Roland Garros 2017 – Nadal & Ostapenko Sieger – 20. Update

Lesen Sie hier die Beiträge von  MPTC-Mitglied Doris Henkel zu Roland Garros 2017, das vom 28 Mai bis 11. Juni 2017 in Paris stattfand, weitere Beiträge von Doris Henkel zu Roland Garros 2016 finden Sie weiter unten.
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+++ Paris, 20. Update +++

Von Doris Henkel

Prinzipiell ist in der Vitrine noch Platz. Im kleinen Museum der Rafa Nadal Academy, die im Herbst vergangenen Jahres in der Heimatstadt des Helden auf Mallorca eröffnet wurde, stehen akkurat aufgereiht die Replica seiner wertvollsten Trophäen. Bisher sah die Konfiguration so aus: Neun aus Paris in der oberen Reihe, darunter zwei aus Wimbledon und einer aus Melbourne, ganz unten die beiden aus New York. Die Nummer zehn aus Paris ist leicht unterzubringen, aber was macht er mit dem großartigen Sonderpreis, den er passender Weise von seinem Onkel überreicht bekam? Die Nachbildung des Coupe des Mousquetaires in Originalgröße mit den Jahreszahlen seiner zehn Siege und seinem Namen auf dem Sockel braucht mehr Platz als die anderen, und er wird alles überragen, was sonst in diesem Schaukasten steht.

Schöne Probleme sind das. Die besten Probleme einer historischen Tat. In den Stunden nach seinem Sieg am Sonntag im Paris gegen Stan Wawrinka, der ihn mit der allergrößten Souveränität zum zehnten Titel führte, rollten in den sozialen Netzwerken die Glückwünsche unzähliger Kollegen an. Bin sprachlos – unglaublich – magisch, das sind die Worte, die in fast immer vorkamen. Der Preis für den witzigsten Glückwunsch geht ganz klar an den Brasilianer Bruno Soares, Doppelspezialist und stolzer Besitzer zweier Grand-Slam-Titel. Der schrieb: Ist leicht, zehnmal die French Open zu gewinnen, wenn du Rafa bist. Würde gern sehen, ob Rafa so viel gewinnen würde, wenn er ich wäre.

Was La Decima für den Spanier bedeutet, war vor allem in den ersten Momenten auf dem Podium zu sehen, als er den Pokal wie einen Schatz liebkoste. Anders als sonst, hingebungsvoller. Für die Welt des Tennis bedeutet dieser Sieg einer alten Gewissheit – dass die Namen Rafael Nadal und Roland Garros für immer zusammengehören werden -, aber auch einer relativ neuen. Wie bei Roger Federer, dessen renovierte Rückhand einen wesentlichen Anteil am Titel bei den Australian Open und anderen in diesem Jahr hatte, ist auch Nadal mit der Hilfe seines Onkels Toni Nadal und seines neuen Coaches Carlos Moya ständig auf der Suche nach Verbesserungen. Der in diesem Finale chancenlose Wawrinka findet, Nadal habe nie besser gespielt als dieser Tage. Er selbst sagt: „Ich weiß nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber ich hab keinen Satz verloren, also hab ich vermutlich gut gespielt.“

Der Schwede Mats Wilander schreibt dazu in seiner Kolumne für die französische Sportzeitung L’Équipe, überraschend sei nicht, dass Nadal gewonnen habe als vielmehr, wie er es getan habe – mit einer deutlich verbesserten Rückhand, die den Gegnern nun noch weniger Luft zum Atmen lasse. Die Kolumne endet mit den Worten: „Das ist wie in einer Ehe; wenn die tiefe Liebe noch da ist, dann muss man neue Formen finden, um nicht in die Langeweile zu taumeln. Nadal und Federer haben das verstanden.“ Das blumige Ende der Kolumne ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass Wilanders Schreibassistent Franzose ist, aber das nur nebenbei.

Roland Garros ist Geschichte, la Decima ist ein unbestreitbarer, phänomenaler Fakt, aber der Ball rollt schon weiter. Rafael Nadal wird sich ein paar Tage Pause zuhause in Manacor gönnen, mit seinem Boot rausfahren und die Angel ins Mittelmeer halten; das tut er mit größtem Vergnügen. Sein nächster Aufritt steht in der kommenden Wochen beim Rasenturnier im Londoner Queen’s Club auf dem Programm. Beim Mercedes Cup in Stuttgart warten derweil alle auf das erste Spiel des Rivalen Federer nach zehn Wochen Pause, und für den Schweizer wird es danach bei den Gerry Weber Open in Halle weitergehen.

Ist es nicht eine verführerische Vorstellung, dass sich die beiden im Juli in Wimbledon begegnen könnten, vielleicht wieder im Finale? Nicht so schnell, sagt Nadal. „Es ist eine Weile her, dass ich in Wimbledon gut gespielt habe. Nach 2012 wurde es wegen meiner Knie auf Rasen immer schwerer für mich – das ist die Realität. Wenn ich Schmerzen in den Knien habe, das weiß ich aus meiner Erfahrung, dann kann ich unmöglich gut spielen. Ich brauche starke Beine, und ich muss in die Knie gehen können, und wenn ich dieses Gefühl nicht habe, dann sind meine Chancen nicht allzu groß.“

Das hörte sich ein wenig bedrohlich an, wer weiß. Aber selbst, wenn es ihm gut geht, neigt er ja nicht zu großen Sprüchen, klingt eher skeptisch. Falls es ihm und den jahrelang strapazierten Knien gut geht, ist jedenfalls eine ziemlich große Chance vorhanden, dass er sich in der Weltrangliste dem Spitzenreiter Andy Murray nähern wird. Der Schotte hat im Moment rund 2000 Punkte Vorsprung auf Nadal, der nach seinem Triumph in Paris zum ersten Mal seit Herbst 2014 wieder auf Platz zwei steht. Aber im Gegensatz zu Murray, der 2016 sowohl in Queen’s als auch in Wimbledon gewann, hat der Spanier aus der Rasensaison nullkommanull Punkte zu verteidigen. Im vergangenen Jahr hatte er Paris mit einer Entzündung im linken Handgelenk verlassen und war erst im August bei den Olympischen Spielen in Rio wieder aufgetaucht. Damals gab es viele Zweifel, ob er jemals wieder so gesund sein würde, um noch mal um große Titel spielen zu können. Aber wenn er es ist, und das ist nun in glorioser Endgültigkeit klar, dann braucht die Vitrine in Manacor eine neue Konfiguration.

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+++ Paris, 19. Update +++ Rafael Nadal gewinnt French Open 2017

Von Doris Henkel

Es war keim anderer als Juan Carlos, Spaniens früherer König, der Rafael Nadal als Erster gratulierte. Wie damals vor zwölf Jahren nach seinem ersten Sieg. Auch Roland Garros gab sich große Mühe angesichts der Bedeutung dieses zehnten Titels nach dem Sieg des Spaniers gegen Stan Wawrinka (6:2, 6:3, 6:1) und zauberte spezielle Geschenke hervor. Das Beste wurde von Toni Nadal hereingetragen, dem berühmtesten Onkel der Tenniswelt, der eine gleich große Nachbildung des Coupe des Mousquetaires aufs Podium schleppte, wo der gerührte Neffe mit dem Original stand; er wiegte ihn wie ein Baby im Arm.

So endete dieser Nachmittag in Paris. Begonnen hatte er mit der Schlagzeile unter den Gesichtern der beiden Finalisten: Das ultimative Gefecht. Alle dachten, dass es ein langes, hartes, extrem physisches Duell geben würde, vier Sätze garantiert, vielleicht fünf. Nadal hatte sich mit einer Reihe äußerst zügiger Siege empfohlen, zuletzt gegen den Österreicher Dominic Thiem. Aber der Auftritt des Schweizers im Halbfinale gegen Andy Murray im besten Spiel des Turniers nährte die Idee einer Begegnung auf Augenhöhe. Und überhaupt, Stan the Man ist bekanntlich der Agent für besondere Fälle, der von den drei Grand-Slam-Finals keiner Karriere keines verloren hatte.

Am Vormittag hatte er das Foto eines Espressos vom Frühstück über Twitter geteilt, aber man konnte sich nicht vorstellen, dass er den wirklich brauchen würde. Als die Kombattanten pünktlich um drei den Platz betraten, war die Arena vollbesetzt, und es lang eine Mischung aus Spannung, Neugier und exklusivem Kribbeln in der Luft. Wawrinka zum zweiten in Paris oder tatsächlich La Decima für Rafael Nadal?

Vor seinem bis dahin letzten großen Finale, im September 2016 bei den US Open in New York, hatte sich Wawrinka fast übergeben müssen vor Aufregung und Angst, die Chance zu vermasseln. Diesmal, so hatte er am Tag vor dem Finale gesagt, werde er versuchen, das Spiel von Anfang an zu genießen. Und dass es keine größere Herausforderung im Tennis gebe, als in einem Spiel auf drei Gewinnsätze gegen Rafael Nadal zu bestehen.

Eine halbe Stunde lang sah es so aus, als habe die Schlagzeile im Programmheft in die richtige Richtung geführt. Lange, harte Ballwechsel mit Vorteilen für den Spanier, aber auch mit einem Gegner, der Möglichkeiten fand, sich aus der Bredouille zu befreien. Nach dieser halben Stunde ohne Aufschlagverlust hüben wie drüben stand es 3:2; in Gedanken wurden auf der Tribüne bereits diverse Reservationen fürs Abendessen storniert. Aber dann verlor der Schweizer zum ersten Mal ein Aufschlagspiel, Nadal ging 4:2 in Führung, und von diesem Moment an ging alles ziemlich schnell.

Der Spanier spielte immer zwingender, er hatte die große Mehrzahl der Ballwechsel unerbittlich souverän im Griff, und es wurde bald klar, dass er nicht mehr zu stoppen war.

Der Rest des Weges zur gloriosen Decima war nicht mehr weit. In 45 Minuten gewann Nadal jedenfalls den zweiten Satz, in 35 den dritten, und dann lag er ausgestreckt im roten Sand. Wie beim ersten Mal und wie so oft in den Jahren seit seinem ersten Sieg im Stade Roland Garros vor zwölf Jahren. Es hätte diesen zehnten Titel nicht gebraucht, um zu erkennen, mit wie viel Drall und nie nachlassender Leidenschaft er das Turnier in all den Jahren bereicherte, obwohl er dabei nicht immer der Favorit des Publikums war. Oft genug hatten sich die Pariser Fans auf die Seite des Herausforderers geschlagen, zuerst auf Roger Federers Seite, dann unterstützten sie Novak Djokovic, und ein paar Mal ließen sie Nadal auch im Regen stehen; es war das Jahr 2009, in dem er im Achtelfinale gegen den Schweden Robin Söderling verlor. Danach verlor er nur noch ein weiteres Spiel, im Viertelfinale vor zwei Jahren gegen Novak Djokovic. Danach konnten sich viele nicht vorstellen, dass er bei seinem Lieblingsturnier noch einmal im Finale spielen würde angesichts seiner Probleme in den Knien im Handgelenk und überhaupt.

In diesem Jahr geht es ihm wieder gut, und das allein reichte, um die alte Klasse wieder zum Vorschein zu bringen. Sieht so aus, als sei 2017 auf dem Planeten Tennis ein besonderes Jahr: In Melbourne gewann Roger Federer den 18. Grand-Slam-Titel seiner Karriere, in Paris zog Rafael Nadal nun mit dem 15. nach, und er landet damit ganz nebenbei wieder auf Platz zwei der Weltrangliste.

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+++ Paris, 18. Update +++

Von Doris Henkel

Am Tag danach sah es so aus, als sei sie von der Bedeutung ihrer Tat ein klein wenig eingeholt worden. Zum offiziellen Fototermin mit Trophäe trug Jelena Ostapenko ein kurzes Kleid mit schwarzem Oberteil, hochhackige Pumps und die wilde Mähne diesmal nicht geflochten, wie im Spiel, sondern von einem Band zusammen gehalten offen. Lächelnd erfüllte sie die Wünsche der Fotografen, drehte sich mal hierhin und mal dorthin, aber es waren vorsichtige kleine Posen. Die großen Siegerauftritte der Kolleginnen Serena Williams oder Maria Scharapowa sehen anders aus; da ist deutlich mehr Hollywood im Spiel. Aber es gibt ja reichlich Zeit zum Lernen, und wenn nicht alle Erkenntnisse dieser Internationalen Tennismeisterschaften von Frankreich in die falsche Richtung führen, dann wird das Fräulein aus Lettland demnächst öfter mit einem silbernen Pokal vor einer Statue posieren.

Die Statue war in diesem Fall jene der legendären Französin Suzanne Lenglen, die das Frauentennis in den zwanziger Jahren geprägt hatte und die sich bei allen sportlichen Erfolgen immer auch einen deutlichen Hang zur Exzentrik gönnte. Das Tennis dieser Tage ist schon länger auf der Suche nach einer jungen Frau, die Serena Williams dereinst beerben kann, mit allem, was dazu gehört. Jelana Ostapenko, die vor ein paar Tagen in Paris ihren 20. Geburtstag gefeiert hatte, schrieb ihren Namen als Bewerbung in den Sand des Courts Philippe Chatrier.

Obwohl, wenn man es genau nimmt, dann schrieb sie nicht, sondern rammte an allen vier Ecken des Platzes Leuchtfeuer in den roten Sand. Faszinierend, mit welcher Leidenschaft, welcher Bereitschaft zum Risiko sie auch im ersten großen Finale ihrer Karriere spielte. Und das selbst in einer Phase, in der es so aussah, als sei die Gegnerin Simona Halep auf dem Weg zum Sieg. Die Rumänien hatte zu diesem Zeitpunkt den ersten Satz gewonnen, führte im zweiten 3:0 führte und hatte weitere Breakbälle. Doch in diesen Momenten zitterte ihr Arm, sie ließ Ostapenko ins Spiel zurückkommen, und die freche Lettin gehört sicher zu den Personen, denen man besser nicht den kleinen Finger reicht.

Ostapenkos Spiel kennt nur die Dimension Laserstrahl. Sie knallt die Bälle aus allen Lagen und Positionen mit unfassbarer Geschwindigkeit über Netz. Messungen während der French Open hatten ergeben, dass sie die Vorhand härter schlägt als die Nummer eins der Männer, Andy Murray. Und auch ein anderer Vergleich zeigt, was hier los ist. Die Siegerin der French Open schlug mehr Asse als der Kollege Rafael Nadal, mehr Vorhandwinner und mehr Rückhandwinner als der Spanier, und Simona Halep hatte all dem am Ende nichts mehr entgegen zu setzen. Sie wirkte schwer geknickt und meinte, sie werde eine Weile brauchen, um sich von dieser Niederlage zu erholen. Eine Niederlage, die ganz nebenbei dafür sorgt, dass Angelique Kerber weiter an der Spitze der Weltrangliste stehen wird.

Jelena Ostapenko, die das Turnier auf Platz 47 der Weltrangliste begonnen hatte, rückt auf 12 vor, und dabei wird es sicher nicht bleiben. Die Amerikanerin Chris Evert überschlug sich fast in ihrem Kommentar für die internationale Schiene von Eurosport in ihrer Begeisterung für die junge Lettin für und deren Bereitschaft zum Risiko. „Eine wie Jelena – das ist es, was wir brauchen im Frauentennis“, schwärmte sie. „Wir sind doch alle so hungrig nach neuen Gesichtern – hier ist eines.“

Sicher, man kann die Art des Spiels der jüngsten Siegerin in Paris seit 20 Jahren, der ersten ungesetzten Siegerin seit mehr als acht Jahrzehnten und der jüngsten Siegerin eines Grand-Slam-Turniers seit 13 Jahren eindimensional finden. Volle Kraft voraus – und dann rette sich, wer kann. Aber dabei muss es ja nicht bleiben, und ein großer Teil der Faszination besteht darin, diesem lettischen Feuerkopf bei der Arbeit zuzusehen. In ihren Reaktionen kann man lesen wie in einem Buch, und vieles ist so spannend wie das ihrer Lieblingsautorin Agatha Christie.

