie auf den Platz zu bringen.“

Kei Nishikori ist ein Superstar in seiner Heimat, obwohl er das Land schon als Teenager verließ, um in Bradenton/Florida in der berühmten Academy von Nick Bollettieri zu trainieren. Aber ohne diese Verbindung zu Florida täte er sich in New York sicher schwerer. Und bei diesem turbulenten Turnier, das selten so sanft daherkommt wie der gelbe Schmetterling. Nishikori sagt, er habe eine Menge übrig für dieses Publikum, das ein wenig anders sei als bei den anderen Grand-Slam-Turnieren. „Die sind einfach viel lauter, große Party irgendwie.“

Vor zwei Jahren, als er im Halbfinale überraschend in vier Sätzen gegen Novak Djokovic gewann, danach als Favorit ins Spiel um den Titel ging, dann aber gegen den Kroaten Marin Cilic verlor, reichte es nicht zum letzten Schritt. Mit einem Grand-Slam-Titel in der Tasche könnte er in Japan nicht mehr aus dem Haus gehen – das kann er jetzt schon kaum, ohne von Fernsehteams und Fans umringt zu werden. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Nishikori lag mit einiger Sicherheit längst im Bett, als feststand, wer sein Gegner im Halbfinale sein wird. Bis kurz vor halb zwei in der Nacht spielten Stan Wawrinka und Juan Martin del Potro, und es war wie fast immer mit dem von allen geliebten Argentinier eine Angelegenheit mit großen Gefühlen. Als Wawrinka im vierten Satz zum Sieg aufschlagen wollte, da feierte das Publikum del Potro, so wie vor ein paar Wochen in Rio, und wie damals trieb es ihm Tränen in die Augen. Diese Zuneigung, diese Unterstützung zu spüren, das sei größer als ein Spiel zu gewinnen, sagte er, als er auf dem selben Stuhl saß wie Andy Murray Stunden zuvor. „Ich bin so stolz, das vom Publikum zu bekommen. Die Leute haben mich glücklich gemacht, und das Ergebnis ist mir egal.“ Dieser Mann lebt wie der kleine Prinz auf einem anderen Stern.

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Am Anfang wusste sie nicht, wie sie das nächste Spiel überstehen sollte, im Einzel kam sie bis in Runde drei, doch am Ende wird sie auf jeden Fall mit einer Trophäe im größten Tennisstadion der Welt stehen. Ob es der Siegerpokal sein wird oder die Schale für die unterlegenen Finalisten im Mixed, macht natürlich einen Unterschied, aber irgendwie passt es zu diesem verrückten Jahr der Laura Siegemund, dass sie überhaupt die Chance haben wird, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen.

Ihren Partner, den 23 Jahre alten Kroaten Mate Pavic, Nummer 36 der Doppelweltrangliste, fand sie kurz vor Toresschluss. Ursprünglich wollte sie es wieder mit dem Neuseeländer Artem Sitak probieren, mit dem sie im Sommer in Wimbledon gespielt hatte, aber dessen Ranglisten-Position war nicht gut genug für einen der 32 Plätze im gemischten Doppel. Also tat sie sich eine halbe Stunde vor dem Schluss der Einschreibung mit Pavic zusammen, in erster Linie deshalb, weil der junge Mann, wie sie sagt, einen tiefenentspannten Eindruck machte. Er schien im Gegensatz zu anderen Interessenten kein Problem damit zu haben, dass sie nicht wusste, ob sie vielleicht aufgeben würde, weil es ihr nicht gut ging. Pavic meinte, kein Problem, wir schauen einfach mal, und wenn es nicht geht, dann lassen wir’s; er war froh, noch jemanden gefunden zu haben.

Wie sich in vier Spielen herausgestellte, passen die beiden gut zueinander. Linkshänder Pavic ist ein langer Kerl mit einem knalligen Aufschlag, aber Laura Siegemund findet Spaß daran, wenn auch die Gegner Gas geben. „Im Mixed ist es schon wichtig, keine Angst zu haben“, sagt sie. „die Jungs ziehen ja voll durch. Aber damit hab ich kein Problem.“ Es gibt klare Ansagen von beiden Seiten, mal zeigt Pavic die Richtung, mal Siegemund. Spielerisch sei das ´ne super Kombi, sagt sie, und nein, irgendwie ist sie nicht überrascht, dass die Sache so gut läuft. „Ich spiele ja nicht erst jetzt so gut Doppel und Mixed. Mir haben die Leute schon vor fünf Jahren gesagt, du wärest Top 50 im Doppel, aber ich hab’ halt auf meine Einzel-Ranking geschaut. Jetzt hab ich die Möglichkeit, die Fähigkeiten zu zeigen. Ich kann das einfach gut, und es ist nicht arrogant, wenn ich das sage“.

Ja, mit ihrem Selbstbewusstsein ist alles in Ordnung, aber in diesem Jahr gab es ja schon genügend Gelegenheiten, bei denen sie zeigen konnte, dass das keine leeren Sprüche sind. Ihre Beziehung zum Einzel ist stark und intakt, aber wenn sie könnte, dann würde sie gern auch öfter Mixed spielen. Doch dieses coole Spiel, wie sie es nennt, steht nur bei den Grand-Slam-Turnieren auf dem Programm, und wegen der kleinen Teilnehmerfelder ist es relativ schwer, einen Platz zu ergattern. Diesmal ging es gut, aber das kann schon beim nächsten Mal wieder anders sein, falls sie ein paar Plätze in der Weltrangliste verliert.

Aber auf das nächste Mal kommt es im Augenblick nicht an. Im Finale an diesem Freitag (Beginn 18 Uhr MEZ) wird Laura Siegemund mit dem ihrem tiefenentspannten Kroaten gegen die Amerikaner Coco Vandeweghe und Rajeev Ram um den Titel bei den US Open spielen. Mit Spaß und Ambition und dem nicht zu unterschätzenden Vergnügen, die Trickkiste ihres Repertoires weit zu öffnen.

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+++ New York, den 08.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Wenn man der beste Tennisspieler der Welt ist, begegnen einem mehr prominente Menschen als einem Busfahrer oder einer Lehrerin. Nach seinem Sieg im Viertelfinale gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga lief Novak Djokovic in den Katakomben des Arther Ashe Stadiums den Hollywoodstars Hugh Jackman und Bin Stiller über den Weg, und die Herren plauderten eine Weile angeregt. Djokovic war frisch genug für ein solches Gespräch, denn nie zuvor landete mit weniger Aufwand im Halbfinale eines großen Turniers.

Bisher erledigte er zwei komplette Spiele: Vier Sätze in der ersten Runde gegen den Polen Jerzy Janowicz und drei Sätze im Achtelfinale gegen den Briten Kyle Edmund. Die Partie der zweiten Runde fiel aus, weil der Gegner Jiri Vesely verletzt war und nicht antreten konnte, der Russe Michail Juschny gab in Runde drei Ende des ersten Satzes verletzt auf und Tsonga schließlich im Viertelfinale nach dem Ende des zweiten. Insgesamt stand Djokovic bisher rund sechseinhalb Stunden auf dem Platz; wenn man sich an sein verrücktes Finale der Australian Open 2012 gegen Rafael Nadal erinnert, das fünf Stunden und 53 Minuten dauerte, dann weiß man, dass er bisher im Schonprogramm unterwegs war.

Ob sich das nun ändern wird? Am Freitag wird er gegen den Franzosen Gael Monfils spielen, der im Viertelfinale gegen den von den Strapazen der Vorrunden gezeichneten Landsmann Lucas Pouille zügig gewann. Wie viele Tennisfans ist auch Djokovic ein Fan des fliegenden, springenden, schliddernden, unfassbar elastischen Kollegen Monfils. „Er ist einer von denen, für die ich eine Eintrittskarte kaufen würde. Er hat hat Charisma, spielt mit einem Lächeln. Hat Spaß am Tennis. Hat Spaß am Leben. Und ich finde, so sollte es sein, nicht nur wenn du Tennisspieler bist.“ Aber er sagt auch, er sei gewarnt, denn Monfils spiele in diesem Jahr speziell auf Hartplätzen besser denn je, er habe schließlich auf den Weg ins Halbfinale keinen Satz abgeben.

Der Franzose steht zum zweiten Mal nach der Premiere bei den French Open in Paris 2008 im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, und bisher gewann er souverän, hatte dabei allerdings keinen Gegner aus den Top Ten. Novak Djokovic sagt, er erwarte definitiv einen harten Kampf; irgendwann muss es ja mal losgehen für ihn bei diesem Turnier.

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Caroline Wozniacki ist zu beneiden. Seit Jahren besitzt sie am Union Square in downtown Manhattan ein Doppel-Apartment, was nicht nur grundsätzlich eine tolle Sache ist, sondern während der US Open auch den Vorteil hat, sich nach getaner Arbeit auf dem eigenen Sofa ausruhen zu können. Wie viele Tennisspieler ist sie in der ganzen Welt zuhause, und wie viele hat sie ein Faible für New York. Angelique Kerber geht es genauso, bis zu einer eigenen Wohnung hat es zwar noch nicht gereicht, aber wer weiß? Vor zwölf Monaten hätte ja auch niemand vorstellen können, dass sie bei den US Open 2016 vielleicht nicht nur um den Titel spielen würde, sondern auch um die Nummer eins.

Aber eines nach dem anderen; so, wie es ihre Art ist. Jetzt steht erstmal das Halbfinale an diesem Donnerstag gegen die dänische Freundin auf dem Programm. Sie kennen sich so lange und so gut, dass die Sympathie schon mal für einen gemeinsamen Urlaub reichte. Sieben Jahre liegen diese Ferien zurück, die sie Kerber mit den Schwestern Agnieszka und Urszula Radwanska auf Mauritius verbrachten. Natürlich gibt es Fotos davon, unter anderem eines, auf dem alle vier mit Tauchermaske und Schnorchel in einem Boot sitzen, fertig für einen Ausflug in die Wasserwelt. „Ich sehe ganz schön rund aus auf diesem Bild“, meinte die Dänin dieser Tage amüsiert. „Wir alle sehen rund aus.“ Nun legen Sportlerinnen zu recht Wert darauf, nicht nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden, sondern danach, was sie leisten, aber dieser Kommentar führt direkt zu einem wesentlichen Punkt. Bei Wozniacki selbst ist die Veränderung zur aktuellen Form nicht ganz so deutlich. Aber die Angelique Kerber von heute sieht so viel athletischer aus, ihre Muskeln sind so viel besser definiert als damals auf der Insel, dass darin auch eine Erklärung steckt, warum es selbst in einem superharten Spiel bei schwüler Hitze kaum einen Moment gibt, in dem es so aussieht, als könne sie nicht mehr.

Nachdem sie in der Vorbereitung auf die neue Saison noch mal intensiv an diesem Aspekt gearbeitet hatte, hatte auch Kerber zu Beginn dieses Jahres selbst belustigt festgestellt, sie könne kaum glauben, wie rund sie früher gewesen sei. Über Wozniackis Fähigkeiten in Sachen Ausdauer gab es nie Zweifel, sie gehörte schon immer zu den besten Defensiv-Spielerinnen, unermüdlich unterwegs. Und mit dem New York Marathon, bei dem sie im November 2014 in einer Zeit von drei Stunden, 26 Minuten und 33 Sekunden ins Ziel kam, erreichte sie quasi eine weitere Dimension; das ist eine erstklassige Zeit für einen Marathon, zumal von einer Athletin, die sich nicht nur auf Ausdauertraining konzentrieren kann.

Aber zurück zum Jahr 2009 zur Zeit der US Open. Die Dänin war 19 damals und gehörte zu den Top Ten, weitere Tendenz aufwärts. Angelique Kerber, zweieinhalb Jahre älter, stand nicht unter den besten hundert der Weltrangliste, und die Frage nach den weiteren Aussichten führte ins Irgendwo. Zwei Jahre später war Wozniacki die Nummer eins der Welt, Kerber war kaum vorwärts gekommen und stand auf Platz 92, doch zur allgemeinen Überraschung landeten beide im Halbfinale. Was im Fall der Dänin unter der Rubrik vermerkt wurde „Nummer eins weiterhin ohne Grand-Slam-Titel“, bei der Tauchfreundin aus Mauritius aber als erstes Zeichen einer besseren Zukunft galt. Angelique Kerber erklärt in New York dieser Tage bei jeder Gelegenheit, mit dem Halbfinale von 2011 habe sie den Wendepunkt ihrer Karriere erreicht, und vor allem deshalb habe sie eine spezielle Beziehung zu diesem Turnier und zu dieser Stadt.

Im Februar 2012 verlor Wozniacki den Platz an der Spitze der Weltrangliste, Kerber tauchte drei Monate später zum ersten Mal unter den Top Ten auf. Sie stand dabei nie so im Mittelpunkt wie die sprudelige, umkomplizierte Freundin, die auch einen offensiven Weg gefunden hatte, mit der Kritik umzugehen, in ihrem Spiel sei keine Verbesserung zu erkennen. Fragen, die ihr nicht gefielen, konterte sie entschlossen, aber immer im Rahmen der Höflichkeit. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Überraschender Weise deutete Piotr Wozniacki, der im Moment wieder Trainer seiner Tochter ist, gegenüber dänischen Medien in dieser Woche an, sie werde die Karriere bald beenden. Darauf angesprochen meinte sie nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Lettin Anastasija Sevestova: „Darüber möchte ich im Moment nicht reden. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich bereit bin, darüber zu sprechen, dann werde ich das tun, aber im Moment bin ich nur hier, um Tennis zu spielen. Das ist alles, worauf ich mich konzentriere.“

Wie ein Dementi der väterlichen Indiskretion klang das nicht; man wird sehen. Fest steht, dass sich die Linien der Karrieren von Caroline Wouniacki und Angelique Kerber, die an diesem Donnerstag gegeneinander um einen Platz im Finale der US Open spielen werden, längst gekreuzt haben und das die Linie der besten deutschen Spielerin seit langer, langer Zeit seit Beginn dieses Jahres steil nach oben führt. Sie sagt: „Ich glaube, es ist alles so gekommen, wie es kommen sollte, dass ich erst mit 28 mein bestes Tennis spiele und nicht schon mit 18.“ Gut Ding will Weile haben? „Ich glaube, das passt zu meinem Charakter.“

Gemeinsame Ferien mit Caroline Wozniacki und den Radwanskas gab es schon lange nicht mehr. Die Dänin sagt: „Es ist nicht so, dass wir uns getrennt hätten. Wir würden das wohl immer noch tun. Aber das Problem ist, Aga (Agnieszka) wird demnächst heiraten, und jede macht irgendwie ihr eigenes Ding.“ Die eine denkt an Heirat, die andere kann sich mit 26 nach zehn Jahren auf der Tour offenbar ein Leben ohne Tennis vorstellen, und die dritte scheint erst mit 28 alle Teile des großen Puzzles gefunden zu haben. Was beweist, den goldenen Weg für alle gibt es nicht.

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+++ New York, den 07.09.2016 +++

Von Doris Henkel

An einer Kette trägt sie immer noch den funkelnden Anhänger, den sie sich vor fünf Jahren nach dem ersten großen Erfolg ihrer Karriere in New York gekauft hatte, und allmählich könnte sie darüber nachdenken, was es diesmal werden soll. Wie 2011 ist Angelique Kerber im Halbfinale der US Open gelandet, doch was damals als Überraschung galt, das ist diesmal auch das Resultat einer Sammlung bemerkenswerter Erfolge in diesem Jahr. Beim Sieg am Dienstag gegen die Finalistin von 2015, Roberta Vinci aus Italien (7:5, 6:0), überstand sie eine komplizierte Stunde und segelte dann in der restlichen knappen halben Stunde ins Ziel.

Einen Satz lang war es eine wirklich knifflige Angelegenheit. Kerber wirkte nicht so sicher wie beim souveränen Sieg zwei Tage zuvor im Achtelfinale gegen Petra Kvitova, aber Roberta Vinci gönnt sich ja auch ein weniger berechenbares Spiel, das sich vom dem der meisten Kolleginnen deutlich unterscheidet. Der gefährliche Rückhand-Slice, mal nur auf Länge, dann auf vollem Tempo gespielt, in Kombination mit einer relativ sicheren Vorhand und überraschenden Netz-Angriffen – mit diesem Paket sind viele Spielerinnen überfordert.

Mit diversen Aufschlagverlusten näherten sich die beiden dem Ende des ersten Satzes, keine konnte sich entscheidend absetzen, und für Kerber schien die Sache mit dem letzten dieser Aufschlagverluste brenzlig zu werden. Zuerst ließ sie sich von einem Flieger aus dem Konzept bringen, der direkt übers Arthur Ashe Stadium flog – normalerweise starten die Flugzeuge vom nahe gelegenen Flughafen La Guardia in einen anderen Korridor -, dem ersten Fehler folgten zwei weitere Fehler, und weg war das Aufschlagspiel. Aber wie in den beiden anderen Fällen zuvor in diesem Satz hatte sie sich nach dem Seitenwechsel gleich wieder im Griff.

Mit einem Fußfehler von Roberta Vinci endete der erste Satz, und danach war Angelique Kerber auf einer Einbahnstraße in Richtung Halbfinale unterwegs. Im Tank der Italienerin schien nicht mehr viel Sprit vorhanden zu sein – sie hatte schon vor der Partie berichtet, sie plage sich im Moment mit einer Verletzung herum und sei nicht ganz fit -, Kerber hingegen schöpfte aus dem Vollen, und der Unterschied drückte sich in einer eindeutigen Bilanz aus: Die Kielerin gewann 28 Punkte in diesem Satz, die Gegnerin nur zehn, und unter dem Strich stand ein alles erklärendes 6:0.

Nun steht sie also wie zuerst und zuletzt in New York vor fünf Jahren im Halbfinale der US Open und es fehlt auf ihrer Seite nur noch ein Sieg zum möglichen Showdown mit Serena Williams am Wochenende, dem Finale um einen der vier wichtigsten Titel des Tennis und um die Nummer eins. Vor Beginn des Turniers hatte es vier Kandidatinnen gegeben, Williams und Kerber, dazu die Spanierin Garbiñe Muguruza und Agnieszka Radwanska aus Polen. Aber Muguruza hatte bereits in Runde zwei verloren, und Radwanska verabschiedete sich mit einer Niederlage gegen die erst 18 Jahre alte Kroatin Ana Konjuh aus dem Rennen. Serena Williams fehlen noch zwei Siege zum Showdown, nächste Station ist an diesem Mittwoch das Halbfinale gegen Simona Halep aus Rumänien.

Natürlich haben alle das Spiel der Spiele um die Nummer eins und um den Titel im Sinn, und natürlich ist es auch das erste Gesprächsthema dieser Tage in der Welt des Frauentennis. Für Angelique Kerber wird der Trick nun auch darin bestehen, möglichst wenig über diese Konstellation nachzudenken. Wenn man Tennisspieler fragt, wie sie sich einer bestimmten Aufgabe nähern, dann antworten sie meist: Ich denke nur von Spiel zu Spiel, und genau das versucht sie nun auch. Die nächste Aufgabe gegen die Siegerin der Partie zwischen Caroline Wozniacki und der überraschend im Viertelfinale gelandeten Lettin Anastasija Sevastova, Nummer 48 der Welt, wird in Anbetracht aller Umstände schwer genug sein (die Begegnung zwischen Wozniacki und Sevastova fand in der Nacht zum Mittwoch statt). Sie weiß es, und dieses Wissen wird eine Hilfe sein.

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Manchmal sieht es so aus, als gebe es keine Grenzen mehr für die Liebeserklärungen an diesen Mann. Wohin man auch hört, mit wem man auch redet, alle scheinen froh und glücklich zu sein, dass Juan Martin del Potro nicht nur wieder im Spiel ist, sondern sich auch mit großen Schritten einstigen Höhen nähert. Es gibt offenbar keinen auf dem Planeten Tennis, der den langen Argentinier nicht mag, und daran ändert selbst dessen zerstörerische Vorhand nichts.

Um das, was vor kurzem passiert ist und gerade passiert neutral in Zahlen auszudrücken: Als er im Februar nach drei Operationen am linken Handgelenk und fast zwei Jahren Pause auf die Tour zurückkehrte, stand er auf Platz 1045 der Weltrangliste, vor Beginn der US Open war es nach einer kontinuierlichen Steigerung Platz 142. Um in New York mitspielen zu dürfen, hätte er sich in der Qualifikation bewerben müssen, aber der Amerikanische Tennisverband gab ihm, dem Sieger des Turniers von 2009, eine Wildcard; hätte er das nicht getan, wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.

Del Potros bisher gesammelte Punkte werde nach dem Turnier für einen Platz in den 60er-Rängen reichen, falls er auch das nächste Spiel gegen Stan Wawrinka gewinnt, wird er in einer Woche auf einem 40er-Platz stehen. In New York ist er der Viertelfinalist mit der niedrigsten Platzierung seit Jimmy Connors 1991, der eine Menge Kraft daraus zog, dass ihn die Leute nicht mögen. Größer als die Gegensätze zwischen dem Amerikaner und dem Argentinier können Gegensätze kaum sein.

Dazu braucht man im Kurzzeitgedächtnis nur die Erinnerung die Bilder aus Rio aktivieren und sich an die mit Emotionen randvolle Auftritte beim Sieg in der ersten Runde gegen Novak Djojovic, beim Sieg im Halbfinale gegen Rafael Nadal und nach dem verlorenen Finale gegen Andy Murray erinnern. Nie im Traum hätte del Potro gedacht, dass er mit einer Silbermedaille aus Brasilien nach Hause fahren würde, wo er einen ganz großen Bahnhof bekam und halb Tandil auf den Beinen war; mit der Medaille um den Hals blickte er vom Rathausbalkon in die begeisterte Menge.

Mit vollen Händen und vollem Herzen landete in New York. In der großen, aufregenden Stadt, die er kurioserweise von Anfang an mochte. Sensible Menschen tun oft schwer mit dem Lärm, dem Durcheinander und den furchteinflössenden Dimensionen vieler Dinge, aber Juan Martin del Potro gestand schon bei seinem Siegeszug vor sieben Jahren, ihm gefalle es sehr – das Stadion, die lärmenden Zuschauer, Manhattan, einfach alles. Und die Beziehung der ungleichen Partner ist im Laufe der Jahre noch stärker geworden. „Ich fühle mich auf diesem Platz zuhause“, sagte er nach dem Sieg im Achtelfinale gegen den Österreicher Dominic Thiem, der wegen einer Knieverletzung aufgeben musste, „und in dieser Stadt auch.“

Natürlich spielt bei all dem die Erinnerung an 2009 eine Rolle. Daran, wie er im Halbfinale Rafael Nadal in drei Sätzen auf eine selten zuvor gesehene Art an die Wand spielte, und vor allem, wie er im Spiel um den Titel in fünf Sätzen gegen Roger Federer gewann. Er war knapp 20 damals, stand in der Rangliste auf Platz sechs und galt schon als Kandidat für die Zukunft des Männertennis, mit diesem famosen Spiel im Finale gegen den Meister hatte allerdings niemand gerechnet. „Aber“, sagt er, „ich bin jetzt eine andere Person. Ich habe ein anderes Spiel, mein Leben ist anders, ich bin älter geworden. Und ich genieße es noch mehr, auf den großen Plätzen zu spielen, vor all den Leuten.“ Die Geräusche der Begeisterung von 23.000 Fans als Gegensatz zur Stille der Verzweiflung in den Monaten nach den Operationen, dazwischen liegen Ozeane.

Er weiß längst, dass es die richtige Entscheidung war zurückzukommen, obwohl er so viele Zweifel gehabt hatte, jemals wieder gut genug spielen zu können. Und vielleicht trägt ihn die Magie auch übers Viertelfinale gegen Stan Wawrinka hinaus. In Wimbledon gewann er gegen den Schweizer – und verlor dann gegen den jungen Franzosen Lucas Pouille, aber das nur nebenbei. Und diesmal? „Hier kann für mich alles passieren“, sagt der Mann, den alle so sehr mögen. Mehr denn je.

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+++ New York, den 06.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Selbst wenn man nicht allzu viel Italienisch versteht, ist es ein Erlebnis, Roberta Vinci bei der Beschreibung eines Spiels zuzuhören. Ihre Sätze scheinen sich gegenseitig überholen und übertrumpfen zu wollen, begleitet von der passenden Gestik und Mimik; große Augen, kleine Augen, hochgezogene Augenbraue und dergleichen mehr. Und selbst, wenn sie mit einer spontanen Antwort überfordert ist, hat sie verschiedenen Variationen des Nachdenkens auf Lager, die sich vom Grad des Erstaunens bis zum Grad der Ernsthaftigkeit unterscheiden. Sempre Italia. Opera buffa, die kleine Lösung gibt es nicht. Es ist deshalb schon ein bisschen verständlich, wenn der bekannteste italienische Tennisreporter Angelique Kerbers Pressekonferenzen meist ratlos verlässt. Zu wenige Wörter. Das soll alles sein? Diese norddeutsche Kurzform macht ihn fertig.

Roberta Vinci erzählt in diversen Variationen, irgendwas sei anders in New York als bei anderen Turnieren. Selbst wenn es ihr nicht gut gehe, spiele sie bei den US Open immer gut, und die Geschichte hat natürlich nach den Ereignissen des vergangenen Jahres eine ganz andere Dimension. Vor dem Halbfinale gegen Serena Williams, die damals drauf und dran war, Historisches zu leisten und mit einem Titel in Flushing Meadows den Grand Slam zu gewinnen, hatte niemand darüber nachgedacht, dass die Sache ausgerechnet gegen Roberta Vinci schiefgehen könnte. Alle dachten, die Italienerin werde dem Tempo der Amerikanerin nicht gewachsen sein, nicht deren Dynamik und nicht deren fast wütender Entschlossenheit. Aber dann hatte Vinci mit ihrem Rückhand-Slice und ihren Volleys Williams’ dynamische Ströme zerschnitten, und am Ende hatte sich die große Favoritin selbst besiegt. Fast erstarrt und unfähig, unter der Last der eigenen Erwartungen auf dieses ganz andere Spiel zu reagieren.

Roberta Vinci sagt, das sei das Match ihres Lebens gewesen und sie erinnere sich an jede Einzelheit. Seither gibt es auf der ganzen Welt kein Turnier, bei dem sie nicht auf den New Yorker Coup angesprochen wird, auch wenn der nun schon ein Jahr zurückliegt und ein Jahr in diesem Sport voller Ereignisse und Geschichten steckt. Aber dazu trug ja auch der letzte Akt des Turniers bei, das italienische Finale der Freundinnen Vinci und Pennetta, die sprudelnde Freude der beiden und Flavia Pennettas überraschende Erklärung bei der Siegerehrung, das solle es gewesen sein, sie werde ihre Karriere beenden. Vinci sprach damals von einem Wochenende der Wunder, und so sieht es auch rückblickend mit einem Jahr Abstand noch aus. Miracolo.

Angelique Kerber hatte New York damals nach einer Niederlage in der dritten Runde schon eine Woche vorher verlassen. Sie sei überrascht gewesen, ja fast ein bisschen geschockt, als sie von Serena Williams’ Niederlage im Halbfinale gehört habe, sagt sie. Aber dann habe sie gedacht: So was passiert halt den besten Spielern der Welt. Sie selbst stand zur Zeit der US Open 2015 auf Platz elf der Weltrangliste, und niemand hätte sich ernsthaft vorstellen können, dass sie zwölf Monate später an gleicher Stelle um den Platz an der Spitze dieser Liste spielen würde. Nach ihrem Sieg im Achtelfinale gegen Petra Kvitova (6:3, 7:6) stand fest, dass Serena Williams das Finale erreichen muss, um die Nummer eins zu bleiben. Aber die Ereignisse des Jahres 2016 verdichteten sich zu einer italienisch anmutenden Folge großer Momente – bunt, turbulent, manchmal einfach mirakulös. Die größte Veränderung ist vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich inzwischen in allen Momenten des Spiels bewegt. Breakball? Kein Problem. Sie stellt sich hin, holt aus, und nicht selten macht sie schon mit dem Aufschlag den Punkt. Ausgerechnet mit diesem Aufschlag, der so lange zu ihren Schwächen gehörte und der nach wie vor alles andere als bombig ist. Bundestrainerin Barbara Rittner findet, im effektiven Aufschlag drücke sich die neue Souveränität im Spiel von Angelique Kerber besonders aus, und auch das hätte sich vor einem Jahr keiner vorstellen können.

Roberta Vinci ist darauf vorbereitet und auf alles andere auch für das Viertelfinale an diesem Dienstag. Sie ist nicht ganz fit und konnte in den vergangenen Tagen nicht allzu viel trainieren, aber das hinderte sie nicht daran, viermal zu gewinnen. Darüber berichtete sie dem italienischen Reporter, der von Wörtern nicht genug bekommen kann, in aller Ausführlichkeit; ganz in seinem Element fragte er weiter und weiter. Und weiter. Nichts zu machen, da ist man als deutscher auf-den-Punkt-Bringer einfach überfordert.

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Auf der Tribüne saß Yannick Noah, der seit einigen Monaten Chef des französischen Davis-Cup-Teams ist, und beobachtete das Treiben im Arthur Ashe Stadium mit immer größerem Vergnügen, mit immer größerer Begeisterung. Er hatte beim Coup des jungen Lucas Pouille gegen Rafael Nadal in vier Stunden und fünf spannungsgeladenen Sätzen mehr als nur eine Ahnung, wie die Zukunft des französischen Männertennis aussehen könnte. Wenn es einer weiß, was ein großer Sieg für eine Karriere und für ein ganzes Leben bedeuten kann, dann ist das im französischen Tennis Yannick Noah, der 1983 die French Open gewann und der in seiner Heimat verehrt wird wie wenige Sportler. Naja, vielleicht hat es auch ein wenig damit zu tun, dass er nebenbei ein aufregender Sänger ist und vom savoir vivre ganz generell eine Menge versteht.

Aber nicht nur Noah scheint ein Fan von Pouille zu sein. Gael Monfils, der im Viertelfinale gegen den Landsmann spielen wird, sagt: „Lucas ist mit 22 viel stärker, als wir es waren – der hat vor nichts Angst.“ Genauso sah es aus in der Partie gegen Nadal. Es gab so viele Gelegenheiten, nervös zu werden, unter dem Druck der Gegenwehr des Spaniers zusammenzubrechen, aber Pouille spielte das Ding mit einer Mischung aus größter Konzentration, Frechheit und offensichtlichem Spaß an der Herausforderung herunter, die sehenswert war. Er mag in einzelnen Aktionen nicht so spektakulär sein wie Monfils, aber dafür war er nicht zu erschüttern und nicht zu verwirren. Spötter merkten an, diese mentale Stärke des jungen Mannes habe vielleicht mit dem Erbe seiner finnischen Mutter zu tun.

Wie auch immer. Noah lobt die Mischung aus Bescheidenheit und großen Ambitionen, Pouille selbst erklärt seinen rasanten Aufstieg in diesem Jahr mit konzentrierter Arbeit in einem inzwischen optimierten Team. Er lebt in Dubai, trainiert dort auch gelegentlich mit Roger Federer und galt schon länger als der Typ, auf dem die Hoffnungen nach der Generation Tsonga und Monfils ruhen. Jetzt sehen alle, was in ihm steckt. Im vergangenen Jahr hatte er kein einziges Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen, 2016 zündete die erste Rakete, als er in Wimbledon nach Siegen gegen Juan Martin del Potro und Bernard Tomic das Viertelfinale erreichte, und auf dieser Ebene ist er nun auch in New York angekommen, trotz müder Beine. Gegen Nadal gönnte er sich zum dritten Mal in Folge fünf Sätze, und es überraschte nicht, dass er sich nach dem Spiel so bewegte, als sei er gerade nach einem zwölf-Stunden-Ritt vom Pferd gestiegen. „Ich hoffe, dass ich mich vor dem Match gegen Gael gut erholen kann und dass wir den Leuten ein tolles Spiel zeigen können.“

Durch die Brille der Nachbarn betrachtet sind die US Open 2016 jetzt schon ein extraordinärer Erfolg. Drei Franzosen im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers (Tsonga, Monfils, Pouille) gab es zuletzt bei den French Open 1947, in New York muss man für ähnliche Taten in die Zeit der berühmten Musketiere zurückblenden, ins Jahr ´27 zu René Lacoste, Jacques Brugnon und Jean Borotra. Lacoste gewann den Titel. Lucas Pouille mag diesmal noch nicht so weit sein, aber die Hoffnung ist geweckt.