War sie überhaupt nicht nervös im ersten großen Finale ihrer Karriere? Kurz vor dem Spiel habe es ein paar Minuten gegeben, gab sie sie zu, aber sonst sei alles okay gewesen. Seit ein paar Wochen wird Ostapenko nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von der Spanierin Anabel Medina Garrigues trainiert, die noch als Doppelspielerin aktiv ist. Die berichtete am Tag nach dem großen Finale in einer Kolumne für die spanische Internet-Platform El Español über diese Momente der Nervosität und wie sie dann auf die Idee kam, die Lage mit Musik und Tanz zu entspannen. Ostapenko ist eine begeisterte Tänzerin, sie nahm jahrelang an Wettbewerben teil, Lieblingstanz Samba. Also suchte Medina kurz vor dem Spiel schnell ein Stück auf ihrem Handy heraus, Ostapenko gönnte sich ein paar Schritte, und so tanzte sie die Nervosität einfach weg. Geniale Idee. Das Stück trug sinnigerweise den Namen „Despacito“. Das bedeutet aus dem Spanischen übersetzt nichts anderes als „schön langsam“ und ist das komplette Gegenteil dessen, wie Jelena Ostapenko lebt und spielt.

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+++ Paris, 17. Update +++ Jelena Ostapenko gewinnt French Open 2017

Von Doris Henkel

Quietschvergnügt saß Jelena Ostapenko auf ihrem Stuhl und sah zu, wie die Vorbereitungen zur Siegerehrung auf dem Court Central getroffen wurden. Wie der silberne Pokal hereingetragen wurde, der nach der legendären Französin Suzanne Lenglen benannt ist, wie die Gratulanten das Podium erklommen. Das alles nahm sie mit einem Lächeln wahr, das zwischen frech, entzückt, verblüfft und grenzenlos schwankte. Es waren schätzungsweise die letzten ruhigen Momente für die junge Lettin, denn ab jetzt wird es rund gehen in ihrem Leben. Als Nummer 47 der Welt war sie vor etwas mehr als zwei Wochen nach Paris gekommen; eine der jungen Wilden des Frauentennis. Mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt gewann sie  nach sechs Spielen am Samstag auch das Finale gegen die Rumänin Simona Halep (4:6, 6:4, 6:3), und nun überschlägt sich die Welt des Tennis beim Versuch, diese faszinierende Geschichte einzuordnen.

Ja, vielleicht hätte man es ahnen können bei diesem Omen. Am gleichen Tag, als Jelena Ostapenko in Riga/Lettland auf die Welt kam, dem 8. Juni 1997, gewann der Brasilianer Gustavo Kuerten in Paris den ersten Titel seiner Karriere, und so was gibt es nicht alle Tage, dass der erste gleich ein Grand-Slam-Titel ist. Am Tages des Halbfinales feierte Ostapenko ihren 20. Geburtstag, und irgendwie lag die Idee in der Luft, dass sie dem Weg folgen könnte, den der nach wie vor überaus populäre Brasilianer damals gegegeben hatte.

Es hätte genügend Gelegenheiten gegeben, nervös zu werden und sich zu fragen, ob das nicht nur ein schöner Traum war. Aber bis auf ein paar Momente vor Beginn des Finales an diesem wolkenlosen, sommerlichen Samstag in Paris freute sich die freche Debütantin einfach nur auf die Aufgabe. Und auf die Gelegenheit, der ganze Welt die Art des Tennisspiels zu präsentieren, die perfekt zu ihrem feurigen Charakter passt. Tennis ohne Kompromisse, ohne Taktieren, ohne Umwege – volle Kraft voraus. Alles oder nichts. Die Französin Marion Bartoli, Wimbledonsiegerin des Jahres 2013, sagt, sie habe noch nie eine Spielerin gesehen, die härter schlage als Ostapenko. Messungen während der French Open hatten ergeben, dass sie die Vorhand härter schlägt als die Nummer eins der Männer, Andy Murray. Und bei der Zahl ihrer so genannten Winner – also jener Bälle, die für den Gegner unerreichbar sind – schoss sie in mancherlei Hinsicht den Vogel ab. Vor dem letzten Spiel stand der Wert bei 245, im Finale kamen noch mal 54 dazu – das sind unfassbare Zahlen. Natürlich steckt in dieser lettischen Tour de force jede Menge Risiko; wenn man immer an die Linien spielt, landet der Ball halt ziemlich leicht im Aus. Aber, hej Leute, wen kümmert schon das Risiko? Die Zahlen nach dem Sieg gegen Simona Halep im Finale geben die Geschichte dieses Spiels, in dem die eine knallte wie verrückt und die andere vor allem damit beschäftigt war, sich nicht völlig an die Wand spielen zu lassen, ziemlich präzise wieder. In der Bilanz von Jelena Ostapenko war die Anzahl der Winner und der unerzwungenen Fehler gleich groß (54), für Halep standen acht winner und zehn Fehler ohne Not zu Buche.

Aber es war nicht nur das. Simona Halep, die vor drei Jahren schon mal im Finale der French Open gespielt und damals gegen Maria Scharapowa verloren hatte, hielt alle Vorteile in der Hand, als sie nach gewonnenem ersten Satz im zweiten 3:0 führte und die große Chance zu einem weiteren Break hatte. In diesen entscheidenden Momenten wirkte sie zögerlich, Ostapenko hingegen blieb ungerührt, und so nahm das verrückte Spiel seinen Lauf. Mit immer größerem Staunen erfolgte das Pariser Publikum, wie die junge Herausforderin in der ganzen Furchtlosigkeit ihrer 20 Jahre immer weiter drauflos schoss und wie es kein Halten mehr gab.

Mit dem letzten ihrer 54 winner und mit der größten Selbstverständlichkeit, die man sich vorstellen kann, gewann sie den ersten Titel ihrer Karriere. Als jüngste Spielerin in Paris seit 20 Jahren, als erste ungesetzte Spielerin seit mehr als acht Jahrzehnten und als jüngste Siegerin eines Grand-Slam-Turniers seit 13 Jahren. Und sie sorgte ganz nebenbei dafür, dass Angelique Kerber bis auf weiteres die Nummer eins des Frauentennis bleiben wird; Simona Halep hätte den Titel gewinnen müssen, um den Sprung an die Spitze zu schaffen.

Die Rumänin sagte hinterher, das sei ein harter Tag gewesen, und sie werde eine Weile brauchen, um sich davon zu erholen. Es wird sich weisen, was dieser Tag in nächster Zukunft für das Frauentennis zu bedeuten hat. Jelena Ostenpenko hat alles, was man braucht, um im Mittelpunkt des Interesses zu stehen; sie bringt jede Menge frischen Wind mit und trotz ihrer hammerharten Schläge eine ganz wunderbare Leichtigkeit

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+++ Paris, 16. Update +++

Von Doris Henkel

Die Sonne scheint, das große Stadion ist noch leer, und der ganze leere Raum wird von Tönen gefüllt. Da unten auf dem Platz trainiert Rafael Nadal mit reichlich Rumms und Gestöhne, ein paar Meter neben ihm steht Onkel Toni mit verschränkten Armen, von der anderen Seite schlägt Carlos Moya die Bälle zurück. Moya ist Mallorquiner wie Nadal, er gewann dieses berühmteste aller Sandplatzturniere Ende der neunziger Jahre und wird Ende des Jahres alle Aufgaben von Toni Nadal übernehmen, der sich aus dem Trainerteam des Neffen zurückziehen will. Aber noch sind sie zu dritt Teil einer Szenerie, die sich nur in Uhrzeit und Stand der Sonne von jener am Vortag unterscheidet. Eines ist immer gleich: Die unfassbare Intensität, mit der Nadal im Training noch immer jeden Ball schlägt, als hinge davon sein Leben ab.

Die kleinen Siege über sich selbst in jeder Minute sind ihm so viel wert wie Titel, und deshalb kann er auch nicht zur Gänze nachvollziehen, warum der zehnte in Paris, den er diesen Sonntag im Stade Roland Garros gegen den Schweizer Stan Wawrinka gewinnen will, mehr wert sein soll als die neun zuvor. La Decima, eine Reminiszenz an den zehnten großen internationalen Titel von Real Madrid nach zwölf Jahren Wartezeit. Nadal ist leidenschaftlicher Fan von Real, er weiß also genau, wie viele Emotionen mit La Decima verbunden waren. Aber wenn jetzt alle darüber reden, welch historische Tat der Zehnte sei, muss es sich in seinen Ohren nicht so anhören, als seien neun nichts Besonders? „Neun sind mehr als genug“, sagt er, „außerdem ist neun meine Lieblingszahl.“ Sie steht aber vermutlich nicht in blau deshalb auf der Rückseite seiner Tennisschuhe, sondern weil es in diesem Spiel auch im Geschichte geht. Zehn Grand-Slam-Titel bei einem Turnier sind unerreicht in der Ära des Profitennis, neun gewann nur Nadal selbst in Paris und Martina Navratilova in Wimbledon.

Den ersten schnappte er sich 2005, ein paar Tage nach seinem 19. Geburtstag, gegen den Argentinier Mariano Puerta; er trug ein grünes, ärmelloses Hemd, über knielange Hosen und lange Haare. Dieser Sieg hatte als Signal die gleiche Bedeutung wie der erste von Roger Federer zwei Jahre zuvor in Wimbledon, der erste von Pete Sampras 1990 in New York oder der erste von Steffi Graf 1987 in Paris.

Den vielleicht wichtigsten der neun gewann er im Jahr danach im ersten seiner insgesamt vier Endspiele gegen Roger Federer. Sich als großer Favorit hinzustellen und nach all den Aufregungen, Ehrungen und Elogen in den Monaten zuvor den gleichen magischen Trick aus dem Hut zu zaubern, dazu bedarf es besonderer Qualitäten. Roger Federer kam an Nadal in Paris nicht vorbei. Meist gewann er nicht mehr als einen Satz, im schlimmsten Fall nicht mal das. Die Niederlage von 2008 – 1:6, 3:6, 0:6 in einer Stunde und 48 Minuten – traf den Schweizer heftig. Und nicht nur ihn. Als sich der Trainer/Onkel des Sieger und der Vater des Verlierers danach im Spielerzentrum begegneten, da bat Robert Federer: „Toni, rede bitte nicht zuviel mit der Presse. Sei nett; das ist schon hart genug für uns.“

Doch in einem der größten Schocks der Geschichte dieses Turniers verlor der Spanier ein Jahr später an einem trüben Sonntag sein erstes Spiel, im Achtelfinale besiegt von einem Schweden, der bis dahin nichts Außergewöhnliches geleistet hatte, Robin Söderling. „Enteignung“ stand am nächsten Tag in der bedrohlich dicken Überschrift der französischen Sportzeitung L’Équipe. Söderling  landete nicht nur in jenem Jahr im Finale, sondern auch im folgenden. Auf der anderen Seite stand Nadal, der die Herrschaft entschlossen wieder an sich riss.

Angeschlagen und voller Zweifel kehrte er 2011 zurück. Manchmal, so klagte er, habe er das Gefühl, schon hundert Jahre zu spielen. Am Ende gewann er dennoch wieder gegen Roger Federer, und als es danach um die Frage ging, wie er es geschafft habe, den echten Rafa wieder zu finden, sagte er: „Der echte ist sowohl der, der gewinnt, als auch der, der leidet und nicht gut spielt. Beide Rafas gehören zusammen.“ Viel schöner, sensibler hätte er das nicht erklären können.

Damit endete die Zeit der Endspiele mit seinem besten und größten Rivalen vieler Jahre; bis heute spielte Nadal in Paris danach nie mehr gegen Federer. Der neue Rivale hieß Novak Djokovic. Der besiegte ihn 2011 im Wimbledonfinale, ein paar Wochen später bei den US Open und auch Anfang 2012 in einem phänomenalen, fast sechs Stunden dauernden Spiel bei den Australian Open. Auf dem Court Philippe Chatrier begegneten sie sich wieder, und es war nicht schwer zu verstehen, wofür Nadals Sieg in vier Sätzen am Ende stand. Ich bin noch da. Und ich bleibe.

Im Finale 2013 gegen Landsmann David Ferrer holte er Titel Nummer acht, wichtiger war aber vermutlich der Sieg im Spiel zu vor in fünf krachenden Sätzen gegen Djokovic. Der Serbe steckte in der gleichen Falle wie vorher Federer; eine Weile lang konnte er machen, was er wollte, Nadals Bollwerk hielt, auch im Finale 2014. Djokovic hatte Tränen in den Augen bei der Zeremonie angesichts der Sympathiebekundung des Publikums, auch Nadal hatte Tränen in den Augen, und in seiner Erklärung hinterher beschrieb er sich und die Welt seiner Gedanken so: „Wenn ich nach einem Sieg weine, dann ist das nicht, weil ich so glücklich bin, dass ich gewonnen habe, sondern weil der Sieg für alles steht, was ich dafür aushalten muss: Schmerzen, Arbeit, Schwierigkeiten aller Art.“

Das war Titel Nummer neun, die Bilanz bis dahin: 66 Siege, eine Niederlage. Die zweite folgte im Jahr danach. Im Viertelfinale gegen Djokovic musste er reichlich von jener Medizin schlucken, die er selbst all die Jahre verteilt hatte. War es das? 2016 trat er zum Spiel der dritten Runde nicht mehr an, weil er unter einer schmerzhaften Entzündung im linken Handgelenk litt, und wer an dem Tag eine Wette angeboten hätte, dass es zwölf Monate später für ihn wieder um den Titel gehen würde, der hätte einiges riskiert. Aber er ist seit einer Weile wieder gesund, und hier ist seine Chance. Und könnte es zum guten Schluss eine spannendere Konstellation geben? Auf der einen Seite Nadal, der auf diesem Platz noch nie ein Finale verlor, auf der anderen Stan Wawrinka, der noch nie ein Grand-Slam-Finale verlor. Am Freitag beim Sieg gegen Andy Murray in fünf Sätzen machte der Schweizer einen faszinierend starken Eindruck, und wenn er wieder so spielt, könnte es ein denkwürdiges Finale werden. Ob es dabei um La Decima geht, ist fast schon egal.

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+++ Paris, 15. Update +++

Von Doris Henkel

Am Morgen des Halbfinales der Frauen kam Gustavo Kuerten zu Besuch, eingeladen als Repräsentant der International Tennis Hall of Fame. Auf den Tag genau 20 Jahre zuvor hatte der Brasilianer den ersten seiner drei Titel in Paris gewonnen, von allen in Herz geschlossen. An jenem 8. Juni 1997 kam in Riga/Lettland ein Mädchen auf die Welt, das nun genau das selbe Kunststück wie Kuerten vollbringen kann – den ersten großen Titel der Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Im Finale der French Open spielt Jelena Ostapenko an diesem Samstag gegen Simona Halep, die vor Beginn des Turniers nur deshalb nicht als Favoritin gehandelt worden war, weil keiner wusste, wie die lädierten Bänder in ihrem Sprunggelenk halten würden. Gewinnt Halep den Titel, drei Jahre nach ihrem ersten Finale im Stade Roland Garros und einer Niederlage gegen Maria Scharapowa, dann wird sie Angelique Kerber von der Spitze verdrängen und die neue Nummer eins des Frauentennis sein.

Jelena Ostapenko stand vor Beginn des Turniers auf Platz 47; sie gehörte zur Garde der jungen Wilden, wobei die Betonung deutlich auf wild liegt. Ab Montag wird sie offiziell zu den Top 20 des Frauentennis gehören, Nummer zwölf, falls sie den Titel gewinnt. Hat sie das drauf? Die Tschechin Karolina Pliskova verlor im Halbfinale gegen Halep, hatte also den letzten, konkreten Eindruck, und ihre Einschätzung hört sich so an: „Klar, sie hat einen klasse Lauf hier, und sie ist eine gefährliche Spielerin. Aber ich würde alles, was ich besitze, auf Simona setzen.“

Aber wie Kuerten vor 20 Jahren rauscht auch das Fräuelin aus Lettland auf einem Lichtstrahl durch das Turnier; energiegeladen und atemberaubend furchtlos. Frankreichs große Sportzeitung L’Équipe nannte sie am Freitag Miss 100000 Volt, aber es gibt eine realistische Zahl, die noch mehr verrät. Im Laufe des Turniers schlug Ostapenko in sechs Spielen 245 so genannte Winner und damit 127 mehr als der Kollege Rafael Nadal, der in dieser Rechnung allerdings ein Spiel Rückstand hatte.

Zu viel Risiko? Gibt es nicht. Timea Bacsinszky war am Ende der drei Sätze im Halbfinale gegen Ostapenko nicht mehr in der Lage, das Feuerwerk aufzuhalten. „Sie ist 20 und fürchtet sich vor gar nichts“, meinte sie hinterher, sichtlich beeindruckt. „Sie hat ein unglaubliches Timing, einen Sinn für Intuition. Die Art, wie sie schlägt, ist einfach faszinierend.“

Den Abend ihres 20. Geburtstages verbrachte Ostapenko im Kreis von Familie und Freunden, am nächsten Tag berichtete sie von einem Anruf des lettischen Präsidenten bei ihrer Mutter („meine Nummer hat ja keiner“) und vor der Aufmerksamkeit, an die sie sich gern gewöhnt, von ihrer Vorliebe für Krimis von Agatha Christie und von ihrer Beziehung zum Tanz. Zwischen fünf und zwölf nahm sie an Wettbewerben im Turniertanzen teil, Stilrichtig Latein-Amerikanisch, Lieblingstanz Samba, danach entschied sie sich für Tennis. Aber sie sagt, wenn sie längere Zeit zuhause sei, tanze sie nach wie vor vier mal in der Woche. Gute Beinarbeit ist bekanntlich eine Hilfe, eine gewisse Körperspannung schadet auch nicht, und ein Gefühl für Gleichgewicht macht es leichter, aus unmöglichen Positionen zu schießen. Wenn sie über sich, ihr Leben und ihr Spiel spricht, kommen die meisten Antworten kurz und knackig, und sie erinnern an die Art ihres Spiels. Kurze Ausholbewegung, bemerkenswerte Beschleunigung, ab geht die Post. In manchen Momenten sieht sie aus, als wäre sie 15, in anderen knipst sie mit ihrem Lächeln von einer Sekunde auf die andere das Licht an. So wie Kuerten damals, doch der war nicht halb so frech.

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+++ Paris, 14. Update +++

Von Doris Henkel

Nein, natürlich war das nicht das Ende, was sie sich vorgestellt hatten. Zwei Matchbälle vergaben Anna-Lena Grönefeld und Robert Farah im Finale des gemischten Doppels in Paris, er den ersten mit einem Rückhandschuss, der knapp neben der Linie landete, sie den zweiten mit einem Volley. Und dann der Doppelfehler von Grönefeld beim zweiten Matchball für die Gegner, Gabriela Dabrowski aus Kanada und den Inder Rohan Bopanna. Für Deutschlands erfolgreichste Doppelspielerin und ihren Partner aus Kolumbien war es die zweite Niederlage in einem Grand-Slam-Finale im Mixed innerhalb eines Jahres – das tat weh. Aber die nächste Chance für die seit Anfang 2016 bestehende Kombination kommt vielleicht schon bald. Farah sei ein starker Partner, sagt Grönefeld. „Er macht viel am Netz, schlägt gut auf, ist explosiv. Wir verstehen uns gut. Wir haben sehr erfolgreich gespielt die letzten Male und werden es weiter versuchen.“

Zwei Grand-Slam-Titel im gemischten Doppel hat sie in ihrer Karriere schon gewonnen, 2009 in Wimbledon mit Mark Knowles von den Bahamas und vor drei Jahren in Paris mit dem Niederländer Jean-Julien Rojer, aber Mixed wird halt nicht allzu oft gespielt und im Vergleich zum Einzel in deutlich kleinerer Münze honoriert. Für die Teilnahme am Finale in Paris steht Grönefeld die Hälfte von 59.000 € Preisgeld zu, eine Steigerung von 1,73 Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr. Wer in der ersten Runde des Einzels verliert, der wird dagegen mit 35.000 € bezahlt, Steigerung 16,67 Prozent.

Der Hauptteil ihrer Einnahmen resultiert aus dem Doppel, seit sich Anna-Lena Grönefeld vor sechs Jahren entschloss, nicht mehr Einzel zu spielen. Der Bogen ihrer Karriere spannt sich mit den deutlichsten Konturen über Paris. Der Ort, an dem sie 2003 den Titel bei den Juniorinnen gewann und noch keine Ahnung hatte, wohin ihre Karriere gehen würde. An dem sie drei Jahre später als Viertelfinalistin ein paar Tage vor ihrem 21. Geburtstag das beste Ergebnis bei einem Grand-Slam-Turnier erzielte, dynamisch, ehrgeizig und voller Energie. Damals gehörte sie zu den besten 20 des Tennis, und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie die Top Ten erreichen würde.

Ein Jahr später verlor sie in der ersten Runde gegen eine Französin vom Weltranglistenplatz 127, auch deshalb, weil sie sich von jenem Mann verfolgt fühlte, bei dem sie jahrelang in Arizona trainiert hatte, von dem sie sich acht Monate zuvor getrennt hatte, weil sie es nicht mehr ertrug, manipuliert und ferngesteuert zu werden. Es dauerte Jahre, bis sie die Schatten der Vergangenheit nicht mehr sah und einen neuen Weg für sich fand, auf dem sie schließlich vor sechs Jahren beschloss, nur noch Doppel und Mixed zu spielen. Seither macht sie einen deutlich entspannteren Eindruck als zu ihrer erfolgreichen Zeit, obwohl sie sagt, sie sei damals, zumindest am Anfang, auch glücklich gewesen. Selbst zwei vergebene Matchbälle und ein Doppelfehler zum Schluss ändern nichts an ihrer Einschätzung, in einem „super Leben“ unterwegs zu sein.

Sie spielt Doppel aus Überzeugung, auch wenn ihr manches an den Rahmenbedingungen nicht gefällt. Das Geld reicht, wenn man nach billigeren Flügen sucht; ein teures Team mit Trainern und Physiotherapeuten, wie es sich heutzutage viele Spitzenspieler leisten, ist aber nicht drin. „Es geht halt leider alles in Richtung Einzelspieler, Einzelspieler, Einzelspieler“, sagt Anna-Lena Grönefeld, „das find ich schade. Man merkt, wenn man nur Doppelspieler ist, das geht schon mit den Trainingsplätzen los. Hier vor dem Turnier mal auf der Anlage zu spielen ist fast mission impossible.“ Aber alles in allem ist das nur ein Teil ihres Lebens auf der Hälfte des Tennisplatzes, das keine Ähnlichkeit mehr mit den Jahren des Wüstendrills in Arizona hat. Bilanz und Ausblick hören sich so an: „Ich werde wahrscheinlich nie wieder im Leben so viel Geld verdienen, selbst wenn ich nur Doppel spiele, und ich hatte eine super Karriere, auf die ich schon stolz sein kann.“

Wie lange diese Karriere noch dauern wird? In diesem Jahr wird sicher noch nicht Schluss sein, vielleicht macht sie auch 2018 weiter, aber die Gedanken gehen auch immer öfter über den Rand des Tennisplatzes hinaus. Vor ein paar Tagen feierte Anna-Lena Grönefeld ihren 32. Geburtstag, sie wünscht sich in nicht allzu ferner Zukunft eine Familie, aber bis auf weiteres reist sie von Januar bis Oktober als Tennisspielerin durch die Welt. Auch wegen solcher Spiele wie am Donnerstag auf dem Court Central in Paris beim Finale im gemischten Doppel. „Solche Matches zu spielen“, sagt sie, „da merkt man, dass es sich immer noch lohnt.“ Außerdem findet sie, nach den verlorenen Finals von Wimbledon 2016 und jetzt diesem in Paris sei es Zeit für einen schönen Titel an der Seite des sehr geschätzten Robert Farah.

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+++ Paris, 13. Update +++

Von Doris Henkel

Vor einem Jahr stand Novak Djokovic mit dem Pokal im Arm als gefeierter Sieger auf dem Court Philippe Chartier, und die ganze Welt schien ihm zu Füßen zu liegen. Er hatte gerade den letzten der vier Grand-Slam-Titel gewonnen, in der Weltrangliste führte er mit riesigem Vorsprung,  und an diesem Tag vor einem Jahr schien es keine Aufgabe zu geben, die er nicht grandios lösen würde. Damals habe er das Gefühl kompletter Erfüllung gehabt, sagte er am Mittwoch nach seiner überaus deutlichen Niederlage im Viertelfinale gegen den Österreicher Dominic Thiem (6:7, 3:6, 0:6), ein paar Wochen sei er danach auf einer Welle unterwegs gewesen. Doch das alles spielt im Moment keine Rolle mehr. Nicht die Niederlage an sich gegen Thiem ist das Problem, sondern die Art, wie das Spiel zu Ende ging.

Die Ergebnisse der vergangenen Wochen hatten glauben machen, Djokovic habe das schlimmste Durcheinander nach Monaten voller Rückschläge hinter sich. Beim klaren Sieg gegen Thiem im Halbfinale des Turniers von Rom dominierte er annähernd wieder so wie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres. Doch schon dieser Eindruck hielt keine 24 Stunden; im Finale war Alexander Zverev klar der bessere Mann. Nach diesem Spiel bestätigte der Serbe die Gerüchte, er habe Andre Agassi als neuen Coach verpflichtet, und die erste Woche in Paris stand ganz im Zeichen der Zusammenarbeit mit dem charismatischen Amerikaner. In blumigen Worten schwärmte Djokovic davon, wie es bei der ersten persönlichen Begegnung sofort klick gemacht habe und wie viel Hoffnung er in diese Zusammenarbeit setzte.

Agassi, das hatte schon vorher festgestanden, blieb nur bis zum Ende der ersten Woche in Paris; er hatte lange vorher einen Urlaub mit der Familie geplant.

Beim Spiel der vierten Runde, das Djokovic nach einem umkämpften ersten Satz am Ende klar gegen den Spanier Alberto Ramos-Vinolas gewann, war Agassi schon nicht mehr dabei; die neuen Partner wollen sich in Wimbledon wiedersehen. Auch die Partie gegen Dominic Thiem begann mit einem harten ersten Satz; lange Ballwechsel, zähes Ringen um jeden Punkt. Djokovic machte sich keine Illusionen, dass die Sache so aussehen würde wie beim klaren Sieg gegen Thiem in Rom; er wusste, dass der Österreicher damals nach einem Erfolg gegen Rafael Nadal am Tag zuvor müde gewesen war. Thiem versuchte, vor dem Viertelfinale in Paris an einem sonnigen Tag mit kühlem Wind nicht daran zu denken, wie seine Bilanz gegen Djokovic aussah – es stand 0:5, und er hatte in diesen fünf Spielen einen einzigen Satz gewonnen.

Er gab hinterher selbst zu, den ersten Satz, der über 70 Minuten dauerte, hätte er leicht verlieren können. Doch er tat es nicht, und von dem Moment verlor Djokovic von Minute zu Minute mehr seinen Zugriff. Im zweiten Satz hielt er noch einigermaßen mit, im dritten wirkte er auf fast schmerzhafte Weise hilflos. Jeder Fehler führte zu einem weiteren Fehler, das Publikum versuchte ihn aufzumuntern, und wenn das Publikum einen Titelverteidiger aufmuntern muss, dann sagt das viel über dessen Verfassung. Novak Djokovic verlor den dritten Satz 0:6, und er wirkte dabei so ratlos und verletzlich, dass man sich fragen muss, wie die Sache nun weitergehen wird.

Er selbst sagt, als Athlet müsse man solche Tage akzeptieren. Alle Topspieler hätten schlechte Phasen erlebt, es bleibe einem nichts anderes übrig, als seine Lektion zu lernen. „Du musst einen Weg finden, wie du stärker wieder rauskommst; das ist eine Herausforderung, aber ich bereit.“ Er sagte ein paar sehr vernünftige Sätze, aber er wirkte auch äußerst nachdenklich und ließ manches offen. In der Weltrangliste wird er nach dem Ende der French Open zum ersten Mal seit sechs Jahren nicht auf einem der ersten beiden Plätze stehen; Rafael Nadal wird ihn sicher überholen, unter Umständen auch Stan Wawrinka. Aber der Rangliste gilt Novak Djokovics geringste Sorge im Moment. Er ist auf der Suche nach dem Gefühl, auf dem Platz wieder er selbst zu sein. Er ließ offen, ob er vor Wimbledon in den kommenden drei Wochen noch bei einem anderen Turnier auf Rasen spielen wird, aber er legt Wert auf die Feststellung, die Lösung werde er selbst finden müssen, nicht Andre Agassi.

Sichtlich angeschlagen packte er die Sachen, für den Sieger geht die Reise weiter. Und gegen wen wird der eindrucksvoll spielende Dominic Thiem nach dem ersten Sieg seiner Karriere gegen Novak Djokovic nun am Freitag im Halbfinale spielen? Na klar, Rafael Nadal, den großen Favoriten. Wenn er den auch noch knackt, sollten sie auf der Streif in Kitzbühel einen Sprung nach ihm benennen.

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+++ Paris, 12. Update +++

Von Doris Henkel

Wenn sie lächelt, und das tut sie oft, geht das Licht an. Nicht langsam wie bei einer Energiesparlampe, die eine Weile braucht, sondern ohne Verzögerung. Von null auf hundert Watt in einer Sekunde. Jelena Ostapenko hat eine Ausstrahlung, die ihr in Sportarten helfen könnte, bei denen es auf solche Werte ankommt –  Eiskunstlauf, Gymnastik, auch Turniertanzen. Letzteres hat sie sieben Jahre lang probiert bis hin zu Meisterschaften; Fachgebiet Latein-Amerikanisch, Lieblingstanz Samba. Kann es also sein, dass sie auch auch auf dem Tennisplatz so leichtfüßig bewegt, weil sie die Bedeutung jedes einzelnen Schrittes früh lernte? „Ja“, sagt sie, „sicher.“

Nicht all ihre Antworten bestehen nur als zwei Worten, doch die meisten sind kurz und knackig, und sie passen perfekt zur Art ihres Spiels. Kurze Ausholbewegung, bemerkenswerte Beschleunigung, und ab geht die Post. Jelena Ostapenko kommt aus Riga in Lettland, sie wird heute, am Tag ihres Halbfinales in Paris, 20 Jahre alt, und sie gehört zur Gruppe der jungen Spielerinnen, die mit schnellen Schritten auf dem Weg nach oben sind. Vor drei Jahren gewann sie den Juniorentitel in Wimbledon, ein paar Wochen vorher saß sie in Paris in der Box ihres Landsmannes Ernests Gulbis und sah zu, wie der das Halbfinale erreichte. Jetzt hat sie das selbst geschafft, selbst unter schwierigsten Bedingungen. Beim Sieg in Viertelfinale gegen Caroline Wozniacki hatte sie zu Beginn größte Schwierigkeiten im stürmischen Wind, rappelte sich aber ungerührt wieder auf, als der Wind nach einer längeren Pause etwas nachließ.

Nach dem Sieg begegnete ihr Timea Bacsinszky im Fitnessraum, die gerade gegen die Französin Kristina Mladenovic gewonnen hatte. Die Siegerinnen gratulierten sich, umarmten sich und wünschten sich alles Gute für das Halbfinale. Die Lettin und die acht Jahre ältere Schweizerin kennen sich, seit sie im vergangenen Jahr Doppel miteinander spielten, danach trainierten sie auch des öfteren miteinander. Im Gegensatz zu Ostapenko gönnt sich Bacsinszky mit Vorliebe Antworten, die durch den Raum mäandern, reichlich Gefühle und Informationen transportieren, aber auch ein wenig Geduld erfordern. Also, wie beschreibt sie die Konkurrentin? „Sie ist resolut, angriffslustig. Sie ist lustig. Sie ist jung. Sie hat einen super Aufschlag und ein komplettes Spiel. Manchmal, wenn ich sie spielen sehe, frage ich mich, ob sie Nerven hat oder irgendwelchen Druck spürt. Wahrscheinlich trinkt sie den Druck.“

Sie selbst stand vor zwei Jahren schon mal im Halbfinale der French Open und verlor in drei Sätzen gegen Serena Williams, die damals mehr als eine Stunde lang den Eindruck machte, als könne sie sich kaum auf den Beinen halten, und am Ende wieder zuschlug, als sei nichts gewesen. Timea Bacsinszky hat nach einem Spiel öfter mal Tränen in den Augen, zumal in Paris. Was zum einen daran liegt, dass sie ein extrem gefühlvoller Mensch ist, zum anderen zur speziellen Beziehung zu diesem Turnier. Für jeden gebe es dieses eine mit einer besonderen Bedeutung, sagt sie. Für Roger Federer sei es Wimbledon, für sie selbst Roland Garros, und auch diese Beziehung beschreibt sie natürlich nicht nur in einem Satz.