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+++ New York, den 05.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Selbst wenn die Sonne in Flushing Meadows nicht scheint, geht es nicht ohne dunkle Brille. Drei Monate nach den Festspielen in Weiss in Wimbledon sind dieser Tage jede Menge Blendkostüme unterwegs. Vorzugsweise Neongelb ist im Spiel, was in verschärfter Form neulich im Doppel zwischen den Herren Kyrgios (Australien) und Evans (Grossbritannien) und den jungen Amerikanern Fritz und Paul so aussah, als sei irgendwo in Queens ein Textmarker-Depot explodiert; alle vier steckten von Kopf bis Fuss in Neon.
Stan Wawrinkas Variationen in Rot sind eine willkommene Abwechslung, aber natürlich steht Serena Williams auch diesmal im Mittelpunkt des Farbenspiels. Bei Abendauftritten verwöhnt sie ihre Fans im Modell Moulin Rouge; Grundfarbe schwarz mit lila Falten im Rock und langen, fingerlosen Handschuhen, die aus der Entfernung wie Ärmel aussehen. Die Tagesvariante in Weiss ist weniger elegant, aber wer sich fragt, was es mit den Handschuhärmeln auf sich hat, dem gab Serena Williams nun eine allumfassende Erklärung. Das seinen ihre Wonder Woman Ärmel, sagte sie. Vielleicht helfen die Dinger auch im Büro; wo kann man sie kaufen?

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Joao Sousa aus Portugal ist einer der 40 besten Spieler der Welt, vor ein paar Wochen gehörte er sogar noch zu den besten 30; man kann also sagen, der Mann sei etabliert. Einen solchen Gegner zu besiegen ist keine Kleinigkeit, und deshalb packte Grigor Dimitrov nach einem Sieg in vier Sätzen gegen Sousa extrem zufrieden die Tasche und machte sich auf den Weg zu den übrigen Verpflichtungen des Tages. Diese Routine, die immer wieder gleichen Wege, Gespräche mit den gleichen Leuten, Abendessen in den gleichen Restaurants, am nächsten Morgen mit dem Shuttle wieder von Manhattan hinüber nach Queens, der tägliche Stau im Midtown-Tunnel, Buchen der Trainingsplätze, das alles kann einem zwischendurch schon mal mächtig auf die Nerven gehen, selbst in guten Phasen einer Karriere. Ein Geheimnis des Erfolges besteht aber auch darin, bei aller Gleichförmigkeit an jedem Tag die besonderen Kleinigkeiten zu sehen und zu spüren, und genau das will Grigor Dimitrov wieder tun.
Man erinnert sich: Dimitrov ist jener talentierte, junge Mann aus Bulgarien, der einer der besten Junioren der Welt war und der in seiner Spielweise so sehr an den großen Kollegen Roger Federer erinnerte, dass er den Vergleichen kaum entgehen konnte. Es fiel ihm nicht ganz leicht, diesen Schatten loszuwerden, zumal eine weitere Person ins Spiel kam, deren Name etwas bekannter war als sein eigener; zwei Jahre lang waren Dimitrov und die Kollegin Maria Scharapowa ein Paar. 2014 sah es schließlich so aus, als passe jetzt alles. Bei den Australian Open landete er zum ersten Mal im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers, ein halbes Jahr später in Wimbledon erreichte er nach einem Sieg gegen Andy Murray sogar das Halbfinale. Er gehörte zu den Top Ten und schien auf dem besten Weg zur nächsten Ebene zu sein, aber der Sprung vom Ranglistenplatz acht auf vier oder fünf ist größer und schwieriger, als es die Zahlen glauben lassen. Ganz vorn stehen jene, die nahe immer herausragend spielen, von Montag bis Sonntag, von Januar bis November.
Diesen nächsten Schritt machte Dimitrov nicht. Nach einer frühen Niederlage in Wimbledon 2015 trennte er sich von seinem australischen Coach Roger Rasheed, mit dem er viel erreicht hatte, ein paar Wochen später wurde die Trennung von Scharapowa publik, und ohne die beiden tat er sich schwer. Ende des Jahres gehörte er nicht mehr zu den besten 20 der Welt, die Partnerschaft mit einem neuen Coach, Franco Davin, hielt auch nicht allzu lange, und man konnte sich Sorgen machen, wie es mit Dimitrov weitergehen würde. Im Finale eines ATP-Turniers in Istanbul demolierte er im Frühjahr drei Schläger und verlor so sehr die Fassung, dass er ein paar Tage bei seinen Fans öffentlich um Entschuldigung bat und sagte, so habe er sich nicht benehmen dürfen.
Im Juli stand er nur noch auf Platz 40, dann tat er sich mit einem Mann zusammen, der lange Jahre mit Andy Murray gearbeitet hatte und und einer der besten Freunde des Schotten gewesen war, Dani Vallverdu. Und nach ein paar Wochen der Zusammenarbeit hat es den Anschein, als sei das keine schlechte Idee gewesen. Beim Turnier in Cincinnati kurz vor Beginn der US Open landete Dimitrov im Halbfinale, nun steht er in New York zum ersten Mal nach anderthalb Jahren wieder im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers, aber was viel wichtiger ist – Mit Mitte Zwanzig scheint er sich selbst gefunden zu haben.
Als er nach dem Sieg am Wochenende gegen Sousa gefragt wurde, was sich denn zuletzt geändert habe, zögerte er einen Augenblick und holte zu einer Antwort aus, die vieles erklärt. „Ich hab mich wieder in Tennis verliebt“, sagte er. „Nicht, weil ich wieder Spiele gewinne, sondern weil ich wieder an allem Spaß habe, was dazu gehört. Die Arbeit. Früh aufzuwachen und zum Training zu gehen. Im Eisbad zu stehen. Aufgeregt zu sein vor einem Spiel. Das sind die Momente, die ich hoffentlich für den Rest meiner Karriere zu schätzen wissen werde.“
Als er diese schöne, kleine Erklärung beendet hatte, sah er irgendwie glücklich aus. Sieht so aus, als sei er beim Versuch herauszufinden, wer er wirklich ist und auf welche Stimmen er hören will, ein paar Schritte weitergekommen. Vielleicht reicht es noch nicht, um im nächsten Spiel in New York gegen den früheren Partner seines Coaches zu gewinnen – Andy Murray. Der machte nach souveränen Spielen zu Beginn des Turniers zwar ein paar Umwege beim Sieg in Runde drei gegen den Italiener Paolo Lorenzi, aber ob man daraus Schlüsse ziehen soll? Grigor Dimitrov tut es nicht. Er ist froh, die Konturen seines eigenen Weges zu erkennen.

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+++ New York, den 04.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Michael Kohlmann unternahm noch einen letzten Versuch, aber schon bevor er sich auf den Weg machte, hatte er eine Ahnung, wie die Sache ausgehen würde. Überrascht und höchst erfreut wäre der Teamchef des Deutschen Tennis Bundes (DTB) gewesen, wenn er mit einem positiven Bescheid von Alexander Zverev zurückgekehrt wäre. Wenn er vom jungen Hamburger gehört hätte, der habe seine Meinung geändert und werde nun doch in zwei Wochen im Davis Cup spielen. Es wird in diesem Spiel in Berlin gegen Polen darum gehen, den Abstieg aus der Weltgruppe zu verhindern, aber schon vor Wochen hatte sich angedeutet, dass Zverev nicht dabeisein wird.

Bei der unglücklichen Niederlage der deutschen Mannschaft Anfang März in Hannover gegen die Tschechen hatte der Teenager ein starkes Debüt gegeben. Und er hatte trotz zweier Niederlagen den Eindruck hinterlassen, mit ihm stehe dem Team eine gute Zukunft bevor. Doch die Geschichte hat sich erledigt, zumindest in diesem Jahr. Weil ihn sowohl der Belagwechsel (von Hartplatz nach der US-Tour zu Sand, danach wieder auf Hartplatz) als auch der Terminplan stört, wird Zverev nicht spielen.

Er selbst behauptete in dieser Woche in New York zweimal, es habe bisher niemand vom DTB mit ihm über das Thema Davis Cup gesprochen, er wolle erstmal die US Open hinter sich bringen, und im Übrigen sei es noch zu früh, darüber zu reden. Nun, die US Open hat er hinter sich nach einer Niederlage in der zweiten Runde gegen den Engländer Daniel Evans, und dass der Rest seiner Aussage nicht der Wahrheit entspricht, ist auch klar. Kohlmann versichert, er habe mehrmals mit Zverev über den Davis Cup in Berlin gesprochen. Aber heißt das nicht, dass der junge Mann lügt? Er überlegt kurz, sortiert die Wörter und verbindet sie dann so: „Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, ich hätte nicht mit ihm gesprochen.“

Der eine will also nicht. Der nächste kann vermutlich nicht, jedenfalls nicht so, wie es alle gern hätten. Als sich Philipp Kohlschreiber bei den Olympischen Spielen in Rio abmeldete, weil eine Fußverletzung, mit der sich er länger geplagt hatte, als Stressfraktur erkannt worden war, deutete das auf eine längere Pause hin. Aber zur allgemeinen Überraschung tauchte Kohlschreiber weniger als drei Wochen später im Tableau der US Open auf. „Ich habe ihn in der Auslosung gesehen und konnte es nicht fassen“, sagt Kohlmann. „Er hat dann gesagt, er hätte grünes Licht von den Ärzten bekommen und dürfte wieder belasten, was auf der einen Seite für mich positiv war, denn wir haben ja in zehn Tagen ein anderes ziemlich wichtiges Event, wo ich ihn gern dabei hab.“

Warum Kohlschreiber in New York spielte, bleibt sein Geheimnis; er riskierte ohne Not weitere Probleme. Die Sache ging schief, in der Partie der ersten Runde kamen die Schmerzen im Fuß zurück, Kohlschreiber gab auf, und im Moment ist nicht klar, wie es mit ihm weitergehen wird. Am Montag wird er sich noch mal einer Untersuchung unterziehen, danach soll in Absprache mit dem Mannschaftsarzt des Davis-Cup-Teams entschieden werden, ob er spielen kann. Aber selbst falls ja – drei Partien wie im vergangenen Jahr beim Playoffspiel in Santo Domingo gegen die Dominikanische Republik und im März in Hannover gegen die Tschechen dürfte der lädierte Fuß kaum durchhalten. In Santo Domingo hatte Kohlschreiber die Begegnung fast allein gewonnen, diesmal wäre der Chef wäre schon mit einer kleinen Lösung zufrieden; er würde sich freuen, wenn der Augsburger wenigstens eine Partie in Berlin spielen könnte.

Die nächsten Deutschen in der Weltrangliste sind Florian Mayer (58) und Jan-Lennard Struff (78), beide sagten zu. Doch zwei Mann sind als Mannschaft ein wenig unterbesetzt, und danach wird es wieder schwierig. Dustin Brown (86), der vor einem Jahr in Santo Domingo sein Debüt gegeben hatte, sagte Kohlmann mit der Begründung ab, er habe zur Zeit andere Ziele und wolle vor allem daran arbeiten, so bald wie möglich die Top 60 zu erreichen. Diese Entscheidung kommentiert der Teamchef sehr subtil mit den Worten: „Das würde ich jetzt mal unkommentiert lassen.“

Nächster Kandidat ist Benjamin Becker (96), der sagte, falls man ihn brauche, stehe er zur Verfügung, aber es ist kein Geheimnis, dass Sand nicht zu Beckers besten Belägen gehört. Weiter geht’s mit Mischa Zverev (127), Alexanders älterem Bruder, doch auch der mag nicht. Dabei hatten die Brüder noch in New York erzählt, wie schön sie es fänden, in vier Jahren bei Olympia Doppel für Deutschland zu spielen. Theoretisch hätten sie ja in Berlin schon mal üben können, aber grau ist alle Theorie.

Zwei weitere Kandidaten sind Daniel Brands (153) und der junge Maximilian Marterer (251), vielleicht auch Michael Berrer (145) – irgendwer muss es machen. Kohlmann findet, er brauche auf jeden Fall noch einen dritten Einzelspieler, denn im Doppel seien die Polen vermutlich nur schwer zu schlagen, und deshalb sei er auf der Suche. Er sucht schon eine ganze Weile, und man übertreibt wohl nicht, wenn man ihm unterstellt, er habe schon mal mehr Spaß bei der Arbeit gehabt. Nächsten Dienstag ist Nominierungsschluss, bis dahin muss er sich entschieden haben. Er wolle das jetzt nicht in Worte fassen, sagt er, aber wenn dass alles vorbei sei, müsse man sich schon mit dem Präsidium des Deutschen Tennis Bundes zusammensetzen setzen und beraten, welche Konsequenzen aus den Absagen zu ziehen sind.

Es sieht so aus, als stecke der Teamchef in der schwierigsten Phase, seit er den Job im Frühjahr 2014 von Carsten Arriens übernahm. „Das ist jetzt so eine Partie, die auch zeigt, was manche Spieler vom Davis Cup halten“, sagt er und versucht, auch dabei freundlich, verbindlich und nicht allzu enttäuscht zu klingen. „Ich kann mich sicher mit keinem Top-Spieler vergleichen, aber für mich war Davis Cup immer was Besonderes, und außerdem bin ich begeistert, dass wir in der Hauptstadt spielen.“ Die Begeisterung ist nicht überall gleich groß, und die Polen werden es mit Freude vernehmen; aus ihrer Sicht ist das ein Traumszenario.

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+++ New York, den 03.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Selbst wenn es ihr nicht gut geht wie dieser Tage, sprudeln die Sätze aus ihr heraus, und es sind immer ein paar Beschreibungen dabei, die man in dieser Form nicht jeden Tag hört. „Hat ja jeder mitgekriegt, dass ich nicht so frisch wie ein junges Reh bin im Moment“, ließ Laura Siegemund nach dem Sieg in der zweiten Runde der US Open gegen die Amerikanerin Nicole Gibbs wissen. „Den Umständen entsprechend bin ich über mich hinaus gewachsen. Da hätte jemand von außen jetzt nicht gesehen, dass mir was fehlt.“ Das ist Direktheit in blumiger Umschreibung mit einer sehr anständigen Portion Selbstbewusstsein.

Laura Siegemund, das hat sich herumgesprochen, ist in der Lage, eine Menge Verwirrung zu stiften auf dem Tennisplatz. Vor zwölf Monaten stand sie noch auf Platz 126, inzwischen gehört sie zu den besten 30 der Welt, sie ist die Nummer zwei in Deutschland und qualifizierte sich im Galopp für die Olympischen Spiele. In Rio erreichte sie das Viertelfinale und brachte dreierlei aus Brasilien mit. Zum einen das tolle Gefühl, zwei Wochen im Kreise der Athleten aus aller Welt verbracht zu haben, zum zweiten die Bestätigung, zur erweiterten Elite des Tennis zu gehören, und zum dritten eine verschleppte Grippe, die ihr in New York sichtlich zu schaffen macht.

Nach dem Sieg in der ersten Runde war sie in einem so jämmerlichen Zustand, dass man sie am liebsten sofort ins Bett gesteckt hätte, und obwohl sie sagt, vor dem Spiel gegen Gibbs sei es ihr noch schlechter gegangen, raffte sie sich zu einer bemerkenswerten Leistung auf. Selbst als es am Schluss eng wurde, wich sie nicht zurück, allenfalls zeigte sie der Gegnerin nicht ganz so oft wie sonst die Faust. Sie ist keine, deren Spiele dahinplätschern, da geht es in jedem Moment zur Sache. „Sie strotzt vor Energie“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner, „es ist super, mit ihr zu arbeiten.“

Die Schwäbin tappt im Dunkeln, was genau ihr fehlt, die Ärzte bei den US Open konnten ihr nicht weiterhelfen. „Die sagen alle, toll ist es nicht, wenn ich weitermache. Aber ich hab Bock hier zu spielen. Aufgeben, das ist eine Sache, die ich nicht gut kann.“ Dabei fühlt sie sich so schlapp, dass sie an den Tagen zwischen den Spielen flach liegt und versucht, die Kräfte zu sammeln. Ob’s die Zika-Mücke war? „Glaub ich nicht, ich hatte nie Fieber. Ich hab mir da irgendwas eingefangen. Wenn ich daheim wäre, dann hätte ich beim Doc längst was mit Infusionen gemacht, hier ist das alles ein bisschen schwach.“

Aber auch in schwierigen Momenten funktionieren Laura Siegemunds Sinn für Disziplin und ihre Bereitschaft, außerhalb der gängigen Wege Lösungen zu suchen, selbst wenn es am Ende nur um ein paar Prozentpunkte Verbesserung geht. Vielleicht sind es ja diese zwei, drei Prozent, die zum Sieg führen. So wie die türkisfarbenen, knielangen Kompressionsstrümpfe, die sie im Spiel der zweiten Runde trug, um die Übersäuerung der Muskulatur in Grenzen zu halten. Dass sie mit den Dingern in der New Yorker Fashion Week keine großen Chancen hätte ist klar, aber über solchen Blödsinn macht sie sich nun wirklich keine Gedanken. „Die Optik ist im Moment das Allerletzte, was mich interessiert. Ich will meine Matches überleben, und wenn das 15 Prozent bringt, dann nehm’ ich die mit.“

Runde zwei ist abgehakt, Kräftesammeln steht auf dem Programm zur Maximierung der Aussichten fürs Spiel in Runde drei am Samstag gegen Venus Williams. Die ältere der Schwestern macht dieser Tage einen sehr schwungvollen Eindruck, sowohl auf dem Platz als auch außerhalb, und manchmal fällt es schwer, sich vorzustellen, dass sie schon seit 19 Jahren bei diesem Turnier spielt. Julia Görges meinte nach ihrer Niederlage gegen Venus Williams, sie habe kaum was machen können, da sei mächtig Tempo im Spiel gewesen. Aber gerade dieses Tempo ist es, was nun Laura Siegemund glauben lässt, die Sache könne vielleicht weniger anstrengend werden als beim letzten Spiel. „Bei der Venus geht’s bumm bumm, da musst du nicht so viel laufen“, sagt sie. Die Frage ist, wie oft sie das bumm bumm verhindern und selbst aktiv werden kann. Und sie wird mit Venus Williams als Gegnerin vermutlich endlich vor einer anständigen Kulisse spielen. In Rio hatte sie dreimal in der Parkplatz-Abteilung der olympischen Tennisanlage gespielt, und auch die ersten beiden Spiele in New York fanden auf kleinen Courts vor ein paar hundert Zuschauern statt. Die Chancen stehen gut, dass sie nun im Arthur Ashe Stadium landen wird, dem größten Tennisstadion der Welt.

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+++ New York, den 02.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Es war nicht schwer zu erkennen, dass im System von Milos Raonic etwas nicht stimmte. Das Gesicht des Kanadiers verriet nicht nur Spuren grösster Anstrengung – das ist ja normal, wenn man in der Schwüle des Nachmittages drei Stunden lang mit Tempo Tennis spielt und versucht, jeden Ball zu erreichen. Nein, es lag fast eine Form von Verzweiflung in seinem Blick, die so gar nicht zu den mächtigen Schlägen zu passen schien. Er sei selbst sein ärgster Feind gewesen, erklärte Raonic nach dem Spiel, nach der Niederlage in vier Sätzen gegen den Amerikaner Ryan Harrison. Er habe versucht, einen Weg aus dem Dilemma dieses Spiels zu finden, aber sein Körper habe das nicht zugelassen.

Raonic ist ein akribisch arbeitender Mensch, der nichts dem Zufall überlässt, schon gar nicht an heissen Tagen wie diesem. Er achtet darauf, dass die Menge an Wasser genau passt, die er vor dem Spiel trinkt, er legt sich gewissermassen jedes Salatblatt zurecht und ordnet alles auf eine Weise an, die den grössten Erfolg verspricht. Aber das hilft am Ende nicht, wenn am Ende immer nur ein Gedanke das Kommando übernimmt: Du musst. Du musst. Und in gewisser Weise scheint dieser Gedanke ausgerechnet im Jahr seines grössten Erfolges immer mächtiger geworden zu sein.

In Wimbledon hatte Raonic Anfang Juni zum ersten Mal den Final an einem Grand-Slam-Turnier erreicht, aber am Ende hatte es fast so ausgesehen, als sei die Enttäuschung über die Niederlage gegen Andy Murray grösser gewesen als die Freude, überhaupt in diesem Final gewesen zu sein. Er verzichtete danach auf einen Start bei den Olympischen Spielen, als offizielle Begründung gab er das Zika-Virus an, aber es war nicht zu übersehen, dass er in Gedanken schon beim nächsten grossen Event war, dem US Open. Wimbledon sollte der Ausgangspunkt sein, in New York hatte er mehr im Sinn.

Ohne John McEnroe, wie sich herausstellte. Während des French Open war der Amerikaner als Berater des Teams Raonic präsentiert worden; als Berater eines Teams, zu dem schon zwei Coaches gehören, der Italiener Riccardo Piatti und der Spanier Carlos Moya. In Wimbledon hatte allerdings es Kritik gegeben, weil McEnroe im Fernsehen auch Spiele des Partners kommentierte, und zum Beginn des US Open verabschiedete sich der Amerikaner mit der Erklärung, mit diesem Rückzug seien alle Beteiligten besser dran. Nach dem Spiel sagte Raonic, damit habe seine Niederlage sicher nicht zu tun.

Es lag wohl auch nicht nur am forsch auftretenden Gegner Harrison, an Schmerzen im Handgelenk und im Oberschenkel, derentwegen er während des Spiels behandelt wurde. Raonic erklärte, das Hauptproblem seien Krämpfe gewesen, die sich Mitte des zweiten Satzes bemerkbar gemacht hätten. Zwischendurch sei es ein wenig besser geworden, aber im dritten Satz habe er den Schläger kaum noch halten und auch die Griffhaltung während der Ballwechsel nicht mehr ändern können. Und selbst, als das Spiel schon vorbei war, liessen die Krämpfe nicht nach. Als er die Tasche tragen wollte, zogen sie bis in den Rücken.

Und der Grund für all das? „Nerven und Stress. Eine Art mentaler Überschwang – auf jeden Fall mehr, als es sein sollte.“ Mit Wimbledon und gestiegenen Erwartungen habe das nichts zu tun, solche Situationen habe er auch früher schon erlebt und bewältigt. Am Ende kam wohl einfach alles zusammen, und nun ist die Nummer fünf des Turniers nicht mehr im Spiel. Raonic sagt, er werde sich jetzt auf die nächste Aufgabe vorbereiten, das Playoff-Spiel der Kanadier im Davis Cup in zwei Wochen gegen Chile. Man kann davon ausgesehen, dass er den letzten Moment des Tennistages, an dem er gegen seinen Körper verlor, nicht mehr registrierte. Abends im Spiel zwischen Rafael Nadal und Andreas Seppi aus Italien fing es leicht zu regnen an, und das neue Dach wurde geschlossen. Wenig später verschickte der Amerikanische Tennisverband ein Statement mit der Mitteilung, das Spiel sei um 22:38:58 Uhr unterbrochen worden und das Dach habe fünf Minuten und 35 Sekunden zum Schliessen gebraucht. Gut, dann wissen wir das jetzt also auch.

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Es ist gerade erst ein paar Wochen her, als Caroline Wozniacki einen der stolzesten Momente ihrer Karriere erlebte – als Flaggenträgerin führte sie die dänische Mannschaft bei der Eröffnungsfeier ins Olympiastadion von Rio de Janeiro. Begeistert erzählen Tennisspieler von der Gelegenheit, mit Sportlern aus aller Welt und aus anderen Disziplinen zu kommunizieren, und sie sieht das genauso. Caroline Wozniacki ist ein sehr kommunikativer Mensch; sie ist unübersehbar in sozialen Netzwerken unterwegs, es ist kaum möglich ihre Spur zu verlieren. Nach dem Sieg in der zweiten Runde der US Open gegen Swetlana Kusnezowa gab es im Prinzip zwar Positives zu berichten, aber dennoch schlich sich in der Pressekonferenz einen Unterton ein, der ihr nicht gefallen konnte. Sie habe ja wegen diverser Verletzungen harte Monate hinter sich und habe bekanntlich viele Interessen außerhalb des Tennis. Habe sie sich in dieser Zeit also gefragt, ob sie überhaupt weiterspielen wolle?

Zu Caroline Wozniackis Umgang mit dieser Frage muss man wissen, dass es kaum eine Situation gibt, die sie in den zehn Jahren ihrer Karriere noch nicht erlebt hat. Zuerst die Phase der Begeisterung über eine frische, nette Dänin, die Schwung in die Welt des Frauentennis bringt; das war 2009, als sie mit 19 zum ersten Mal das Finale der US Open erreichte. Gut ein Jahr später wurde sie die Nummer eins der Welt, und sie stand dann mehr mit einer kurzen Unterbrechung 67 Wochen an der Spitze, aber es war nicht so, dass damit ungetrübte Freude verbunden gewesen wäre. Sie bekam deutlich zu spüren, dass sie eine Nummer eins ohne großen Titel war, denn sie wurde oft genug danach gefragt. Dabei ist die Sache doch ganz einfach: Wer genug Punkte sammelt, um an der Spitze zu stehen, der hat das entscheidende Kriterium erfüllt.

In der nächsten Phase verlor sie den Kontakt zur Spitze, vieles war von privaten Problemen überlagert, die mit dem Scheitern der Beziehung zu Golfstar Rory McIlroy kurz vor der geplanten Hochzeit zu tun hatten. Die Standhaftigkeit, mit der sie in dieser Zeit viele Interviews und Pressekonferenzen überstand, war eindrucksvoll. Dieser Tage schrieb sie für die amerikanische Internet-Platform The Players’ Tribune und gab in einem Brief der Caroline früherer Tage den Ratschlag: Wenn du an der Spitze bist, wird es immer Leute geben, die dich fallen sehen wollen, Zweifler, Schwarzseher. Lass es nicht zu, dass diese Leute Einfluss haben auf die Art, wie du über dich denkst.

Es war mehr als nur eine Rückkehr an die Stätte ihres ersten großen Erfolges, als sie vor zwei Jahren bei den US Open wieder im Finale landete, aber fast noch mehr Aufmerksamkeit erntete sie ein paar Wochen später, als sie für eine Wohltätigkeits-Organisation am New York Marathon teilnahm und in einer großartigen Zeit ins Ziel kam. Aber auch das scheint schon wieder eine ganze Weile her zu sein, und 2016 steckte bisher voller Probleme. Verletzungen, kurz vor Beginn der US Open die Trennung vom neuen Trainer, dem Tschechen David Kotyza, und für das Turnier der zusätzliche Ballast, zum ersten Mal seit ihrem Debüt an gleicher Stelle vor neun Jahren als ungesetzte Spielerin antreten zu müssen. Sie weiß, dass es eine Weile dauern kann, bis alles wieder zusammenpasst, aber sie sagt, das sei okay. Nein, sie habe nicht daran gedacht aufzuhören, obwohl es ganz sicher genügend Dinge in ihre Leben gebe, mit denen sie sich beschäftigen könne. Und dann mündete das alles in ein paar Sätze, auf die es wirklich ankommt. „Wissen Sie was? Ich liebe Tennis“, sagte sie. „Das ist der Grund, warum ich spiele, und ich weiß, wie gut ich spielen kann. Ich kenne meinen Wert.“

Ich kenne meinen Wert – darum geht es. Der Sport mit all seinen Höhen und Tiefen kann einem helfen, das herauszufinden. Ganz allein, ohne fremde Stimmen und Kommentare.

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+++ New York, den 01.09.2016 +++

Von Doris Henkel

Sie sehen sich auf den ersten Blick nicht arg ähnlich, und auch im Wesen gibt es Unterschiede. Mischa Zverev, der zehn Jahre ältere der Brüder aus Hamburg, ist ein aufgeräumter, unkomplizierter Typ, der in Schuhgröße 48 durch die Welt marschiert. Der kleine Bruder Alexander, Sascha genannt, hat Talent und Ehrgeiz für zwei, und wenn die Dinge nicht gut laufen, kann es schon mal ein bisschen schwierig mit ihm werden. Aber in den ersten Tagen der US Open war der Jüngere nicht nur deshalb guter Dinge, weil er selbst ziemlich souverän in Runde zwei gelandet war; er freute sich vor allem über den Erfolg des Bruders, der das auch geschafft hatte, zum ersten Mal bei einem Grand-Slam-Turnier seit sieben Jahren. Ein Brüderpaar im Einzel in Runde zwei – das gab es in New York zuletzt 1998 bei Wayne und Byron Black aus Simbabwe.

Die Erfolge von Alexander, der beste Teenager der Tour, gehören fast schon zum Tagesprogramm. Umso mehr fiel Mischas Weg auf. Vor zwölf Jahren hatte der ältere Zverev bei den US Open im Finale des Juniorenturniers gegen einen gewissen Andy Murray gespielt, und was aus dem Schotten geworden ist, ist bekannt. Auch für Zverev liefen die Dinge eine Weile lang recht vielversprechend – fünf Jahre nach dem Finale beim Nachwuchs gehörte er zu den besten 50 der Welt und spielte für Deutschland im Davis Cup. Aber eine Serie von Verletzungen kam der von den Eltern akribisch geplanten Karriere in die Quere.

Mischa Zverev hätte sich vermutlich längst vom Profitennis verabschiedet, wenn er nicht durch den kleinen Bruder immer in der Nähe gewesen wäre. Er sagt, durch Saschas erste größere Erfolge vor zwei Jahren sei ihm bewusst geworden, wie sehr er den Wettbewerb vermisse. Und dass er nach all den Verletzungen doch mehr im Sinn hatte, als nur der allerbeste Sparringspartner für den kleinen Bruder zu sein. Dreimal versucht er in diesem Jahr vergeblich, sich für die Hauptrunde eines Grand-Slam-Turniers zu qualifizieren, das klappte nun in New York, und der Sieg in Runde eins war in der Familie eine große Nachricht. „Das ist für ihn ein Riesenerfolg“, sagt Alexander, „er ist auf einem guten Weg zurück in die Top 100.“ In der Nacht zum Donnerstag (MEZ) spielte Mischa gegen den Amerikaner Jack Sock um einen Platz in Runde drei – so weit war er im ersten Teil seiner Karriere nur einmal gekommen, vor acht Jahren in Wimbledon.

Mit 29 Jahren gehört er bei weitem nicht zu den Ältesten der Konkurrenz; die Idee, bei den Olympischen Spielen in vier Jahren vielleicht gemeinsam mit dem Bruder für Deutschland zu spielen, ist nicht nur hübsch, sie könnte sich tatsächlich realisieren lassen. „Das wäre was Unglaubliches, wenn wir da zusammen auf dem Platz stehen könnten“, meinte Alexander nach seinem Sieg in Runde eins gegen den Niederbayern Daniel Brands. „Oder auch zusammen im Davis Cup zu spielen.“

Einstweilen ist er der Kandidat für den Davis Cup; die nächste Aufgabe beim Relegationsspiel gegen Polen in Berlin steht nur ein paar Tage nach dem Ende der US Open an. Es war zuletzt zu hören, der jüngere Zverev werde dem Deutschen Tennis Bund bei dieser Gelegenheit nicht zur Verfügung stehen, doch der mochte das nicht bestätigen. Über den Davis Cup sei noch gar nicht gesprochen worden, erklärte er, jetzt seien erstmal die US Open dran. Zur Nachfrage, ob er also nicht gesagt habe, dass er nicht in Berlin spielen werde, meinte er: „Mich hat noch niemand gefragt, ob ich spielen will oder nicht.“ Was eher nicht zur gründlichen Arbeitsweise des Teamchefs Michael Kohlmann passen würde, der sich natürlich auch am Rande der US Open darum kümmert, die beste Mannschaft zusammen zu stellen.

Sieht so aus, als sei das keine leichte Aufgabe, zumal nicht ganz abzusehen ist, wie sich die Sache mit Philipp Kohlschreiber entwickeln wird. Der hatte bei den Olympischen Spielen wegen eines längere Zeit nicht erkannten Ermüdungsbruchs im Fuß vor der zweiten Runde aufgegeben. Es ging ihm dann so weit besser, dass er meinte, für die US Open bereit zu sein, doch zu Beginn des dritten Satzes im Spiel der ersten Runde gegen den Franzosen Nicolas Mahut gab er auf. Der Fuß tue wieder weh, sagte er hinterher, nicht so sehr wie in Rio, aber es sei jetzt wichtig, Ruhe zu bewahren und zu sehen, wann er zurück kommen könne. Was das für den Davis Cup bedeuten könnte? „Ich hoffe, dass ich dann wieder fit bin. Ich muss sehen, ob es passt und reicht.“

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+++ New York, den 31.08.2016 +++

Von Doris Henkel

Die Behauptung, Sabine Lisicki habe in der ersten Runde der US Open gegen Julia Putintsewa verloren, trifft es nicht ganz. Sie scheiterte vor allem an sich selbst. An ungelösten Problemen, neuen Verwirrungen, an Altlasten und Unsicherheit. An einer Gemengelage, die geradeaus zur Frage führt, wie sich der Fahrstuhl stoppen lässt, der seit einem Jahr Richtung Keller rauscht. Fest steht einstweilen nur, dass sie nach dem letzten Grand-Slam-Turnier dieses Jahres nicht mehr zu den besten hundert Spielerinnen der Weltrangliste gehören wird.

Vor zwölf Monaten hatte Sabine Lisicki in New York als einzige der deutschen Mannschaft die vierte Runde erreicht, doch sie war dabei schon am Knie verletzt und fiel danach in den restlichen Wochen des Jahres wegen dieser Verletzung aus. Im Januar in Australien kehrte sie zurück, und rückblickend betrachtet findet sie, das sei ein Fehler gewesen. „Ich habe zu früh angefangen, weil ich unbedingt zu den Olympischen Spielen nach Rio wollte. Wir haben das als Team entschieden. Ich war nicht vorbereitet und habe trotzdem gespielt, und dann kann das nicht gutgehen.“

In den Wochen danach gewann sie ein einziges Mal mehr als als zwei Spiele bei einem Turnier, aber dafür gab es auch andere Gründe als fehlende Sicherheit oder Trainingsrückstand. Im März wurde die Trennung von ihrem Freund Oliver Pocher publik, der sie offenbar hintergangen hatte, zwei Monate später gab sie nach einem Jahr der Zusammenarbeit die Trennung von ihrem Coach Christopher Kas bekannt, und es war nicht schwer zu erkennen, dass es ihr ziemlich mies ging.

Sie suchte und fand einen neuen Coach, den Spanier Salvador Navarro, mit ihm erreichte sie die dritte Runde im geliebten Wimbledon, doch Anfang August endete auch diese Episode nach nur drei Monaten. Sabine Lisicki findet, er habe sie nicht so oft betreut, wie sie sich das vorgestellt habe, und das Training sei kontinuierlich gewesen. „Ich brauche aber kontinuierliches Training. Ich bin voll drin, aber das muss auch der Trainer sein. Für ihn hatte die Familie Priorität.“ Nach Barcelona ziehen wollte sie nicht, Navarro wollte so oft wie möglich in Barcelona sein, und so endete die Zusammenarbeit, bevor sie richtig begonnen hatte.

Also landete sie wieder in Bradenton/Florida in der Akademie von Nick Bollettieri. „Die kennen mich da seit zwölf Jahren“, sagt Lisicki, „und irgendwas haben wir ja damals auch richtig gemacht, sonst hätte ich nicht im Wimbledonfinale gespielt und wäre auch nicht Nummer 12 gewesen. Wir haben sehr, sehr viel gearbeitet, aber es ist einfach traurig, dass sich das noch nicht auszahlt. Das braucht einfach noch ein bisschen Zeit.“

Wieder einen neuen Trainer zu suchen mag sie sich im Moment nicht vorstellen; sie sagt, es müsse Ruhe einkehren in diesem schwierigen Jahr. Aber das ist meist leichter gesagt als getan. Sabine Lisicki war ziemlich entsetzt, als sie feststellte, dass ihr Ex-Freund dieser Tage in New York bei den US Open per Akkreditierung quasi offiziell zum Team ihres Ex-Trainers gehört, der seit einigen Wochen eine andere deutsche Spielerin betreut, Mona Barthel. Oliver Pocher auf den Trainingsplätzen, im Spielerzentrum, im Restaurant zu sehen, darauf war sie nicht vorbereitet; diese Geschichte ist zumindest eine Provokation der beiden ehemaligen Partner, eigentlich aber eher eine Unverschämtheit.

Wie es nun weitergehen soll? Lisicki versichert, sie habe immer noch ihre Träume und Ziele, sie sei motivierter denn und sei sehr entschlossen, wieder zurückzukommen. Für den Rest des Jahres stehen diverse Turnierstarts vor allem in Asien auf dem Programm, und da sie aus dem Herbst des vergangenen Jahres wegen der Verletzung keine Punkte zu verteidigen hat, wird sich auch bald eine Chance bieten, unter die besten hundert der Weltrangliste zurückzukehren.

Einstweilen freut sie sich an der Tatsache, verletzungsfrei spielen zu können, aber die Freude wurde zu vielen Prüfungen unterzogen. Wie würde sie dieses Jahr beschreiben? Zum Vergessen? Besch…eiden? Zum Lernen? „Alles“, sagt Sabine Lisicki, „alles zusammen. Welche schlechten Worte fallen mir noch ein?“ Sie ist entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, aber im Moment sieht es so aus, als lägen die Linien ihres Lebens so quer und durcheinander auf dem Tisch wie Mikadostäbchen; wenn man eine berührt, wackeln alle.

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+++ New York, den 30.08.2016 +++

Von Doris Henkel

Irgendwie hätte man sich die Sache ja denken können. Nach Jahren mit Stürmen, Regenfällen, Ausfällen und verlegten Endspielen haben sie in Flushing Meadows nun endlich ein schließbares Dach über dem Arthur Ashe Stadion, und dann so ein Wetterbericht. Für die erste Woche der US Open sagen die Meteorologen weiterhin Hitze und reichlich Sonne voraus, allenfalls garniert von ein paar Wölkchen Mitte der Woche. Von Regen ist weit und breit nichts zu sehen. Genauso war es 2009 in Wimbledon, als das Dach über dem Centre Court bei bestem Sommerwetter in Betrieb ging. Über ihre Befindlichkeit und aufkommende Gefühle von Nutzlosigkeit könnten die beiden Dächer über Twitter kommunizieren – beide haben einen eigenen Account.

Schon im vergangenen Jahr war die Konstruktion über dem 24.500 Zuschauer fassenden Stadion in ihren Ausmaßen zu erkennen gewesen, jetzt ist alles fertig, und es sieht prima aus. Getragen von acht stählernen Säulen thront das Dach auf einer Fläche von rund 160 mal 160 Meter, die Öffnung der beiden Hälften ist knapp 80 mal 80 Meter groß. 150 Millionen Dollar hat der Spaß gekostet, in weniger als zehn Minuten schließt sich das Dach ohne allzu lautes Geräusch. Kurios ist, dass das 1997 eingeweihte Arthur Ashe Stadium, das größte Tennisstadion der Welt, mit dem Dach von außen betrachtet nun so aussieht, als sei es nach nach fast zwei Jahrzehnten Betrieb endlich fertig geworden; die Architekten haben ganze Arbeit geleistet, immer bestimmt von der Maxime, dass die Konstruktion nicht zu schwer werden darf, weil die ganze Anlage auf relativ unsicherem, feuchten Gelände steht.

Das alles scheint gelöst zu sein, aber es war schon im vergangenen Jahr abzusehen, dass es dennoch Probleme geben wird. Nicht oben, sondern unten, auf dem Platz. Bei schönem Wetter müssen die Spieler mit extremen Unterschieden in Licht und Schatten umgehen können, keine leichte Aufgabe beim rasanten Tempo moderner Tennisspiele. Und auch für Zuschauer und Fotografen wird es mit diesen krassen Gegensätzen nicht einfach sein.

Uneingeschränkt positiv sind dagegen jetzt schon die Reaktionen auf den neuen Grandstand, mit 8125 Plätzen die drittgrößte Arena im Billie Jean King National Tennis Center. Ein attraktiver Platz im Südwesten der Anlage, kein Anhang mehr wie der alte Grandstand, der quasi wie ein Hinterhof zum Louis Armstrong Stadium gehört hatte, dem langjährigen Centre Court. Im vergangenen Jahr war der gute, alte Grandstand mit einiger Wehmut verabschiedet worden, umso überraschter fielen nun die Reaktionen aus, als er unter der Bezeichnung P6/Old Grandstand wieder als Spielort auftauchte. Der amerikanische Tennisverband (USTA) reagierte auf die allgemeine Verwunderung sogleich mit einer offiziellen Erklärung, in der steht, der alte Grandstand müsse quasi aushelfen, weil es auf einem anderen Turnierplatz noch ein paar Probleme mit der Oberfläche gebe.

Aber nach dem Ende des Turniers wird sich P6 endgültig den Baggern stellen müssen, genauso wie sein geliebter großer Bruder, Louis Armstrong. Nach fast 40 Jahren im Betrieb, davon bis 1996 als Mittelpunkt der Anlage, wird die zweitgrößte Arena abgerissen und an gleicher Stelle in neuer Größe und Funktionalität wieder aufgebaut. Im nächsten Jahr soll die untere Hälfte des Stadions fertig und bespielbar sein, 2018 wird es komplett sein mit dem Oberring und einem weiteren beweglichen Dach und Platz für rund 14.000 Zuschauer.

Es gibt also noch ein paar Tage Zeit, sich gerührt an die ereignisreiche Zeit im alten Louis Armstrong Stadium zu erinnern. An das letzte Grand-Slam-Finale in der Karriere des Schweden Björn Borg, der vor 35 Jahren auch im vierten Versuch nicht den Titel gewann und gegen John McEnroe verlor. An Boris Beckers einzigen Titel in Flushing Meadows nach einem Sieg im Finale gegen Ivan Lendl anno ´89. An Jimmy Connors’ völlig verrückte Auftritte 1991, als er mit 39 Jahren noch mal das Halbfinale erreichte. An das legendäre Spiel von Pete Sampras 1996 gegen Alex Corretja oder an Steffi Grafs letzten Titel in New York im gleichen Jahr mit einer stimmungsvollen Siegerehrung im strömenden Regen. Erinnerungen, die dem Bagger widerstehen werden; eng verbunden mit der Geschichte des Turniers.

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+++ New York, den 29.08.2016 +++

Von Doris Henkel

Der Champion gibt sich grösste Mühe, Zuversicht zu verbreiten, aber es ist nicht zu übersehen, dass er sich Sorgen macht. Naja, meinte Novak Djokovic vor seinem ersten Auftritt im Rahmen der Mission Titelverteidigung in New York, seinem Handgelenk gehe es in den letzten dreieinhalb Wochen nicht gut, aber er versuche mit der Hilfe seines medizinischen Teams alles, um das Beste aus der Situation zu machen. Ein paar Tage vor dem Beginn des olympischen Tennisturniers in Rio hatte er sich die Verletzung zugezogen, unter Tränen hatte er nach einer Niederlage in der ersten Runde gegen Juan Martin del Potro den Platz verlassen, auf einen Start beim nächsten Turnierstopp in Cincinnati hatte er verzichtet, aber nun hofft er auf bessere Zeiten in New York.

Schwer zu sagen, wie es dem Serben im Spätsommer 2016 wirklich geht. Irgendwie sieht es so aus, als suche er nach dem grössten Moment der vergangenen Monate, dem ersehnten Triumph im Stade Roland Garros Anfang Juni, nach einer stabilen Position. In Wimbledon hatte er in der dritten Runde gegen den Amerikaner Sam Querrey verloren, aber als er dieser Tage gefragt wurde, ob ihm das Handgelenk bereits in Wimbledon zu schaffen gemacht habe, reagierte er überraschend offen. Er sagte, es sei für ihn nicht leicht, darüber zu reden, aber es habe sich seinerzeit nicht um ein körperliches, sondern um private Probleme gehandelt; es hatte damals Gerüchte gegeben, seine Ehe stecke in einer Krise. Auf die Nachfrage, ob denn inzwischen wieder alles in Ordnung sei, antwortete er: „Ja, das ist so. Wir alle haben doch private Sorgen, die eher Herausforderungen als einfach nur Sorgen sind, die wir lösen müssen. Und das war damals für mich der Fall.“

Bliebe die Pflege des Handgelenk und die damit verbundenen Unsicherheit. Nach der Partie heute Abend gegen den aufschlagstarken Polen Jerzy Janowicz wird man mehr wissen, einstweilen steht nur eines fest: Novak Djokovic wird auch nach dem Ende des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres unangefochten die Nummer eins der Weltrangliste sein. Sein Vorsprung auf den Zweiten, Andy Murray, beträgt mehr als 5000 Punkte, und dieser Vorsprung ist grösser als die Anzahl der Punkte, die derzeit für Stan Wawrinka und Roger Federer auf den Plätzen drei und vier zu Buche stehen.

Aber gerade wegen der Unsicherheit und wegen der wechselvollen Ergebnisse in den vergangenen Wochen und Monaten ist die Frage nach den Favoriten für das US Open so schwer zu beantworten wie lange nicht mehr. An der Spitze der Kandidatenliste steht mit einigem Abstand ohne Zweifel Andy Murray, zumal nach dem eindrucksvollen Doppelschlag im Sommer mit dem zweiten Titel in Wimbledon und der zweiten Goldmedaille. Für Stan Wawrinka wird es darum gehen, nach eher enttäuschenden Ergebnissen in den vergangenen Wochen und der Verletzung, die ihn zur Absage für Rio zwang, wieder Fuss zu fassen. Beim ersten Auftritt nach der Pause verlor er kürzlich in Cincinnati in Runde zwei gegen den Bulgaren Grigor Dimitrov, in New York wird er am Dienstag in Runde eins gegen Fernando Verdasco aus Spanien spielen.

Ob sich Rafael Nadal vom schweren Programm in Rio erholt hat? Macht del Potro auf der gleichen Ebene feurig weiter wie in Rio? Was ist mit Marin Cilic, der in Cincinnati mit einem Sieg gegen Andy Murray den Titel gewann und der einen neuen Coach hat, den Schweden Jonas Björkman? Es sieht so aus, als sei die Chance für die Herausforderer grösser als seit langer, langer Zeit, aber wenn dann am Ende doch wieder Djokovic und Murray um den Titel spielen, dann werden alle schlauer sein. Aber zum Auftakt der ersten Night Session heute Abend wird sich ein Mann die Ehre geben, der sechs Jahre lang bei keiner grösseren Veranstaltung öffentlich aufgetreten war, Popstar Phil Collins. Erst danach ist es Zeit für Novak Djokovic.

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+++ New York, den 28.08.2016 +++

Von Doris Henkel

Wie es ihr geht? Schwer zu sagen. Mit sichtbarer Mühe und vergleichsweise wenig Geduld erträgt Serena Williams dieser Tage Fragen zu ihrer Form. Bei den Olympischen Spielen in Rio hatte sie in der dritten Runde verloren, sichtbar nicht in der Lage, mit derselben Kraft und Dynamik wie sonst aufzuschlagen, danach hatte sie beim Turnier in Cincinnati vor dem ersten Spiel zurückgezogen und hatte als Grund eine Entzündung in der Schulter angegeben. Dienstag wird sie zu ihrem ersten Spiel bei den US Open im Arthur Ashe Stadium erwartet – einem schweren Spiel gegen die Russin Jekaterina Makarowa -, und keiner weiß, was dabei herauskommen wird. Sie selbst sagt, sie habe nicht allzu viel trainiert zuletzt und es gehe ihr gerade erst ein wenig besser.

Konkretere Hinweise sind vor diesem Spiel nicht zu erwarten, aber wer Handfestes und Zahlen mag, dem genügt zum Auftakt des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres ein Blick auf die Weltrangliste. Und dieser Blick macht deutlich, dass Angelique Kerber in zwei Wochen an der Spitze der Weltrangliste stehen könnte, virtuell möglicherweise aber schon in ein paar Tagen. Es wäre kürzlich in Cincinnati fast soweit gewesen, am Ende hatte ihr aber die Kraft gefehlt, nur eine Woche nach dem olympischen Finale. Diesmal in New York muss sie gar nicht im Finale landen, um Williams verdrängen zu können, und das hat mit den Ergebnissen des vergangenen Jahres zu tun.

Die Amerikanerin hatte 2015 im Halbfinale verloren, sie selbst schon in Runde drei, in ihrer Bilanz fallen also schon vor dem ersten Spiel deutlich weniger Punkte weg. Nominell beträgt Williams’ Vorsprung beim Start des Turniers 190 Punkte, virtuell liegt Kerber aber 460 Punkte vorn. Sie könnte selbst bei einer Niederlage in der ersten Runde am Ende vor der Amerikanerin landen, die ihrerseits mindestens das Halbfinale erreichen muss, um den Wechsel aus eigener Kraft verhindern zu können. Aber, damit das ohnehin schon verwirrend klingende Szenario noch ein bisschen komplizierter wird – auch zwei andere haben die Chance, nach den US Open die Nummer eins des Frauentennis zu sein. Die Spanierin Garbiñe Muguruza müsste dazu das Finale erreichen, Agnieszka Radwanska aus Polen müsste das Turnier gewinnen.

Was Angelique Kerber von diesen Rechenspielen, Überlegungen und Szenarien hält? Nichts. Sie hört die Fragen nach dem möglichen Machtwechsel mit ähnlicher Begeisterung wie Serena Williams, allerdings mit deutlich weniger missbilligendem Gesichtsausdruck. Sie sagt, sie mache sich wegen der Rangliste keinen Druck. „Wenn der Tag kommt, an dem es passiert, dann wird es grossartig sein. Aber so lange spiele ich einfach Tennis, und ich werde versuchen, jeden Moment zu geniessen. Ich habe viel gelernt letztes Jahr, vor allem bei diesem Match in Singapur.“

Damals, Ende Oktober 2015 bei den WTA Finals in Singapur, hätte ihr im letzten Spiel der Vorrunde der Gewinn eines Satzes genügt, um das Halbfinale zu erreichen, aber mit der Chance vor Augen war sie fast zur Salzsäule erstarrt. Und wenn die von Sportlern so gern benutzte These stimmt, aus Niederlagen lerne man am meisten, dann dürfte das die wichtigste Niederlage ihrer Karriere in den letzten fünf Jahren gewesen sein. Sowas werde ihr nie wieder passieren, beschloss sie danach. Verlieren – kein Problem, das könne aus unterschiedlichsten Gründen immer passieren; aber unter einer selbst produziertem Last zusammenbrechen, das dürfe es nicht mehr geben.

Natürlich steht sie immer noch unter Strom, wenn es um alles geht, sie ist für ihren Coach Torben Beltz und alle anderen in diesem Spannungszustand nach wie vor keine unkomplizierte Partnerin. Aber manchen Dingen nähert sie sich inzwischen mit größerem Selbstbewusstsein, mit größerer Souveränität. Einem Ratschlag folgend, den ihr Steffi Graf bei einem Treffen in Las Vegas mitgegeben Versuch’ es auf deine Art, bleib dir treu, egal, was die anderen sagen.

Früher als sonst landete sie diesmal in New York, und sie nutzte die Zeit auch zu einem kleinen Tourismus-Programm, unter anderem einer Bootsfahrt von der Südspitze Manhattans hinüber zur Freiheitsstatue. Es gibt phänomenale Fotomotive auf dieser Tour, Lady Liberty in voller Gestalt vorn, die Türme der großen Stadt kompakt im Hintergrund; eine Form von Energiegewinn, abseits von Trainingseinheiten und weit weg von Gedanken über eine Weltrangliste. Früher hätte sie sich sowas nicht gegönnt.

Vielleicht landet Angelique Kerber wie bei den Australian Open, wie in Wimbledon und wie kürzlich in Rio de Janeiro wieder im Finale, und dann wäre es das perfekte Szenario, gegen Serena Williams nicht nur um den Titel, sondern auch um die Nummer eins zu spielen. Es wäre der passende Schlussakkord der Grand-Slam-Saison 2016, und nichts sähen die Fans und die Organisatoren der US Open lieber. An einfachen Rechenspielen und Niederlagen in Runde zwei sind sie hier nicht interessiert; sowas mag zu Cincinnati passen, aber nicht zu New York.

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Rückblick 2015

US Open Turniermagazin 2015

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+++ New York, den 15.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Der Tag danach sah aus wie gemalt. Die klare Luft trug zwar schon einen Hauch von Herbst in sich, aber das Blau des Himmels am frühen Morgen wirkte unwiderstehlich. Gäbe es die moderne Medienwelt mit all ihren Verpflichtungen nicht, dann hätte Novak Djokovic ein paar schöne Stunden mit der Familie verbringen können, vielleicht unerkannt irgendwo im Central Park, aber diese Zeiten sind ja lange vorbei. Also machte er sich nach einer sehr kurzen Nacht schon gegen acht auf den Weg, um die Fernsehauftritte, Interviews und Fototermine des Tages abzuarbeiten, und natürlich zeigte er sich dabei von seiner besten Seite. Das kann er in jeder Situation, wie die Welt des Tennis beim Sieg gegen Roger Federer am Abend zuvor wieder sah.

Er besiegte den Meister nicht nur wie im Finale von Wimbledon in vier Sätzen (6:4, 5:7, 6:4, 6:4), er gewann auch das Spiel einer gegen alle. Die große, laut brüllende Mehrzahl der 23.000 Zuschauer im Arthur Ashe Stadion hatte einen Wall vor seiner Nase aufgebaut; Jubel nach Aufschlägen, die im Netz landen, Jubel nach leichten Fehlern, das ging in vielen Momenten deutlich über die Grenze der Fairness hinaus. Die New Yorker sind ein lautes, lärmendes Publikum, das gern auf diesem Grenzstreifen trampelt und tobt. Aber so wie an diesem Abend waren die Leute lange nicht drauf; anders fühlt sich vermutlich auch ein Auswärtsspiels im Davis Cup in Uruguay nicht an. Bei aller Liebe für Federer, soviel Feindschaft hatte Djokovic nicht verdient.

Vielleicht hätte er hinterher sagen sollen: Leute, das war nicht fair. Aber er gab den verständnisvollen Diplomaten und meinte: „Ich kann nicht hier sitzen und das Publikum kritisieren. Jeder hat das Recht, einen Spieler zu unterstützen. Und er verdient die Unterstützung, die er bekommt, absolut. Ich muss daran arbeiten, und hoffentlich kann ich eines Tages auch in so einer Position sein.“ Kurios ist, dass er das Publikum zu Beginn seiner Karriere schon mal auf einer Seite hatte, auch beim ersten New Yorker Finale gegen Federer 2007, als er bei der Siegerehrung trotz seiner Niederlage gefeiert wurde.

Rein sportlich betrachtet lautete die Frage: Hatte Djokovic dieses vierte gemeinsame Endspiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen, oder hatte Federer verloren? Der Schweizer gab darauf eine ziemlich deutliche Antwort. „Ich habe zu viele Chancen vergeben. Ich hätte es besser machen müssen. Und ich hätte nie und nimmer hinten liegen sollen drei Sätzen.“ Er nutzte nur vier von 23 Breakbällen, darunter nur einen von zwölf nach einem zweiten Aufschlag des Gegners; so was kann man sich in einem Niveau auf Augenhöhe nicht leisten. So blieb am Ende für Federer die enttäuschende Bilanz, in New York und auch in den Wochen zuvor so gut gespielt zu haben wie lange nicht mehr, so offensiv und attraktiv, mit 20.000 Leuten im Rücken eine riesige Change gehabt zu haben und trotzdem unter den Lichtern einer kühlen Nacht nicht mit dem großen Pokal im Konfettiregen zu stehen.

Djokovic hingegen kam auch mit der letzten Herausforderung des Abends klar – mit einem sehenswerten Klimmzug landete auf der Tribüne im Kreis der Seinen. Er herzte seine Frau, umarmte Coach Boris Becker, der sich freute wie ein kleiner Junge unterm Weihnachtsbaum, und er ließ zusammen mit dem schottischen Schauspieler Gerard Butler, den er eingeladen hatte, einen Schlachtruf los. „Das hier ist Sparta“, brüllten sie. Wie im Film 300, in dem Butler als König Leonidas einem Gesandten, der die Kapitulation Spartas fordert, mit eben diesen Worten in die Grube tritt.

Der Herrscher des Tennis vergrößert seinen Machtbereich und steht nach dem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres 2015 mit vollen Händen da. Djokovic gewann drei – in Melbourne, Wimbledon und New York. Nur in Paris verlor er im Endspiel gegen Stan Wawrinka, aber vier große Finals in einem Jahr, das schafften vor ihm nur Rod Laver, der bekanntlich als letzter Mann im Tennis den Grand Slam gewann, und Federer. In der neusten Weltrangliste führt er mit mehr als 5500 Punkten Vorsprung vor Federer und mit knapp 6500 Vorsprung vor Andy Murray; das sind Welten.

Boris Becker sagt: „Er ist jetzt schon nah am Olymp. Viel mehr kann man kaum erreichen. Aber man möchte immer mehr – gewinnen ist die stärkste Droge, die es gibt.“ Ob es irgendwann für den Grand Slam reichen wird? Wer drei der großen vier in einem Jahr gewinnt, ist davon ja nicht weit entfernt. Aber wie unendlich schwer die Last zum Ende hin werden kann, das zeigt das Beispiel von Serena Williams, die in New York an der Bedeutung dieser Tat scheiterte. Leonidas hat Sparta, und das muss einstweilen genügen.

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Foto: Doris Henkel

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+++ New York, den 14.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Hätte man nicht ahnen können, dass es am Ende um Tränen und Emotionen und um Worte für die Ewigkeit gehen würde? Genau, aber mit anderen Personen als gedacht. Mit Serena Williams in der tragenden Rolle und nicht mit Flavia Pennetta und Roberta Vinci aus Italien, die sich mehr als ihr halbes Leben lang kennen und ebenso lange befreundet sind. Vor der Siegeszeremonie saßen sie in schönster Eintracht nebeneinander; lachend, scherzend, zugewandt. Als hätten sie nicht gegeneinander um einen der wichtigsten Tennistitel der Welt, sondern wie früher miteinander im Doppel gespielt.

Es sei ein Wochenende der Wunder gewesen, meinte Vinci später, und obwohl der Begriff Wunder im Sport überstrapaziert wird – in diesem Fall passierten tatsächlich Dinge, die niemand für möglich gehalten hätte. Zuerst Vincis Sieg im Halbfinale gegen Serena Williams, einer der größten Kracher der Geschichte des Sports. Zwei Siege fehlten der Amerikanerin noch auf dem Weg zum Grand Slam, und alle meinten: Was soll jetzt noch passieren? Gegen eine Italienerin, die auf Platz 43 der Weltrangliste steht, die gern Slice spielt und außer im Doppel selten aufgefallen war? Und die am Morgen des Spiels, unmittelbar davor und auch während dessen noch dachte: Eine Chance gegen Serena? Wie denn? Doch Williams wurde zum Ende hin immer nervöser, und fast paralysiert rauschte sie in die Niederlage. Gegen eine Doppelspezialistin, die das beste Tennis ihres Lebens spielte, mit messerscharfen Slice-Attacken auf der Rückhandseite und Halbvolleystopps aus der Patisserie.

Während des Turniers hatte Williams behauptet, sie habe wegen der historischen Gelegenheit keinen Stress, sie habe ja in Wimbledon schon ihren Serena-Slam gewonnen, den vierten großen Titel in Folge. Boris Becker, der sagt, er sei mit Williams befreundet, meinte hinterher: „Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie gesagt hätte: Ja, ich bin nervös. Das hätte etwas vom Druck genommen.“ Die Pressekonferenz nach der Niederlage dauerte vier Minuten, sie leitete das Ende mit der Order: „Letzte Frage“ ein, dann stieg sie in ihren Wagen und fuhr zurück nach Manhattan. Allein.

Die Amerikaner suchten fassungslos nach Vergleichen für den Coup und erinnerten an eine Niederlage von Mike Tyson, der in einem WM-Kampf anno ´90 von einem Nobody namens Buster Douglas zu Boden geschickt wurde und verlor. Die First Lady schickte über Twitter Trost und schrieb: „Ich bin so stolz auf Sie, Serena Williams.“ In der New York Times stand am nächsten Tag: Williams´ historische Suche endet mit einem dumpfen Schlag, die New York Post titelte: Slammed – Tür zugeknallt.

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Italien tanzte und feierte. Schon den Sieg von Schiavone in Paris 2010 hatte kaum einer fassen können, auch nicht das Finale an gleicher Stelle von Sara Errani zwei Jahre danach. Aber zwei Italienerinnen, die um den Titel bei den US Open spielen, beide über 30 Jahre alt, die eine Nummer 26 der Welt, die andere Nummer 43 – das war mit weitem Abstand die unglaublichste Konstellation; Wunder Nummer zwei, wie Roberta Vinci fand. Wunder Nummer drei: Sie verdrängten das Fußballderby zwischen AC und Inter Mailand von der Titelseite der Gazetta dello Sport.

Ein paar Tage zuvor hätte man in der Annahme, Williams beim historischen Schritt zum Grand Slam zu bewundern, auf dem Schwarzmarkt bis zu 1500 Dollar für ein Finalticket bezahlen müssen. Doch die New Yorker zeigten Sportgeist; auch für Flavia Pennetta und Roberta Vinci machten sich mehr als 20.000 Zuschauer auf den Weg ins Arthur Ashe Stadion, darunter Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi, der schnell über den Teich geflogen war, und Hollywood in Gestalt von Catherine Robert Redford, Catherine Zeta-Jones und Michael Douglas.

Sie sahen ein Finale, in dem bald deutlich wurde, wie schwer Vincis Beine am Tag nach dem größten Spiel ihres Lebens ist, und sie sahen, wie Pennetta die Chance ihres Lebens entschlossen nutzte. Es war ein Spiel ohne Gebrüll und Geschrei, mit Finten und Finessen, in dem es nicht nur darum ging, wer die härtesten Schläge hat. Pennetta behielt die Nerven und gewann 7:6, 6:2, danach teilten die beiden das Erlebnis und herzten sich in der längsten Umarmung der Tennisgeschichte am Netz.

Aber das war erst der Anfang des fantastischen Nachspiels. Roberta Vinci sah keine Sekunde lang so aus, als habe sie das erste und vermutlich einzige Grand-Slam-Finale ihrer Karriere verloren, und Flavia Pennettas Glück erhellte den dunkelgrauen Regenhimmel wie ein Licht. Sie nahm den Pokal und den Siegerscheck über 3,3 Millionen Dollar in Empfang, hielt die übliche Siegesrede, und als die Moderatorin der Zeremonie sich schon bedanken wollte, da bat sie: „Halt, ich möchte noch was sagen. Ich habe eine große Entscheidung getroffen: Mit diesem Sieg möchte ich mich vom Tennis verabschieden, ich möchte mit dem großen Pokal nach Hause gehen.“ Alle schauten sich verdutzt an, bis sie begriffen, was das heißen sollte. Finito. Nicht sofort, aber zum Ende des Jahres.

Manche sagen, Besseres könne es doch im Sport nicht geben, als im besten Moment zu gehen. Flavia Pennetta sah so aus, als stimme dieser Satz, und so kam es am Ende fast so, wie man es erwartet hatte: Eine glückliche Frau wurde mit Beifall überschüttet, und alle waren gerührt. Nur dass es sich um eine andere Frau handelte als erwartet und auch um einen anderen Grund. Serena Williams meldete sich nicht lange danach, das ohne sie stattgefunden hatte. Sie gratulierte Pennetta und schrieb: Ich freue mich über deinen Sieg; du hast ihn verdient. Ich freue mich auch über die Reise durchs Leben, die du nun vor dir hast. Dein Lächeln wird mir fehlen.“ Eine schöne Geste und schöne Sätze nach randvollen Tagen unter dem Regenbogen.