Und wie bei Ostapenko ist es so, dass sich von der Art zu reden vieles im Spiel wiederfinden lässt. Sie baut die Punkte gern auf, mal logisch, mal fantasievoll; auf veränderte Umstände reagiert sie schnell, und ihre Stopps spielt sie mit sichtlichem Vergnügen am letzten Wort. Aber wie auch immer die Partie zwischen der kecken Lettin mit ihrer Vorliebe für Sambaschritte und der vielschichtigen Schweizerin mit einem Hang zur großen Rede an diesem Donnerstag ausgehen wird, Grund zum Feiern werden sie beide haben. Auch Timea Bacsinszky hat Geburtstag.

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+++ Paris, 11. Update +++

Von Doris Henkel

Es gab sicher Küsse, die den Lauf der Weltgeschichte stärker beeinflussten, aber diese beiden wurden mit lautem Ah und Oh und reichlich Beifall registriert. Alizé Cornet, die Nummer drei des französischen Frauentennis, und Caroline Garcia, die Nummer zwei, verabschiedeten sich nach ihrem Spiel so zugewandt mit Wangenküssen, als habe es den Streit der vergangenen Wochen nicht gegeben. Garcia war mit ihrem Rückzug aus dem Fed Cup Team auf wenig Gegenliebe bei den Kolleginnen gestoßen, und vor dem Spiel hatten beide ihr aktuelles Verhältnis als nicht existent bezeichnet. Dann gewann Garcia, küsste, und überraschte damit alle, inklusive ihrer Kollegin, die hinterher meinte, das sei vermutlich der kälteste Kuss ihres Lebens gewesen. Aber immerhin,  besser als Streit. Am nächsten Tag gratulierte sie Garcia über Twitter und wünschte auch Kristina Mladenovic, der besten der drei Französinnen, alles Gute.

Nach Mladenovics Sieg gegen Titelverteidigerin Garbiñe Muguruza aus Spanien stand fest, dass nächsten Samstag eine Spielerin mit dem Pokal auf dem Podium stehen wird, die zuvor noch nie ein Grand-Slam-Turnier gewann. Zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten sind ausschließlich noch Kandidatinnen dabei, für die es der nicht nur der ersten Titel in Paris, sondern auch der erste große Titel der Karriere wäre. Und von den ersten Zehn der Weltrangliste sind genau noch drei im Spiel: Karolina Pliskova (2), Simona Halep (4) und Jelina Switolina (6), die beiden letzten werden diesen Mittwoch im Viertelfinale gegeneinander spielen. Alle drei stehen in der unteren Hälfte des Tableaus, Halep (im Fall des Titelgewinns) und Pliskova (im Fall der Finalteilnahme) könnten Angelique Kerber überholen und in einer Woche zum ersten Mal an der Spitze der Weltrangliste stehen.

Ob mit der Siegerin eine neue Ära beginnen wird? Sicher keine wie jene, die am 6. Juni vor 30 Jahren in Paris offiziell eingeläutet wurde, als Steffi Graf den ersten Grand-Slam-Titel ihrer fantastischen Karriere gewann. Damals, nach dem Sieg im Finale gegen Martina Navratilova, wussten alle, was das zu bedeuten hatte, der Name Graf stand ja schon in dicken Lettern auf jedem Centre Court der Welt. Bei diesem ersten Triumph wurde sie vom Publikum unterstützt, weil die Leute eine neue, frische Siegerin sehen wollten, beim letzten ihrer 22 Grand-Slam-Titel zwölf Jahre später erlebte Graf eine Welle von Zuwendung und schwärmerischer Verehrung, die wirklich ihr selbst galt und sie zu Tränen rührte.

Aber noch mal zurück zur Équipe tricolore. Die Damen haben nicht nur untereinander gewisse Probleme, sie machen es auch ihren Gegnerinnen nicht leicht. Seit dem Sieg von Mary Pierce anno 2000 gewann keine Französin den Titel bei den French Open, und obwohl die Wartezeit nicht so lange währt wie bei den Männern mit dem Titel von Yannick Noah 1983, liegt dieser Erfolg nun schon eine ganze Weile zurück. Die feurige, und überaus selbstbewusste Art, in der Mladenovic gegen die Titelverteidigerin gewann, machte den Franzosen Hoffnung. Die Französin mit den serbischen Wurzeln ist eine Meisterin darin, mit Gesten und Worten Luft in ein kleines Feuer zu pumpen und daraus ein großes zu machen. Als Garbiñe Muguruza nach der Niederlage vor dem extrem einseitigen und bisweilen unfairen Heimpublikum gefragt wurde, ob sie gehört habe, wie die Gegnerin nach einem ihrer Fehler „forza“ gerufen und ob es sie gestört habe, hatte sie zuerst sichtlich Mühe, ihre Gefühle und ihre Tränen zu kontrollieren und verließ kurz den Raum. Nach ihrer Rückkehr und beim zweiten Versuch meinte sie dann so kurz angebunden, wie es eben geht: „Nein, ich hab gehört, sie spricht ungefähr 25 Sprachen.“ In Wahrheit sind es fünfeinhalb, aber in welcher Sprache auch immer, Kristina Mladenovic bevorzugt die Version Klartext. Sie versicherte, das Publikum habe keinesfalls irgend eine Grenze überschritten, und sie erinnerte daran, wie schwer es für sie vor ein paar Wochen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart gewesen sei, gegen das Heimpublikum von Angelique Kerber und vor allem im Finale gegen Laura Siegemund zu bestehen. „Damals hab ich mich auch nicht beschwert – so ist Sport.“ Sie findet, das alles sei Teil der Show und da müsse man durch.

 

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+++ Paris, 10. Update +++

Von Doris Henkel

Sam Sumyk ist Franzose. Aber der Mann stammt nicht aus Paris, der eleganten Metropole, sondern aus der ländlichen Bretagne, und zwischen diesen beiden Regionen gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. In seiner Eigenschaft als Coach der Spanierin Garbiñe Muguruza meldete sich Sumyk nach deren Niederlage gegen Kristina Mladenovic in den sozialen Netzwerken zu Wort und schrieb, das französische Publikum sei armselig gewesen. „Keine Klasse.“ Muguruza hatte sich auch eine Stunde nach dem Ende der Partie noch nicht von der Atmosphäre auf dem voll besetzten Court Suzanne Lenglen erholt, vom „Ki-Ki“-Stakkato aus tausenden Kehlen, vom Beifall für die Fehler der Titelverteidigerin. Es sei hart gewesen, mit dem Publikum klarzukommen, sagte sie, aber ihre Probleme hatten wohl nicht nur mit der bisweilen unfairen Reaktion auf den Rängen zu tun, sondern auch mit der französischen Gegnerin, die eine Menge davon versteht, Luft in ein kleines Feuer zu pumpen und ein großes daraus zu machen.

Als Muguruza gefragt wurde, ob sie gehört habe, wie die Gegnerin nach einem ihrer Fehler „forza“ gerufen und ob es sie gestört habe, hatte sie sichtlich Mühe, ihre Gefühle und ihre Tränen zu kontrollieren und verließ kurz den Raum. Nach ihrer Rückkehr und beim zweiten Versuch meinte sie dann so kurz angebunden, wie es eben geht: „Nein, ich hab gehört, sie spricht ungefähr 25 Sprachen.“ In Wahrheit sind es fünfeinhalb, aber in welcher Sprache auch immer, Kristina Mladenovic bevorzugt die Version Klartext. Sie versicherte, das Publikum habe keinesfalls irgend eine Grenze überschritten, und sie erinnerte daran, wie schwer es für sie vor ein paar Wochen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart gewesen sei, gegen das Heimpublikum von Angelique Kerber und vor allem im Finale gegen Laura Siegemund zu bestehen. „Damals hab ich mich auch nicht beschwert – so ist Sport.“

Begleitet von Beifall und Pfiffen und allerlei Ki-Ki-Ri-Ki bewegt sich der Sport dieser Tage in Paris in seiner ganzen verwirrenden Ungewissheit. Mit der Niederlage von Muguruza stand fest, dass nächsten Samstag eine Frau mit dem Pokal auf dem Podium stehen wird, die zuvor noch nie ein Grand-Slam-Turnier gewann. Zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten sind nun ausschließlich Kandidatinnen dabei, für die es der nicht nur der ersten Titel in Paris, sondern auch der erste große Titel der Karriere wäre. Und von den ersten Zehn der Weltrangliste sind genau noch drei im Spiel: Karolina Pliskova (2), die nach einem umkämpften ersten Satz am Ende klar gegen Carina Witthöft gewann, dann Simona Halep (4) und Jelina Switolina (6), die am Mittwoch im Viertelfinale gegeneinander spielen werden. Alle drei stehen in der unteren Hälfte des Tableaus, Halep (im Fall des Titelgewinns) und Pliskova (im Fall der Finalteilnahme) könnten Angelique Kerber überholen und in einer Woche zum ersten Mal an der Spitze der Weltrangliste stehen.

Ob mit der Siegerin eine neue Ära beginnen wird? Sicher keine wie jene, die heute vor 30 Jahren in Paris offiziell eingeläutet wurde, als Steffi Graf den ersten Grand-Slam-Titel ihrer fantastischen Karriere gewann. Damals, nach dem Sieg im Finale gegen Martina Navratilova, wussten alle, was das zu bedeuten hatte, der Name Graf stand ja schon in dicken Lettern auf jedem Centre Court der Welt. Bei diesem ersten Triumph wurde sie vom Publikum unterstützt, weil die Leute eine neue, frische Siegerin sehen wollten, beim letzten ihrer 22 Grand-Slam-Titel zwölf Jahre später erlebte Graf eine Welle von Zuwendung und schwärmerischer Verehrung, die wirklich ihr selbst galt und sie zu Tränen rührte.

Verglichen damit sind die Emotionen der Gegenwart noch sehr, sehr klein. Aus der Sicht des Publikums sah die Sache allerdings schon mal schlechter aus. Die Leute erlebten am Montag die pikante Begegnung zwischen Alizé Cornet und Caroline Garcia, die seit einem Streit im französischen Fed-Cup-Team (Garcia gegen alle) kein herzliches Verhältnis miteinander pflegen. Und dann freuen sich die Franzosen auf den nächsten Auftritt von Kiki Mladenovic auf dem Court Central gegen Timea Bacsinszky aus der Schweiz, die vor zwei Jahren das Halbfinale in Paris erreicht hatte. Bascinsky beherrscht nicht weniger Sprachen als die französische Gegnerin, auch sie hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, allerdings auf eine ganz andere, blumigere Art. Selbst mit einer Frage zur optischen Aktivität linksdrehender Milchsäure könnte man sie nicht verwirren, schon gar nicht mit der Idee, sie habe ein Problem mit Mladenovic. „Es steht ihr frei, sich die Sprache auszusuchen, die sie will. Und wenn sie sich in Ungarisch anfeuern möchte – nur zu. Was auf der anderen Seit des Platzes passiert, passiert auf der anderen Seite des Platzes; ich kümmere mich um meine.“ Hört sich ganz so an, als sei das eine Konstellation wie geschaffen für das Pariser Publikum.

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+++ Paris, 9. Update +++

Von Doris Henkel

Viele Spiele wird sie nicht mehr sehen, die gute, alte Stierkampfarena. Offiziell heißt der drittgrößte Platz im Stade Roland Garros schlicht Court 1, aber wegen der runden Anordnung der Tribünen, der Nähe der 3802 Zuschauer und der daraus resultierenden speziellen Atmosphäre ist er für Kenner eben die Stierkampfarena. Nach dem Ende des Turniers werden die Bulldozer anrollen, um für die Veränderungen im Stade Roland Garros der Zukunft Platz zu schaffen. Dominic Thiem ist einer von denen, die das für keine gute Idee halten. „Das ist ein legendäres Stadion“, sagt der 23 Jahre alte Österreicher in seiner eher leisen, bedächtigen Art, „eines der schönsten, das wir auf der Tour haben. Ich bin sehr froh, dass ich wenigstens einmal hier spielen durfte.“

Die Spieler haben das Gefühl, als säßen die Zuschauer gleich hinter den weißen Linien, für die Zuschauer ist es ein besonderes Erlebnis, weil sie hautnah erleben können, welches Tempo im Spiel ist, wie viel Drall und Dynamik. Und wie es klingt, wenn einer wie Dominic Thiem den Ball volle Kanne trifft. Volle Pulle, volle Kanone – passt alles. Es gibt nicht viele auf der Tour, die härter schlagen als er. Als er kürzlich beim Turnier in Rom zum zweiten Mal in seiner Karriere gegen Rafael Nadal gewann, der auf Sand bekanntlich als Maß aller Dinge gilt, sah die Partie so aus, wie man sich die Begegnung zweier Abrissbirnen vorstellt. Rumms und immer wieder Rumms – und das präsentiert von zwei der freundlichsten, höflichsten, zuvorkommendsten, nettesten Typen, die sich im Tennis finden lassen.

Nadal spielte von kleinauf so, weil Onkel Toni fand, das solle so sein. Thiem spielt so, seit Günter Bresnik beschloss, das sei der richtige Weg. Bresnik, 56, ist einer der renommiertesten Trainer der Tour und betreute im Laufe vieler Jahre mehr als zwei Dutzend Spieler, darunter Anfang der neunziger Jahre neun Monate lang auch Boris Becker. Dominic Thiems Eltern sind Tennislehrer, der Vater nahm seinerzeit eine Stelle im Trainingszentrum von Bresnik in der Wiener Neustadt an, und ziemlich schnell kam der Sohn dazu.

Bresnik brachte im Oktober vergangenen Jahres ein Buch mit dem Titel „Die Dominic-Thiem-Methode“ heraus, Untertitel: Erfolg gegen jede Regel. Der Hauptdarsteller schrieb die einleitenden Worte, und darin heißt es: „Ich habe keine Ahnung, was ich heute beruflich machen würde, wäre ich Günter nicht begegnet. Ich wäre vielleicht Tennislehrer, vielleicht ein besserer Hobbyspieler, vielleicht wäre ich Profi irgendwo auf Platz 100 oder 200.

Ganz sicher weiß ich: Ich wäre nicht so erfolgreich. Und genauso sicher weiß ich: Ich wäre ein anderer Mensch.”

Seit 15 Jahren sind die beiden nun ein Team, eine ziemlich einzigartige Geschichte in einem Geschäft des stetigen Wechsels. Bresnik ist ein erklärter Anhänger der Theorie, Talent sei unbedeutend, nur Übung mache den Meister, und er gibt zu, Thiem von Anfang an viel abverlangt zu haben. Dazu gehörte früh schon die Umstellung von der beidhändigen auf eine einhändige Rückhand und auch die Umstellung auf eine Spielweise, die kein Verweilen, sondern in erster Linie das Prinzip Karacho kennt. Als  sich Thiem im vergangenen Jahr zum ersten Mal für das ATP Tour Finale in London qualifizierte, erzählte er, am Anfang als Teenager habe er total defensiv gespielt, und es habe lange gedauert, bis er mit der Umstellung auf aggressivere, extrem harte Schläge klargekommen sei. Eine Weile lang habe er nur noch verloren. Aber er sit längst überzeugt davon, die Umstellung von der sehr defensiven auf eine extrem giftige Spielweise sei die richtige Maßnahme gewesen. „Das ist mein Spiel, und wenn ich diese Schläge nicht hätte, hätte ich keine Chance.“

Im Februar 2014 stand er zum ersten Mal unter den besten hundert der Weltrangliste, nachdem er im vergangenen Jahr in Paris das Halbfinale erreicht hatte, knackte er die Top Ten, als Dritter aus der Alpenrepublik nach Thomas Muster und Jürgen Melzer. Er sagt, das Spiel auf Sand sei sein Ding und werde es immer bleiben; wenn er nach einer längerer Zeit auf Hartplätzen zurück kehre, habe er immer das Gefühl, nach Hause zu kommen. Die Spiele dauern länger auf diesem Geläuf, Fitness und Ausdauer spielen eine noch größere Rolle als anderswo, und in diesem Zusammenhang machte sich die Verpflichtung des deutschen Physiotherapeuten Alex Stober bezahlt, der seit Jahren zu den besten der Branche gehört und nun seit Ende 2015 mit dem Österreicher arbeitet.

Beim Aufbautraining auf Teneriffa vor Beginn der Saison 2017 stand unter anderem auch die Steigerung der Aggressivität an der Grundlinie auf dem Programm. Thiem weiß, dass er sich manchmal noch zu weit zurück fallen lässt, aber er sagt, er brauche den Raum für seine Ausholbewegung. Auch daran arbeitet er mit der geforderten Intensität. Bresnik findet, ingesamt sei noch reichlich Potential vorhanden; der Aufschlag schwanke noch, beim Return stimme nicht alles, und grundsätzlich gehe es immer noch darum, einen Spielstil zu finden, der perfekt zu seinem Partner passe.

Diesen Sonntag in der Partie gegen den Argentinier Horacio Zeballos wird Dominic Thiem versuchen, zum zweiten Mal in seiner Karriere im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers zu landen. Vieles hat Österreichs Bester im Laufe der letzten Jahre verändert und verbessert, aber zu den Dingen, an die er sich gewöhnt hat und auf die er nicht verzichten möchte, gehört ein spezieller, kleiner Tick. Bevor er aufschlägt, tippt er den Ball einmal mit der Kante des Schlägerkopfes auf den Boden, und diese kleine Nummer geht selten schief. „Ich mach das einfach gern“, sagt er, „es tut gut, dass man irgend was hat, das immer gleich ist. Das beruhigt.“ Und wenn es doch mal nicht funktioniert? „Dann mach ich’s nochmal.“ Wie gesagt, eine Kleinigkeit am Rande, aber irgendwie nett im Zusammenhang mit einer Geschichte aus Günter Bresniks Buch, in der er die ersten Begegnungen mit dem Jungen beschreibt, den er damals in seinem Trainingszentrum traf. „Sogar während man mit ihm sprach, rollte er den Ball von einer Hand in die andere Hand, balancierte ihn auf dem hochkant gedrehten Schlägerrahmen. Der Bub war ein einziges Spielenwollen“. Das ist er immer noch, nur knallt die ganze Geschichte sehr viel lauter als damals.

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+++ Paris, 8. Update +++

Von Doris Henkel

Wer Carina Witthöft in den sozialen Netzwerken folgt, der könnte glauben, das Leben auf der Tennistour sei ein Traum. In New York Fotos einer Tour durch den Central Park, in Melbourne der Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers hoch über der Stadt, in Paris ein Bildnis am Ufer der Seine mit dem Eiffelturm im Hintergrund oder ein paar Tage später in den Straßen der Stadt; immer lächelnd, immer fröhlich, immer hübsch anzusehen. Das ist die eine Seite. Sie zeugt von der Lebensfreude einer jungen Frau, die die pittoresken Angebote ihres Jobs genießt und ein sonniges Gemüt präsentiert.

Früher hieß es mal, die andere Seite, die Stunden der Trainingsfron, die konzentrierte Planung und eine gewisse Wettkampfhärte kämen zu kurz. Doch ohne die Bereitschaft, sich immer wieder zu quälen, landet niemand unter den ersten Hundert der Weltrangliste, geschweige denn weiter vorn. Wie viel Kraft man in den Beinen haben muss, wie viel Luft in der Lunge, das sah man bei Carina Witthöfts Sieg in der so genannten Stierkampfarena in Paris gegen die Französin Pauline Parmentier. Scheinbar endlose Ballwechsel, harte Grundlinienduelle und Verteidigungsarbeit an der grünen Plane, gemischt mit mutigen Angriffen. Mit diesem Sieg landete die 22 Jahre alte Hamburgerin in Runde drei – als einzige aus den Reihen des Deutschen Tennis Bundes von ursprünglich 13 Kandidaten.

Natürlich sei diese Bilanz nicht der Knaller für das deutsche Tennis, meinte sie. Aber darum geht es jetzt nicht, sondern um die Frage, wie groß ihre Chance ist, zum ersten Mal in ihrer Karriere das Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen. Im Weg steht Karolina Pliskova, die in Paris auch um die Chance spielt, nach dem Ende des Turniers an der Spitze der Weltrangliste zu stehen; erreicht die Tschechin das Finale, wird sie Angelique Kerber überholen.

Nun könnte man einerseits meinen, eine Spielerin von diesem Format sei vielleicht noch eine Nummer zu groß für Carina Witthöft, aber ganz so ist die Sache nicht. Die ungelenke Art, in der sich Pliskova auf Sand bewegt weckt Erinnerungen an frühe Auftritte von Maria Scharapowa in Paris, die damals sagte, sie bewege sich im Sandkasten wie eine Kuh auf dem Eis. Lange Beine und rutschen – das scheint keine ganz einfache Kombination zu sein. Bei der Frage, ob sie das Spiel habe, gegen Pliskova zu bestehen, zögert Carina Witthöft nicht. „Die hab ich auf jeden Fall“, sagt sie. Bisher beschränken sich ihre Erfahrungen mit den Besten auf zwei Begegnungen mit Angelique Kerber. Im vergangenen Jahr in Wimbledon verlor sie in zwei Sätzen, zu Beginn dieses Jahres in Melbourne verlor sie wieder, verpasste dabei aber gegen die nervöse und unsichere deutsche Konkurrentin allerdings eine gute Möglichkeit, mehr als nur einen Satz zu gewinnen.

Bundestrainerin Barbara Rittner sieht die Verteilung der Kräfte vor der Begegnung am Samstag so: „Carina kann Karolina nur an einem guten Tag schlagen, aber möglich ist es. Sie muss weite Wege gehen und immer versuchen, aktiv zu sein.“ Als Witthöft vor zwei Jahren in Melbourne zum ersten Mal die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers erreichte, da meinte Rittner, ihre junge Kandidatin brauche noch ein wenig Zeit. Rittners aktuelle Beschreibung lässt darauf schließen, dass inzwischen Schwung in der Geschichte ist. „Sie ist selbstbewusst, ehrgeizig, cool, witzig. Sie weiß, was sie will, und hat großes Potenzial für Top 20 und mehr.“

Als die deutschen Frauen im Februar in Hawaii im Fed Cup gegen die USA spielten (und verloren), gehörte auch Witthöft zum Team, und obwohl sie nicht zum Einsatz kam, waren hinterher alle voll des Lobes über sie. Starke Leistungen im Training, hieß es, fügt sich prima in die Mannschaft ein, verbreitet gute Stimmung. Nur an einem Nachmittag war sie mal für eine Weile nicht ansprechbar; bei einer Waltour vor Maui mit der Mannschaft hing sie wortlos und mit geschlossenen Augen in den Seilen. Der Seegang war nicht ihr Ding.

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+++ Paris, 7. Update +++

Von Doris Henkel

Freitag vor einer Woche verlor Ons Jabeur aus Tunesien, Nummer 113 der Welt, in der letzten Runde des Qualifikationsturniers der French Open gegen die Japanerin Miyu Kato, Ranglistenplatz 199. Sie war enttäuscht ob der verpassten Chance und richtete sich darauf ein, ihre Sachen zu packen. Aber wenig später, als sie noch auf der Anlage war, erfuhr sie, dass sie als so genannter lucky loser im Hauptfeld gelandet war. Mit unfreiwilliger deutscher Hilfe, sozusagen; sie durfte nachrücken, weil Laura Siegemund wegen eines Kreuzbandrisses abgesagt hatte. Eine glücklichere Verliererin als als die beste Spielerin der arabischen Welt hätte es kaum geben können.

Vor sechs Jahren hatte sie das Juniorenturnier in Paris gewonnen, seither pflegt sie eine spezielle Beziehung zu Roland Garros. Obwohl, in ihren Träumen existiert die Beziehung schon länger. In einem Werbefilm für ihr Heimatland verriet sie mal, wie sie mit neun bei ihrem ersten Turnier allen erzählt hatte, eines Tages werde sie in Paris den Titel gewinnen. Gut, bis dahin sind noch ein paar Schritte zu tun, aber mit einem Sieg gegen die Slowakin Dominika Cibulkova, die im vergangenen Jahr das WTA Finale gegen Angelique Kerber gewonnen hatte, landete Ons Jabeur in der dritten Runde. Freude, meinte sie hinterher, sei ein viel zu kleines Wort für ihr Gefühl, eine Portion Stolz gehöre garantiert auch dazu. Nie zuvor schaffte es eine Spielerin aus der arabischen Welt in die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers. Eine Frau von 22 Jahren, die von sich sagt, sie sei stolz, eine Botschafterin ihres Landes, der Jugend und aller Frauen zu sein. Ons Jabeur ist Muslimin und folgt den Gesetzen ihrer Religion, aber im Moment nimmt sie eine Ausnahmeregel in Anspruch. Am 24. Mai begann der Fastenmonat Ramadan, in der Muslime von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichten. Sie sagt, während eines Turniers könne sie diesem Gebot nicht folgen, aber sie werde die vorgeschriebenen 30 Tage des Fastens sicher nachholen.

Tunesien hat andere Sorgen, als sich um die Förderung des Tennissports zu kümmern, und für Ons Jabeur war es oft genug ein harter Kampf, das Geld für Training, Reisen und Trainer zusammen zu kratzen. Für Fälle wie diesen richtete der Internationale Tennisverband (ITF) schon vor mehr als drei Jahrzehnten einen Entwicklungsfond ein, der von den vier Grand-Slam-Turnieren finanziert wird. 2017 werden insgesamt zwölf Spieler und Spielerinnen mit je 50.000 US-Dollar aus diesem Fond unterstützt – und eine davon ist Ons Jabeur.

Sie sagt, das sei eine unbeschreiblich große Hilfe. „Das ändert alles. Ich muss nicht mehr über Geld nachdenken, ich kann mich aufs Tennis konzentrieren und auf das, was auf dem Platz zu tun ist. Ich möchte mich bei der ITF für diese Möglichkeit bedanken.“

Aus eigener Kraft hat sie die Anschubhilfe des Verbandes mit ihrer interessanten Mischung aus druckvollen Grundlinienschlägen und listigen Stopps beträchtlich vergrößert. Mit dem Erreichen der dritten Runde, in der sie diesen Freitag gegen Timea Bacsinszky aus der Schweiz spielen wird, sind ihr 118.000 Euro Preisgeld (minus Steuern) sicher, und damit sind die Reisen für den Rest des Jahres schon mal gesichert. Sollte sie auch das dritte Spiel in Paris gewinnen, wäre ihr ein Platz unter den besten hundert der Weltrangliste sicher.

Nach dem Sieg gegen Dominika Cibulkova schnappte sich Jabeur eine tunesische Fahne. Wie ist das, spürt sie eine besondere Verantwortung, vielleicht auch mehr Druck, weil sie aus einem Teil der Welt kommt, der im Tennis eher keine Rolle spielt? „Also, wenn ich gewinne, dann repräsentiere ich ich die arabische Welt. Wenn ich verliere, dann versuche ich einfach nur, Ons Jabeur zu sein. Ich komme aus einem kleinen Land, aber in der arabischen Welt ist es so, dass sich die Leute für dich interessieren, wenn du was Gutes schaffst.“ Gegen weiteres Interesse hätte sie nichts einzuwenden.

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+++ Paris, 6. Update +++

Von Doris Henkel

Kurumi Nara stand vor der Tür, die zum Court Philippe Chatrier führt und wartete. Sie wartete mit unbewegter Miene, wie es sich für eine Japanerin gehört, und endlich, nach gefühlt zehn Minuten, tauchte ihre Gegnerin auf. Stellte die rote Tennistasche mit dem Schriftzug „Venus“ ab, verstaute zwei Bananen darin, steckte die Schläger in ein anderes Fach und war dann endlich soweit. Keine Frage, Venus Williams lebt nicht nur in einer eigenen Welt, sie gönnt sich auch ein sehr eigenes Tempo, und manchmal fällt es schwer zu glauben, dass jemand aus diesem Tempo so sehr beschleunigen kann, dass es für eine dynamische Sportart reicht.

Aber vielleicht ist diese ganz auf ihre Persönlichkeit zugeschnittene Geschwindigkeit auch einer der Gründe, warum sie immer noch im Spiel ist. Bei den French Open 1997 in Paris tauchte Venus Williams kurz vor ihrem 17. Geburtstag zum ersten Mal bei einem Grand-Slam-Turnier auf. Es war das Jahr, in dem der von allen spontan ins Herz geschlossene Brasilianer Gustavo Kuerten seinen ersten Titel gewann, bei den Frauen rechneten viele mit einem Sieg von Martina Hingis, die dann im Finale allerdings gegen Iva Majoli verlor. Nie im Traum, so hatte es Venus Williams vor ein paar Monaten in Australien erzählt, habe sie sich vorstellen können, allzu lange im Tennis unterwegs zu sein; die Aussicht kam ihr damals nicht allzu verheißungsvoll vor. Doch inzwischen sind zwanzig Jahre vergangen, Mitte Juni wird sie ihren 37. Geburtstag feiern, und nach wie vor ist kein Ende ihrer bemerkenswerten Karriere in Sicht. „Sind es wirklich schon 20“, fragte sie nach ihrem Sieg in der ersten Runde, und man kann ihr abnehmen, dass sie wirklich keine Ahnung der Umstände hatte.

Die Planung sieht vor, auch im nächsten Jahr wieder im Stade Roland Garros zu spielen. Als sie am Mittwoch nach einem harten ersten und einem etwas komfortableren zweiten Satz gegen die mehr als einen Kopf kleinere Kurumi Nara gewann, saß ihre nicht ganz unbekannte schwangere kleine Schwester im Schatten auf der Spielertribüne und schien sich  gut zu unterhalten. Sie gönnte sich das Vergnügen, der Schwester zuzusehen, die darüber glücklich war. Venus sagt, sie spiele zwar hin und wieder auch ohne Serena bei Turnieren und habe sich auf die Lage in Paris ja auch vorbereiten können, aber sie freue sich jetzt schon auf das nächste Jahr und auf die Chance, dann mit der kleinen Schwester auch wieder Doppel spielen zu können. Natürlich weiß niemand, ob Serenas Plan, mit Baby im Team so zügig zum Tennis zurückzukehren wie etwa Victoria Azarenka, die sechs Monate nach der Geburt ihres Sohnes Leo in Kürze bei den Mallorca Open ihr Comeback feiern wird. Die Tante ist jedenfalls auf alles vorbereitet, auf Dienste als Babysitter inklusive des Wechsels dreckiger Windeln. „Ich hoffe, dass ich mir diesem Job klar komme“, sagt Venus Williams, „aber ich bin ziemlich zuversichtlich.“

Aber bis dahin müssen noch ein paar Bälle gespielt werden, zumal Venus’ Karriere in letzter Zeit wieder gewaltig Fahrt aufgenommen hat. Sie steckt in der besten Phase seit mehr als einem Jahrzehnt, was sich an den Ergebnissen bei den Grand-Slam-Turnieren ablesen lässt: Der vierten Runde im vergangenen Jahr in Paris folgten das Halbfinale in Wimbledon, die vierte Runde bei den US Open und das Finale in Melbourne gegen Serena in ihrem ersten großen Endspiel seit 2009. Ist es vorstellbar, dass sie am Ende noch mal mit dem Pokal in den Armen auf dem Podium stehen wird? In Paris wäre es das erste Mal; ihre sieben Grand-Slam-Titel stammen aus Wimbledon (fünf) und New York (zwei). Im Moment hat angesichts der verwirrend instabilen Formkurven vieler Spielerinnen ohnehin keiner eine Idee, ob es bei diesen French Open 2017 eine Favoritin gibt. Warum also nicht Venus Williams in der Blüte ihrer fast 37 Jahre?

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+++ Paris, 5. Update +++

Von Doris Henkel

Es war ein ziemlich kompletter Test für Alexander Zverev, alles in allem. Ein Spiel über vier Sätze und zwei Tage, begonnen im Sonnenschein, beendet bei Regentropfen und nachlassendem Licht, fortgesetzt rund 15 Stunden später bei Wind und Wolken. Auf der anderen Seite ein Gegner mit der Erfahrung aus 55 Grand-Slam-Turnieren und 13 Exkursionen im Stade Roland Garros. Linkshänder, gewaltige Vorhand, ein Mann für spezielle Fälle, wie 42 Spiele über die maximale Distanz von fünf Sätzen beweisen. Und für Zverev die Premiere auf dem Court Central. Viele Spieler beschreiben die erste Begegnung mit dem großen roten Platz im Stade Roland Garros wegen der Dimensionen als einschüchterndes Erlebnis. Welches Detail den größten Anteil an der Niederlage (4:6, 6:3, 4:6, 2:6) des jungen Hamburgers gegen Fernando Verdasco aus Spanien hatte? Er selbst fasste die Sache in aller Deutlichkeit so zusammen: „Ich hab absolut scheiße gespielt.“

Als das Spiel am Montagabend auf Drängen beider Spieler gegen halb neun abgebrochen wurde, nachdem Zverev den ersten Satz verloren und den zweiten gewonnen hatte, sah es so aus, als habe er die Sache nach ganz gut im Griff. Ob es die richtige Entscheidung war, sich in dieser Situation dem Spanier anzuschließen, der in einer längeren Diskussion mit dem Oberschiedsrichter forderte, für diesen Abend Schluss zu machen? Wer einen Satz gewonnen hat und im Vorteil ist, der nutzt normalerweise den gefühlten Vorteil und drängt darauf, weiterzuspielen, so lange es geht – das Licht hätte mindestens noch für eine weitere halbe Stunde gereicht. Der Schwede Mats Wilander, ehemals Nummer eins und dreimal Sieger der French Open, fand, das sei ein Anfängerfehler gewesen.