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+++ New York, den 13.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Einen besseren Platz kann es für ein offenes Studio kaum geben. Links neben dem Haupteingang zum Arthur Ashe Stadium sitzt die prominente Crew des Fernsehsenders ESPN auf einer erhöhten Platform, in greifbarer Nähe zu den Fans, die auf der Plaza flanieren, am Brunnen sitzen oder weiter hinter an der Bar bunte Getränke zu sich nehmen. Wenn sie sehen, dass ESPN auf Sendung geht, dann rücken sie so nah wie möglich an die Plattform heran, diesmal aber passte kaum noch eine Maus dazwischen. Das Volk stand dicht gedrängt, um einen Mann in grauer Jogginghose und weißem T-Shirt zu feiern. Der musste eine Weile warten, bis er die erste Frage beantworten konnte, während die Leute auf der Plaza skandierten: Let’s go, Ro-ger, let’s go.

Immer wieder riefen sie seinen Namen, auch die Experten kamen erst nach mehreren Versuchen zu Wort. Nach dem Ende des Interviews stand der Typ in der Jogginghose auf, winkte dem Volk zu und lächelte so versonnen, als erlebe er das zum ersten Mal. Man glaubt ja manchmal, im Laufe der Jahre schon jede Form von Sympathie und grenzenloser Bewunderung für Roger Federer erlebt zu haben, aber die Welle verebbt einfach nicht. Um es in einem Lied von Paul Simon zu sagen: Still crazy after all those years.

Vielleicht verrückter denn je. Federers dominante Phase in New York ist ja schon eine Weile vorbei; zwischen 2004 und 2008 gewann er in jedem Jahr, 2009 spielt er noch mal im Finale und verlor, weil er mit einer Führung gegen Juan Martin Del Potro ein wenig leichtfertig umging. 2013 hieß es nach einer bösen Niederlage im Achtelfinale gegen den Spanier Tommy Robredo, den Federer von früher werde man nicht mehr sehen. Aber bekanntlich tut eine Trennung der Liebe manchmal gut, um die Qualitäten des Partners zu erkennen, und im Moment ist die Liebe des Partners Publikum wieder so groß, dass er damit eine Menge Wärme für kalte Schweizer Winter speichern könnte.

Sie verzeihen ihm sogar, wenn er so überlegen wie im Halbfinale gegen Stan Wawrinka (6:4, 6:3, 6:1) gewinnt und ihnen jede Spannung raubt; das mag der New Yorker normalerweise nicht. Aber was ist schon normal bei diesem Schweizer, der gerade die dritte oder vierte Blütezeit seiner Karriere erlebt und der dieser Tage so lustvoll Tennis spielt, als frühstücke er Endorphine.

Wenn eines klar ist vor dem großen Finale an diesem Sonntag in New York gegen Novak Djokovic, dann ist es die Verteilung der Sympathie. Auch Djokovic hat Fans in der großen Stadt, aber er wird wie jeder andere spüren, dass es eine klare Reihenfolge in der Wertung gibt – Federer auf der Aussichtsplattform, der ganze Rest mindestens ein Stockwerk darunter.

Anfang der zweiten Woche erlebte Djokovic im Achtelfinale gegen den stark spielenden Spanier Roberto Bautista Agut sichtlich missmutig, wie das Publikum den Außenseiter unterstützte. Das ist der Normalfall, denn dieses Publikum hält fast immer zum Außenseiter, aber es gefiel ihm überhaupt nicht. Nach einem spektakulären Punkt legte er die Hände an seine Ohren, als wollte er sagen: Was ist los, ich höre nichts? Wo ist euer Beifall?

Coach Boris Becker tat schon oft die Meinung kund, seinem Mann werde nicht genügend Respekt entgegen gebracht, schließlich sei der ja unumstritten die Nummer eins. Aber das ist nicht der Punkt. Wie kann man einen Spieler nicht respektieren, der so souverän an der Spitze der Rangliste steht und der zum ersten Mal in seiner Karriere in allen vier Grand-Slam-Turnieren eines Jahres das Endspiel erreicht? Respekt ist das eine, schwärmerische Zuneigung allerdings das andere, und in dieser Abteilung ist Federer unschlagbar.

Beim Sieg im Halbfinale gegen den leicht angeschlagenen Titelverteidiger Marin Cilic (6:0, 6:1, 6:2) wirkte Djokovic jedenfalls noch überlegener als der eine Schweizer beim Sieg gegen den anderen. Er sei mit dem Wunsch und der Mission nach New York gekommen, das Finale zu erreichen und um den Pokal spielen zu können, meinte er hinterher. Die letzte der fünf Begegnungen in diesem Jahr hatte Federer kürzlich beim Turnier in Cincinnati gewonnen; das war einer von zwei Siegen 2015 gegen den Konkurrenten. Djokovic gewann das wichtigste der fünf Spiele, das Finale in Wimbledon.

Stan Wawrinka wurde am Freitag gefragt, ob Federer dieser Tage besser denn je spiele. Besser denn je, das sei schwer zu sagen, antwortete er, aber sicher so gut wie seit Jahren nicht mehr. Genau das fanden alle schon vor ein paar Wochen nach des Meisters grandiosem Sieg im Halbfinale von Wimbledon gegen Andy Murray – und am Ende gewann Novak Djokovic den Titel verdient in vier Sätzen.

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+++ New York, den 11.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Für ein Land mit wenig mehr als acht Millionen Einwohnern nehmen sie sich ganz schön viel raus, diese Schweizer. Gegeneinander spielen Roger Federer und Stan Wawrinka diesen Freitag darum, wer danach um den Titel bei den US Open streiten darf. Und als Einzelne verbünden sie sich mit Indien wie Martina Hingis, die mit Leander Paes im Mixedfinale antreten darf, zwei Tage später mit Sania Mirza im Doppel. Und gemessen an dem, was zuletzt zu sehen war, ist nicht ganz ausgeschlossen, dass die Abteilung Tell am Ende mehrere Trophäen schießen wird.

Es war einfach grandios, was Federer und Wawrinka bei ihren Siegen im Viertelfinale zur Aufführung brachten. Wegen einer schlechten Wetterprognose fanden die Spiele nicht wie geplant nacheinander im Arthur Ashe Stadium statt, sondern gleichzeitig, Wawrinka wurde ins Louis Armstrong Stadium umgeleitet. Da wie dort begeisterten sie das Volk, jeder auf seine Art. Federer spielte mit dem Franzosen Richard Gasquet was er wollte und wie er es wollte (6:3, 6:3, 6:1). Das Ganze ähnelte jener kleinen Tanzeinlage, die Entertainer Justin Timberlake und Moderator Jimmy Fallon auf der Tribüne hinlegten – locker aus der Hüfte, perfekt getimt. Mitreißend. Hinreißend. Besser hat Federer nicht oft gespielt, und diese Einschätzung hat nichts mit gutem Erinnerungsvermögen zu tun; viel besser kann man nicht spielen. Er nennt es Spaß-Tennis. Spaß für sich selbst und Spaß für alle, die ihm dabei zusehen.

Beim Sieg von Wawrinka gegen Kevin Anderson (6:4, 6:4, 6:0) ging es etwas handfester zu, aber auch das auf nahezu perfekte Art. Der Westschweizer war vergleichsweise langsam ins Turnier gestartet, aber nun scheint alles wieder in bester Ordnung zu sein. Und er gönnte sich auch eine kleine Ansage an Federer und übernahm beim Return zumindest einmal dessen neuesten Coup, den sogenannten sabR (sneaky attack by Roger), Return mit Anschleichen, sozusagen. Federer nahm es interessiert bis amüsiert zur Kenntnis und beantwortete die Frage, ob das verehrte Publikum nun gegen Wawrinka mehr davon sehen wird, so: „Wir machen nur noch das; kein Ballwechsel wird mehr als drei Schläge haben.“

Sie freuen sich gleichermaßen auf das gemeinsame Spiel. Fünfmal trafen sie sich bisher im Rahmen eines Grand-Slam-Turniers, aber nie zuvor im Halbfinale, womit nur noch eine Stufe übrig bleibt – die höchste. Federer sagt, das sei einfach verrückt aus Schweizer Sicht, so ein Spiel komme ja nicht allzu oft vor. „Wir sollten es auf jeden Fall genießen.“

Die Erinnerung an die letzte gemeinsame Begegnung dürfte Wawrinka beflügeln; im Viertelfinale der French Open hatte er den olympischen Doppelpartner im Juni nicht nur zum ersten Mal im Rahmen eines Grand-Slam-Turniers besiegt, er hatte ihm in drei sehr klaren Sätzen keine Chance gelassen. Ein paar Tage später gewann er bekanntlich den Titel mit einem bombastischen Auftritt gegen Novak Djokovic, und auch deshalb ist die Konstellation vor dem Schweizer Länderspiel in Flushing Meadows höchst interessant.

Lange Zeit blickte Wawrinka ehrfürchtig zum Meister auf, auch noch, nachdem sie zusammen die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen hatten. Er sagt, natürlich spiele er auch jetzt noch nicht auf Federer Niveau. Aber er glaubt festgestellt zu haben: „Inzwischen sind wir beide nervös, wenn wir auf den Platz gehen, früher war ich es nur. Das ist ein großer Unterschied, und der zeigt, dass er weiß, auf welchem Niveau ich spielen kann.“ Seine drei Siege in der Bilanz aus 19 gemeinsamen Spielen holte er alle auf Sand, doch er ist überzeugt davon, dass der Boden bei weitem nicht mehr eine solche Rolle spielt wie früher.

Wie Federer die Sache mit der Nervosität sieht? Anders. „Ich bin eigentlich selten besonders nervös vor einem Spiel. Ich freu mich darauf und hab Respekt, weil Stan inzwischen ein unglaublicher Spieler ist. Er muss nicht mehr beweisen, dass er unter Druck gut Tennis spielen kann“. Daran ist er in gewisser Weise selbst schuld. Wawrinka behauptet, er habe sich auch deshalb so verbessert, weil er immer aufmerksam verfolgt habe, was die Besten – Djokovic, Federer und Nadal – tun. „Ich versuche nicht, dasselbe wie sie zu tun. Ich versuche zu erkennen, wie sie sich verbessern, warum sie so gut spielen können, welche Schläge sie draufhaben und überhaupt.“

Nach den eindrucksvollen Auftritten im Viertelfinale waren die Schweizer jedenfalls bester Stimmung. Federer stand noch eine Weile plaudernd mit Hollywoodstar Bradley Cooper im Gang, und Wawrinka beschenkte die Schweizer Journalisten mit besonderen Schlüsselanhängern – den berühmten Duplikaten der karierten Hose, in der er den Titel in Paris gewann. Die Herren waren in Geberlaune an diesem Tag.

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Foto: Doris Henkel

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+++ New York, den 10.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Als das riesige Stadion in Flushing Meadows vor 18 Jahren eingeweiht wurde, gewann Venus Williams darin den ersten Titel; sie hielt sich im Finale nicht lange mit Martina Hingis auf, die mit dem Tempo und der Dynamik der 17 Jahre alten Amerikanerin überfordert war. Serena, die 15 Monate jüngere Schwester, stieg erst im Jahr danach ein, und was daraus geworden ist, bietet in Hülle und Fülle Stoff für Dokumentationen, Romane, Spielfilme, Serien. So oft ist die Geschichte der Schwestern beschrieben worden, aber was sie wirklich bedeutet, das sah man am Abend dieses Viertelfinales im Williams-Dom.

Der Fernsehsender ESPN ließ in der Sendung mit dem Titel Venus vs. Serena eine Uhr runterlaufen, als stünde eine Landung der Amerikaner auf dem Mars bevor. Und das Volk strömte in Massen herein und füllt die Arena bis unter die Stahlträger der Dachkonstruktion; 23.771 Menschen für zwei Schwestern, dazu jede Menge Prominenz auf der Tribüne. Donald Trump holte sich die üblichen Buhs ab – vielleicht fielen sie diesmal aus guten Gründen noch etwas heftiger aus als sonst -, und in der Loge des amerikanischen Tennis-Verbandes saß eine der einflussreichsten Frauen des Landes, Oprah Winfrey, direkt hinter dem Präsidenten des Internationalen Tennis-Verbandes (ITF), Francesco Ricci-Bitti aus Italien. Der ganze Planet Tennis, so sah es aus, blickte in einer Mischung aus Anerkennung und Bewunderung auf dieses Spiel.

Und es wurde ein richtig gutes Spiel; deutlich besser als die bis dahin letzte Begegnung der beiden Anfang Juli in Wimbledon und auch deutlich besser als fast alle anderen der letzten sechs Jahre. Serena begann, wie schon in der Runde zuvor, höchst konzentriert, und gewann den ersten Satz in einer halben Stunde. Aber Venus hielt schon in diesem ersten Drittel sehenswert mit, und den zweiten Teil dominierte sie, weil Serena auf einmal nervös wurde. In solchen Fällen schreit sie sich gewöhnlich aus der Bredouille, das macht sie gegen die Schwester nur im Notfall, und dieser Notfall trat offensichtlich ein paarmal ein. Die Leute staunten; eine derart enge Auseinandersetzung hatten sie nicht erwartet.

Mit einem frühen Break im dritten Satz riss Serena die Sache an sich, aber bis zum Ende hatte sie alle Hände voll zu tun mit der Schwester, die selbst extrem gut aufschlug und mächtig Tempo machte. Die 27. Aufführung des eindrucksvollsten Duells der Sportwelt endete standesgemäß – mit einem Ass von Serena zum 6:2, 1:6, 6:3. In der Addition aller Punkte hatte sie am Ende genau einen mehr auf dem Konto als Venus.

Aber vergessen wir die Zahlen; der beste Moment des bemerkenswerten Abends hatte damit nichts mehr zu tun. Venus war als Erste am Netz und streckte den Arm mit einem Lächeln, in dem alle Liebe der Welt lag, nach Serena aus. Komm her, Kleines, du hast es hinter dir. Wie schwer Serena an der Last dieses Spiels auf dem Weg zum vielbesungenen Grand Slam getragen hatte, das sah man in dieser langen, wunderbaren Umarmung.

Und man sah es auch eine Stunde später noch, als sie matt und müde in der Pressekonferenz saß. Normalerweise hält sie Hof bei solchen Gelegenheit, aber diesmal keine Spur davon. „Was das Beste am heutigen Match war? Dass es vorbei ist“, sagte sie. Novak Djokovic hatte vor ein paar Tagen gesagt, er wäre mit der Situation überfordert, gegen einen seiner jüngeren Brüder spielen zu müssen. „Hut ab, wie Venus und Serena mit der Situation umgehen. Die jagen sich über den Platz, und hinterher gehen sie zusammen nach Hause, als sei nichts geschehen. Ich könnte das nicht.“

Beim nächsten Schritt der Serena Williams auf dem Weg zum vierten Titel nacheinander in New York, zum vierten Grand-Slam-Titel in diesem Jahr und damit zum Grand Slam werden nicht weniger Ambitionen im Spiel sein, aber vermutlich nicht annähernd so viele Emotionen. Gegnerin wird die Italienerin Roberta Vinci sein, die in vier Spielen mit der Amerikanerin bisher nicht einen Satz gewann. Venus wird sicher das tun, was sie immer macht, wenn sie nicht mehr im Turnier ist und die Schwester spielt – sie wird zuschauen und stolz auf die Kleine sein.

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Foto: Doris Henkel

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+++ New York, den 09.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Es dauerte lange, bis sich Sabine Lisicki wieder aufgerappelt hatte, sehr lange. Nein, sagte sie dann, als sie eine halbe Ewigkeit nach der Niederlage gegen Simona Halep ganz in Schwarz zur Pressekonferenz erschien, sie wolle jetzt keine was-wäre-wenn-gewesen-Theorie aufstellen. Aber genau diese Theorie lag auf dem Tisch, verbunden mit der Frage, wie man ihren Auftritt einschätzen sollte. Schwere Frage. Die Zahl ihrer Chancen hätte genügt, um drei Spiele zu gewinnen, und die Zahl ihrer unerzwungenen Fehler (72) hätte für drei Niederlagen gereicht; vieles in diesem Spiel flog so unkontrolliert durch die Luft wie der große, gelbweiße Sonnenschirm, der ganz oben auf der Tribüne vom Wind fortgeblasen wurde.

Halep, die sonst ein Muster an Konstanz ist und sich selten Aussetzer leistet, fand ebenso wenig wie Lisicki eine sichere Position. Und auch die Zahl der Aufschlagspiele, die sie einander großzügig schenkten, ging weit über das hinaus, was man gewöhnlich sieht. Die Rumänin spielte mit einem massiven Oberschenkel-Verband, Lisicki hatte sich das lädierte linke Knie tapen lassen, aber entscheidend war wohl ein anderes Problem.

Ab Mitte des zweiten Satzes habe sie Krämpfe gehabt, berichtete die Berlinerin, und das sei deshalb besonders ärgerlich und enttäuschend, weil sie ansonsten kein bisschen müde gewesen sei. „Ich musste zwei Spiele mit komplett verkrampften Oberschenkeln machen – da bist du einfach hilflos“. Sie habe alles getan, um sich dagegen zu wehren – Salz zu sich genommen, was gegessen, auch Zucker, aber nichts habe geholfen.

Am Tag vor diesem Spiel hatte Bundestrainerin Barbara Rittner gesagt, es gebe Körper, die seien mehr für Belastungen und Probleme ausgelegt, andere eher weniger, aber soweit sie das sehen könne, versuchten alle deutschen Spielerinnen, das Optimum aus sich herauszuholen. Aber Krämpfe nach wenig mehr als einer Stunde an einem Tag, der zwar hell und heiß, aber keineswegs so schwer wie das Saunawetter der ersten Woche in New York auszuhalten war ? Sie habe sonst nie welche, versicherte Lisicki, „deshalb ärgere ich mich am meisten.“

So wurde der Schlussstrich in der Akte des deutschen Frauentennis bei den US Open gezogen – mit einem Sternchen als Anmerkung, denn Anna-Lena Grönefeld ist im Doppel mit ihrer amerikanischen Partnerin CoCo Vandeweghe noch im Spiel, nächste Station Viertelfinale. Für Sabine Lisicki steht nun erstmal ein Besuch beim Arzt auf dem Programm; sie wird das linke Knie checken lassen, das ihr seit dem Turnier in Cincinnati Sorgen macht.

Zu den positiven Erkenntnissen nach dem letzten Grand-Slam-Turnier anno 2015 gehört auf jeden Fall die Erkenntnis, in der zu Beginn des Jahres aufgenommenen Zusammenarbeit mit ihrem Coach Christopher Kas gut aufgehoben zu sein. Aber wenn sie nicht dafür verantwortlich sein will, dass der arme Kerl irgendwann bei der Arbeit vom Schlag getroffen wird, dann sollte sie beim nächsten Mal nicht ganz so viele Chancen ungenutzt zurückgeben. So viele sind schließlich nicht immer im Angebot.

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Also komm, meinte Brad Gilbert betont jovial, ein bisschen mehr Jubel müssen wir den Leuten schon zeigen. Gilbert war früher ein ziemlich unangenehmer Spieler, weil er die Fähigkeit besaß, die Gegner schlecht aussehen zu lassen; seit vielen Jahren arbeitet er für das amerikanische Fernsehen, und bei den US Open führt er gelegentlich Interviews unmittelbar nach dem Spiel. Vor ihm stand diesmal ein Mann namens Kevin Anderson, verschwitzt und glücklich nach einem Sieg in vier Sätzen gegen den Favoriten Andy Murray. Gilbert fand allerdings, das mit der Freude könne man gar nicht sehen, also rief er schließlich ins Mikrofon: „Zerreiß’ dein Hemd oder mach irgendwas…“ Anderson ging einen Schritt zurück, hob die Hand und sagte: „Danke, Leute.“

Eine Weile später saß er in der Pressekonferenz, die blonden Haare standen ihm wirr vom Kopf, und dass er nervös war sah man daran, wie er die Hände knetete und den Ehering drehte. Wie das halt bei Menschen ist, die eher introvertiert sind und eine Menge Energie in Auftritte stecken müssen, die andere offenbar im Schlaf beherrschen. Doch es gab keinen Zweifel, dass dieser Abend im Leben des in den USA lebenden Südafrikaners in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fiel. Sieben Mal war er in den letzten zweieinhalb Jahren in der vierten Runde eines Grand-Slam-Turner gelandet, sieben Mal hatte er in dieser Runde verloren, zuletzt vor ein paar Wochen in Wimbledon, als er gegen Novak Djokovic eine 2:0-Satzführung nicht nach Hause bringen konnte. In Hollywood werden auch für Nebendarsteller Oscars verliehen, aber Sport ist brutal; da bleibt am Ende meist nur Aufmerksamkeit für die großen Jungs übrig.

Anderson war erst mit 21 beim Profitennis gelandet. Er spielte drei Jahre für die Collegemannschaft der Universität von Illinois; in diesen drei Jahren war er der Beste. Erst danach entschloss er sich zum großen Schritt, aber es dauerte ziemlich lange, bis er Fuß fasste. Der Aufschlag war lange Zeit seine einzige Waffe – keine Überraschung bei einer Körpergröße von zweinulldrei -, der Rest schien Durchschnitt zu sein. Aber vor allem sah es so aus, als habe er in den kniffligen Momenten nicht das Selbstbewusstsein zu einem Spiel auf Augenhöhe.

Um das zu ändern arbeitet er schon seit einer ganzen Weile mit einem Sportpsychologen zusammen. Anderson sagt, speziell auf einem ganz hohen Niveau gehe es um viele Kleinigkeiten, das Ganze sei ein langwieriger Prozess, aber er habe definitiv das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. In Wimbledon im Spiel gegen Djokovic sah man, worum es im Einzelfall geht. Da schlug er zwar zum ersten Mal in seiner Karriere 40 Asse in einem Spiel, aber das reichte am Ende nicht, weil ihm zwei extrem teure Doppelfehler beim Stand von 5:5 im fünften Satz unterliefen; das war´s dann mit seiner Chance, den Titelverteidiger zu besiegen.

Wie schwer es ist, jemanden nach solchen Niederlagen und anderen Niederschlägen wieder aufzurichten, ihm Mut zu machen und das Gefühl zu geben, beim nächsten Mal werde alles besser sein, das hatte Andersons amerikanische Frau Kelsey kürzlich sehr eindrucksvoll in einem Beitrag für eine Webseite beschrieben. Die beiden lernten sich an der Uni in Illinois kennen und sind seit vier Jahren verheiratet. Kelsey Anderson wurde von nach diesem sensiblen Blick hinter die Kulissen von vielen Leuten gelobt, auch von Andy Murray, der ihren Beitrag „fantastisch“ nannte.

Eben jener Murray biss sich diesmal gegen Kelseys Mann die Zähne aus. Er geriet schnell in Rückstand, fluchte wie ein Bierkutscher, regte sich über eine relativ lange Toilettenpause seines Gegners auf und schaffte es einfach nicht, die Stabilität im Spiel seines Gegners zu erschüttern. 25 Asse und weitere 56 so genannte Winner waren zuviel für Murray an diesem Abend in New York, und so landete der spät berufene Kevin Anderson endlich zum ersten Mal in seiner Karriere im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers.

Und jetzt wird die Sache richtig interessant. Gegner an diesem Mittwoch wird Stan Wawrinka sein, und gegen den hat er von vier Spielen in den letzten zwei Jahren kein einziges verloren. Aus der Sicht des Schweizers ist die Geschichte pikant, der wiederum hatte die letzten beiden Spiele gegen Andy Murray gewonnen. Kevin Anderson sieht die Sache jetzt so: „Stan hat solche Situationen inzwischen im Griff; er kennt sich aus. Aber ich weiß, worauf ich mich einstellen muss.“ Dann bedankte er sich für das Interesse, warf einen Blick auf sein Handy, auf dem jede Menge Glückwünsche eingegangen waren, und verabschiedete sich. Es war sein Abend.

Foto: Doris Henkel

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+++ New York, den 08.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Es ist ein ziemlich weiter Weg bis zur obersten Reihe des riesigen Stadions. Bis vor einem Jahr, ohne die Stahlträger für das neue Dach, hatte man das Gefühl, über die Treppen direkt in den Himmel steigen zu können; jetzt fühlt man sich oben nicht mehr ganz so frei. Aber es hat sich nichts daran geändert, dass der Blick von der Aussichtsplattform des Arthur Ashe Stadions hinüber auf die Skyline von Manhattan atemberaubend ist, vor allen Dingen, wenn da drüben abends die Sonne ins Meer der Häusertürme taucht. Was das mit Venus und Serena Williams zu tun hat? Nun, vor dem 27. gemeinsamen Spiel der beiden am Dienstag im Viertelfinale der US Open meinen viele, die Frage über den Ausgang dieser Partie sei in etwa so spannend wie die Ungewissheit, ob am nächsten Abend die Sonne wieder über Manhattan untergehen wird.

Die letzte Niederlage der 15 Monate jüngeren, Serena gegen die zehn Zentimeter größere Venus bei einem der großen vier Turniere liegt rund sieben Jahre zurück; das war im Finale von Wimbledon, als Venus den siebten und bislang letzten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere gewann. Beim Duell Nummer 26 vor ein paar Wochen an gleicher Stelle hatte Serena die Sache sehr eindeutig im Griff gehabt, und nichts anderes erwartet die Tenniswelt auch diesmal.

Denn ist es wirklich vorstellbar, dass Serena ausgerechnet von der eigenen Schwester auf dem Weg zum Grand Slam aufgehalten werden könnte? Das ist eine Frage, die im Hause Williams wenig Gefallen findet. Sie erinnert ein wenig an die alten Vorwürfe aus der Anfangszeit, als Vater Richard Williams, der die Karriere der Töchter schon geplant hatte, als sie noch nicht auf der Welt gewesen waren, bisweilen unterstellt wurde, er habe konkrete Vorstellungen vom Ausgang eines Spiels. Serena versichert, es sei keinesfalls leicht, gegen die Schwester zu gewinnen. „Aus meiner Sicht spiele ich gegen die Beste des Turnier. Sie hat mich so oft besiegt, öfter als jede andere.“

Aber die Tonart hat sich offenbar verändert. Früher, vor allem zu der Zeit zwischen 2002 und 2003, als sie sich innerhalb von 13 Monaten fünfmal im Finale eines Grand-Slam-Turniers begegneten, mochten sie diese Spiele nicht. Einerseits stand zwar immer fest, dass eine aus dem Hause Williams mit dem Titel heimkommen würde. Aber es war eben auch klar, das die zweite, die gegen jede andere Spielerin gute Chancen auf den Sieg gehabt hätte, verlieren würde.

Serena sagt, mittlerweile machten ihr die gemeinsamen Spiele Spaß. „Ich glaube, wir beide wissen die Gelegenheit zu schätzen, und wir sind froh, auf diesem Niveau immer noch dabei zu sein.“

Immer noch dabei zu sein – das ist eine nette Beschreibung der aktuellen Situation; so als würde die Sonne behaupten, sie gäbe sich Mühe, beim Untergang in Manhattan einen passablen Eindruck zu machen. Doch die immer näher rückende Möglichkeit, nächsten Samstag nicht nur den fünften großen Titel in Folge zu gewinnen, sondern auch den echten, den einzigartigen Grand Slam, schien zu Beginn des Turniers wie ein Rucksack auf ihrem breiten Rücken zu drücken.

In der ersten Woche stritt sie im Training mit ihrem Hittingpartner Robbye Pole, schnauzte ihren französischen Coach Patrick Mouratoglou an und wirkte so friedvoll wie eine Kiste Dynamit. Sie behauptet zwar, für sie selbst sei diese ganze Slam-Geschichte nicht mehr so wichtig, seit sie in Wimbledon den vierten Titel in Folge gewonnen habe, wenn auch nicht in einem Kalenderjahr. Aber ob man das das unbedingt glauben muss?

Im Achtelfinale gegen Madison Keys (6:3, 6:3) spielte sie zum ersten Mal während des Turniers wie aus einem Guss. Keys meinte hinterher: „Sie hat so viel Druck gemacht, dass ich immer mehr riskieren musste, als es normalerweise richtig gewesen wäre; ich hatte das Gefühl, wenn ich keinen Winner schlage, dann erwische ich den nächsten Ball nicht mehr.“ Wie es ist, in solchen Momenten auf der anderen Seite des Netzes zu stehen, weiß keine Spielerin besser als Venus Williams.
Die Ältere ist eine stolze, eindrucksvoll in sich ruhende Frau; man würde sie mit der Unterstellung, sie werde der geliebten Schwester auf dem Weg zum Grand Slam ganz gewiss nicht im Wege stehen, heftig beleidigen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dieses Spiel nicht gewinnen wird. Aber nach all den Jahren, in denen zuerst sie große Titel gewann, dann Serena und zwar in einer Menge, die sich vermutlich selbst der große Planer Richard Williams nicht vorstellen konnte, nach all diesen Jahren also sollte man sich nicht vorstellen, dass es eine Familienabsicht für dieses Spiel geben könnte. Nur weil es vielleicht ein wenig wichtiger ist.

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Foto Doris Henkel

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+++ New York, den 07.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Es war ein Abschied, wie ihn der gute, alte Grandstand verdient hatte. Mehr als vierzig Jahre lang gehörte die kleine Arena im Hinterhof des Louis Armstrong Stadiums zu den Lieblingsorten vieler Fans und Tennisspieler. Nun ist ein neuer Grandstand im Bau, aber der alte erlebte noch mal einen denkwürdigen Abend. Am Ende desselben lag Sabine Lisicki schluchzend auf dem Rücken an der Grundlinie, umgehauen von den Gefühlen eines ungewöhnlichen Spiels. Sie hatte sich am Knie behandeln lassen im dritten Satz der bis dahin durchwachsenen Begegnung mit Barbora Strycova, lag danach 1:5 zurück, und es sah so aus, als sei die Angelegenheit so gut wie erledigt. Doch auf einmal knallte sie die Bälle in die Ecken des Feldes, und die Tschechin sah hilflos zu, wie sie einen Punkt nach dem anderen machte, auch den letzten. Das begeisterte Publikum habe ihr die Kraft zum Sieg gegeben (6:4, 4:6, 7:5), meinte Lisicki kurz vor Mitternacht, sichtlich bewegt.

Nach diesem Sieg wird sie als Einzige aus den deutschen Reihen zu Beginn der zweiten Woche im Einzel noch im Spiel sein, im Achtelfinale gegen Simona Halep aus Rumänien. Die anderen werden New York dann verlassen haben, mit höchst unterschiedlichen Niederlagen im Gepäck. Andrea Petkovic verlor nominell gegen die Britin Johanna Konta (6:7, 3:6), aber in erster Linie war es eine heftige Erkältung, an der sie scheiterte. Während des ersten Satzes hielt sie noch halbwegs mit, nach dem verlorenen Tiebreak war der Akku dann allerdings leer. „Ich habe so auf mich acht gegeben vorher und versucht, alles richtig zu machen“, meinte sie, „aber du kannst noch so viel planen: Das Leben zeigt einem einfach manchmal, wer die Oberhand hat.“

Angelique Kerber musste mit der Enttäuschung fertig werden, ein grandioses Spiel trotz einer ebenso grandiosen Leistung in drei Sätzen gegen Wiktoria Asarenka verloren zu haben (5:7, 6:2, 4:6). Viel mehr an Mut, Leidenschaft und Selbstbehauptungswillen lässt sich in kaum unterbringen in einer Partie, die mit Abstand die bisher beste des Turniers war und garantiert auch eine der besten des Jahres; die Leute im Arthur Ashe Stadion rutschten vor Begeisterung fast von den Sitzen. Und die Statistik hinterher fasste die Ereignisse in eindrucksvolle Zahlen. Bei beiden standen erheblich mehr so genannte Winner als Unforced Errors (unerzwungene Fehler) zu Buche, bei Asarenka 51:33, bei Kerber 46:31. Solche Werte sieht man nicht oft. „Ich weiß, dass ich alles getan habe, was ich tun konnte“, sagte Kerber hinterher. Sie war stolz auf sich nach diesem Aufritt, aber vor allem war sie traurig und fertig mit der Welt.

Philipp Kohlschreibers zehnte Niederlage im zehnten Spiel gegen Roger Federer (3:6, 3:6, 4:6) führte nicht zu den ganz großen Emotionen; dazu war die Sache zu eindeutig. Am Ende war Kohlschreiber ziemlich unzufrieden mit sich und gab zu Protokoll: „Er hat mich nicht weggeschossen – ich hab mich selbst aus dem Turnier gekegelt.“ Zumindest knackte er einen Code; in fünf Spielen auf dem Weg zum Turniersieg in Cincinnati im August und auch in den ersten beiden Runden in New York hatte Federer kein einziges Aufschlagspiel verloren – diesmal waren es gleich zwei.