Zverev sah das nicht so und meinte, es wäre richtiger gewesen, das Spiel noch früher abzubrechen, er habe den Ball schon länger nicht mehr richtig erkennen können.

Es ist sicher Unfug zu behaupten, die Unterbrechung nach dem zweiten Satz habe in die Niederlage geführt, zumal Zverev anderntags bei der Fortsetzung genügend Chancen hatte. Er ging schnell in Führung, doch es gab kaum freie Punkte für ihn; Verdasco ließ sich nicht abhängen oder einschüchtern, und von dem Moment an, als der Spanier zum 3:3 ausglich, neigte sich die Waage des Spiels auf die spanische Seite. Verdasco hatte Glück, dass die beiden Breakbälle, die er später herausspielte, bei einer Führung von 5:4 auch gleichzeitig Satzbälle waren. Beim zweiten landete Zverevs Rückhand-Ball im Aus, und danach ging’s zügig bergab. Er versuchte, die Punkte zu erzwingen, und wie sich das Spiel in seinem Innenleben spiegelte, das sah man, als er seinen Schläger zuerst auf den Boden drosch und ihn dann per Hand knickte.

Aus der Grube kam er nicht mehr raus, und mit dem letzten seiner 50 Fehler ohne Not endete die Partie nach insgesamt knapp drei Stunden. Zverev gratulierte Fernando Verdasco sportlich-freundlich, verabschiedete sich winkend vom Publikum, stellte im Umkleideraum seine Taschen ab und saß keine fünf Minuten später in der Pressekonferenz. Bei anderen Gelegenheiten hatte er im verbalen Nachspiel bisweilen nicht die beste Figur gemacht, nicht nur nach Niederlagen. An seinem Auftritt diesmal gab es nichts auszusetzen. Er würdigte die Leistung des Gegners, erklärte seine Sicht der Dinge zur Diskussion um den Abbruch, gab zu, dass er schlecht gespielt hatte und versuchte nichts schönzureden.

Natürlich ging es auch um die Frage, ob es schwierig gewesen sei, nach dem Erfolgen in den vergangenen Wochen – dem Titel bei den BMW Open in München, aber vor allem eine Woche vor Beginn der French Open beim Turnier in Rom -, konzentriert zu bleiben. Mit Rom habe das nichts zu tun gehabt, antwortete er, vielleicht eher mit den ungewohnten Bedingungen auf dem Court Central, dem Wind und anderen Dingen. „In Rom hab ich fantastisch gespielt und habe das Turnier gewonnen. Ich habe ich schlecht gespielt und in der ersten Runde verloren. So ist das halt, und davon bleibt die Welt nicht stehen.“

Stimmt. Diese Niederlage nur eine Woche nach dem bisher größten Erfolg seiner Karriere ist eine Niederlage, aber kein Zeichen. Sie ändert nichts an Aussichten und Perspektiven; nach der ersten Frustphase wird er sich mit der Analyse dessen beschäftigen, was schief gelaufen ist. Außerdem weiß er gut genug, dass dass es keine Karriere ohne Stolpersteine gibt und dass sich dafür prominente Beispiele finden lassen. Roger Federer gewann im Mai 2002 bei den German Open in Hamburg seinen ersten großen Titel und verlor danach in Paris in Runde eins; im Jahr darauf gewann er im Mai den Titel in München und verlor in Paris in Runde eins. Ein paar Wochen stand er mit dem Pokal im Arm auf dem Rasen von Wimbledon. Alexander Zverev wird sich nun überlegen, ob er vielleicht nicht erst bei den Gerry Weber Open in Halle wieder spielen wird, sondern schon vorher bei einem anderen Turnier; Fortsetzung folgt.

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+++ Paris, 4. Update +++

Von Doris Henkel

Am frühen Morgen, wenn die Anlage atmen kann und noch nicht jeder Weg mit Menschen vollgestopft ist, verbreitet Roland Garros reichlich Charme. Der Blick fällt auf die Bäume und herrschaftlichen Häuser des angrenzenden Boulevards d’Auteuil, Vögel zwitschern, und in dieser Idylle ein paar Bälle zu spielen, gehört zu den angenehmen Aufgaben eines Tennisprofis. Stan Wawrinka sagt über sich, er liebe das Leben in großen Städten, die Aufregung und das bunte Durcheinander, aber er fühle sich ebenso wohl in ländlicher Ruhe, im Einklang mit der Natur. An diesem Morgen passten bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher beide Welten zusammen, als er zu früher Stunde auf dem Court Suzanne Lenglen trainierte.

Am Wochenende hatte er in Genf beim Turnier vor seiner Haustür den Titel mit einem Sieg im Finale gegen Mischa Zverev verteidigt, nach eher durchwachsenen Wochen ein Zeichen deutlicher Besserung. Nach zwei Niederlagen gegen Roger Federer zu Beginn des Jahres – im Halbfinale der Australian Open und im Finale von Indian Wells – gewann er später in zwei Monaten insgesamt nur vier Spiele, und von jedem anderen der Weltspitze hätte man danach gesagt, er stecke in einer Krise, zumindest in einer kleinen. Aber auch ohne den Titel in Genf, den ersten seit seinem Triumph im September 2016 bei den US Open in New York, müsste er in Paris bei der Frage nach den Favoriten auf jeder Rechnung stehen. Vor ein paar Wochen in Rom hatte er zwar zugegeben, im Moment fehle ihm ein wenig Feuer, er tue sich schwer mit der Motivation, aber solche Dinge können sich schnell ändern.

In einem Interview mit dem Magazin der französischen Sportzeitung L’Équipe sagt er zu diesem Thema, es gebe überhaupt keinen Grund, wegen einzelner Niederlagen die Ruhe zu verlieren, im Training habe er das Gefühl, alles sei in bester Ordnung. Es gibt Konkurrenten, die die speziellen Herausforderungen eines Grand-Slam-Turniers fürchten, vor allem fünf lange, harte Sätze auf dem roten Sand im Stade Roland Garros. Bei Stan Wawrinka ist es das Gegenteil. „In fünf Sätzen kannst du dir mehr Fehler leisten. Du spielst nicht vor der dritten Runde gegen einen Gegner aus den Top 30, und du hast die Zeit, von einer Runde zur nächsten immer mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Ich hab in meiner ganzen Karriere viel Zeit gebraucht, und ich musste immer warten, bevor Dinge besser wurden. Es ging alles Schritt für Schritt, aber das hält, das ist solide.“

Es dauerte, bis er sich in seiner Haut wohl fühlte, bis er bereit war, den Leuten zu zeigen, wie schwer es sein kann, die Gefühle vor und während eines Spiels zu kontrollieren und sich Momente der Schwäche zuzugestehen, ohne am großen Ganzen zu zweifeln. Nach dem Finale im vergangenen Jahr in New York erzählte er, dass er auf dem Gang zum Centre Court fast zusammengebrochen sei. Weil er Angst vor diesem Spiel hatte, das er auf keinen Fall verlieren wollte, sagt er, hätte er sich fast übergeben müssen, und er war so aufgewühlt, dass er weinen musste. Dann ging er raus und gewann. Wawrinka bekam viel Zuspruch hinterher für seine Offenheit, für seine Bereitschaft über Schwäche zu reden. Jungen Spielern werde beigebracht, ein Pokerface zu zeigen, aber Stress und Nervosität seien nun mal Teil des Lebens und des Sports, und es bringe nichts, sie zu negieren oder zu unterdrücken. Es sei normal, Angst zu haben, und erst, wenn man das akzeptiere, gehe es einem besser.

Sich Schwächen verzeihen zu können gehört zu den Geheimnissen eines glücklichen Daseins auf Erden, und auch deshalb, und seit er das kann, ist er unter den großen Gewinnern zu finden. Der Rückhandschuss, mit dem er vor zwei Jahren in Paris den Titel gegen Novak Djokovic gewann, gehört zu den besten Bällen, die im Tennis je gespielt wurden; unvergesslich. Wawrinka findet, as sei das beste Turnier seiner Karriere gewesen, nie habe er besser gespielt. Die Erinnerung daran begleitet ihn auf den Wegen im Stade Roland Garros, aber das heißt nicht, dass die tägliche Arbeit deshalb leichter ist. Fünf Sätze sind fünf Sätze, und in den Beinen des zweiten Schweizers steckt prinzipiell genügend Kraft für Ballwechsel, die scheinbar kein Ende nehmen. Kann sein, dass er in der ersten Runde verliert wie vor drei Jahren. Kann auch sein, dass er wieder den Titel gewinnt; bei keinem ist der Gefäß der Möglichkeiten praller gefüllt.

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+++ Paris, 3. Update +++

Von Doris Henkel

Normalerweise beginnen Grand-Slam-Turniere Montags, zumindest in Melbourne, Wimbledon und New York. Bei den French Open wird seit elf Jahren schon sonntags gespielt, und der Vorlauftag führte diesmal zu einem Ergebnis, das in den Annalen des Turniers landen wird. Angelique Kerbers Niederlage gegen die Russin Jekaterina Makarowa (2:6, 2:6) war die erste einer Nummer eins bei den Frauen in der Ära des Profitennis. Niemand wird behaupten können, das sei eine riesige Überraschung. Auch im vergangenen Jahr hatte Kerber in Runde eins verloren, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass sie sich knapp vier Monate zuvor in Melbourne in einem begeisternden Finale gegen Serena Williams den ersten großen Titel ihrer Karriere geschnappt hatte.

Die Konkurrentin aus den USA hat bekanntlich im Moment anderes zu tun; sie erwartet ihr erstes Kind. An diesem Wochenende wurde sie rund und gesund in Monte Carlo bei der Formel 1 gesichtet, ungefähr zu gleichen Zeit, zur gleichen Zeit, als Angelique Kerber auf dem Court Central verlor. Zwei Tage vorher hatte sie zugegeben: „Natürlich nimmt es einen ein bisschen mit, wenn es nicht so läuft. Aber ich weiß immer noch, was ich kann. Ich fühle mich gut und versuche, es auf dem Platz zu zeigen.“ Nur sie selbst weiß, was davon stimmt. Zu sehen war ein erster Satz, in dem sie so verzagt und glücklos spielte wie so oft in diesem Jahr. In dem sie die Schultern hängen ließ und keine Antwort auf die beherzten Angriffe der routinierten Russin fand.

Es sei ja bekannt, dass Sand nicht ihr Belag sei, hatte sie neulich gesagt, wobei schon in dieser Aussage der Ansatz einer Erklärung stecken könnte. Solche Dinge muss man sich nur oft genug einreden, bis man sie wirklich glaubt. Im zweiten Satz spielte sie besser, und in vereinzelten Momenten lag der Hauch eines Hauches von Erinnerung an die großartigen Auftritte vom vergangenen Jahr in ihrem Spiel. Aber Jekaterina Makarowa ließ es nicht zu, dass mehr daraus wurde. In ihrem ersten Spiel im Einzel auf dem Court Central in neun Jahren tat sie alles, und das klappte in den meisten Fällen. 14 von 16 Breakbällen wehrte sie ab, und nie fehlte ihr der Mut zur Attacke. So gewann sie nicht nur zum ersten Mal auf dem größten roten Platz der Tenniswelt, sondern auch zum ersten seit fast vier Jahren gegen Angelique Kerber.

Die Kielerin brauchte danach eine ganze Weile, bis sie zur Pressekonferenz erschien. Es dürfte zur Zeit ihre geringste Sorge sein, ob sie auch in zwei Wochen noch an der Spitze der Weltrangliste stehen wird. Es gibt zwei Konstellationen, die das verhindern könnten: Landet die Tschechin Karolina Pliskova im Finale oder gewinnt Simona Halep aus Rumänien den Titel. Doch Pliskova spielt auf Sand auch nicht besonders gut, und Halep laboriert an einer Bänderverletzung im Knöchel. Das führt allerdings nicht zu einer Antwort auf die Frage, ob Angelique Kerber irgendwann wieder den Schalter umlegen kann. Einerseits ist nun der Teil des Jahres vorbei, von dem sie glaubt, er liege ihr nicht. Andererseits weiß sie sehr gut, dass der Druck wegen der enttäuschenden Ergebnisse des Jahres auch demnächst auf Rasen zunehmen wird. Im vergangenen Jahr hatte sie in Wimbledon im Finale gespielt, nach dem aktuellen Stand spricht vieles dafür, den Dingen vorher auf den Grund zu gehen. „Irgendwas“, so sagt sie selbst, „wird sich auf jeden Fall ändern müssen.“ Ob dazu auch eine Änderung in ihrem Team mit Trainer Torben Beltz gehören kann? „Ich hatte mich bisher voll auf Paris konzentriert, in den nächsten Wochen werde ich viel Zeit haben, darüber nachzudenken.“ Das hörte sich nicht wie ein Bekenntnis zu jenem Mann an, mit dessen geduldiger Hilfe sie im vergangenen Jahr zwei Grand-Slam-Titel gewonnen hatte und an der Spitze der Weltrangliste gelandet war.

Dieser Anlauftag im Stade Roland Garros war jedenfalls kein guter Tag für das deutsche Frauentennis. Julia Görges verlor in der Hitze des Tages in drei Sätzen gegen die Amerikanerin Madison Brengle und meinte hinterher, das sei verdammt bitter, aber sie habe nach einer Woche Erkältung und Fieber einfach nicht mehr Kraft gehabt. Aber noch mal zurück zur historischen Bedeutung des Tages. Zu jenem Quartett, das ebenfalls an Nummer eins gesetzt in der ersten Rund eines Grand-Slam-Turniers verlor, gehört auch Steffi Graf, die 1994 in Wimbledon als fünfmalige Siegerin des Turniers und Titelverteidigerin der Amerikanerin Lori McNeil unterlag. Verglichen mit der Wucht der Wellen des Spiels von damals wirkte Angelique Kerbers Niederlage am Sonntag im Stade Roland Garros wie das Plätschern eines Baches.

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+++ Paris, 2. Update +++

Von Doris Henkel

Lässig schlurfte er durch die Players Lounge; entspannt, lächelnd, gut gelaunt. Auf den ersten Blick schien er es nicht eilig zu haben, obwohl er auf dem Weg zu einem Sponsorentermin war, und die Begegnung zwischen Tür und Angel reichte, um kurz über den Sonntag vor einer Woche zu reden. Darüber, wie cool und entschlossen er vom ersten Moment des Finales in Rom gewirkt hatte. So als sei es das Normalste der Welt, bei einem Turnier dieser Größenordnung gegen einen Mann wie Novak Djokovic um den Titel zu spielen. Aus der Entfernung hatte es so ausgesehen, als sei er kein bisschen nervös gewesen, im Gegensatz zum Gegner. Täuschte der Eindruck? „Nein“, sagt er, „ich war nicht nervös. In so einem Finale willst du einfach nur gut spielen, obwohl das natürlich leichter gesagt als getan ist.“ In aller Selbstverständlichkeit schnappte er sich den Titel, und dass er damit auf Platz zehn der Weltrangliste gelandet ist, haut ihn auch nicht um. Denn das alles gehört zum Plan, irgendwann die ganz großen Turniere zu gewinnen.

Irgendwann? Vor einem Jahr war er als Nummer 41 der Welt nach Paris gekommen, begleitet vom Attribut, der beste Teenager des Männertennis zu sein. Diesmal spielt er in einer anderen Liga. Als Djokovic vor Beginn der French Open gebeten wurde, ein wenig über die Form von Rafael Nadal, Andy Murray und anderen Aspiranten zu reden, kommentierte er zuerst die Lage der beiden Genannten (der eine Favorit, der andere zuletzt instabil und ein gutes Stück von der Bestform entfernt), erwähnte dann kurz Stan Wawrinka, gegen den er das Finale der US Open im vergangenen Jahr und das Finale in Paris vor zwei Jahren verloren hatte. Und zum Schluss meinte er: „Dominic Thiem ist natürlich stark in Form, ebenso wie Zverev, und die können es definitiv weit bringen bei diesem Turnier.“ Innerhalb eines Jahres, vielleicht sogar innerhalb weniger Wochen, hat der beste deutsche Tennisspieler seit ziemlich langer Zeit einen großen Schritt vom talentierten Kandidaten zum Herausforderer gemacht.