Das war am Ende dennoch zu wenig, und so verabschiedete sich Kohlschreiber eher frustriert. Nächstes Ziel für ihn wird – wie auch für Sascha Zverev, Dustin Brown und Philipp Petzschner – Tampa in Florida sein, wo sich die deutsche Mannschaft in dieser Woche auf das vom 18. bis 20. September in Santo Domingo stattfindende Playoff-Spiel im Davis Cup gegen die Dominikanische Republik vorbereiten wird.

Was es sonst noch gab am Wochenende in Flushing Meadows, nachdem sich die Tennisgemeinde gerade von Rafael Nadals Niederlage gegen den Italiener Fabio Fognini erholt hatte? Der Schweizer Stan Wawrinka beweis im Rahmen seines Sieges beim Demolieren und Zusammenfalten seines Schläger ähnliche Kunstfertigkeit wie bei seiner bewunderten Rückhand, und die Kanadierin Eugenie Bouchard konnte weder im Doppel noch im Mixed spielen, weil sie in der Umkleide ausgerutscht und mit dem Kopf heftig aufgeschlagen war. Und Donald Young, einst hoffnungsvolles Talent der USA, begeistere das Volk mit einem stimmungsvollen Sieg in fünf Sätzen. Auf dem Grandstand; auch das ein passendes Abschiedsgeschenk.

Photo Doris Henkel

Foto Doris Henkel

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+++ New York, den 06.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Die Sache ist wirklich blöd gelaufen. War es nicht ein höchst unfreundliches Los, das Philipp Kohlschreiber und Sascha Zverev schon in der ersten Runde der US Open zusammenführte? Die aktuelle Nummer eins des deutschen Männertennis und jenen jungen Mann, der als potentieller Nachfolger gilt. Auch Michael Kohlmann, der seit einem halben Jahr in seiner alten Rolle als Bundestrainer für den Nachwuchs und in seiner neuen als Teamchef im Davis Cup für die Geschicke des deutschen Männertennis verantwortlich ist, war nicht begeistert von dieser Konstellation. Kohlschreiber gewann bekanntlich, und er war schon in der nächsten Runde allein auf weiter Flur, aber im Shootout zum Auftakt steckten diverse Informationen, die Kohlmann gefielen.

Denn in diesem Spiel wurde wieder mal deutlich, wie groß die Schritte des Teenagers aus Hamburg dieser Tage sind. Vier Monate zuvor hatten Kohlschreiber und Zverev bei den BMW Open in München gegeneinander gespielt, es gab einen deutlichen Sieg in zwei Sätzen für den Routinier. Aber diesmal spielten sie auf Augenhöhe. „Das war das, was die Zukunft von Tennis-Deutschland sein könnte“, sagt Kohlmann, „wenn die beiden ihre Leistung immer wieder abrufen können, können wir uns auf das freuen, was kommt.“

Kohlschreiber, derzeit Nummer 29 der Weltrangliste, ist die Gegenwart, Zverev (82) wird aller Voraussicht nach übernehmen, aber was macht der Rest? „Die Sache ist die“, sagt Kohlmann, „da sind zum einen die älteren Spieler wie Kohlschreiber, Haas, Mayer, Becker, selbst Brown, auch Berrer, die sind irgendwann nicht mehr da. In der Generation, die danach kam mit Struff, Gojowczyk, Bachinger, Brands und Mischa Zverev waren wir nie so breit aufgestellt, wie wie uns das gewünscht hätten. Deshalb müssen wir jetzt verstärkt in die Jugend gehen, und im Endeffekt sind die Übergänge auch schon da. Vor allem wegen Sascha, aber es kommen auch zwei gute 15-Jährige nach mit Rudolf Molleker und Nicola Kuhn.“ Die beiden gehören zum Jahrgang 2000.

Die Basis sei vorhanden, meint Kohlmann, jetzt müssten mit den richtigen Strukturen alle daran arbeiten, die Übergänge schneller zu schaffen. „Wenn man Molleker und Kuhn anschaut, die haben sich dieses Umfeld selbst geschaffen, aber wir müssen es auch vom Deutschen Tennis Bund schaffen, dass unsere Stützpunkte dieses Umfeld so hergeben können. Ich glaube, dass es ein bisschen auch Zeichen ist, dass die Jungs sich anderweitig umgeschaut haben, aber es muss unser Ziel sein, sie nicht nur zurückzuholen, sondern ihnen genau das gleiche anzubieten, dass die sagen: Ja, wir wollen das mit dem Verband machen.“

Letztlich ist die Sache ziemlich klar; der Verband kann Grundlagen schaffen, er kann betreuen und unterstützen, er kann erklären und fördern – aber springen müssen die Jungs selbst. Es ist nicht zu übersehen, wie sehr einer wie Sascha Zverev Niederlagen hasst; dass er danach am liebsten wegrennen und irgendwo drei Stunden trainieren möchte. Und wenn man sieht, welche Rolle eben dieser unbedingte Wille im Spitzentennis spielt, dann erklärt sich der Rest von selbst.

In der kommenden Woche wird der Junior in gewisser Weise Hausherr des deutschen Männertennis sein. Zverev trainiert seit vielen Jahren im Saddlebrook Resort in Tampa/Florida, und in Tampa wird sich die deutsche Mannschaft nun auf das Playoff-Spiel im Davis Cup in der Dominikanischen Republik vom 18. bis 20. September vorbereiten. Da wird es nicht nur darum gehen, das von Kohlmann nominierte Team mit Kohlschreiber, Zverev, Dustin Brown und Philipp Petzschner einzustimmen und auf die Aufgabe sportlich vorzubereiten. Tampa steht in gewisser Weise auch als klimatische Übergangsstation auf dem Programm. In New York war es in der ersten Woche während der US Open an vielen Tagen zwar heiß und schwül, in Santa Domingo wird die Luftfeuchtigkeit aller Voraussicht nach allerdings noch höher sein.

Um das Klima in der Mannschaft mit den Routiniers Kohlschreiber und Petzschner und den Debütanten Zverev und Brown macht sich der Chef keine Sorgen. Es soll ja Zeiten gegeben haben, in denen das gedeihliche Miteinander deutscher Spieler im Davis Cup ein wenig unterentwickelt war, aber Kohlmann ist überzeugt, in der aktuellen Truppe werde es keine Probleme geben. „Ich finde, dass das über die Jahre viel besser geworden ist“, sagt er. „Da muss nicht jeder mit jedem der beste Freund sein, das wird´s auch nie geben. Aber ich glaube, dass Philipp und Sascha sich gut verstehen, weil sie auch viel miteinander trainieren, wie ich das mitkriege. Philipp Petzschner und Kohlschreiber kennen sich von kleinauf, und sich mit Dustin nicht zu verstehen ist schwierig. Bei dem Team, so wie es jetzt ist, hab ich auf jeden Fall ein gutes Gefühl.“

Ist zwar nur eine Momentaufnahme mit dem guten Gefühl im deutschen Männertennis, aber vielleicht ist dieser Eindruck ja ausbaufähig.

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+++ New York, den 05.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Zur mitternächtlichen Stunde verabschiedete sich die Letzte aus Runde zwei. Caroline Wozniacki ging nach drei Sätzen und vier vergebenen Matchbälle gegen die Tschechin Petra Cetkovska, mit völlig durchgeschwitzten Kleidern im Gepäck und mit einer doppelten Portion Frust und Enttäuschung im Kopf. „Es ist einfach Mist, so zu verlieren“, meinte sie hinterher. „Wenn du klar verlierst, ist das zwar auch Mist, aber dann hattest du wenigstens keine Chance.“ Die Dänin, im vergangenen Jahr in New York noch Finalistin gegen Serena Williams, ist die Siebte der ersten 16 gesetzten Spielerinnen, die schon nach zwei Runden nicht mehr im Spiel sind. Und nimmt man dazu Maria Scharapowa, die kurz vor Turnierbeginn verletzt abgesagt hatte, dann ist das die Hälfte der Elite. Es gab mal eine Zeit, in der die Favoritinnen unbehelligt durch die erste Woche eines Grand-Slam-Turniers spazierten, aber inzwischen sieht die Sache anders aus. Keine ist sicher – nirgendwo.

Im Fall von Garbiñe Muguruza, die Mitte Juli noch im Finale von Wimbledon gestanden hatte und in den höchsten Tönen gelobt worden war, hat es vielleicht auch mit der Trennung von ihrem langjährigen Coach zu tun; in der unruhigen Zeit der Veränderung gewann sie seit Wimbledon nur ein einziges Spiel. Aber in diesem Fall lag es vor allem an einer bemerkenswerten Gegnerin aus den hinteren Reihen, der in Australien geborenen Engländerin Johanna Konta. Die behielt in drei Stunden und 23 Minuten im längsten Frauenspiel der US Open seit Einführung des Tiebreaks anno ’70 die Übersicht gegen Muguruza, aber das ist nicht der einzige Hinweis auf Kontas coole Form.

Gemessen an der Zahl der jüngsten Siege ist sie die erfolgreichste Spielerin der Monate Juli und August. Bei Turnieren der ITF-Serie gewann sie in Kanada insgesamt zehn Spiele und zwei Titel, dann gewann sie dreimal in der Qualifikation für die US Open und schließlich zweimal im Hauptfeld. Macht 15, eine stolze Zahl. Eine solche Serie tut dem Selbstvertrauen gut, weshalb die 15 mehr zu bedeuten hat als die Weltranglistenposition (97) von Britanniens Nummer zwei. Aber keine Sorge, sagt sie: „Früher oder später werde ich verlieren. Ich bin nicht unbesiegbar. Ich bin keine Serena Williams.“

Das dürfte Andrea Petkovic ganz recht sein, die an diesem Samstag gegen Johanna Konta spielen wird. Beim Sieg in Runde zwei gegen Jelena Wesnina (6:3, 6:4) löste sie meisten Aufgaben ziemlich souverän.

Um frisch und fit zu sein, hatte sie im Gegensatz zu früheren Jahren in der Woche vor Beginn der US Open bei keinem Turnier gespielt, und wo es geht, versucht sie auch in New York Kräfte zu sparen; bis jetzt scheint die Sache nach Wunsch zu funktionieren.

Auch Angelique Kerber hatte in der Woche vorher nirgendwo gespielt, auch sie war früh nach New York gekommen. Und sie ist dabei, die Sache diesmal etwas lockerer anzugehen. „Ich mach mir keinen Druck mehr“, sagt sie, „nur weil das hier US Open heißt, sind die Bälle nicht größer oder kleiner anderswo. Ich mache ein paar Dinge anders als früher, und ich versuche, die Energie bei mir zu behalten“. Einen Teil davon wird sie im Spiel gegen Wiktoria Asarenka brauchen, gegen die sie sie bisher in vier Versuchen nie gewonnen hat.

Bisher war in diesem Jahr keine deutsche Spielerin in der zweiten Woche eines der große vier Turniere gelandet – Endstation Runde drei. Petkovic sagt: „Angie hat vier Turniere gewonnen, und ich war in der Saison auch gut, aber bei den Grand Slams hat´s gehapert. Darauf wird aber das Augenmerk gerichtet, was ich auch völlig in Ordnung finde; das sind nur mal die wichtigsten Termine.“

Die Chancen stehen theoretisch nicht schlecht zur Kurskorrektur, denn nicht nur Angelique Kerber und Andrea Petkovic werden am Unternehmen Achtelfinale beteiligt sein, sondern auch Sabine Lisicki und Mona Bartel.

Barthel bewies Stehvermögen bei einem schweißtreibenden Sieg in drei Sätzen in Runde zwei, Lisicki gab gegen die Italienerin Camila Giorgi Gas und hielt sich nicht allzu lange in der Sauna von Flushing Meadows auf. Nachdem sie im Sommer bei den Turnieren in Europa auf Sand und Gras aus der Spur geraten war, fühlt sie sich auf den nordamerikanischen Hartplätzen nun wieder wohl.

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Foto Doris Henkel

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+++ New York, den 04.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Ein paar Tage vor seinem letzten großen Tennisspiel schrieb der Amerikaner Mardy Fish einen offenen Brief. „Wir werden im Sport darauf trainiert, mental stark zu sein“, steht darin, „Schande über den, der Schwäche zeigt. Aber ich bin hier, um Schwäche zu zeigen, und ich schäme mich nicht. Ich schreibe das, um den Leuten zu sagen, dass Schwäche in Ordnung ist. Ich bin hier, um zu sagen, das ist normal.“

Es ist, um das Mindeste zu sagen, der bewegende Aufruf eines Spielers, der mit den Ängsten seines Lebens nicht mehr zurecht gekommen war und der fast daran zerbrochen wäre. Fish, 33 Jahre alt und geboren in Edina/Minnesota, hatte im ersten Teil seiner Karriere lange Zeit gedacht, alles sei in Ordnung; Höhepunkt dieses ersten Teils war der Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Bis er mit 27 auf einmal zur Überzeugung gelangte, es sei an der Zeit, einen Gang höher zu schalten, um nicht länger nur ein guter, sondern ein besserer Tennisspieler zu sein. Er stellte seine Ernährung um, nahm fast 15 Kilo ab und stürzte sich mit einer Form von Ehrgeiz in die Arbeit, die er bis dahin an sich nicht gekannt hatte.

Die Ergebnisse schienen ihm recht zu geben. Er gewann gegen Leute wie seinen Freund und Landsmann Andy Roddick, gegen die er zuvor nicht gewonnen hatte, er hielt die härtesten Bedingungen aus, wurde die Nummer eins in den USA und landete schließlich 2011 zum ersten Mal unten den Top Ten des Tennis. Er dachte: Hey, hier bin ich. Und hier bleibe ich. Aber mit dem Erfolg kam auf einmal ein Gefühl, das er bis dahin nicht gekannt hatte – die Angst, doch nicht gut genug zu sein. Und je stärker er versuchte, sich dagegen zu wehren, desto größer wurde diese Angst. Er wachte mitten in der Nacht mit rasendem Herzen auf, und wer das jemals erlebt hat, weiß, dass man in solchen Momenten glaubt, mit einem Bein im Grab zu stehen.

Die Ärzte diagnostizieren Herzrhythmusstörungen, Fish ließ sich behandeln, aber selbst, als das Problem medizinisch gelöst war, kroch ihm die Angst immer wieder ins Herz und in die Seele. Er konnte nicht mehr allein sein, ohne seine Frau traute er sich nirgendwo hin. Er sei vorher ein Mensch gewesen, der gern allein durch die Welt gereist sei, schrieb er in seinem offenen Brief für die Webseite theplayerstribune.com, er habe die Einsamkeit geliebt. „Aber dann brauchte ich immer jemandem in meiner Nähe.“

Die Zeitbombe in seinen Gedanken implodierte in einem Moment, in dem es von außen betrachtet so aussah, als liefe alles nach Plan. Während einer Nightsession bei den US Open 2012 wurde er mitten im Spiel von einer Panikattacke überfallen, dennoch schaffte er es irgendwie, die Partie zu gewinnen. Zwei Tage später saß er im Auto auf dem Weg zu seinem Achtelfinalspiel gegen Roger Federer, als er nichts anderes mehr denken konnte als: Was ist, wenn es heute wieder passiert? Vor all den Leuten! Mitten auf dem Platz!

Seine Frau saß neben ihm. Sie sah ihn an und sagte: Du musst nicht spielen, wenn du nicht kannst. Spiel nicht. SPIEL NICHT! Genau das tat er schließlich auch. Als offizieller Grund für den Rückzug wurde bekannt gegeben, die Ärzte hätten ihm zu einer Vorsichtsmaßnahme geraten, was niemand anzweifelte, denn die Geschichte seiner Herzryhthmusstörungen war bekannt.

Er spielte an diesem Tag nicht und danach mehr als zwei Jahre nicht. Mardy Fish sah der Wahrheit ins Auge. Er versuchte mit der Hilfe von Ärzten und Psychologen herauszufinden, wie er mit seinem Angstsyndrom umgehen konnte, welche Medikation ihm helfen könnte, und er las alles zu diesem Thema, was er in die Hände kriegen konnte. „Es gibt Millionen von Amerikanern, die damit jeden Tag zu tun haben“, sagt er heute. „Es gibt auch Tennisprofis, die damit ein Problem haben. Ich habe mit etlichen gesprochen, die sich aber nicht gut dabei fühlen, darüber öffentlich zu reden. Mir hat es allerdings extrem geholfen. Und jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich meine Geschichte erzählen will, um anderen zu helfen.“

Es gibt Tage, an denen er es schafft, nicht an die Angst zu denken. Und er weiß inzwischen, was er tun muss, wenn die Geister der Vergangenheit wieder erscheinen. Das allein würde schon genügen, um zu sagen, Mardy Fish sei davon gekommen. Aber er schaffte es sogar, einen offiziellen, viel beachteten Schlussstrich unter seine Karriere zu ziehen. Im März beim Turnier in Indian Wells kehrte er nach fast zwei Jahren Pause zurück, um sich auf seine Art vom Tennis verabschieden zu können. Und den Abschied schenkte er sich nun in dieser Woche bei den US Open. In der ersten Runde gewann er sogar noch mal ein Spiel, das 302. seiner Karriere, und in der zweiten Runde gab er alles in fünf höchst ehrenwerten Sätzen gegen Feliciano Lopez aus Spanien. Er hatte Krämpfe am Ende, und er hätte sich gewünscht, die Tasche selbst tragen zu können auf dem Weg zum Ausgang.

Über das Ende steht in seinem Brief, es sei wichtig, dass in seiner Geschichte keine Begriffe aus dem Sport vorkämen. „Ich habe den zweiten Teil meiner Karriere nicht „verzittert“, und ich werde im dritten nicht „gewinnen“. Ich werde nicht mit einer Trophäe im Arm in den Sonnenuntergang reiten.“

Aber das stimmt ja zum Glück nicht. Die Trophäe, die in jede Reisetasche und auch in ein Herz passt, das manchmal wie verrückt rast, ist das Leben selbst. Es gehört ihm wieder, und mehr kann er sich im Moment nicht wünschen.

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+++ New York, den 03.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Die knielange, knallrote Hose klebte an seinen Beinen, und in diesen Beinen steckte nicht mehr viel Kraft. In der letzten Phase eines kräftezehrenden Spiels bei Temperaturen von über 30 Grad und Luftfeuchtigkeit von fast 70 Prozent bewegte sich Alexander Zverev zwischen den Ballwechseln so sparsam wie möglich, um mit den letzten Tropfen Sprit im Tank das Ziel zu erreichen. Der junge Mann aus Hamburg versuchte alles, und er wusste, dass er Chancen hatte, weil es Philipp Kohlschreiber auf der anderen Seite des Netzes kurz vor Schluss nicht besser ging. „Im fünften Satz waren wir beide am Ende“, meinte Zverev hinterher. Er war stolz darauf, fast dreieinhalb Stunden auf hohem Niveau durchgehalten zu haben, aber er fühlte sich ziemlich mies, weil er schließlich doch verloren hatte (7:6, 2:6, 0:6, 6:2, 4:6).

Der Sieger sah die Sache so wie der Besiegte. Das sei wirklich keine leichte Sache unter diesen Bedingungen gewesen, sagte Kohlschreiber. „Wenn es heiß hier ist, dann ist es auch fast immer schwül. Ich hab’ geschwitzt wie ein Schwein“. Nun könnte man einwenden, jeder Profi müsse auf extreme Bedingungen vorbereitet sein, sowohl was die Grundlagen als auch die unmittelbare Vorbereitung betrifft. Schon richtig, entgegnet Kohlschreiber, aber selbst im intensivsten Training könne man die körperliche und geistige Anspannung eines Spiels nicht simulieren. Es bleibt also immer ein Rest, der mit der Tagesform, der Konzentration und der aktuellen Auseinandersetzung zusammenhängt.

Und auch mit einer Konstellation wie in diesem Fall, wenn die langjährige deutsche Nummer eins gegen jenen jungen Mann spielt, der als größte Hoffnung des deutschen Männertennis gilt. „Ich bin heilfroh, diesen Angriff abgewehrt zu haben“, gab Kohlschreiber zu, „Sascha entwickelt sich toll. Irgendwann wird er sicher an mir vorbei ziehen.“ Vermutlich werden sich die beiden in nicht allzu ferner Zeit bereits wiedersehen, diesmal gewissermaßen auf einer Seite des Netzes; es spricht vieles dafür, dass sie beim Playoff-Spiel im Davis Cup in der Dominikanischen Republik in gut zwei Wochen in den Einzeln spielen werden.

In Santo Domingo werden die Bedingungen denen der ersten Tage der US Open vermutlich ähneln. Viele Spieler finden, in der Sauna von Flushing Meadows nicht schlapp zu machen sei schwieriger als in Australien bei trockener Wüstenhitze von 42 Grad, und dafür spricht eine bemerkenswerte Zahl. Zehn Männer und zwei Frauen gaben diesmal in der ersten Runde der US Open auf, so viele wie nie zuvor. Zum Glück sah die Sache nicht bei allen so schlimm aus wie bei Thanasi Kokkinakis, der auf dem Platz neben Kohlschreiber und Zverev spielte, auch er in klatschnasser, knielanger, knallroter Hose. Von Krämpfen im Arm und in den Waden geplagt, konnte der junge Australier in der letzten Phase des Spiels kaum noch gehen, und während der Seitenwechsel blieb er stehen, weil er befürchtete, dass die Krämpfe im Sitzen noch schlimmer werden würden. Am Ende blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem Gegner Richard Gasquet zu signalisieren, dass es das gewesen sei.

Das Frustrierende, berichtete er eine große, schattige Weile später, sei, dass er sich bis zu den Krämpfen gut gefühlt und sich gute Chancen ausgerechnet habe. Aber dann – es sei einfach ein Disaster gewesen.

Aber nicht alle Aufgaben hatten mit der traditionellen New Yorker Spätsommerhitze zu tun. Viele Spieler gingen schon angeschlagen auf den Platz und erreichten das Ziel am Ende nicht. Am auffälligsten war Dilemma bei der Russin Witalia Diatschenko, die beim kurzen Auftritt gegen Serena Williams beim Aufschlag kaum den Ball übers Netz brachte und in acht Spielen nicht mehr als fünf Punkte machte.

Nun kann man sich natürlich fragen, ob es in Ordnung ist, einem/einer gesunden Ersatzmann/Ersatzfrau den Platz wegzunehmen, obwohl man doch ziemlich sicher weiß, dass es keine realistische Chance gibt, das Spiel durchzustehen. Aber das ist für viele aus den hinteren Regionen der Weltrangliste keine leichte Entscheidung, wenn das Preisgeld für die erste Runde wie in diesem Fall 39.500 $ beträgt. „Das ist so viel wie ein halbes Jahr Sponsoring“, sagt Sabine Lisicki, die ebenso in der zweiten Runde landete wie Angelique Kerber, Andrea Petkovic und Mona Barthel. „Da kann man das schon verstehen. Aber vielleicht wollte sie (Diatschenko) auch einfach spielen. Auf so einem großen Platz gegen Serena Williams – das erlebt man ja nicht jeden Tag.“ Alles nicht so einfach; wie bei vielen Dingen im Leben gibt´s Gründe dafür und dagegen.

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+++ New York, den 02.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Als Tommy Haas 1996 zum ersten Mal bei den US Open spielte, hatte Novak Djokovic die Grundschule noch nicht hinter sich, und der spanische Knabe Rafael Nadal trug Bubifrisur mit Pony. Auch das Turnier sah damals anders aus – es wurde noch am Arthur Ashe Stadion mit seinen mehr als 20.000 Sitzplätzen gebaut, erst im Jahr danach wurde die riesige Schüssel eingeweiht. Auch diesmal wird sozusagen auf der Baustelle gespielt; die Stahlträger des neuen Daches über der größten Arena des Tennis sind verschraubt, der Rest wird im kommenden Jahr in voller Schönheit zu besichtigen sein.

Ob Haas dann noch mal spielen wird? Gemessen an seiner Leistung in dreieinhalb von fünf Sätzen gegen Fernando Verdasco (6:3, 1:6, 7:6, 3:6, 1:6) könnte man sagen: Warum nicht? Er wirkte zwar manchmal ein wenig ungeduldig, aber das kennt man ja. In vielen Ballwechseln sah man keinen Unterschied zwischen der Nummer 42 der aktuellen Rangliste aus Spanien und der Nummer 506. Haas meinte hinterher, nach zwei Stunden sei seine Schulter sehr, sehr müde gewesen, und dann gehe halt nichts mehr. Er habe dann nicht das Gefühl, die Schulter fliege raus wie im vergangenen Jahr bei den letzten Auftritten vor dem Eingriff, er habe auch keine Schmerzen. „Aber der Ablauf ist dann einfach nicht mehr so, wie er sein sollte.“

Mehr als ein Jahr, zwischen Juni 2014 und Juli 2015, hatte Haas nach seiner vierten Schulteroperation pausiert. Vorher hatte er immer gesagt, bei einem weiteren Eingriff sei es das für ihn gewesen mit dem Tennis, nochmal wolle er sich die in jeder Hinsicht schmerzhafte Zeit der Reha nicht zumuten. Doch dann quälte er sich doch noch mal durch diese schwere Zeit; er erklärte seinen Sinneswandel damit, dass er sich von einer Verletzung vorschreiben lassen wolle, wann es an der Zeit sein sollte, seine Karriere zu beenden.

Seit seiner Rückkehr vor zehn Wochen beim MercedesCup in Stuttgart spielte er bei sieben Turnieren, darunter in Wimbledon, und gewann dabei insgesamt vier Spiele. Er erlebte dabei fast überall dasselbe: Dauerten die Spiele zu lange, ließ die Qualität seines Aufschlags mit der müden Schulter drastisch nach, und im Männertennis gibt es mit einem schwachen Aufschlag nicht viel zu erben.

„Möglich, dass es mein letztes Match hier war“, sagt er. „Natürlich wäre es toll, nächstes Jahr noch mal dabei zu sein, aber das ist ein weiter Weg. Jeder muss selbst wissen, wann es Zeit ist zu gehen. Aber falls es mein letztes Match bei den US Open war, dann kann ich damit leben. Ich bin zufrieden.“

Nach dem aktuellen Stand der Dinge hat er vor, noch rund ein halbes Jahr bei Turnieren zu spielen, die ihn interessieren, in Deutschland, aber sicher auch in Wimbledon. Eine Weile lang wird ihm das so genannte Protected Ranking dabei helfen, trotz seiner Weltranglisten-Position in den Hauptfeldern der großen Turniere zu landen. Dieses geschützte Position wurde für Spieler mit einer mindestens sechs Monate dauernden Verletzungspause eingerichtet, um ihnen den Weg zurück zur alten Klasse zu ebnen. Es gilt neun Monate nach dem Wiedereinstieg oder für neun Turniere, je nachdem, welcher Wert früher erreicht ist. „Wenn das Protected Ranking abgelaufen ist, dann habe ich sicher keine Lust mehr auf Challenger oder Quali“, sagt Haas.

Mit anderen Worten: Der noch vor ihm liegende Weg wird kein allzu langer sein. Unter Umständen wird er vielleicht schon früher eine Entscheidung treffen. Haas’ Lebensgefährtin Sara Foster ist schwanger, das zweite gemeinsame Kind nach der knapp fünf Jahre alten Tochter Valentina wird im November erwartet. Und er weiß, dass das alles ändern könnte. „Im Moment sagt die Birne: Noch nicht. Es ist noch zu früh, den Schläger an den Nagel zu hängen. Aber vielleicht wache ich in drei Monaten auf, habe ein neues Kind zuhause und habe keinen Bock mehr auf Tennis.“

Sollte der Auftritt auf Court No.5 gegen Fernando Verdasco also 19 Jahre nach dem ersten gegen Michael Stich die Abschiedsvorstellung jenes Mannes bei den US Open gewesen sein, den die Amerikaner immer auch als einen der Ihren betrachtet hatten, dann stimmte in jedem Fall die Form – fünf Sätze, das ganze, hochdosierte Programm wie in insgesamt 15 von 51 Spielen. „Da waren viele Sachen dabei, an die ich mich gern erinnere“, sagt er. „Es war ein Privileg, hier 17 Mal spielen zu dürfen.“ Hätte man ihm 1996 prophezeit, dass er so oft wiederkommen würde, öfter als jeder andere seiner Generation, er hätte es vermutlich nicht geglaubt; als Teenager denkt man nicht in solchen Dimensionen. Jetzt braucht er keine Beweise mehr, sondern nur noch ein glückliches Händchen bei der Wahl des richtigen Moments.

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+++ New York, den 01.09.2015 +++

Von Doris Henkel

Wie macht man sich im Sport nachhaltig einen Namen? Indem man jede Menge Titel sammelt und mehr gewinnt als andere, beispielsweise. Aber Ruhm ist vergänglich, und deshalb ist die wahre Unsterblichkeit Menschen mit Visionen vorbehalten. Eiskunstläufer kennen den Rittberger, obwohl der Mann, der den Sprung erfand, schon lange nicht mehr lebt; Turner üben immer noch die Stalder-Grätsche, Mr. Fosbury sprang rückwärts über die Hochsprung-Latte und erfand den Fosbury-Flop. Und nun ist Herr Federer dabei, sich zu verewigen. Seit er wie kürzlich beim Turnier in Cincinnati gegnerische Aufschläge mit schleichender List entschärft – er geht dem Ball bisweilen extrem weit entgegen und spielt ihn als frechen Halbvolley zurück – staunt die Welt des Tennis mal wieder. Und sie denkt darüber nach, wie man diese ganz spezielle Art des Returns nennen könnte. Manche meinten, man solle doch einfach bei dem Namen bleiben, der ja ohnehin als Markenzeichen gilt – Federer.

Damit könne er leben, meinte der Meister dieser Tage in New York. Er berichtete, die ganze Geschichte sei im Training aus Spaß entstanden; er habe den Schlag wieder und wieder probiert, und so sei er schließlich im Spiel gelandet, auch beim Sieg im Finale gegen Novak Djokovic in Cincinnati. Aber es war ja mehr als das. Während der ganzen Woche spielte und gewann er so überzeugend, dass nun wieder die These die Runde macht, er sei nie besser gewesen. Wie er die Sache sieht? Federer sagt, die Gegenwart sei nicht leicht mit der Vergangenheit zur vergleichen, weil sich grundsätzlich vieles verändert habe. Aber sein Spiel laufe generell bestens, und mit der Rückhand sei er besonders zufrieden, die sei dank des größeren Schlägerkopfes definitiv besser als früher.

Die Spiele und Siege in Cincinnati, darunter auch gegen Andy Murray, taten ihm gut nach der Sommerpause. Aber nun will er sich bemühen, in New York in die Realität zurückzukehren. Dafür sorgt allein schon die Auslosung. Als er neulich kurz nach einem gemeinsamen Training mit dem starken Argentinier Leonardo Mayer erfuhr, dass er in der ersten Runde am Dienstag eben gegen jenen Mayer spielen muss, da war er fast geschockt, dass der nicht zu den Gesetzten gehöre. „Das“, findet er, „ist eine echte Herausforderung.“ Im vergangenen Jahr beim Masters-1000-Turnier in Schanghai hatte Federer nur mit einer guten Portion Glück gegen Mayer gewonnen. Fest steht aber auch, dass er schon lange nicht mehr mit einer so guten Bilanz beim letzten Grand-Slam-Turnier in New York angekommen war. Fünf Titel gewann er bisher in diesem Jahr – das sind so viele wie im ganzen Jahr 2014 und fünfmal so viele wie 2013.

Was von den anderen üblichen Verdächtigen dieser Tage zu halten ist? Novak Djokovic gewann bekanntlich im Juli den dritten Titel in Wimbledon, aber danach verlor er in Montreal gegen Andy Murray und in Cincinnati gegen Federer. Rafael Nadal, der in Wimbledon gegen Dustin Brown verloren hatte, gewann zwar danach in Hamburg bei den German Open den Titel, überzeugte aber bei den Turnieren in Nordamerika bisher nicht. Doch er behauptet, er habe endlich wieder das richtige Gefühl im Spiel, sein Niveau sei fast wieder so gut wie früher. Ob das stimmt, wird sich zeigen.

Es gab mal eine Zeit, in der es so ausgesehen hatte, als könne der Kollege Federer bei den US Open einfach nichts falsch machen; zwischen 2004 und 2008 verlor er kein einziges Spiel. Er sagt: „Ich hatte gehofft, dieser Lauf könnte unendlich sein, und ich war auch nah dran. Aber nah dran ist nicht gut genug“. 2009 verlor er im Finale gegen Juan Martin del Potro, seither schied er in jedem Jahr vor dem letzten Spiel des Turniers aus.

Die Diskussion über die Aussichten und Möglichkeiten des Roger F. im Herbst seiner Karriere flammen immer wieder auf, aber mindestens einer hat damit nichts im Sinn. Als es im Sommer um die Frage ging, ob er Federer nach wie vor zutraue, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, da sagte der Schwede Mats Wilander dem Fernsehsender ESPN: „Das ist mir so was von egal. Und die Leute sollten sich keine Gedanken darüber machen, weil Federer sich ja auch keine Gedanken darüber macht. Der spielt, weil es ihm Spaß macht. Wenn er noch einen Grand-Slam-Titel gewinnt – super. Wenn nicht – auch super.“

Hört sich entspannt an. Vielleicht ist es diese Art von Stimmung, in der einer auf den Platz geht und im Training Sachen ausprobiert, über die andere dann staunen und schwärmen. Vielleicht. Kann aber auch sein, dass einer, der in seiner Karriere alles versucht hat, um das perfekte Spiel zu entwickeln, kein bisschen weniger ehrgeizig ist als vor zehn Jahren und deshalb Dinge erfindet, für die andere dann einen Namen suchen.

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+++ New York, den 31.08.2015 +++

Von Doris Henkel

Bei Dingen, die ihm wichtig sind, kann er extrem pingelig sein. Nein, versicherte Rafael Nadal zweimal, er habe sich nicht geweigert, neulich bei einem Wohltätigkeitsturnier von John McEnroe mit dem Australier Nick Kyrgios zu spielen. Es sei von Anfang nur ein Einzel geplant gewesen, niemand habe ihn je gefragt, ob er mit oder gegen Kyrgios Doppel spielen wolle. McEnroe selbst hatte sich schließlich als Partner aufgestellt, aber es ist nicht überliefert, ob Feuerlöscher am Spielfeldrand standen. Ob minus mal minus auch in solchen Fällen plus ergibt?

Die Causa Kyrgios ist bekannt. Beim Rogers Cup in Montreal hatte der junge Australier Mitte August dem Schweizer Stan Wawrinka während eines Seitenwechsels mitgeteilt: „Kokkinakis hat mit deiner Freundin geschlafen, sorry, dass ich dir das sagen muss, Junge.“ Wawrinka hatte während des Spiels nichts von diesem Angriff mitbekommen, aber Mikrofone am Platz hatten alles aufgefangen. In einem einzigen Satz hatte Kyrgios gleich drei Leute bloßgestellt: Landsmann Thanasi Kokkinakis, der einer seiner besten Freunde ist, Wawrinka und dessen junge kroatische Freundin und Kollegin Donna Vekic.

Der Schweizer war außer sich, und auch die Kollegen fanden, Kyrgios habe ganz eindeutig eine Grenze überschritten. Noch während des Turniers wurde er zu einer Geldstrafe von 10.000 $ verdonnert, in der vergangenen Woche bekam er von der Vereinigung der Tennisprofis (ATP) weitere 25.000 $ Strafe aufgebrummt, zusätzlich eine Sperre von 28 Tagen, die aber gewissermaßen zur Bewährung ausgesetzt ist. Sie tritt nur dann in Kraft, sollte er innerhalb der nächsten sechs Monate mit weiteren Geldstrafen von 5000 $ oder mehr bedacht werden.

Was das betrifft, kann ihm bei den US Open, die an diesem Montag in New York beginnen, nichts passieren; die Bewährung bezieht sich nur auf ATP-Turniere, nicht auf Grand-Slam-Turniere und auch nicht auf den Davis Cup. Aber das macht keinen großen Unterschied, denn zur Zeit hat der junge Mann aus Canberra nicht allzu viele Freunde. Es ist bemerkenswert, wie die Dinge in relativ kurzer Zeit aus dem Ruder gelaufen sind. Im Sommer 2014 konnte Kyrgios nach seinem Sieg gegen Rafael Nadal überall hören und lesen, das Männertennis brauche unangepasste, extrovertierte Typen wie ihn, die Zukunft sei bei ihm in besten Händen.

Selbst Australiens Premierminister Tony Abbott meldete sich und sagte, das Land sei mächtig stolz auf ihn. Ein Jahr später drehte sich der Wind. Im Spiel gegen den Franzosen Richard Gasquet vor ein paar Wochen in Wimbledon gab es eine Phase, in der Kyrgios deutlich sichtbar ein Spiel abschenkte. Hinterher bemühte er sich zwar nach Kräften, wenn auch unter Einsatz diverser Flüche, aber er verlor die Partie und wurde heftig kritisiert. Eine derjenigen, die am lautesten schimpften, war die ehemalige australische Schwimm-Olympiasiegerin Dawn Fraser, 77. Wenn es Kyrgios und Kollege Bernard Tomic, auch ein böser Bube, nicht schafften, ein besseres Beispiel zu geben, dann sollten sie doch besser dorthin zurückkehren, woher ihre Eltern einst gekommen seien, teilte sie mit. Das sei unverhohlener Rassismus, fand Kyrgios, dessen Mutter aus Malaysia und dessen Vater aus Griechenland stammt. Dawn Frasers lauwarme Entschuldigung verpuffte; die streitbare Lady habe wohl die eigene Geschichte vergessen, meinten viele. Weil sie während der Olympischen Spiele 1964 in Tokio vor dem Kaiser-Palast eine Flagge vom Mast gestohlen hatte, war sie für zehn Jahre gesperrt worden.

Aber zurück in die Gegenwart. Stan Wawrinka und Donna Vekic finden, Kyrgios habe sich bis heute nicht anständig für die Unverschämtheit von Montreal entschuldigt – der Australier sagt, das habe er sehr wohl getan und für ihn sei die Sache jetzt erledigt. Im ersten ausführlichen Interview nach der ganzen Angelegenheit mit der englischen Zeitung The Guardian meinte er dieser Tage, die Strafe sei fair und gehe aus seiner Sicht in Ordnung, er habe seine Lektion definitiv gelernt. Aber er sagte auch: „Natürlich würde ich das alles nicht wieder machen, aber ich kann nicht behaupten, dass mir das peinlich ist.“

Manche finden, es könne nicht schaden, ihm mal so richtig die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Aber zumindest einer plädiert für Milde und Verständnis – jener Mann, gegen den der böse Bube Dienstag in der ersten Runde der US Open spielen wird, Andy Murray. Der sagt: „Ich glaube nicht, dass er ein schlechter Junge ist. Er muss nur ein paar Sachen lernen, und dann wird alles in Ordnung sein.“ Bisher hatte Kyrgios in drei Spielen gegen Murray kein Land gesehen, und vielleicht will er deshalb nun in drei Wettbewerben sein Glück versuchen. Im Mixed wird er mit der in letzter Zeit weitgehend erfolglosen Kanadierin Eugenie Bouchard antreten, im Doppel mit Kumpel Thanasi Kokkinakis. Zumindest in dieser Beziehung scheint wieder alles in Ordnung zu sein.

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+++ New York, den 30.08.2015 +++

Von Doris Henkel

Manchmal sind Skepsis und Zweifel die beste Motivation. Du denkst, das kann ich nicht? Wirst schon sehen! In der Karriere von Serena Williams gab es genügend solcher Momente; je größer der Widerstand, desto größer die Lust, Grenzen zu überwinden. Als sie vor 16 Jahren in New York ihren ersten Titel bei den US Open gewann, der auch ihr erster Titel bei einem Grand-Slam-Turnier war, da sagte sie: „Niemals werde ich aufgeben. Niemals. Aufzugeben hat man mir nicht beigebracht.“ Sie war knapp 18, trug bunte Perlen im streng geflochtenen Haar, hatte die Figur eines Footballspielers und rauschte mit dem Tempo und der umwerfenden Kraft eines Wirbelsturms durch das Turnier. Selten habe es einen Sieg gegeben, der so viel in Gang setzen könne, hieß es damals, und rückblickend betrachtet muss man sagen, dass die Prognose ein Volltreffer war.

Doch 16 Jahre nach diesem ersten Sieg wird sie nun ohne die Motivation des Widerstandes auskommen müssen; die meisten Kollegen und Beobachter sind diesmal ohnehin auf ihrer Seite. Denn die Sache ist klar: Gewinnt Williams am Samstag kommender Woche in New York den Titel, dann hat sie als vierte Frau in der Geschichte des Tennis den Grand Slam im Kasten. Das schafften bisher nur Maureen Connolly aus den USA (1953), die Australierin Margaret Smith Court (1970) und zuletzt Steffi Graf (1988), bei den Männern Don Budge aus den USA (1938) und zweimal der Australier Rod Laver (1962 und 1969).

Als Novak Djokovic und Roger Federer am Wochenende gefragt wurden, ob sie den Weg der Kollegin dieser Tage mit ähnlich großem Interesse verfolgten wie der Rest der Tenniswelt, da machten sie in unterschiedlichen Worten die gleiche Ansage. „Natürlich verfolge ich das“, sagte Djokovic. „Ich schicke ihr positive Schwingungen, und ich hoffe, dass sie es schafft.“ Federer schloss sich der Hoffnung an und meinte darüber hinaus, solche Gelegenheiten bekomme man nicht allzu oft in einer Karriere. Er selbst gewann in den Jahren ’04, ’06 und ’07 drei der vier großen Titel, Djokovic kam 2011 auf dem gleichen Niveau an, beiden fehlte in diesen Jahren der der Coup in Paris.

Erstaunlicherweise findet Federer, der sich meist als Traditionalist zu erkennen gibt, der so genannte Serena-Slam der Kollegin sei ebenso viel wert wie der offizielle Grand Slam, bei den die vier Titel innerhalb eines Kalenderjahres gewonnen werden müssen. Der Titel in Wimbledon, den Williams vor ein paar Wochen gewann, war die Nummer vier jener Serie, die vor einem Jahr in New York begonnen hatte, dasselbe in etwas anderer Verteilung schaffte sie zwischen den French Open 2002 und den Australian Open 2003.

Einerseits fällt es schwer sich vorzustellen, dass die Sache ausgerechnet im National Tennis Center der USA schiefgehen könnte; Williams’ letzte Niederlage in New York stammt aus dem Finale des Jahres 2011 gegen Sam Stosur aus Australien. Von 50 Spielen 2015 verlor sie genau zwei, in Madrid gegen Petra Kvitova und kürzlich in Toronto gegen Belinda Bencic. Aber in der Auslosung des Turniers stecken ein paar knifflige Aufgaben für die große Favoritin; in ihrem Viertel des Tableaus schwirren unter anderem Sloane Stephens, Madison Keys, Bencic und Karolina Pliskova umher. Und vor allem: Wie soll sie es schaffen, die Augen zu verschließen, die Ohren auf Durchzug zu stellen und so zu tun, als gebe es das ganze Gerede vom Grand Slam nicht, obwohl es doch das Hauptthema des Turniers ist.

Aber nun – drei, zwei, eins, ab geht die Post. Den ersten Schritt auf dem Weg zum Mount Everest des Tennis will Serena Williams in der ersten night session des Turniers an diesem Montag gegen die Russin Witalija Diatschenko machen. Die Amerikaner sind ja nahezu besessen von der Steigerungsform „best ever“; mit diesem Begriff wird Williams seit mehr als einem Jahr beinahe täglich konfrontiert. Als sie vor ein paar Tagen wieder mal gefragt wurde, ob sie sich in dieser Rolle sehe, da meinte sie: „Nein. Ich kann nicht hier sitzen und so was behaupten. Aber ich kann hier sitzen und sagen, dass ich die beste Spielerin bin, die ich sein kann.“ Dabei wird es auch bleiben, sollte sie in knapp zwei Wochen nicht mit dem Pokal in den Händen auf dem grünen Boden des Arthur Ashe Stadiums stehen. Das Versprechen aus dem Jahr 1999 hat sie längst, längst, längst eingelöst.

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Rückblick US Open 2014

+++ New York, den 10.09.2014 +++

Von Doris Henkel

Der erste Termin am Morgen nach dem Triumph stand für 9.40 Uhr auf dem Programm. In der guten, alten Zeit gab es keine Grenzen für die Feierlaune der Champions, heutzutage ist alles straff strukturiert, und so ist der Tag danach manchmal anstrengender als der große Tag selbst. Lag es daran, dass sich der Sieger zwei Stunden nach seinem Meisterstück bei den US Open bereits Sorgen machte, oder drückte ihn der Verdacht, beim Umtrunk mit Goran Ivanisevic mithalten zu müssen, seinem Coach? „Ich hoffe“, meinte Marin Cilic, als der Pokal neben ihm stand, „es wird nicht Hangover 4.“

Es wäre wirklich schade, wenn er zu viele Einzelheiten der letzten Stunden der US Open 2014 vergessen würde, in denen er durch das Finale gegen Kei Nishikori flog (6:3, 6:3, 6:3) und so zwingend, so dynamisch und so selbstverständlich souverän gewann wie seit zehn Jahren kein Sieger bei diesem Turnier. Für den neuen Helden Japans blieb am Ende zumindest die Erkenntnis, in der Welt des Tennis nun eine andere Rolle zu spielen als zuvor, für Cilic gab´s den ganzen Lohn.

Natürlich steht wie in vielen Fällen auch in diesem eine Geschichte hinter der Geschichte. Als der diesmal verletzte Rafael Nadal vor einem Jahr die US Open gewann, steckte Cilic mitten in der schwersten Phase seiner Karriere. Nach den BMW Open in München im Mai waren bei seiner Urinprobe Spuren des verbotenen Psychostimulans´ Nikethamid gefunden worden, doch die zunächst vom Internationalen Tennis-Verband (ITF) ausgesprochene Sperre von zwei Jahren wurde nach dem Einspruch des Kroaten auf vier Monate reduziert. Cilic hatte vorgetragen, die Substanz unabsichtlich in einer Glukosetablette zu sich genommen zu haben.

Die Sperre lief im Oktober ab, kurz davor hatte Goran Ivanisevic, Wimbledonsieger des Jahres 2001, den Job als Coach übernommen. Er hatte die Entwicklung des Landsmannes immer begleitet, hatte ihm auch seinen ehemaligen Coach Bob Brett vorgestellt und als Coach vermittelt. Aber am Ende mochte Brett nicht mehr so viel reisen, also übernahm er den Job, aus Freundschaft und aus Überzeugung.

Er stellte vieles um, unter anderem den Aufschlag des Partners. In einem Interview mit der französischen Sportzeitung L’Équipe erklärte er im Frühjahr, was er im Sinn hatte. „Ich fand, dass sein Aufschlag für einen Mann seiner Größe (1,98) bei weitem nicht gut genug ist, und ich wollte, dass er generell aggressiver spielt. Ich hab ihm gesagt: Junge, wenn du einen Ferrari hast, den aber nur samstags aus der Garage fährst, dann verkaufst du ihn besser. Du brauchst was Großes, um ein Top-Spieler zu sein.“

Cilic sagt, es sei nicht leicht gewesen, grundlegende Dinge seines Spiels zu ändern, aber die größte Veränderung fand wohl woanders statt. Er selbst ist ein ruhiger, eher nachdenklicher Typ; in gewisser Weise ähnelt er Stan Wawrinka, der zu Beginn des Jahres mit dem Sieg bei den Australian Open gezeigt hatte, dass die scheinbar festgefügte Hierarchie im Männertennis zu brechen ist. Goran Ivanisevic ist in vielerlei Hinsicht eher das Gegenteil, ein bisschen verrückt, nie um einen Gag verlegen, in jeder Hinsicht und Lebenslage offensiv.

Wer erinnert sich nicht an die vielen wunderbaren Episoden seiner Karriere? An das das Triptychon mit den Gorans – dem guten, dem bösen und dem Rettungssanitäter gleichen Namens. Oder an das Geständnis auf dem Weg zum Wimbledonsieg, jeden Tag im Fernsehen die Teletubbies anzuschauen. Oder an den Striptease und den Sprung ins Wasser beim triumphalen Empfang in der Heimat nach der Rückkehr aus Wimbledon.

Cilic sagt: „Wir haben hart gearbeitet, aber das Wichtigste war die Freude am Tennis, die er mir gebracht hat.“ Er ist heute entspannter als je zuvor, und in dieser neuen Haltung wuchs sein Selbstvertrauen wie ein Baum auf einer Wiese voller bunter Blumen.

Nach dem perfekten Spiel im Halbfinale und dem verblüffend deutlichen Sieg gegen Roger Federer war es nicht die Frage, ob er für den ersten Grand-Slam-Titel reif sei, sondern vielmehr die, ob er es schaffen würde, innerhalb kurzer Zeit ein zweites annähernd so gutes Spiel aus dem Hut zu zaubern.

Auch er wirkte am Anfang, als das riesige Stadion nicht mal zur Hälfte gefüllt war, nervös. Aber im Gegensatz zu Nishikori, der sich nie befreien konnte, fing er sich schnell. Mit seinen extrem flachen, kräftigen Grundschlägen dominierte er die wenigen langen Ballwechsel ebenso wie viele kurze, das alles auf der Basis des runderneuerten Aufschlags. In einem Spiel Mitte des zweiten Satzes, als sich die Ränge fast gefüllt hatten, drosch er dem Japaner vier Asse ins Feld, drehte sich danach sichtlich zufrieden zu Ivanisevic um, der begeistert aufgesprungen war.

Der unrasierte Spieler grüßte den unrasierten Coach, und irgendwie fiel einem in diesem Moment das alte Seemannslied von den Männern mit Bärten ein. Die Kaperfahrt endete mit reicher Beute, schnell und umstandslos. Es kann halt nie schaden, mit einem seetüchtigen Steuermann unterwegs zu sein.

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+++ New York, den 09.09.2014 +++

Von Doris Henkel

Manchmal gehen Dinge schief, die sonst immer funktionieren. Mike Bryan nahm Anlauf und sprang in der Annahme ab, sein Bruder Bob würde wie immer das Gleiche tun. Normalerweise rumpeln die beiden beim berühmten chest bump in der Luft zusammen, Brustkorb an Brustkorb. Aber aus Gründen, die er selbst nicht wusste, kam Bob diesmal nicht vom Boden weg, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als Mike mit ausgetreckten Armen in einer Hebefigur über sich zu halten. „Ich glaub nicht, dass wir jemals so einen Dirty-Dancing-Schwan hingelegt haben“, meine Mike, Bob sah ihn an und säuselte: „Du warst leicht wie eine Feder; ich hätte dich den ganzen Tag da oben halten können.“

Es war ein kleiner Moment der Asynchronität in zwei ansonsten perfekt aufeinander abgestimmten Leben. Sonntag gewannen die kalifornischen Zwillinge Bob und Mike Bryan den 100. Titel ihrer Karriere, der auch ihr 16. Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier und der fünfte bei den US Open war. Der erfolgreichste Einzelspieler, gemessen an der Zahl der Titel, ist Jimmy Connors (109), den werden sie sicher noch einholen, und im Doppel gibt es in der Geschichte des Tennis ohnehin kein erfolgreicheres Paar. Der Jubiläumstitel hatte sich eine Weile angekündigt, aber als es nun so weit war, fanden beide, das sei besser, als sie sich das jemals vorgestellt hätten; sie beschrieben ihre Gemütsverfassung als eine Mischung aus Erleichterung und Ekstase.

Mike und der zwei Minuten jüngere Zwillingsbruder spielten schon als Kinder miteinander Doppel, später als Teenager und auf dem College, den ersten Titel auf der ATP-Tour gewannen sie vor 13 Jahren bei einem Turnier in Memphis/Tennessee. Und von Jahr zu Jahr nahm nicht nur die Zahl ihrer Siege zu. Sie sind die besten Botschafter, die das Doppelspiel je hatte; immer offen und zugänglich, bereit zu jeder Fanaktion und so erfolgreich, dass sie nicht nur in ihrer Heimat bekannter als manche Einzelspieler von Platz 15 oder 18 sind.

Sie sehen sich verdammt ähnlich, aber selbst außerhalb des Platzes kann man sie mit ein bisschen Mühe auseinander halten. Im Spiel ist es noch leichter, weil Bob Linkshänder und Mike Rechtshänder ist. Sie postieren sich anders, als man es normalerweise in dieser Konstellation tun würde – die Bryan-Version hat die jeweilige Vorhand auf der Innenseite -, und dass der eine eine gewisse Intuition für die Ideen des anderen hat, liegt auf der Hand. „Ich glaube, wir sind am glücklichsten, wenn wir beieinander sind“, sagt Bob, „Zwillinge haben diese Verbindung einfach. Wir haben auch den gleichen Geschmack, wenn es um Humor oder Musik geht.“ Und sie hören nicht nur gern Musik, sie machen auch welche; in der populären Bryan Bros. Band spielt Bob Keyboard, Mike Schlagzeug und Gitarre.

Und die Band wächst. Bob hat zwei Kinder, die fast drei Jahre alte Micaela und Bobby Junior, der am Heiligen Abend 2013 zur Welt kam, und die beiden machten ein bisschen Musik, als Daddy und Onkel Mike nach dem historischen Sieg neben einer großen 100 aus Styropor in der Pressekonferenz saßen. Micaela protestierte schrill, als sie von Mike eingeladen wurden, zu ihm aufs Podium zu kommen, Bobby Junior blubberte auf dem Arm seiner Mutter ungeniert vor sich hin, aber da sie alle miteinander Familienmenschen sind, fand keiner was dabei.

Sind sie unglücklich, wenn sie sich nicht sehen? Mike sagt: „Seit wir verheiratet sind und nicht mehr in einem Haus wohnen, haben wir einen Vorgeschmack, wie es später mal sein könnte. Aber wir haben immer Kontakt, und ich schätze, wir werden uns irgendwann nah beieinander in Kalifornien oder Florida niederlassen.“

Bis jetzt tun sie in der täglichen Praxis alles dafür, das attraktive, dynamische, spannungsvolle Doppelspiel populär zu machen, selbst mit einer eigenwilligen Dirty-Dancing-Adaption, nach dem Ende ihrer Karriere soll das auf einer anderen Ebene weitergehen.

Sie wollen sich darum kümmern, dass auch Doppelspieler, die nicht so bekannt und erfolgreich sind wie sie selbst, von ihrem Beruf leben können; das ist nicht immer leicht, denn in dieser Disziplin gibt es deutlich weniger Geld zu verdienen als im Einzel, grob gerechnet ein Fünftel, natürlich durch zwei geteilt. „Wenn du zu den besten 30 der Welt in deinem Job gehörst, dann solltest du in der Lage sein, davon zu leben“, finden sie, „und das ist im Doppel nicht so. Wenn du weltweit Nummer 30 unter den Anwälten bist, dann gehört dir ne Yacht.“

Wenn man allerdings so gut und erfolgreich wie Robert Charles und Michael Carl Bryan ist, dann hat man keine finanziellen Sorgen mehr. Und bekanntlich ist es ja so: Wer hat, dem wird gegeben. Für den Titel gab´s nicht nur Preisgeld, sondern auch für beide Brüder einen Ring mit der historischen 100 eingraviert.

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+++ New York, den 08.09.2014 +++

Von Doris Henkel

Sie lag fast so schnell am Boden wie sonst Rafael Nadal nach großen Siegen, und sie war fast so emotional wie Roger Federer zu seiner tränenreichsten Zeit. Nach der Niederlage des Schweizers im Halbfinale war Serena Williams ein bisschen nervös geworden, hatte gedacht, vielleicht sollte es auch für sie nicht sein mit dem 18. Titel bei einem Grand-Slam-Turnier. Doch am Ende, als die ersten Freudentränen getrocknet waren, stellte sie glücklich und zufrieden fest: „Wenigstens einer von uns beiden hat´s geschafft.“

Aber es war wohl nicht nur die historische Dimension nach dem Sieg im ziemlich mittelprächtigen Finale gegen Caroline Wozniacki (6:3, 6:3), die Williams das Gefühl gab, da sei wirklich was Besonderes passiert. Nach Nummer 17, vor einem Jahr an gleicher Stelle gewonnen, hatte es so ausgesehen, als sei das nächste Kapitel der unglaublichen Erfolgsgeschichte schon in der Produktion, doch 2014 hing die Sache auf einmal fest. In Melbourne verlor sie in der vierten Runde gegen Ana Ivanovic, in Paris in der zweiten gegen die Spanierin Garbine Muguruza und in Wimbledon in der dritten gegen Alizé Cornet. Vor allem diese Niederlage machte ihr schwer zu schaffen, weil sie auf einmal das Gefühl hatte, die ganze schweißtreibende Arbeit sei umsonst.

Die US Open waren ihre letzte Chance, aus einem enttäuschenden Jahr ein gutes zu machen, und von Anfang an sah es so aus, als sei sie in ihrem Kostüm mit Leopardenprint auf Beutezug. In keiner ihrer Begegnungen gab sie mehr als sechs Spiele ab, und so war es ja auch im Finale. Martina Navratilova und Chris Evert, die bis Sonntag mit 18 Grand-Slam-Titeln in der Liste der Besten des Tennis bei den Grand-Slam-Turnieren vor ihr gestanden hatten, überreichten Serena Williams noch auf dem Platz ein besonderes Geschenk, ein Armband aus 18 Karat Gold mit einem runden Anhänger, in den die Zahl 18 eingraviert war.

Sie fand das Geschenk beeindruckend, aber mehr noch den Gedanken, auf einer Ebene mit Evert und Navratilova angekommen zu sein. Eine unglaubliche Reise angesichts der Anfänge damals in Compton/Kalifornien, einem Vorort von Los Angeles, der auch heute noch zu den gefährlichsten Orten der USA gehört. „Ich war ja nur eine Kleine mit einem Traum und einem Schläger“, sagt Williams. Dem Traum, eines Tages die Beste zu sein.

Welche Zahl auch immer gerade aktuell sein mag, in jedem Fall gilt die These: Wenn Serena Williams einen guten Tag hat, dann gibt´s für die Konkurrenz nichts zu erben. „Dann ist es kein Spaß gegen sie zu spielen, dann können wir alle nichts machen“, sagt Wozniacki, die erst gegen Ende der Partie halbwegs zu sich fand, aber auch dann keine Chance mehr hatte.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage nach der nächsten historischen Zahl des Frauentennis in der Profizeit, den 22 Titeln von Steffi Graf. Aus der Zeit davor stehen noch die 19 Titel der Amerikanerin Helen Wills Moody zu Buche, und ganz oben steht Margaret Court aus Australien mit 24, deren Erfolge stammen allerdings aus der Zeit vor 1968. Es wäre spannend, sich ein Spiel von Steffi Graf und Serena Williams vorzustellen, beide auf der Höhe ihres Könnens. Mit der unfassbar guten Beinarbeit, dem klinisch wirkungsvollen Rückhand-Slice und der krachenden Vorhand auf der einen Seite, dem grandiosen Aufschlag und der unwiderstehlichen Mischung aus Kraft und Dynamik auf der anderen.

Aber vielleicht sind es die zum Teil ernüchternden Erlebnisse des Jahres 2014, die Williams signalisieren, sich nicht zu sehr auf neue Bestmarken zu kaprizieren. „Eines nach dem anderen“, meinte sie drei Stunden nach Nummer 18, „jetzt denke ich erstmal an 19.“ Wie auch immer, das Denken wurde danach für den Rest des Abends und der folgenden Nacht in die Ferien geschickt. Mit Freude kam sie der Aufforderung ihrer Freundin Caroline Wozniacki nach, die ihr bei der Siegerehrung in aller Öffentlichkeit mitgeteilt hatte: „Jetzt schuldest du mir ein paar Drinks“. Zusammen zogen die beiden später los, und die Vergnügungskasse war gut gefüllt. Zu den drei Millionen Dollar Preisgeld wurde Serena Williams mit einer weiteren Million für den Sieg in der Serie der amerikanischen Vorbereitungsturniere auf die US Open belohnt, macht also vier. Und da kann man sich der Beschreibung von Mary Carillo, die früher erfolgreich Tennis spielte und seit langem als Fernseh-Kommentatorin ebenso erfolgreich ist, nur anschließen. Die meinte bei der Siegerehrung: „Bei uns in Queens würde man sagen: Das ist eine Menge Salat.“

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+++ New York, den 07.09.2014

Von Doris Henkel

Der Wetterbericht hatte heftige Gewitter vorhergesagt, doch es goss nur ungefähr eine Stunde lang; das war eher harmlos. Blitz und Donner kamen diesmal nicht von oben, sondern aus der Kabine, in Gestalt der Herren Nishikori und Cilic. Der eine versperrte Novak Djokovic den Weg (6:4, 1:6, 7:6, 6:3), der andere fuhr Roger Federer mit lautem Krachen in die Parade (6:3, 6:4 6:4), und daraus entsteht nun eine Situation, wie es sie im Männertennis schon eine ganze Weile nicht mehr gab. Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren wird am Montag keiner der großen Drei um den Titel bei einem Grand-Slam-Turnier spielen; weder Djokovic noch Federer noch der verletzte Rafael Nadal.

Schwer zu sagen, welche Niederlage mehr verblüffte. Die von Novak Djokovic in der brütenden Hitze des frühen Nachmittags gegen Nishikori? Der sah zwar zwischen den strapaziösen Ballwechseln manchmal so aus, als sei er am Ende, worüber sich allerdings niemand gewundert hätte nach zehn Sätzen in achteinhalb Stunden in den beiden Runden zuvor. Aber der Anblick täuschte auf eine Art, die schon der von Nishikori besiegte Stan Wawrinka beobachtet hatte: „Er sieht aus, als sei er tot, und dann rennt er wieder.“

Djokovic rannte auch, aber er tat sich sichtlich schwerer mit den Bedingungen, und er kam einfach nicht am Japaner vorbei. Die Statistik wies hinterher in fast allen Bereichen bessere Werte für ihn selbst aus – mehr Punkte gewonnen, mehr winner geschlagen, weniger unerzwungene Fehler gemacht -, aber es reichte dennoch nicht, weil Nishikori in den Sätzen drei und vier nahezu alle wichtigen Punkte machte. Er habe versucht, sein Bestes zu geben, meinte Djokovic hinterher sichtlich bedient, aber sein Bestes sei nicht gut genug gewesen. „Außer im zweiten Satz war mein Spiel nicht ansatzweise so, wie ich es gern gehabt hätte. Ich war einfach nicht ich selbst.“

Dabei hatte Nishikori ein paar Tage vor Beginn der US Open noch nicht gewusst, ob er überhaupt mitspielen sollte. Er hatte sich eine Zyste unter dem rechten Fuß entfernen lassen und hatte nicht im Traum daran gedacht, dass angesichts dieser Vorbereitung ein vernünftiges Turnier spielen würde, vom ersten großen Finale seines Lebens gar nicht zu reden. Michael Chang, sein Coach, riet ihm zu und meinte, er solle es doch einfach probieren, dann werde man ja sehen. Tja, und nun wird halb Japan wieder eine Nachtschicht vor dem Fernseher verbringen. Mal sehen, ob Chang auch im Finale wieder die Kappe mit der Werbung für einen Pizza-Service tragen wird – der Mann war schon immer Pragmatiker.

Dem anderen Sieger des Tages ging es fast noch besser. Marin Cilic erwischte einen jener Tage, an denen man mit geschlossenen Augen Nägel in die Wand hauen kann. Besser habe er in seinem ganzen Leben nie gespielt, meinte er hinterher, es sei einfach unglaublich gewesen. Das fand Federer auch. Cilic servierte dermaßen gut, dass dessen Coach Goran Ivanisevic auf der Tribüne glauben konnte, er sehe sich selbst in besten Zeiten zu. Diese in dieser Form nie erwartete Demonstration der Stärke des vermeintlichen Außenseiters erinnerte an das Finale des Jahres 2000, in dem Marat Safin den großen Pete Sampras mit fast dem gleichen Ergebnis erledigt hatte. Federer jedenfalls meinte hinterher, er habe das Gefühl gehabt, Cilic spiele immer mit dem Wind, er selbst dagegen, und im Gegensatz zum Spiel gegen Gael Monfils zwei Tage zuvor sei ab Beginn des dritten Satzes nicht mehr besonders zuversichtlich gewesen.