Om normalen Leben fallen große Schritte leichter, wenn man wie Zverev fast zwei Meter lang ist.  Tennisspieler dieser Größe tun sich gewöhnlich nicht so leicht mit der Beinarbeit. Aber seine Koordination ist erstklassig, und sein Antritt ist bemerkenswert, was eine Menge mit den Trainingseinheiten im Winter in Florida zu tun hat. Zverevs britischer Fitness-Coach, Jez Green, der einst aus dem schmalen Andy Murray einen Athleten machte, legt nach dem Ende einer Saison bei jungen Spielern größten Wert auf vier bis fünf Wochen Aufbautraining ganz ohne Tennis. So viel Zeit habe man nur bei jungen Leuten, sagt er, wenn sie älter und besser wären, gehe das nicht mehr. Er lag offensichtlich ziemlich richtig, als er Anfang des Jahres prophezeite: „2017 werden wir die Gelegenheit wahrscheinlich nicht mehr haben, eben weil er sich so schnell verbessert.“ Nach dem aktuellen Stand der Dinge hat Zverev gute Aussichten, sich für das ATP Tour Finale der besten acht Mitte November in London zu qualifizieren; in diesem Fall würde seine Saison vier Wochen länger dauern als im vergangenen Jahr.

Aus der Entfernung sieht man seinen Beinen die vielen Stunden der Arbeit mit Gewichten, am Versaclimber und auf der Tartanbahn bei grausamen 400-m-Läufen nicht an, aus der Nähe dagegen sehr wohl. Im März veröffentlichte er auf Instagram ein Foto, das ihn auf dem Boden sitzend lässig an eine Wand gelehnt zusammen mit Familienpudel Lövik zeigt, und vor Löviks Nase baut sich eindrucksvoll die Muskulatur von Herrchens Quadrizeps auf. Im Gegensatz zu vielen Spielern, die der Schufterei in der Vorbereitungszeit nicht viel abgewinnen können, macht Zverev daraus eine besondere Zeit des Wettbewerbs mit seinem Bruder Mischa – und beide profitieren davon. Sechs Tage nach dem ersten Titel des kleinen Bruders bei einem Masters-1000-Turnier spielte Mischa am Samstag in Genf gegen den Schweizer Stan Wawrinka um den ersten Titel bei einem ATP-Turnier.

Die Beine sind das eine; der ebenso knallige wie effektive und verlässliche Aufschlag ist das andere, und die großartige Rückhand wiegt ohnehin ein Pfund. Aber nur vier Wochen nach seinem 20. Geburtstag gehört Alexander Zverev vor allem deshalb zu den Top Ten, weil er genau weiß, wo er landen will, und weil er auch weiß, dass es nur einen Weg gibt, das zu schaffen – mit Disziplin in der täglichen Arbeit. Green sagt, Zverev habe in den drei Jahren ihrer gemeinsamen Arbeit keinen einzigen schlechten Trainingstag gehabt – und der Mann ist sehr anspruchsvoll bei der Entscheidung, was ein guter Trainingstag ist.

Nach dem Sieg in Rom, dem ersten eines deutschen Spielers bei einem Turnier dieser Größenordnung seit 16 Jahren (Tommy Haas), meldete sich Zverevs Buddy Nick Kyrgios zu Wort. Der Australier ist zwei Jahre älter, er stand im vergangenen Jahr kurz vor dem Sprung unter die Top Ten, und er hat das beste Händchen der jungen Generation. Aber er tut sich extrem schwer, eine Struktur in seinem Alltag als Tennisspieler aufzubauen, bis hin zur Frage, ob er einen Coach braucht oder nicht. Im März hatte er Zverev zweimal innerhalb kurzer Zeit besiegt, und dennoch sagt er: „In gewisser Weise beneide ich ihn. Er ist sehr professionell und macht alle Sachen richtig. Das trifft offensichtlich auf mich eher weniger zu. Er wird eine großartige Karriere haben.“

Aber zur Disziplin in der täglichen Arbeit mit Zverevs Coach und Vater Alexander senior kommt eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und Furchtlosigkeit, auch gegen Gegner mit großem Namen. Weil er schon als Kleiner mit seinem zehn Jahre älteren Bruder auf der Profitour unterwegs war, gehörten Leute wie Djokovic und Murray früh zu seinem Habitat. Mit Roger Federer trainiert er regelmäßig, und sie sitzen dabei oder danach oft noch ein Weilchen auf der Bank und reden über dies und das. In einem Gespräch mit der englischen Tageszeitung Independent sagte er kürzlich: „Ich glaube, es ist normal, dass du nervös bist, wenn du zum ersten Mal gegen Federer oder Murray oder Djokovic spielst. Aber nach einer Weile sind sie einfach nur normale Gegner, du kannst sie nicht als Legenden sehen.“ Er hat gegen Federer und Djokovic gespielt und gewonnen, gegen Murray und Rafael Nadal fehlt noch der erste Sieg. Aber beim Spanier war er schon zweimal nah dran, zuerst im vergangenen Jahr in Indian Wells, als er einen Matchball vergab, über den er sich heute noch ärgert, dann vor ein paar Monaten bei den Australian Open in Melbourne, als er in fünf Sätzen verlor.

Auf dem Weg zum Titel in Rom wurde er ein paarmal gefragt, ob er überrascht sei über seine starke Form auf Sand. Überrascht sei das falsche Wort, antwortete er jedes Mal, er wisse ja schließlich, wie hart er in der Trainingsphase gearbeitet habe. „Aber klar ist es ein tolles Gefühl, die besten Spieler der Welt herausfordern zu können und bei den großen Turnieren in den großen Stadien zu spielen.“ Im vergangenen Jahr gewann er zwei Spiele im Stade Roland Garros, weiter kam er bisher noch bei keinem Grand-Slam-Turnier. Und was ist nun mit Paris? Nadal sei klarer der Favorit, findet Zverev, der Rest sei weit offen, und irgendwie sehe er sich nach den letzten Ergebnissen, nach den Turniersiegen in München und in Rom auch auf der Liste der Herausforderer. Wie sich das anhört? Ambitioniert. Aber es ist der realistische Blick auf die Dinge im Frühjahr 2017, verbunden mit der Erkenntnis, dass es zwar noch eine Menge zu tun gibt, nicht nur am Versaclimber zur Adventszeit in Florida. Dass aber andererseits einiges schiefgehen müsste, damit dieser Lulatsch und Freund eines schwarzen Pudels kein Grand-Slam-Turnier gewinnt.

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+++ Paris, 1. Update +++

Von Doris Henkel

Falls es jemals eine Zeit gegeben haben sollte, in der Novak Djokovic ein Gesprächspartner fehlte, der mit dem Fluss salbungsvoller Worte ebenso viel anfangen kann wie er selbst, dann scheint dieses Problem gelöst zu sein. Beim Medientag der French Open beschrieb er am Freitag in aller Ausführlichkeit, wie der erste gemeinsame Arbeitstag mit Andre Agassi ausgesehen hatte, von zwei Trainingseinheiten auf dem Platz und einer sehr ausführliche Unterhaltung am Abend. „Obwohl es der erste Tag war, fühlte es sich so an, als würden wir uns sehr lange kennen. Es klickte, und die Verbindung war gleich da.“

So reden Verliebte über das erste Rendezvous, aber um Romantik sollte es bei der neusten Verbindung auf dem Planeten Tennis eher nicht gehen. Nach ein paar Wochen, in denen sie regelmäßig miteinander telefoniert hatten und dem ersten gemeinsam verbrachten Tag sagt Djokovic, Agassi inspiriere ihn sehr, und genau das habe ihm zuletzt gefehlt. „Er hat all die Wechsel und Übergänge selbst erfahren, er hat wie ich als Bester der Welt bei den Grand-Slam-Turnieren gespielt und musste mit allen Herausforderungen klarkommen, die es im Tennis, im Profisport gibt.“

Beim ersten Training auf Court 5 im Stade Roland Garros hatte man den Eindruck, Agassi habe ihm ihm eine Menge zu sagen; der Amerikaner redete wie ein Buch, und als er dann auch noch damit anfing, an Djokovics Rückhand rumzubasteln, da schwebten auch ein paar Fragezeichen über den Köpfen des neuen Paares. Zuletzt beim Turnier in Rom hatte es so ausgesehen, als läge im Spiel des Serben wieder größere Überzeugungskraft als in den Monaten zuvor, und trotz der Niederlage im Finale gegen Alexander Zverev hatte er die italienische Hauptstadt mit einiger Zuversicht verlassen. Andre Agassi, der wegen eines Sponsorentermins ohnehin nach Paris gekommen wäre, wird nicht bis zum Ende des Turniers bleiben. In der ersten Runde wird Djokovic gegen den Spanier Marcel Granollers spielen, gegen den er bisher nie verlor, wobei die letzte Begegnung allerdings schon ein paar Jahre zurückliegt.

Als er im großen Interviewraum saß und ziemlich aufgeräumt über den Stand der Dinge dieser Tage sprach, erledigte der Kollege Nadal gerade eine Trainingseinheit auf dem Court Central. Auf jenem geliebten Platz, auf er schon neunmal lang ausgestreckt als als Turniersieger gelegen hatte. Nach den Ergebnissen der vergangenen Wochen und Titeln in Monte Carlo, Barcelona und Madrid steht Nadal auf jeder Favoritenliste für die French Open ganz oben, und im Moment kann sich kaum einer vorstellen, dass er nicht am 11. Juni auf dem Court Central um den Titel spielen wird. Er selbst hält von solchen Aussagen weniger als nichts, er vermisst darin den Respekt für die Gegner und den Gedanken ans Unberechenbare im Sport. Auf jeden Fall geht es ihm deutlich besser als vor einem Jahr, als er wegen einer schon länger akuten Sehnenscheiden-Entzündung im linken Handgelenk nicht mehr zur dritten Runde antreten konnte.

Für Alexander Zverev geht es eine Woche nach dem großen Sieg in Rom in der ersten Runde mit einem nicht ganz unkomplizierten Spiel gegen den Spanier Fernando Verdasco weiter. Noch kniffliger ist Angelique Kerbers erste Aufgabe gegen Jekaterina Makarowa aus Russland, gegen die sie in diesem Jahr bereits einmal verlor.

Während Djokovic und Agassi im Überraschungspaket des der French Open stecken, die am Sonntag beginnen, steckten und Rafael Nadal versichert, er werde alles tun, um das Turnier zum zehnten Mal zu gewinnen, da gehören die größten Emotionen zu Petra Kvitova. Kurz vor Weihnachten war die Tschechin in ihrer Wohnung von einem Einbrecher überfallen worden, der sie mit einem Messer schwer am linken Handgelenk verletzt hatte. In einer zweistündigen Operation hatten die Ärzte danach versucht, Sehen und Nerven zu reparieren, aber es war damals fraglich gewesen, ob sie jemals wieder Tennis spielen würde.

Kvitova kann die Finger ihrer linken Hand nach wie vor noch nicht so bewegen wie vor dem Überfall, aber sie sagt, sie wolle es dennoch probieren. Zunächst hatte sie gehofft, in Wimbledon wieder dabeisein zu können, aber in einer relativ spontanen Entscheidung habe sie die Reise nach Paris beschlossen. Nach der langen Zeit der Ungewissheit, in der sie ihren Sport schmerzhaft vermisste und das Gefühl hatte, es sei ihr ein Teil des Lebens gestohlen worden, ist sie nun wieder im Spiel. In manchen Momenten mit Tränen in den Augen, aber sehr offen und mit großer Wärme sprach sie am Freitag über die finstere Vergangenheit und die Hoffnungen für die Zukunft, aber vor allem über das Glück der Gegenwart.

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Das Turnier 2017 ist mit 35,98 Millionen Euro dotiert, der Sieger und die Siegerin des zweiten Grand-Slam-Turniers erhalten ein Preisgeld von jeweils 2,1 Millionen Euro. Seit 1927 ist das Roland-Garros-Stadion der Tempel für Welttennis auf dem Sandplatz, am Rande des Bois de Boulogne im Arrondissement XVI gelegen. Die Weltstars des kleinen gelben Balls kämpfen zwei Wochen lang auf einen der 24 Sandplätzen, darunter den Central Court Philippe-Chatrier und den Court Suzanne Lenglen, um den Sieg.

 

2016 – Novak Djokovic & Garbine Muguruza als Sieger

+++ Paris, 21. Update +++

Von Doris Henkel

Der große Obelisk an der Place de la Concorde, einem der fünf königlichen Plätze der großen Stadt, misst 22 Meter und sieht ziemlich majestätisch aus. An diesem Platz fand sich Novak Djokovic Montagmorgen mit einem Tross von Fotografen und Kameraleuten für die offiziellen Siegerfotos ein. Bilder an besonderen Orten mit Pokal gehören mittlerweile bei den großen Turnieren zum Ritual, aber man kann natürlich darüber diskutieren, ob jene Bilder, die unmittelbar nach einem großen Sieg entstehen, nicht doch viel schöner und aussagekräftiger sind. Djokovic ausgestreckt am Boden im roten Sand, etwa. Später im Kreise der Linienrichter, mit den Ballkindern oder zusammen mit dem Sieger des Juniorenturniers. Oder der Sieger in einer Umarmung mit seinem Coach Boris Becker, der ihn fast erdrückt und noch schmaler als sonst erscheinen lässt. Und vor allem Djokovic als Sieger im Umkleideraum, den eleganten, silbernen Pokal neben sich. Endlich. Enfin.

Das Gefühl, diesen Coupe des Mousquetaires im Arm gehalten zu haben, wird ihn begleiten in den nächsten Wochen und Monaten. Und es wird ihm noch größere Souveränität geben, wenn das denn überhaupt noch möglich ist. Als er in Australien vor etwas mehr als sechs Jahren seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann, war zwar klar, dass man in Zukunft mit ihm rechnen musste, aber wer hätte damals gedacht, dass er die Welt des Tennis so dominieren würde? Nach dem Sieg in Paris gegen Andy Murray und nach seinem ersten Titel an der Seine hat Djokovic in der neuen Weltrangliste rund 1380 Punkte mehr als Murray und Roger Federer zusammen.

Federer meldet sich dieser Tage beim MercedesCup in Stuttgart zurück, aber er trainiert erst wieder seit ein paar Tagen, und wie es um seine Form bestellt ist, wird man sehen. Und ob Rafael Nadal, der Paris wegen einer Sehnenscheiden-Entzündung viel zu früh verlassen hatte, bis Wimbledon wieder fit sein wird? Federer gewann 17 Grand-Slam-Titel, Nadal 14 (wie Pete Sampras), Djokovic steht jetzt bei 12 – dass er Nadal nicht erreichen wird, ist im Moment kaum vorstellbar.

Alles ist vorstellbar im Moment, zumal wenn man gesehen hat, wie überaus eindrucksvoll er sich in diesem Finale aus einer kniffligen Situation befreite. Wie er den leichten Schockzustand aus dem ersten Satz, den Murray mit zwingendem Spiel dominierte, überwand. So als hätte es nicht den kleinsten Gedanken an das verlorene Finale im Jahr zuvor gegen Stan Wawrinka gegeben; so, als müsse man sich nur mal kurz zur Ordnung rufen und die Erinnerung an diesen einen Satz ausknipsen wie ein zu grelles Licht. Er ist in allen Bereichen des Spiels inzwischen fast unantastbar, und auch bei Schlägen, die man früher nicht oft bei ihm sah; es ist eine Sache, einen fast perfekten Stoppball des Gegners zu erlaufen, aber eine andere, mit einem spektakulären, fast parallel zum Netz gespielten Gegenstop den Punkt zu machen.