Nun wird die große Familie die Koffer packen, der nächste Termin steht unmittelbar bevor, das Halbfinale im Davis Cup gegen Italien in Genf. Aber natürlich wird sich Federer dafür interessieren, wer in New York das Duell der Debütanten gewinnt, Marin Cilic oder Kei Nishikori. „Ich denke, es ist spannend, von Zeit zu Zeit mal neue Gesichter zu sehen“, sagt er. „In gewisser Weise ist das eine erfrischende Entwicklung.“

In Japan und Kroatien wird dieses Finale heftig Wellen schlagen, anderswo eher weniger. Die Bosse des amerikanischen Fernsehsenders CBS werden sich zu der Entscheidung gratulieren, in Zukunft nicht mehr auf die US Open zu setzen. Die Einschaltquoten waren in den vergangenen Jahren in den Keller gerauscht, und da dürften sie bei der letzten Live-Übertragung auch bleiben. Selbst, wenn darin eine so spektakuläre Schlussszene wie beim Sieg von Marin Cilic vorkommen wird. Die ging so: Ass. Ass. Ass. Matchball. Rückhand-Granate, Spiel, Satz und Sieg. Wer will also behaupten, es habe kein Gewitter gegeben an diesem Tag?

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+++ New York, den 06.09.2014 +++

Von Doris Henkel

Es ist dieser Moment, der alles entscheidet. Matchball für den Gegner. Du stehst da, versuchst dich zu konzentrieren, spürst die ganzen elende Nervosität und weißt: Ein einziger kleiner Fehler, eine einzige gute Idee des anderen – und weg bist du. Wiedersehen, nach Hause gehen. Hörst die Leute mit ihren aufregten Rufen, spürst auch deren Spannung und hoffst, dass alles gutgehen wird. Hoffst, wirfst den Ball in die Luft, und dann Halleluja.

Genau das erlebte Roger Federer an einem denkwürdigen Abend in Flushing Meadows in einem Spiel in fünf Sätzen gegen Gael Monfils, als er Ende des vierten Satzes zwei Matchbälle abwehrte und zur großen, grenzenlosen Begeisterung der 20.000 Zuschauer gewann (4:6, 3:6, 6:4, 7:5, 6:2). Aber hinterher war er nicht nur glücklich darüber, noch mal davongekommen zu sein. So sehr wie an diesem Abend habe er die Zuneigung der Leute selten gespürt, schwärmte er, und er ging sogar so weit, von Liebe zu sprechen.

Federer ist überall auf der Welt ein Star des Publikums, sie unterstützen ihn überall so wie an diesem wunderbaren Abend in New York. Aber vielleicht nahm er die Rufe, den Beifall und die kollektive Zuwendung deshalb besonders deutlich wahr, weil die Gefahr seine Sinne geschärft hatte. Und die war groß, riesengroß. Zwei Sätze lang fand er keinen Ansatz, den eindrucksvoll und variantenreich spielenden Franzosen nachhaltig zu stören. Es dürften zwei der besten Sätze in dessen wechselvoller Karriere gewesen sein, und Anfang des dritten war klar, dass es bald vorbei sein würde, sollte Federer nicht doch was einfallen.

Er wurde stärker, schlug endlich besser auf und gewann diesen dritten Satz, aber Monfils wich nicht zurück. Ein paar Mal stürzte er sich kopfüber in die Ballwechsel und landete am Boden, und wäre er nicht ein solcher Gummimann, wäre das sicher ein Fall für die Sanitäter geworden. Aber er rappelte sich immer wieder auf und schuf eine gefährliche Situation nach der anderen. In diesem vierten Satz erleuchtete das Spiel den Abendhimmel, und der Moment der Wahrheit kam beim Stand von 4:5. Federer schlug auf, machte Fehler und präsentierte Monfils zwei Matchbälle. Daran gewöhne man sich nie, meinte er hinterher, es sei kein Spaß, so was zu erleben. Beim ersten erzwang er mit einem Angriffsball einen Fehler des Franzosen, beim zweiten wehrte er mit zwei perfekten Vorhandschüssen ab. Die Leute sprangen von ihren Sitzen, und auch er schrie die Erleichterung heraus – in diesem Moment hatte er genau einen Punkt mehr auf dem Konto als der Gegner, 128:127.

Zehn Minuten später gewann Federer den Satz, und wie die Sache ausgehen würde, zeichnete sich dann schnell ab. Der Gedanke, den größten Sieg seines Lebens verpasst zu haben, lastete auf Monfils, und er konnte den Gegner nicht mehr aufhalten; es war zu spät.

So sprang der Schweizer also ins Halbfinale, gestärkt und begleitet von der Liebe des Publikums. Hinterher wurden ganz profan alte Ergebnisse gewälzt, um herauszufinden, ob er jemals ein Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier nach Abwehr von Matchbällen gewonnen hatte. Die umgekehrte Geschichte lag näher, die Halbfinals der Jahre 2010 und 2011 hatte er nach Matchbällen gegen Novak Djokovic verloren. Er selbst konnte sich nicht erinnern; kein Wunder, denn der einzige Fall stammt aus der Frühphase seiner Karriere vom ersten Start bei den US Open vor 14 Uhr. Damals wehrte er gegen den Niederländer Peter Wessels einen Matchball ab und gewann, allerdings gab der andere im fünften Satz verletzt auf.

Monfils nahm die Niederlage einigermaßen gefasst hin, Federer genoss sein Glück, gab aber auch zu bedenken, dass es nicht ganz leicht sein dürfte, sich von den emotionalen Anstrengungen des Spiels zu erholen, das ihn, wie er es ausdrückte, so richtig durchgewalzt habe. Nächste Station Halbfinale am Samstag gegen Marin Cilic, gegen den er in bisher fünf Spielen bisher nicht verlor; der jüngste Sieg vor ein paar Wochen in Toronto war allerdings eine komplizierte Angelegenheit in drei Sätzen.

Die Hauptdarsteller des Programms im Halbfinale werden natürlich die vier Spieler sein – Federer und Cilic, Novak Djokovic und Kei Nishikori -, aber die Rollen der Nebendarsteller waren noch nie so prominent besetzt. Jeder der vier wird von einem Star früherer Tage betreut, Fededer von Stefan Edberg, Cilic von Goran Ivanisevic, Djokovic von Boris Becker und Nishikori von Michael Chang. „Es ist verrückt und gleichzeitig toll, Michal, Stefan und Boris im Halbfinale zu sehen“, sagte Ivanisevic der New York Times. „Wir hatten so viele tolle Spiele gegeneinander, und jetzt sitzen wir hier und können nichts tun außer zu klatschen und zu hoffen, dass es unsere Jungs gut machen und gewinnen.“ Keine einfache Situation. Stefan Edberg, der immer so jugendlich wirkt, sah jedenfalls nach dem Sieg seines Partners so angeschlagen aus, als hätte er die Tortur der beiden Matchbälle selbst erlebt.

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+++ New York, den 05.09.2014 +++

Von Doris Henkel
Stundenlang braten sie in der Sonne, die Hände an der glühend heißen Kamera, bannen hunderte von Spielszenen aufs Bild und warten dann auf den letzten Moment – den Jubel des Siegers. Möglichst groß, gaaanz groß. Gemessen an diesen Kriterien machte sich Kei Nishikori nicht viele Freunde bei den Männern und Frauen hinter der Seitenlinie. Keine Pose, kein Schrei, kein gar nichts nach seinem Sieg gegen Stan Wawrinka; einigermaßen fassungslos machte er sich auf den Weg zum Netz, und der Tross der Fotografen ließ die Kameras sinken. Gute Güte, was für eine Pleite. Aber das war natürlich eine sehr einseitige Sicht der Dinge; Japan war begeistert, und die US Open freuten sich über einen neuen Mann fürs Halbfinale.

Seit er 2008 bei einem Turnier in Delray Beach an der amerikanischen Ostküste mit 18 den ersten Titel auf der Tour gewonnen hatte, ist Nishikori in seiner Heimat ein Star. Fünf Jahre zuvor hatten ihn die Eltern zu Nick Bollettieri nach Florida geschickt, finanziert von einem der reichsten Männer des Landes aus der Gründerfamilie des Weltkonzerns Sony, Masaiiki Morita. Der Erfolg von Delray Beach schien Morita San und den japanischen Verband zu bestätigen, doch Nishikori tat sich nicht leicht, mit den zum Teil völlig überzogenen Erwartungen seiner Landsleute umzugehen.

Und von Anfang an war offensichtlich, dass sein Körper nicht besonders belastbar war; immer wieder wurde er von Verletzungen gestoppt, nach einer Operation am Ellbogen musste er gar ein Jahr Pause machen. Die Welt des Tennis war zwar überzeugt davon, er habe so viel Talent, dass es für einen Platz unter den Top Ten reichen müsste, aber wegen der Verletzungen dauerte es lange, bis diese Einschätzung zur Realität wurde.

Einen großen Anteil daran hat jener Mann, der mit seinem Coup 1989 im Achtelfinale der French Open gegen Ivan Lendl zur Legende wurde, Michael Chang. Ende des vergangenen Jahres verpflichtete Nishikoris Agentur IMG Chang als zweiten Coach neben den Argentinier Dante Bottini, und es sieht so aus, als sei das eine ebenso schlaue Idee gewesen wie die Aufschläge des kleinen chinesischen Amerikaners von unten damals im Spiel gegen Lendl.

Auf die Frage, was denn besser sei bei der Arbeit mit einem so routinierten Coach an der Seite, antwortete Nishikori das Gleiche wie Andy Murray oder Novak Djokovic – ein Spieler, der selbst Titel gewonnen habe, wisse einfach, wie man sich vor großen Spielen fühle und könne einem genau deshalb helfen.

Viel hätte nicht gefehlt zu einem spektakulären Sieg im Frühjahr. Im Finale der Madrid Open Mitte Mai spielte er Rafael Nadal zum Entsetzen der spanischen Zuschauer zu Beginn fast an die Wand, und in diesem Satz bestätigte er alles, was ihm je prophezeit worden war. Doch im zweiten wirkte er schon nicht mehr frisch, zu Beginn des dritten Satzes gab er auf, wieder mal verletzt. Der Erfolg brachte ihm allerdings so viele Punkte ein, dass er am Tag danach zum ersten Mal in seiner Karriere und als erster Japaner zu den Top Ten des Tennis gehörte.

Michael Chang, der früher wie Ivan Lendl mit einem Gesichtsausdruck ausgekommen war, sah sichtlich nervös zu, als Kei Nishikori nun im Viertelfinale gegen Stan Wawrinka gewann. Am Anfang feuerte er seinen Mann noch zurückhaltend an, aber je länger die Partie dauerte, desto schwerer fiel es ihm, die Fassung zu bewahren. Am Ende wirkte Nishikori stabiler und stärker als der Schweizer.

Und nun? In Japan wird es Nacht sein, wenn der Sohn der Nation am Samstag im Halbfinale gegen Novak Djokovic spielt – nach zwei Tagen Pause, die die Anstrengungen aus jeweils fünf Sätzen in den beiden Spielen zuvor wohl absorbieren sollten, ebenso die von Novak Djokovic vom Sieg gegen Andy Murray (7:6, 6:7, 6:2, 6:4). Drei Sätze lang erinnerte die Begegnung der beiden wieder mal an einen Schwergewichtskampf, von Murrays Seite mit härteren Schlägen denn je. Doch in der letzten halben Stunde wurde es immer deutlicher, dass dessen Kräfte schwanden, und so war es wieder Djokovic, der am Ende um Viertel nach eins in der Nacht mit seinem 50. Sieg bei den US alles klar machte für das achte Halbfinale in Folge in New York. Sollte er am Samstag so beeinander sein wie beim Sieg gegen Murray, dann dürfte die Sache schwer werden für Kei Nishikori. Aber wie auch immer: Nach diesem Spiel ist mit anständigem Jubel zu rechnen – oder mit einem Mann, der so fassungslos ist, dass er zu Boden geht.

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+++ New York, den 04.09.2014 +++

Von Doris Henkel
Auf seinem leuchtend grünen T-Shirt stand in großen Buchstaben: Matchpoint State of Mind. Das war einem der bekanntesten und schönsten Lieder von Billy Joel nachempfunden – New York State of Mind – und lässt sich vielleicht am besten so übersetzen: New York im Kopf und in der Seele. Sich für eine Variation dieser Zeile zu entscheiden war eine hübsche Idee seines Ausrüsters. Aber ob Gael Monfils und die Botschaft tatsächlich zueinander passen, kann man bezweifeln; dieser Mann lässt sich nicht auf Matchbälle reduzieren.

Es gibt wohl aktuell kaum einen Spieler, dessen Ballwechsel so oft in den Foren des Internets angeklickt werden wie den Franzosen, kaum einen, vom dem es ähnlich spektakuläre Fotos gibt. Eines der besten, das es je gab, entstand in diesem Jahr bei den French Open in Paris, wo er nach einem Ball hechtete und dabei gerade wie eine Bahnschranke fast zwei Meter hoch in der Luft hing. Atemberaubend, ausgestreckt von den Füßen bis zum Schläger. Auch in der ersten Woche in New York gab es eine Szene, die immer wieder eingespielt wurde, eine eingesprungene Vorhand mit explosiver Flugphase und gekreuzten Beinen. Müsste einer, der Kunststücke beherrscht wie kein anderer, der ein unglaublicher Athlet ist, flexibel, locker auf den Beinen, als gehöre er zu den Harlem Globetrotters, müsste also so einer nicht viel öfter gewinnen? Theoretisch, ja.

Vor drei Jahren gehörte Monfils ein paar Monate lang zu den besten zehn der Tenniswelt, nach einer langwierigen Knie-Verletzung rutschte er aus den ersten Hundert heraus, im Moment steht er auf Platz 24. Was einerseits daran liegen könnte, dass er seit anderthalb Jahren keinen Coach mehr hat. „Ich weiß, dass es besser wäre, einen zu haben“, sagt er, „aber das ist ja nicht so einfach. Er muss streng zu mir sein, aber auch meine Persönlichkeit verstehen, ich bin nicht ganz einfach. Es gibt nicht viele gute Leute.“ Wie sich das aus der Sicht seiner Freunde darstellt, macht Landsmann und Kollege Gilles Simon deutlich, der davon überzeugt ist, wäre er selbst dieser Coach, könnte Monfils einen Grand-Slam-Titel gewinnen.

Aber Begabung und besondere Fähigkeiten allein reichen nicht; man muss auch alles dafür tun, sie umzusetzen. Und da scheitert er immer wieder, wenn sein Innenleben nicht zur Außenwelt passt. „Ich betrachte Tennis nicht als Job“, sagt er und bewegt seine riesigen Hände, als wolle er den Gedanken hervorheben. „Es ist Sport. Ich bin ein entspannter Typ, und ich versuche alles. Aber wenn ich nicht glücklich bin, dann geht gar nichts.“

Das erklärt eine Menge; das Hochgefühl, in der Luft schwebend einen völlig unmöglichen Ball zu spielen, aber auch die Niederlagen, wenn er sich einsam fühlt oder weil nichts und niemand in der Nähe ist, um ihn zu inspirieren. Aber was das betrifft, da geht es ihm in New York ziemlich gut. Sein Vater und ein früherer Physiotherapeut hatten ihn vor Jahren in die Bronx zu Freunden der Familie mitgenommen, und dabei hatte er erstaunt festgestellt, wie sehr sich die schwarze Gemeinde auch fern der Heimat für ihn interessiert.

Was Gael Monfils braucht, um am Donnerstag im Viertelfinale gegen Roger Federer eine Chance zu haben? Gegen den Mann, über den er sagt, das sei der größte Spieler, den es je gegeben habe, Monsieur Tennis in seiner Definition? „Ich kann meinen Kindern später noch erzählen, dass ich gegen ihn gespielt habe. Mir kann nichts Besseres passieren.“ An der Idee kann er sich begeistern, die Hände sind wieder zur Unterstützung seiner Erklärung unterwegs, und seine Augen werden auf einmal riesig groß.

Federer lacht, als er davon hört und sagt: „Dann hoffen mir mal, dass es tatsächlich ein denkwürdiges Spiel wird – vor allem für die ungeborenen Kinder.“ Nicht für seine, er hat ja schon genug, und den beiden Mädchen könnte er erzählen, was das für ein verrückter Vogel ist, gegen den er nun spielen wird. Aber er teilt die Vorfreude auf die Begegnung mit Monfils, den auch er für einen der aufregendsten und unterhaltsamsten Spieler der Tour hält.

Von bisher neun Partien hat er sieben gewonnen, zuletzt erst vor ein paar Wochen in Cincinnati; er braucht die Erinnerung an den Sieg dort in drei engen Sätzen nicht, um zu wissen, dass die Sache gefährlich werden kann. Nicht, weil Monfils so unglaublich gut in Form ist, obwohl der beim Sieg gegen Grigor Dimitrov im Achtelfinale einen vergleichsweise soliden Eindruck machte. Viel mehr deshalb, weil sich der französische Artist in seinem Sport kaum was Schöneres vorstellen kann, als unter den Lichtern der Nacht in einem vollen Stadion gegen einen wie Federer zu spielen.
Falls ihm seine Leute wieder ein T-Shirt mit einer Botschaft geben wollen, sollten sie es mit einem anderen Titel von Billy Joel versuchen – The Entertainer. Der passt wie auf den Leib geschrieben.

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+++ New York, den 03.09.2014 +++

Von Doris Henkel

Wie viel man wohl vor einem Jahr mit einer Wette gewonnen hätte, bei den US Open 2014 würde Boris Becker als Coach von Novak Djokovic in der Box sitzen und Amélie Mauresmo in der des Schotten Andy Murray? Allein die Idee an die Verbindungen wäre einem hochgradig merkwürdig vorgekommen, doch nun währt die deutsch-serbische Partnerschaft schon ein Dreivierteljahr, hat die Entente Cordiale zwischen Frankreich und dem Königreich zwei Monate hinter sich, allerdings mit geringerem Erfolg.

In Wimbledon, bei der Premiere als Nachfolgerin von Ivan Lendl, musste Mauresmo zusehen, wie Murray in eher mittelprächtiger Form im Viertelfinale gegen Grigor Dimitrov ausschied. Danach setzten sich die beiden zusammen und besprachen, ob und wie es mit ihnen weitergehen soll. Das habe nur Sinn, wenn beide Seiten mit der gleichen Überzeugung zustimmen würden, sagte Murray, bevor die Gespräche begannen. Sie wurden sich offenbar schnell einig, und abgesehen von sonstigen Unterschieden gibt es zwei sehr auffällige zwischen der Französin und ihrem Vorgänger: Mauresmo lacht deutlich öfter und lauter als Ivan Lendl und der trug auch eher selten rosafarbene T-Shirts mit einem Herz vorn drauf.

Aber zurück zu den Spielern, zur Begegnung zwischen Murray und Djokovic am Mittwoch im Viertelfinal. Nachdem das Männerturnier bisher bis auf eine kleine Sammlung spannender Momente ohne grosse Überraschungen wie ein Boot bei Windstille fast unbewegt auf dem Wasser lag, kommt nun zum ersten Mal richtig Wind auf. Die Begegnung des aktuellen Wimbledonsiegers mit seinem Vorgänger verspricht eine spannende Geschichte zu werden. Oder doch nicht? Fest steht, dass Djokovic bei seinen vier Siegen bisher einen deutlich besseren Eindruck machte. Er gab nicht einen Satz ab, und in den zwölf Sätzen war er nur einmal in Gefahr, im Achtelfinale beim Sieg gegen Philipp Kohlschreiber. Hätte der beste Deutsche beim Stand von 5:4 im zweiten Durchgang einen Satzball genutzt, dann wäre die Angelegenheit für Djokovic extrem gefährlich geworden, wie der hinterher selbst zugab. Er wirkte zu diesem Zeitpunkt in der Sauna des heissen und mächtig schwülen Tages körperlich weniger stabil als sein Gegner.

Aber mit einem seiner besten Bälle der Partie, einem aus vollem Lauf gespielten, cross geschlagenen Passierball, wehrte Djokovic den Satzball ab und nutzte die leichte Frustphase des Augsburgers danach; weg war der Satz und damit am Ende auch das Spiel. Im Tennis wird oft über big points gesprochen, dieses war jedenfalls ein big big point lange vor dem Matchball.

Auch Murray litt beim Sieg gegen Jo Wilfried Tsonga unter den Bedingungen und sah zwischenzeitlich aus, als sei er in der Sauna eingesperrt worden. Und es gab auch wieder einen kurzen Moment, in dem es ihm offensichtlich nicht gut ging, er sich vorn über beugte, weil er unter Magenproblemen litt. Aber das ging schnell vorüber. Hinterher meinte er, kein Vergleich mit dem mysteriösen Schwächeanfall in der ersten Runde gegen den Niederländer Robin Haase, den er sich nicht erklären konnte. Nun ist er wieder zuversichtlich und glaubt, gut genug in Form zu sein, um Djokovic herausfordern zu können. In diesem Jahr hatte es noch nicht oft danach ausgesehen, als sei er wieder in der Nähe des Niveaus gekommen, auf dem er vor zwei Jahren den Titel in New York gewonnen hatte, aber er selbst findet, es gehe voran. Der Sieg gegen Tsonga war jedenfalls der erste gegen einen Konkurrenten aus den Top Ten seit seinem Wimbledonsieg im Sommer vergangenen Jahres.

In der Bilanz führt Djokovic 12:8, unter den zwölf Siegen ist jener aus der bis dato letzten gemeinsamen Begegnung in diesem Jahr in Miami. Auch bei Spielen im Rahmen der Grand-Slam-Turniere führt er, allerdings weniger deutlich, 3:2. Aber die beiden Siege Murrays haben besonderes Gewicht. Sie stehen für die grossen Titel, die er gewann, vor zwei Jahren in New York und im vergangenen Jahr in Wimbledon.

Wie geht man die Sache an, wenn man das Spiel eines Gegners ziemlich gut kennt und sich die Spielweisen darüber hinaus nicht besonders unterscheiden? In Wimbledon sagte Boris Becker zu diesem Thema: „Wenn man immer das Gleiche spielt, dann kennt das der Gegner irgendwann auswendig und schlägt einen. Die Umkleidekabine schläft nicht. Man muss versuchen, neue Tricks und Methoden zu finden, um an der Spitze zu bleiben.“ Aber sagen wir mal so: Das weiß Amélie Mauresmo vermutlich auch.

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+++ New York, den 02.09.2014 +++

Von Doris Henkel

In dieser schnelllebigen Zeit wird alle drei Tage ein neuer Luftballon aufgeblasen; Sport und Tempo gehören zusammen, da geht das Ganze bisweilen noch ein bisschen schneller. Erinnert sich noch jemand an die Amerikanerin Melanie Oudin? Die kleine Blonde aus Marietta/Georgia war 17, als sie vor fünf Jahren völlig überraschend im Viertelfinale der US Open landete. Dann schied sie aus, der Ballon mit ihrem Namen drauf wurde vom Wind fortgetragen und ward nicht mehr gesehen. Oudin verlor damals gegen eine zwei Jahre ältere Dänin, die später im Finale spielte, und das wäre im Normalfall eine große Geschichte gewesen. Aber in diesem Finale verlor sie gegen Kim Clijsters, die nach der Geburt ihres ersten Kindes und dem Rücktritt vom Rücktritt erst sechs Wochen zuvor zurückgekehrt war und ein beifallumrauschtes, in dieser Form nie gesehenes Comeback feierte.

Doch auch die Blonde aus Dänemark gewann Fans. Deren Spielweise wirkte zwar nicht besonders spektakulär, aber mit ihrer fröhlichen, unkomplizierten Art brachte sie frischen Wind ins Frauentennis. Im Jahr danach gehörte Caroline Wozniacki während der US Open schon zu den Besten der Welt, ein paar Wochen später wurde sie offiziell die Nummer eins, und sie behielt diese Position mit einer Unterbrechung 67 Wochen lang, bis Anfang Juni 2012.

Da hatte die anfängliche Begeisterung über die frische Brise längst nachgelassen. Wozniacki musste sich dafür rechtfertigen, eine Nummer eins ohne Grand-Slam-Titel zu sein, ihr Spiel galt als langweilig, desgleichen die Antworten in den Pressekonferenzen, weshalb sie sich in Melbourne mal eine Geschichte mit einem verletzten Känguru ausdachte, das sie angeblich gebissen hatte. Aber auch das nützte nicht viel; sie gewann zwar deutlich öfter, als sie verlor, und im Kreis der Spielerinnen war sie wegen ihrer freundschaftlichen Art immer populär. Aber Aufsehen erregte sie danach nur noch im Privatleben durch ihre Verbindung mit Golfstar Rory McIlroy.

Sie müsse ihr Spiel verändern, hieß es, sie riskiere nicht genug, andernfalls werde sie keine Chance haben, noch mal an die Spitze zurückzukehren. Andrea Petkovic meinte neulich nach ihrer Niederlage gegen die Dänin, es sei ihr immer auf die Nerven gegangen, wie viele Leute diese These verbreitet hatten. „Da hätte sie ja die Basis ihres Spiels hergeben“, meinte sie, „sie ist vielleicht die beste defensive Spielerin, die es je gegeben hat.“

Wer weiß, wie die Sache weiter gegangen wäre, wäre Wozniacki nicht mit einem Knall wie von tausend geplatzten Träumen in den Mittelpunkt des Interesses zurückgekehrt. Knapp ein halbes Jahr vor der geplanten Hochzeit trennte sich McIlroy von seiner Verlobten. Doch seit die den ersten großen Schock überwunden hat, geht es mit ihren Spielen wie mit ihrer Sympathiekurve wieder bergauf. Schwer zu sagen, ob es daran liegt, dass sie mit allen Gedanken zum Tennis zurückgekehrt ist, ob sie sich ablenken wollte oder ob es vielleicht keinen Zusammenhang mit der spektakulären Trennung gibt.

Jedenfalls mündete all das nun in New York in ein Spiel, wie sie es lange nicht erlebt hatte. Beim Sieg gegen Maria Scharapowa (6:4, 2:6, 6:2) konnte sie spüren, wie sehr die Zuschauer auf ihrer Seite waren, dass sie jeden herausgespielten Punkt bejubelten; bei schwüler Hitze flossen Ströme von Energie. Als sie im dritten Satz nach einem sensationellen Ballwechsel 3:1 in Führung ging, hielt es die Leute nicht mehr auf den Sitzen, und auf einmal hing der Himmel wieder voller bunter Zeichen.

Scharapowa meinte hinterher, alles, was Wozniacki früher schon gut gemacht habe, beherrsche sie inzwischen noch besser. Dass auch deren ohnehin ganz gute Ausdauer noch ein bisschen besser geworden ist, liegt vermutlich auch an einer Trainingsform, die prinzipiell nicht besonders gut zum Tennis passt. Weil sie für eine Wohltätigkeits-Organisation am New York Marathon im November teilnehmen wird, legte sie in den vergangenen Wochen reichlich Kilometer zurück, und die Ausdauer machte sich in der schweißtreibenden Atmosphäre sicher nicht negativ bemerkbar.

Als alles vorbei war und sie sich so sehr freute, dass einem dabei ganz warm ums Herz wurde, spielte der Musikmeister im Stadion wieder „Sweet Caroline“. Zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren wird sie nun wieder im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers spielen, zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Im Viertelfinale ist auch die 17 Jahre alte Belinda Bencic angekommen, völlig überraschend im ersten Jahr bei den Großen, nachdem sie 2013 noch bei den Juniorinnen gespielt hatte. Im Moment sieht es so aus, als stünde der jungen Schweizerin eine vielversprechende Karriere bevor. Der Name Bencic steht längst auf dem nächsten Ballon.

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+++ New York, den 01.09.14 +++

Von Doris Henkel

Einerseits kann man nicht behaupten, Philipp Kohlschreiber habe sich in Flushing Meadows viele Freunde gemacht. Wenn man wie er dreimal hintereinander demselben Amerikaner die Tür vor der Nase zuschlägt, wenn dieser Mann in zwei von drei Fällen auch der letzte Turnierteilnehmer seiner Nation ist, dann muss man als sich als Verursacher all dessen nicht wundern. Aber dennoch kam er gut an. Es waren nicht ein paar deutsche Fans, die nach seinem eindrucksvollen Sieg gegen John Isner (7:6, 4:6, 7:6, 7:6) ganz schüchtern auf der Tribüne den Sportklassiker „Oh, wie ist das schön“ anstimmten. Auch viele der New Yorker wussten den Beitrag des Deutschen im vollbesetzten Louis Armstrong Stadion zu schätzen, bis runter zu den Jüngsten. Bevor der Sieger des Tages im Gang zu den Katakomben verschwand, rief ihm ein kleiner Junge mit hoher Stimme zu: „Good luck against Novak“.

Good luck wird er brauchen können am Montag. Novak Djokovic, die Nummer eins des Tennis, machte in seinen Spielen bisher einen höchst entschlossenen und höchst effektiven Eindruck – ganz anders als bei den frühen Niederlagen bei den Turnieren zuvor in Cincinnati und Toronto. Da sei er nach dem Wimbledonsieg und seiner Hochzeit einfach innerlich noch nicht wieder bereit gewesen, sagt Djokovic. Aber jetzt sei er mit voller Kraft und Intensität dabei.

Aber Kohlschreiber bringt vom dritten Sieg gegen John Isner auch ein Empfehlungsschreiben mit. Die professionelle Gelassenheit, mit der er die 42 Asse des langen Amerikaners ertrug, die Entschlossenheit und der Mut, mit denen er seine eigenen Chancen nutzte, und die Bereitschaft, Isner in langen Ballwechseln mürbe zu machen – das alles führte zu seinem Sieg. Auf den er völlig zu Recht ein wenig stolz war. Früher sei er oft nicht in der Lage gewesen, Spiele auf einem Niveau zusammen zu halten, sagt Kohlschreiber. „Da war ich eher ein Heißsporn. Aber ich habe gelernt, mich besser zu kontrollieren, auch dank der Arbeit meiner Trainer.“ Nun ist er nicht nur der letzte Teilnehmer aus dem Aufgebot der deutschen Männer, sondern in den Einzelkonkurrenzen auch der letzte Deutsche insgesamt nach den Niederlagen der Damen Kerber, Petkovic und Lisicki in Runde drei.

In den beiden vergangenen Jahren hatte er nach Siegen gegen Isner jeweils in der Runde danach verloren, 2012 gegen Janko Tipsarevic, 2013 gegen Rafael Nadal, der damals wie jetzt Djokovic die Nummer eins der Rangliste und des Turniers war. Favorit wird er auch diesmal eher nicht sein, aber es könnte interessant bei der Beobachtung werden, was er in diversen gemeinsamen Einheiten mit Djokovic herausgefunden hat.

Vor Beginn der US Open hatten die beiden auf der anderen Seite des Hudson in New Jersey in einem hochmodernen Komplex trainiert, der einem Freund des Serben mit dem millionärsmäßig klingenden Namen Gordon A. Uehling III. gehört. Das war nicht das erste gemeinsame Training, auch in Dubai und Rom hatten sich Kohlschreiber und Djokovic zusammengetan. Jeder Tennisspieler weiß, wie viel es bringt, gelegentlich mit besseren Gegnern zu spielen, und einen ähnlichen Effekt könnte die Sache auch in diesem Fall haben.

Auch Boris Becker war jeweils dabei und hatte ein paar Tipps für den Landsmann im Angebot. Ein paar Krümel, sagt Kohlschreiber, seien da schon abgefallen, es sei ein toller Kontakt entstanden. Er findet, Becker habe schon was Spezielles im Umgang mit Djokovic – nichts anderes behauptet Djokovic ja auch.

Der sitzt dieser Tage oft mit leuchtenden Augen da, wenn er auf seine in Kürze bevorstehende Vaterschaft angesprochen wird, und weil die Endorphine gerade so schön fließen, brachte er zur Pressekonferenz nach seinem Sieg gegen den Amerikaner Sam Querrey die Tochter seines Freundes Uehling mit, die neun Jahre alte Zia. Als alle Fragen beantwortet waren, stellte er die Kleine als musikalisches Talent vor, holte sie aufs Podium und bat, auch ihr eine Frage zu stellen. Es wurden drei, und die letzte lautete: Kannst du ein Lied für uns singen? Sicher, sagte Zia, sie werde ein Stück singen, das sie selbst geschrieben habe. Es war ein langes Lied, aber es stimmte, dass Djokovic angekündigt hatte, dieses Kind habe Talent. Sichtlich angetan hörte er Zia zu. Im Spiel gegen Philipp Kohlschreiber wird er nicht so leicht zu rühren sein.

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+++ New York, den 31.08.14 +++

Von Doris Henkel

Es wäre nicht nur der beste Schuss des Abends gewesen, sondern auch einer der besten Schüsse des Turniers. Aus dem Lauf erwischte Sabine Lisicki die Kugel mit vollem Schwung, sie lud mit einer Ladung Dynamik durch, und das Publikum hielt für den Bruchteil einer Sekunde den Atem an. Das Turnier lebt von Momenten wie diesem, die unter den Lichtern der Nacht scheinbar gleichzeitig implodieren und explodieren. Das Geschoss landete soeben an der Linie, oder doch nicht? Doch nicht. Die Wiederholung auf der Videowand zeigte, dass Lisicki dieser Situation ein klein wenig Glück gefehlt hatte, so aber führte der Ballwechsel zum ersten Matchball für Maria Scharapowa. Der reichte noch nicht zum Sieg, der dritte wenig später dagegen schon (6:2, 6:4), und damit verabschiedete sich – der Pulverdampf des hitzigen zweiten Satzes hing noch in der Luft – zur mitternächtlichen Stunde auch die letzte deutsche Spielerin von den US Open 2014. Was Scharapowa danach sagte, beschrieb in einem Satz, woran es Lisicki ebenso gefehlt hatte wie Angelique Kerber am frühen Nachmittag und Andrea Petkovic in der Stunde des Sonnenuntergangs: „Es ist hart, aber es bleibt dir nichts anderes übrig, als eine Schippe draufzulegen, wenn du gewinnen willst.“

Lisicki steigerte sich, aber zu spät. Im ersten Satz hatte sie beim ersten Auftritt im Arthur Ashe Stadion seit längerer Zeit mehr damit zu tun, ihre Nerven zu kontrollieren. Am Abend wirkt dieses Stadion, selbst wenn es nicht ganz gefüllt ist, vom blauen Grund des Tennisplatzes aus gesehen wie ein Raumschiff aus einer fernen Galaxie, ebenso furchteinflößend wie verheißungsvoll; daran muss man sich erst wieder gewöhnen. Nach dem schnell verlorenen, von vielen Fehlern auf beiden Seiten geprägten ersten Satz zeigte der zweite, wie die Sache hätte aussehen können. Bis zum Ende begegneten sich die beiden auf Augenhöhe – was zugegebenermaßen bei jemandem wie Scharapowa mit fast einsneunzig nicht ganz einfach ist.

Dass sie es geschafft habe, in den langen, extrem harten Ballwechseln in einer Art offensiver Defensive drinzubleiben, werte sie als gutes Zeichen, meinte Lisicki hinterher. „Obwohl mein Aufschlag nicht gut war hatte ich Chancen, und das gibt mir Selbstvertrauen.“ Ihrer in Wimbledon aufgestellte These, es gebe keinen Grund, warum sie auf Hartplatz nicht ebenso spielen sollte wie auf Rasen, fehlt noch der letzte Beweis. Aber prinzipiell stimmt es wohl, wenn sie glaubt, der Sache näher gekommen zu sein.

Diese Gefühl fehlte Angelique Kerber während des Spiels (1:6, 5:7) gegen die 17 Jahre alte Belinda Bencic und vor allem danach. Im Gegensatz zu Lisicki, die ein gewisses Talent hat, alle Dinge positiv zu sehen, zweifelt sie schnell, auch nach Jahren unter an der Spitze noch. Die Partie gegen die imponierend stark spielende Schweizerin war deutlich besser, als sie es selbst wahrgenommen hatte. Aber es stimmte, als Angelique Kerber feststellte, sie sei in manchen Passagen zu passiv gewesen; die Passivität und der Zweifel sind allerdings Geschwister in diesem Fall. Trotz der Niederlage in Runde drei ist es immer noch möglich, dass sie sich auch in diesem Jahr für das Saisonfinale der acht Besten Mitte Oktober in Singapur qualifizieren kann; es wäre das dritte Mal in Folge, eine bemerkenswerte Bilanz.

Und Andrea Petkovic? Die reagierte vergleichsweise gelassen auf ihre Niederlage gegen Caroline Wozniacki (3:6, 2:6). Angesichts der Vorgeschichte mit der Viruserkrankung im August und der damit verbundenen Trainingspause habe sie vor dem Turnier nicht gedacht, überhaupt die dritte Runde zu erreichen, meinte sie. Das Wissen, nicht aus dem Vollen schöpfen zu können, habe es ihr schwer gemacht, vom ersten Spiel an, und in diesem speziellen Fall gegen Wozniacki habe sie eher bescheiden gespielt. Die gestiegenen Anforderungen auch in den ersten Runden eines Grand-Slam-Turniers fasste sie plakativ so zusammen: „Es gibt wirklich keine einfachen Spiele mehr, alle sind besser geworden. Du fühlst dich nicht gut? Zack, bumm, bäng – ab nach Hause und Tschüs!“

Für Bundestrainerin Barbara Rittner war es kein schöner Tag in Flushing Meadows. Drei Spiele, drei Niederlagen, zum ersten Mal seit fünf Jahren keine deutsche Spielerin im der zweiten Woche des Turniers – das ist keine Bilanz, die zu den sensationellen Farben des Sonnenuntergangs dieser Tage in New York passt. „Das sind enttäuschende US Open – ist ja klar“, kommentierte sie. Aber angesichts der Tatsache, dass es für jede der drei Niederlagen halbwegs schlüssige Erklärungen gab, gibt es auch keinen Grund, aus dieser Momentaufnahme mehr zu machen.

Es steht ja noch Wichtigeres bevor in diesem Jahr, das Finale im Fed Cup Anfang November in Prag. Der Weg für die Kandidatinnen wird für alle gleich und kein leichter sein. Aus New York Richtung Heimat zum ausgedehnten Trainingsblöcken, danach wieder Koffer für die von allen ungeliebte Asientour nach Japan und China packen, dann die europäischen Turniere in Linz und Luxemburg. Es gibt weiter reichlich zu tun.

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+++ New York, den 30.08.14 +++

Von Doris Henkel

Groundhog Day hieß der berühmte Film mit Bill Murray im Original, in Deutschland wurde er unter dem bescheuerten Titel verbreitet: Und täglich grüßt das Murmeltier. Hauptdarsteller Murray durchlebt darin immer wieder die gleiche Situation, und so ähnlich müssen sich Philipp Kohlschreiber und John Isner vorkommen – wenn auch berufsbedingt mit weniger komischem Potenzial. Wie schon vor zwei Jahren und im vergangenen Jahr werden die beiden auch diesmal in der dritten Runde der US Open gegeneinander spielen, und das ist schon eine kuriose Situation angesichts der Möglichkeiten, die in einem Feld von 128 Spielern bei einer Auslosung existieren.

Schon vor ein paar Wochen hatten die beiden beim Turnier in Cincinnati gescherzt: Hej, wir sehen uns ja sicher in der dritten Runde in New York wieder. Isner landete mit einem umstandslosen Sieg gegen Jan-Lennard Struff beim Date mit Philipp K., Kohlschreiber kam trotz seiner schwarzen Klamotten in der Sonne kaum ins Schwitzen, denn sein französischer Gegner Michael Llodra gab nach dem ersten Satz mit Schmerzen im Ellbogen auf. Bisher, sagt Kohlschreiber, fehle ihm noch das Gefühl, so richtig im Turnier drin zu sein. Nach seinem ersten Spiel am Montag hatte er zwei Tage Pause, das zweite dauerte nicht allzu lang.

Er kann davon ausgehen, dass das Spiel im Arthur Ashe Stadion stattfinden wird, der riesigen, mehr als 20.000 Zuschauer fassenden Schüssel, oder zumindest im kleineren Bruder, dem Louis Armstrong Stadion. Vor zwei Jahren spielte sie bis tief in die Nacht; als Kohlschreiber den Matchball zum Sieg in fünf Sätzen verwandelte, stand die Uhr auf 2.26, womit klar war, dass sie in den Rekordbüchern der US Open gelandet waren. Vor einem Jahr spielten sie in der Hitze des Tages, Kohlschreiber gewann in vier Sätzen und meinte hinterher, das sei vermutlich eines der fünf besten Spiele gewesen, die er je in seiner Karriere gemacht habe.

Er steht zwar in der Rangliste nicht mehr so weit vorn wie vor zwei Jahren und gehört nicht mehr zu den besten 20 (aktuell 25), aber er hegt nach wie vor die Hoffnung, noch mal weiter nach vorn zu kommen. Die hegt er schon seit Jahren, es war immer wieder mal von den Top Ten die Rede, aber dazu reichte es bisher nicht. Ein Erfolg, der dem Körpermaß von Isner entspricht, fehlt nach wie vor in seiner Bilanz, aber fast alle der Besten können sich an mindestens verzwicktes oder gar dramatisches Spiel gegen den Augsburger erinnern. Jüngstes Beispiel aus diesem Jahr: Die Partie in der dritten Runde der French Open in Paris gegen Andy Murray, ein Schwergewichtskampf in fünf Sätzen an zwei Tagen, das Murray schließlich 12:10 gewann.

Nun also wieder Isner; jener Mann, der in fast jedem Spiel 20 Asse und mehr schlägt, und dessen Geschosse kaum zu berechnen sind. Es ist vor allem der Winkel beim Absprung der Bälle, der allen Gegnern zu schaffen macht, nicht nur beim ersten Aufschlag. Kohlschreiber erinnert sich an einen zweiten Kick-Aufschlag vom vergangenen Jahr, der über seinen Kopf hinwegsprang. Man kann nicht viel tun, um sich auf dieses Sperrfeuer vorzubereiten. „Man kann diesen Aufschlag ja nicht imitieren“, sagt Kohlschreiber. Er weiß, dass er den langen Amerikaner viel bewegen muss, und er ist auch überzeugt davon, in einem Spiel, das länger dauert, konditionelle Vorteile zu haben.

Er selbst fühlt sich fit im Moment; bereit dafür, wieder über die volle Distanz von fünf Sätzen zu gehen. Im Training hat er mit seinem Team in letzter Zeit ein paar Dinge verändert. „Ich renne nicht mehr stundenlang von rechts nach links. Jetzt arbeiten wir mehr an speziellen Situationen“. Weniger Tempo, mehr Struktur. Er ist nach wie vor ohne Trainer unterwegs, Manager Stefan Fehske übernimmt auch diesen Part, und Kohlschreiber steht im Moment nicht der Sinn danach, daran etwas zu verändern. „Ich bin im Moment zufrieden so“, sagt er, „ich fühle mich sehr gut aufgehoben“. Zum Team K. gehören ein Fitnesscoach und ein Physiotherapeut – so wie das mittlerweile bei allen Spitzenspielern üblich ist.

Im Moment verdeckt Isner für Kohlschreiber noch den Blick auf das Feld dahinter, aber er weiß natürlich trotzdem, wie es dort aussieht. Im vergangenen Jahr musste er nach dem Sieg gegen Isner im Achtelfinale gegen Rafael Nadal spielen, den späteren Sieger des Turniers, diesmal sieht alles nach Novak Djokovic aus.

Aber um noch mal auf den berühmten Film zurückzukommen. Isner ist es, der in Bill Murrays Rolle steckt, denn der versucht ja, in jeder neuen Auflage der gleichen Situation die Fehler von vorher zu vermeiden. Doch Regie-Assistent Philipp K. ließ das bisher nicht zu.

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+++ New York, den 29.08.14 +++

Von Doris Henkel.

Das erste Problem lösten die Stella-Girls ziemlich souverän. Um zu vermeiden, im gemeinsamen Spiel an diesem Freitag in der gleichen Aufmachung zu erscheinen, besprachen Caroline Wozniacki und Andrea Petkovic unmittelbar nach ihren Siegen in der zweiten Runde, wie die Chose zu lösen sei. Die beiden stehen bei derselben Firma unter Vertrag, und sie tragen beide die Modelle der britischen Modeschöpferin Stella McCartney. Kurzerhand einigten sie sich darauf, dass die Dänin wieder ihr Kleid tragen wird und Petkovic dem Farbton „nude“ treu bleiben wird.

Diese merkwürdige McCartney-Linie passt eigentlich weder zu Wozniacki noch zu Petkovic und auch sonst zu kaum einer Tennisspielerin, aber schließlich geht es ja nicht um Auftritte bei der New Yorker Modewoche, die in Kürze beginnt, sondern um ein anspruchsvolles Spiel, in dem es völlig egal ist, was jemand trägt, solange der Ball auf der anderen Seite des Netzes innerhalb der Linien landet.

Völlig unabhängig von Modellen und Farbtönen ist es eine interessante Konstellation, wenn die beiden nun gegeneinander spielen. Es ist eine Menge passiert seit dem letzten gemeinsamen Auftritt; das war vor drei Jahren an gleicher Stelle im Viertelfinale der US Open. Wozniacki war damals die Nummer eins des Frauentennis, Petkovic steckte mitten im bisher erfolgreichsten Jahr ihrer Karriere und war bei den großen Turnieren die konstanteste Spielerin der Saison; bei drei von vier Grand-Slam-Turnieren erreichte sie das Viertelfinale.

Drei Jahre später steht die Dänin nur noch auf Platz elf der Weltrangliste und hat nach wie vor kein Grand-Slam-Turnier gewonnen, was ihr in der Zeit an der Spitze immer wieder vorgeworfen worden war. Sie verdiente sich aber vor allem zuletzt eine Menge Respekt für die Art, wie sie mit dem privaten Tiefschlag umging, kurz vor der geplanten Hochzeit von ihrem Verlobten, dem irischen Golfstar Rory McIlroy, abserviert zu werden. Der Ex gewinnt seither einen Titel nach dem anderen, aber auch sie selbst machte zuletzt ein paar überzeugende Spiele, allerdings ohne einen großen Erfolg. „Sie ist im Vergleich zu ihrer Zeit als Nummer eins sicher keine schlechtere Spielerin“, sagt Petkovic, „ich habe ihren Weg immer verfolgt und finde, sie hat ihre Balance wieder gefunden. Und das muss ich auch tun, wenn ich gegen sie gewinnen will.“

Als sie das feststellte, hätte ihr noch schwindelig sein müssen von der wechselhaften, extrem spannenden Partie gegen Monica Puig, in der es manchmal so ausgesehen hatte, als säßen die beiden in einer Achterbahn, die alle zehn Minuten abrupt stoppte und in die entgegen gesetzte Richtung ratterte. Andrea Petkovic wusste, dass sie besser spielen kann als an diesem heißen Nachtmittag in Flushing Meadows. Aber mit dem Willen und der Fähigkeit, ihre Wut nach Fehlern in Energie umzuwandeln, mit ein klein wenig Glück und bemerkenswerter Ausdauer gewann sie schließlich im Tiebreak des dritten Satzes (3:6, 6:3, 7:6) und stieg halbwegs unversehrt aus dem Wagen.

Die nun bevorstehende dritte Runde verspricht ein paar interessante Einblicke in den Stand des deutschen Frauentennis knapp zwei Monate vor dem Finale im Fed Cup gegen Tschechien mit den Studienspielen von Andrea Petkovic gegen Caroline Wozniacki, Angelique Kerber gegen die junge, talentierte Schweizerin Belina Bencic und Sabine Lisicki gegen Maria Scharapowa. Nun wird ja noch ein wenig Zeit vergehen, und es stehen bis zum Zeitpunkt der Nominierung für den Fed Cup auch nach den US Open weitere Turniere auf dem Programm, aber man kann wohl schon davon ausgehen, dass sich Sabine Lisicki mit einem Sieg gegen Scharapowa empfehlen würde. Für das Halbfinale Mitte April gegen Australien war sie wegen ihrer damals instabilen Form nicht nominiert worden, in Brisbane hatten Kerber und Petkovic Einzel gespielt.

Gegen Maria Scharapowa bei einem Grand-Slam-Turnier zu spielen ist immer eine Herausforderung der besonderen Art. Von drei solchen Gelegenheiten nutzte Lisicki bisher eine, vor zwei Jahren in Wimbledon, die letzte gemeinsame Begegnung endete im Frühjahr vergangenen Jahres mit einer Niederlage für sie. Die Berlinerin war sich nach ihrem Sieg in Runde zwei darüber im Klaren, dass ihr Spiel noch einiges an Steigerung vertragen könnte, aber sie fand, es werde in New York von Tag zu Tag besser. Ob es reicht für ein Empfehlungsschreiben wird sich zeigen.

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+++ New York, den 28.08.14 +++

Von Doris Henkel.

Auf der neuen Tribüne an Court sechs saßen die Leute dicht gedrängt, und an den Längsseiten des Platzes bildeten ein paar Hundert eine undurchdringliche Front. Von weiter außen war kaum noch was zu sehen von diesem Spiel, aber dass sich da Besonderes tat, verriet die Geräuschkulisse; je länger die Partie dauerte, desto lauter wurde es. Und mit heftigstem Beifall reagierten die Amerikaner auf die Taten der erst 15 Jahre alten Catherine Cartan Bellis aus Kalifornien, genannt CiCi, die nichts Geringeres zu tun hatte, als die Finalistin der Australian Open, Dominika Cibulkova, zu besiegen (6:1, 4:6, 6:4).

Solche Geschichten machen Flair und Verführungspotenzial der ersten Runden aus, ohne sie wäre kein Grand-Slam-Turnier komplett, aber was Miss Bellis vom Weltranglistenplatz 1208 schaffte, war fast zu gut, um wahr zu sein. Mit einem Sieg bei den nationalen Meisterschaften der unter 18-Jährigen hatte sie sich eine Wildcard für die US Open verdient. Bevor das Spiel gegen die Slowakin begann, war sich die Kleine sicher, in jedem Fall eine gute Erfahrung zu machen, aber nicht im Traum dachte sie daran, dass sie am Ende als fassungslose Siegerin im Beifallssturm auf dem blauen Boden stehen würde.

Zugegeben, im ersten Satz hatte Cibulkova nur vage Ähnlichkeit mit der wild entschlossenen jungen Kämpferin, die vor sieben Monaten im Finale der Australian Open gespielt hatte. Im zweiten fing sie sich und glich aus, ging im dritten schnell in Führung, und alle dachten, das sei es nun wohl gewesen für die blutjunge, unerfahrene Gegnerin. Doch Bellis verriet kein Zeichen von Nervosität, zeigte ihrer Gegnerin nach guten Punkten immer wieder die Faust und signalisierte deutlich, dass sie nicht verschwinden würde. So gewann ein Mädchen aus dem Jahrgang 1999 sein erstes Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier, als jüngste Siegerin in New York seit einem Erfolg von Anna Kurnikowa, die damals ebenfalls 15 war, 1996 und als jüngste Amerikanerin sogar seit Mary Joe Fernandez 1986.

Aber die Kleine scheint aus manchen Dingen zum Glück schon herausgewachsen zu sein. Als es später in der Pressekonferenz die Frage erörtert wurde, ob sie ein Fan von Justin Bieber gewesen sei – offenbar hat dieser kanadische Milchbubi die Teenager in Nordamerika ziemlich gut im Griff -, meinte Miss Bellis mit der ganzen Abgeklärtheit ihrer 15 Jahre, ja, als sie jünger gewesen sei, habe sie Bieber gemocht, aber das sei schon ein paar Jahre her. Vermutlich war das kurz nach dem Kindergarten.

Aber an diesem Tag erlebte Platz sechs nicht nur jugendlichen Sturm und Drang, sondern in einem wunderbaren Kontrastprogramm auch die klassische Erfüllung eines lang gehegten Traums. Im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren feierte der beste Tennisspieler der Dominikanischen Republik seinen ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. Victor Estrella Burgos, ein kompakter, kleiner Mann, ist seit zwölf Jahren Profi. Zweimal war er in dieser Zeit länger weg vom Fenster; zuerst, weil er keinen Sinn mehr in seinem Tun sah und stattdessen als Coach arbeitete, beim zweiten Mal wegen einer langwierigen Verletzung im rechten Ellbogen. Wie viele Spieler, die bei den Challenger- oder Future-Turnieren ihren Lebensunterhalt verdienen, sparte er, wo er nur konnte, ließ unter anderem seine Schläger weicher besaiten, als es ihm lieb gewesen wäre, weil die Saiten so länger halten und er weniger Geld für neue ausgeben musste, wie er tennisnet.com im Frühjahr verriet.

Der Titel bei einem Challengerturnier in Ekuador brachte ihm im März so viele Punkte ein, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere unter den besten Hundert der Weltrangliste landete, und mit seinem ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier, den ein paar sangesfreudige Landsleute auf der Tribüne gebührend begleiteten, wird er weiter nach vorn rücken. Ein Blick in das Gesicht von Victor Estrella Burgos nach dem Matchball sagte alles; von großen Siegen zu reden steht nicht nur großen Spielern zu.

Interessanterweise wird der beste Mann der Dominikanischen Republik in Runde zwei gegen einen jungen Mann spielen, der fast sein Sohn sein könnte und mit seinen 17 Jahren als einer der besten Teenager des Tennis gilt. Problemlos besiegte Borna Coric aus Kroatien den Tschechen Lukas Rosol, der erst am vergangenen Wochenende einen Titel gewonnen hatte. Das sei alles kaum zu glauben, meinte er hinterher; er sei mit dem Ziel nach New York gekommen, sich für das Hauptfeld zu qualifizieren, und nun gewinne er gegen einen Typen, der zu den Top 30 gehöre oder zumindest nah dran sei. Einer der beiden – der junge Coric oder der so bewundernswert ausdauernde Estrella Burgos – wird in der dritten Runde aus der Wundertüte noch ein bisschen mehr von allem bekommen.

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+++ New York, den 26.08.14 +++

Von Doris Henkel.

Vor dem Hard Rock Cafe in der 57. Straße stieg ein junger Mann aus einer schwarzen Stretch-Limousine; er trug die Haare kinnlang und hatte einen in der Sonne glänzenden Pokal im Arm. Ein paar Passanten blieben stehen, um sich zu erkundigen, wer das denn sei. Stretch-Limousinen gehören in New York zum Alltagsbild, das wäre also kaum aufgefallen, der Pokal machte den Unterschied. Auf den Hinweis, das sei der Typ, der am Abend zuvor die US Open gewonnen habe, antwortete einer Passanten beeindruckt: Oh, Federer! Beschwingt und guter Laune verschwand der Mann des Wochenendes mit seinem Pokal im Restaurant, und die Leute sahen ihm interessiert nach; die besonderen Bilder verschwinden einfach nicht von der Festplatte des Gehirns, dieses ist gespeichert seit 2004.

Roger Federer reagierte überrascht, als er am vergangenen Wochenende daran erinnert wurde, sein erster Titelgewinn in New York liege zehn Jahre zurück; das sei ihm gar nicht bewusst gewesen, meinte er. Hätte er sich damals vorstellen können, anno 2014 immer noch zu den Favoriten des Turniers zu gehören, mit Frau und vier Kindern im Gepäck? „Vorher hatte ich mir immer vorgestellt, in Wimbledon zu gewinnen“, sagt er, „aber nie die US Open. Das war damals eine Riesen-Überraschung für mich. Aber danach hätte ich mir schon denken können, zehn Jahre später noch dabei zu sein.“ Mit Frau und vier Kindern? „Nein, das sicher nicht.“

Die Reisegruppe Federer ist mittlerweile so groß, dass sich ein eigenes, kleines Flugzeug beim ständigen Wechsel der Schauplätze lohnen würde, und angesichts dieser Erfahrungen kann der Mann aus dem Vollen schöpfen, wenn er nach Ratschlägen für den Kollegen Djokovic gefragt wird.

Der Serbe wird bekanntlich im Herbst zum ersten Mal Vater, und er scheint auf große Veränderungen vorbereitet zu sein. „Das Leben ändert sich“, sagt er, „ohne jeden Zweifel. Meine Familie, meine Frau und mein zukünftiges Kind haben Vorrang; Tennis ist definitiv nicht mehr die Nummer eins.“

Gemessen an Djokovics spürbarer und sichtbarer Vorfreude, aber auch an der Nervosität angesichts des in weniger als zwei Monaten bevorstehenden Ereignisses wirkt es umso bemerkenswerter, dass Federer, der das Ganze schon zweimal erlebt hat, immer noch zu den Besten gehört. Aber so kompliziert es manchmal sein mag, am Abend vor einem wichtigen Spiel mit dem Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten aus der Konzentrationsphase gerissen zu werden – anders mag er sich sein Leben auf der Tour nicht mehr vorstellen. „Natürlich könnte ich auch ohne meine Familie und meine Frau reisen, aber das macht mich nicht besonders glücklich. Und ich weiß, dass es sie auch nicht glücklich macht.

Und deshalb versuchen wir alles gemeinsam und zur gleichen Zeit zu tun. Das ist ein großes Vergnügen, und es hat meine Karriere definitiv verlängert.“ In New York spielt er zum 60. Mal ohne Unterbrechung bei einem Grand-Slam-Turnier, mehr hat noch nie einer geschafft, schon gar nicht unter den Besten. Das ist eine jener Zahlen seiner Karriere, die er selbst kaum glauben kann.

Als Federer neulich in Cincinnati den 77. Titel seiner Karriere gewann, meinte er hinterher, er sei froh, seinen Töchtern Myla und Charlene mal wieder einen anständigen Pokal präsentieren zu können. Die älteren Zwillinge würden sich sicher auch über die Trophäe freuen, die es bei den US Open zu gewinnen gibt und die sie bisher nur in der Miniaturausgabe der Nachbildung kennen, die sich ihr Vater von allen Grand-Slam-Pokalen hat anfertigen lassen. Beim letzten der fünf Titel des Daddys in New York 2008 waren sie noch nicht auf der Welt, und an den bisher letzten seiner 17 großen Titel vor zwei Jahren in Wimbledon können sie sich vermutlich nicht mehr erinnern, denn da waren sie erst knapp drei Jahre alt.

Wer weiß, was diesmal passiert; die Sache scheint so offen zu sein wie lange nicht mehr. Federer ist überzeugt, einen deutlich besseren Eindruck in Flushing Meadows machen zu können als im vergangenen Jahr. Damals sei er wirklich nicht in Topform gewesen, sagt er; der ernüchternd schwache Auftritt bei seiner Niederlage im Achtelfinale gegen Tommy Robredo hat auf der Festplatte ganz bestimmt keinen Platz.

Aber diesmal ist alles besser. Während des ganzen Jahres fühlte er sich gut, mit Coach Stefan Edberg passt alles bestens, und mit dem neuen Schläger kommt er auch gut zurecht. Volle Kraft voraus also, und sollte der werdende Vater Novak Djokovic ein gutes Beispiel brauchen, dann kann Federer auch damit dienen. „Er sieht mich mit vier Kindern, da sollte es mit einem für ihn ´ne Kleinigkeit sein.“ Okay, im Hard Rock Cafe war er lange nicht mehr, aber das ist eh nicht seine Welt.

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+++ New York, den 25.08.14 +++

Von Doris Henkel.

Es gab eine Zeit bei diesem Turnier, in der der Geruch von Bratfett allgegenwärtig war und man auf den Außenplätzen damit rechnen musste, vom Läuten eines Telefons gestört zu werden. Eines öffentlichen Apparates, von dem man wie in der ganzen Stadt üblich nicht nur anrufen, sondern auch angerufen werden konnte. Kein großes Tennisturnier lebte mit annährend so vielen Verrücktheiten wie dieses, und nicht wenige Spieler hassten den Zirkus so sehr, dass sie froh waren, wenn sie nach Hause fliegen durften.

Die US Open neuerer Zeit kommen vergleichsweise harmlos und geruchsneutral daher, aber sie sind noch immer ein lautes, grellbuntes, verwirrend gigantisches Ding, passend zum Geist der großen Stadt. Nach dem Umbau der Anlage 1997 und der Einweihung des 21.000 Zuschauer fassenden Arthur Ashe Stadions, der größten Tennisarena der Welt, tat sich lange Zeit nicht viel, aber damit ist es vorbei. Als erstes Zeichen eines ambitionierten Fünfjahresplanes steht ein neuer, von zwei Seiten nutzbarer Tribünen-Komplex am Westtor, auf der einen Seite mit den Trainingsplätzen 1 bis 5, auf der anderen mit den Turnierplätzen 4 bis 6.

Und mit noch größeren Veränderungen wird es weitergehen: In zwei Jahren soll das lange geforderte und viel diskutierte Dach über dem Arthur Ashe Stadion betriebsbereit sein, desgleichen ein neuer Grandstand und weitere Plätze, 2018 soll dann die neue zweitgrösste Arena betriebsbereit sein, die außer dem Namen – Louis Armstrong Stadion – kaum Ähnlichkeit mit dem Vorgänger-Modell aus der Bratfettzeit haben wird.

Das ist ein anspruchsvoller Plan für rund 550 Millionen Dollar, der an jedem Tag 10.000 Fans mehr ins National Tennis Center des amerikanischen Verbandes USTA locken soll; schon jetzt sind die US Open mit mehr als 700.000 Zuschauern in zwei Wochen die am besten besuchte jährliche Sportveranstaltung der Welt.

Andererseits haben sich die Amerikaner reichlich Zeit gelassen bei der Antwort auf die Herausforderung der Kollegen in Australien, die bei der nächsten Ausgabe im Januar 2015 ein drittes Stadion mit Cabrio-Ambiente Dach präsentieren werden, und der Engländer, die in Wimbledon ein zweites Dach bauen werden.

Wenn nicht alle Zeichen täuschen, dann könnte dieses letzte Grand-Slam-Turnier 2014 eine spannende Sache werden, offen wie lange nicht. Ohne Rafael Nadal, den verletzten Titelverteidiger, mit einem zuletzt bei den nordamerikanischen Hartplatzturnieren formschwachen Novak Djokovic, den ebenfalls nur mittelprächtig spielenden Andy Murray und Stan Wawrinka und mit Roger Federer, der die beste Bilanz in diesem Sommer zu bieten hat – vier Finals seit Juni mit zwei Titeln, Anfang Juni in Halle und kürzlich in Cincinnati.

Djokovic, Murray und Wawrinka landeten in der oberen Hälfte des Tableaus, dazu der Kanadier Milos Raonic und Jo-Wilfried Tsonga, in der unteren sieht die Sache für Federer als Nummer zwei der Setzliste auf einer Seite mit Tomas Berdych, David Ferrer und Grigor Dimitrov ein wenig freundlicher aus. Möglich, dass am Ende des Jahres hinter jedem der vier Grand-Slam-Turniere der Name eines anderen Siegers stehen wird.

Auch bei den Frauen lief bis dato vieles durcheinander. Chinas Li Na, Siegerin in Melbourne, fehlt immer noch verletzt, in Paris gewann Maria Scharapowa, in Wimbledon Petra Kvitova, aber den überzeugendsten Eindruck hinterließ zuletzt Serena Williams, die Titelverteidigerin. Aufsteigerin Eugenie Bouchard, die während des Jahres imponierend gut gespielt hatte, wirkte zuletzt matt und überfordert, vielleicht eine Folge der ereignisreichen ersten Hälfte des Jahres.

Und die besten Deutschen? Für Angelique Kerber geht es unter anderem auch darum, mit einem guten Ergebnis die Chancen auf die Qualifikation für das WTA-Finale in Singapur zu wahren. Andrea Petkovic ist guter Dinge trotz der unglücklichen Niederlage in der vergangenen Woche in New Haven, und Sabine Lisicki, die in der vergangenen Woche für ihren Rekordaufschlag kürzlich im Guiness-Buch landete, wäre mit einer Antwort auf eine Feststellung dran, die sie in Wimbledon verbreitet hatte: Es gebe keinen Grund, warum sie auf Hartplätzen nicht ebenso gut spielen können sollte wie auf Rasen. Eigentlich nicht.

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