Ende vergangenen Jahres nach dem Sieg seinen Mannes beim ATP-Tour-Finale in London hatte Boris Becker zu den Aussichten auf 2016 gesagt: „Man kann nicht glauben, dass das nächstes Jahr noch viel besser werden kann, das ist unrealistisch. Das Ziel sollte man auch nicht haben.“ Aber im Moment sieht es so aus, als sei alles möglich. Also auch der Grand Slam? Er wolle nicht arrogant klingen, sagt Djokovic dazu, „aber ich glaube wirklich, dass man alles im Leben erreichen kann.“

Natürlich kann man fragen, ob vier Siege in Folge bei Grand-Slam-Turnieren nicht so viel wert sind wie vier Siege innerhalb eines Kalenderjahres, wie es zuletzt Rod Laver 1969 bei den Männern geschafft hat und bei den Frauen Steffi Graf (1988). Vier in Folge gewann auch Serena Williams, und das sogar zweimal, 2002/2003 und 2014/2015. Bis vor zwei Jahren hatte es so ausgesehen, als werde Novak Djokovic in der Historie des Tennis mit Respektabstand auf einem Platz hinter Roger Federer und Rafael Nadal stehen. Federer hatte in zwei Jahren in Folge nur ein Titel zum Grand Slam gefehlt, 06 und 07 verlor er jeweils in Paris. Er war damals mindestens so dominant, wie es Djokovic jetzt ist.

Teilchen für Teilchen hat der Serbe in vielen Jahren ein Puzzle zusammengesetzt. Hat sich und seinen Körper wie einen Rennwagen aufs Feinste abgestimmt. Und hat eine mentale Stärke entwickelt, der verlorene Sätze, unangenehme Erinnerungen und äußerliche Einflüsse kaum noch etwas anhaben können. Er schwelgte nach dem ersehnten Sieg im Stade Roland Garros in Emotionen und sagte, nie habe er so sehr das Gefühl gehabt, vom Publikum getragen zu werden. Und am Ende hatte er es ja sogar geschafft, nach einem grauen, verregneten Turnier die Sonne zur Siegerehrung zu bestellen. Montagmorgen beim Fototermin auf der Place de la Concorde war der Himmel wieder grau. Aber darauf kam es nicht mehr an.

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+++ Paris, 20. Update +++ Novak Djokovic gewinnt French Open 2016

Von Doris Henkel

Einen Moment lang sah es so aus, als würde er den Triumph ganz still und im Stehen genießen, doch dann ging er zu Boden und blieb eine Weile an der Grundlinie liegen. Am Boden und weiter oben denn je. Mit dem Sieg gegen Andy Murray (2:6, 6:1, 6:2, 6:4) schnappte sich Novak Djokovic Sonntagnachmittag auf dem Court Central in Paris den letzten großen Titel aus dem Quartett des Grand Slam. Und nicht nur das. Seit Rod Laver anno ´69 ist er der erste Spieler in der Zeit des Profitennis, der vier in Folge gewann. Und nach der Hälfte des Jahres ist er damit zum ersten Mal in seiner Karriere noch im Rennen um den echten, den einzig wahren Grand Slam, dem Gewinn der vier Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York innerhalb eines Kalenderjahres.

Ein Blick auf die Ränge des vollbesetzten Court Central mit Dutzenden serbischer Fahnen in allen Größen deutete schon vor dem ersten Ballwechsel darauf hin, dass es Djokovic nicht an Unterstützung fehlen würde. Die Vermutung wurde zur Sicherheit, als die Kombattanten den Platz betraten: Unterstützung und Beifall für Murray, ein Jubelsturm für Djokovic. Das oft so launische Pariser Publikum fand offenbar der Mann in Rot und Schwarz habe lange genug auf diesen Titel gewartet. In den drei Stunden und drei Minuten der Partie blieb es fast in allen Phasen bei der Relation der Emotionen; drei Viertel für den Serben, ein Viertel für den Schotten.

Ein paar Tage zuvor hatte Murray gesagt, es mache ihm nichts aus, auch gegen das Publikum zu spielen, Hauptsache, es sei überhaupt was los. Vom Nebenplatz, wo gerade ein junger Franzose den Titel bei den Junioren gewonnen hatte, wehte die Marseillaise herüber, und die Leute hatten zunächst nicht allzu viel Gelegenheit, ihre Sympathie auszudrücken. Nach einem Aufschlagverlust im allerersten Spiel machte Murray da weiter, wo er beim Sieg im Halbfinale gegen Stan Wawrinka aufgehört hatte. In einem der besten Sätze seiner Karriere gab er dem Mann auf der anderen Seite eine Menge zu denken, und nach einer halben Stunde sah es so aus, als sei Djokovic geradezu schockiert. Alles, was Murray machte, wirkte zwingend und durchdacht.

Mit einem Fehler des Serben endete die schottische Dominanz nach 45 Minuten, danach begann Phase zwei. In dieser Phase ließ Murray ein wenig nach, Djokovic schien sich gesammelt zu haben und ging schnell 3:0 in Führung. Im Gegensatz zum ersten Satz, in dem er nur selten den Mut zu Rückhandschüssen geradeaus gehabt hatte, zog er diesen Schlag nun immer öfter durch, und das konnte man als Barometer seiner steigenden Zuversicht deuten. Boris Becker, sein Coach, der nie in Paris den Titel gewonnen hatte, raufte sich nicht mehr so oft die Haare wie in der Anfangsphase, die auch ihn sichtlich nervös gemacht hatte. Djokovic gewann diesen Satz souverän, quasi als Überleitung zu Phase drei, in der der eine vollgepumpt mit frischem Optimismus immer besser wurde und der andere einen immer müderen Eindruck machte.

Fast fünf Stunden hatte Murray aus den ersten sechs Spielen mehr in den Beinen als sein Gegner, und die Kombination aus nachlassenden Kräften, Frust und der imponierenden Stärke des anderen ließ bald darauf schließen, wer dieses Spiel gewinnen würde. Die Serben schwenkten ihre Fahnen, die Franzosen schwenkten um und unterstützen nun des öfteren den Schotten aus einem sehr pragmatischen Grund: Sie wollten fünf Sätze sehen so wie im vergangenen Jahr beim spektakulären Sieg Wawrinkas; sie wollte das ganze Drama, das volle Programm.

Aber es blieb beim Wunsch. Novak Djokovic hielt das Spiel fest in der Hand und gab es nicht mehr her, so sehr sich Murray auch immer wieder bemühte. Spiel, Satz und Sieg Djokovic nach drei Niederlagen im Finale auf dem Court Central – zwei gegen Rafael Nadal, eine gegen Wawrinka. In der Ära des Profitennis gab es vor diesem ersten Sonntag im Juni 2016 nur vier Spieler mit dem kompletten Quartett der Titel, Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer und Rafael Nadal.

Wie hatte es Novak Djokovic in einem Ausblick auf das letzte Spiel tags zuvor in allergrößter Neutralität gesagt? „Die French Open stehen bei mir jedes Jahr zu Beginn weit oben auf der Liste der Prioritäten.“ Dann kann man getrost als Understatement des Monats bezeichnen. Eines Wer ihn kennt, der weiß, wie sehr er diesen Titel haben wollte, um damit in dieser Angelegenheit auf die gleiche Stufe zu springen wie Roger Federer und Rafael Nadal. Federer thront mit 17 Grand-Slam-Titeln an der Spitze, Nadal steht bei 14, Djokovic hat jetzt zwölf. Und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er zumindest den Spanier erreicht.

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+++ Paris, 19. Update +++

Von Doris Henkel

Er wollte diesen Titel, er wollte ihn unbedingt, und nun ist seine Sammlung komplett. Novak Djokovic besiegte Andy Murray auf dem Court Central (2:6, 6:1, 6:2, 6:4), gewann damit den letzten Titel, der ihm bis dahin noch gefehlt hatte, aber nicht nur das. Seit Rod Laver anno ´69 ist er der erste Spieler in der Zeit des Profitennis, der vier in Folge gewann, und nach der Hälfte des Jahres ist er damit zum ersten Mal in seiner Karriere noch im Rennen um den echten, den einzig wahren Grand Slam, dem Gewinn der vier Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York innerhalb eines Kalenderjahres.

Ein Blick auf die Ränge des vollbesetzten Court Central mit Dutzenden serbischer Fahnen in allen Größen deutete schon vor dem ersten Ballwechsel darauf hin, dass es Djokovic nicht an Unterstützung fehlen würde. Die Vermutung wurde zur Sicherheit, als die Kombattanten den Platz betraten: Unterstützung und Beifall für Murray, ein Jubelsturm für Djokovic. Das oft so launische Pariser Publikum fand offenbar der Mann in Rot und Schwarz habe lange genug auf diesen Titel gewartet. In den drei Stunden und drei Minuten der Partie blieb es fast in allen Phasen bei der Relation der Emotionen; drei Viertel für den Serben, ein Viertel für den Schotten.

Ein paar Tage zuvor hatte Murray gesagt, es mache ihm nichts aus, auch gegen das Publikum zu spielen, Hauptsache, es sei überhaupt was los. Vom Nebenplatz, wo gerade ein junger Franzose den Titel bei den Junioren gewonnen hatte, wehte die Marseillaise herüber, und die Leute hatten zunächst nicht allzu viel Gelegenheit, ihre Sympathie auszudrücken. Nach einem Aufschlagverlust im allerersten Spiel machte Murray da weiter, wo er beim Sieg im Halbfinale gegen Stan Wawrinka aufgehört hatte. In einem der besten Sätze seiner Karriere gab er dem Mann auf der anderen Seite eine Menge zu denken, und nach einer halben Stunde sah es so aus, als sei Djokovic geradezu schockiert. Alles, was Murray machte, wirkte zwingend und durchdacht.

Mit einem Fehler des Serben endete die schottische Dominanz nach 45 Minuten, danach begann Phase zwei. In dieser Phase ließ Murray ein wenig nach, Djokovic schien sich gesammelt zu haben und ging schnell 3:0 in Führung. Im Gegensatz zum ersten Satz, in dem er nur selten den Mut zu Rückhandschüssen geradeaus gehabt hatte, zog er diesen Schlag nun immer öfter durch, und das konnte man als Barometer seiner steigenden Zuversicht deuten. Boris Becker, sein Coach, der nie in Paris den Titel gewonnen hatte, raufte sich nicht mehr so oft die Haare wie in der Anfangsphase, die auch ihn sichtlich nervös gemacht hatte. Djokovic gewann diesen Satz souverän, quasi als Überleitung zu Phase drei, in der der eine vollgepumpt mit frischem Optimismus immer besser wurde und der andere einen immer müderen Eindruck machte.

Fast fünf Stunden hatte Murray aus den ersten sechs Spielen mehr in den Beinen als sein Gegner, und die Kombination aus nachlassenden Kräften, Frust und der imponierenden Stärke des anderen ließ bald darauf schließen, wer dieses Spiel gewinnen würde. Die Serben schwenkten ihre Fahnen, die Franzosen schwenkten um und unterstützen nun des öfteren den Schotten aus einem sehr pragmatischen Grund: Sie wollten fünf Sätze sehen so wie im vergangenen Jahr beim spektakulären Sieg Wawrinkas; sie wollte das ganze Drama, das volle Programm.

Aber es blieb beim Wunsch. Novak Djokovic hielt das Spiel fest in der Hand und gab es nicht mehr her, so sehr sich Murray auch immer wieder bemühte. Spiel, Satz und Sieg Djokovic nach drei Niederlagen im Finale auf dem Court Central – zwei gegen Rafael Nadal, eine gegen Wawrinka. In der Ära des Profitennis gab es vor diesem ersten Sonntag im Juni 2016 nur vier Spieler mit dem kompletten Quartett der Titel, Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer und Rafael Nadal.

Wie hatte es Novak Djokovic in einem Ausblick auf das letzte Spiel tags zuvor in allergrößter Neutralität gesagt? „Die French Open stehen bei mir jedes Jahr zu Beginn weit oben auf der Liste der Prioritäten.“ Dann kann man getrost als Understatement des Monats bezeichnen. Eines Wer ihn kennt, der weiß, wie sehr er diesen Titel haben wollte, um damit in dieser Angelegenheit auf die gleiche Stufe zu springen wie Roger Federer und Rafael Nadal. Federer thront mit 17 Grand-Slam-Titeln an der Spitze, Nadal steht bei 14, Djokovic hat jetzt zwölf. Und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er zumindest den Spanier erreicht

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+++ Paris, 18. Update +++ Garbine Muguruza gewinnt French Open 2016

Von Doris Henkel

Lächelnd streckte Garbiñe Muguruza die Hände nach der Trophäe aus, die sie einen Augenblick später entgegen nehmen wollte, und in dieser Annäherung steckte eine schöne Mixtur aus Frische und Selbstverständlichkeit. Dieselbe Mixtur, mit sie kurz zuvor mit einem Sieg in zwei souveränen Sätzen (7:5, 6:4) gegen Serena Williams den ersten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere gewonnen hatte. Für die Amerikanerin war es nach der Niederlage im Finale der Australian Open vor etwas mehr als vier Monaten gegen Angelique Kerber die zweite Niederlage in Folge bei einem großen Turnier, aber wie schon seinerzeit in Melbourne präsentierte sie sich in einer herzlichen Umarmung als faire Verliererin.

Schon vor zwei Jahren hatte die in Caracas/Venezuela geborene Spanierin in Paris ein Spiel gegen die große Serena Williams gewonnen, und danach sagten viele, Muguruza habe das Zeug dazu, in nicht allzu ferner Zukunft eine führende Rolle im Frauentennis spielen. Sie bestätigte die Einschätzung im vergangenen Jahr, als sie das Finale in Wimbledon erreichte. Damals gewann Williams in zwei Sätzen, doch sie gab ihrer zwölf Jahre jüngeren Gegnerin ein Lob und ein Versprechen mit auf den Weg. „Ich bin sicher“, sagte sie, „dass du schon bald einen Grand-Slam-Titel gewinnen wirst.“

Bald ist jetzt. Die Erfahrung aus Wimbledon war eine Hilfe für Garbiñe Muguruza, denn im zweiten großen Finale sind Nervosität und Unsicherheit gewöhnlich ein bisschen kleiner als bei der Premiere. Vom ersten Moment griff sie nach dem Faden dieses Spiels, und sie packte sofort wieder zu, wenn sie diesen Griff ganz kurz gelockert hatte. Es wurde ein hartes Spiel und ein lautes Spiel; Serena Williams war deutlich besser zu Fuß als in den beiden Runden zuvor gegen Julia Putinzewa und Kiki Bertens, sie versuchte, die Gegnerin mit Tempo und immer noch härteren Schlägen zu stoppen, aber das ließ die völlig unerschrocken wirkende Spanierin nicht zu. Sie gab den Ton an, Williams reagierte, und in dieser Konstellation näherten sie sich der Entscheidung.

Eine weniger selbstbewusste, selbstsichere Spielerin als Muguruza hätte vermutlich ein paar Spiele gebraucht, um sich von vier vergebenen Matchbällen beim Stand von 5:3 zu erholen, aber sie machte einfach weiter, als sei nichts geschehen. Nummer fünf brachte die Entscheidung, und dieser fünfte Matchball stammte aus dem Kuriositäten-Kabinett. Muguruza wehrte einen Angriff mit einem Rückhand-Lob ab, der direkt neben Serena Williams auf die Grundlinie fiel; weil sie dachte, der Ball gehe ins Aus, stand die Titelverteidigerin daneben und sah tatenlos zu. Spiel, Satz und Sieg für Garbiñe Muguruza, mit der auch ein neues Kapitel für Spaniens Tennis beginnt.

In den achtziger und neunziger Jahren hatte Arantxa Sanchez Vicario drei Titel im Stade Roland Garros gewonnen, Conchita Martinez siegte in Wimbledon, aber die neue Siegerin aus dem Königreich ist ein ganz anderer Typ als diese beiden. Sanchez Vicario siegte mit Ausdauer und Geduld, Martinez mit Topspin und Winkelspiel, Muguruza spielt nach dem Motto volle Kraft voraus, und in Verbindung mit ihrer offenen, direkten Art ist das eine Kombination, die Frauentennis gut tut – nicht nur jetzt, sondern vor allem später in einer Zeit nach Serena Williams.

In der neuen Weltrangliste am Montag wird Garbiñe Muguruza, die Siegerin der French Open 2016, zum ersten Mal auf Platz zwei hinter Serena Williams stehen (Angelique Kerber rutscht auf Platz vier zurück). Für die Amerikanerin wird das große Spiel um den 22. Grand-Slam-Titel in ein paar Wochen in Wimbledon weitergehen. Genau dort, wo sie einer jungen Spanierin Anfang Juli 2015 in Kürze einen großen Erfolg prophezeit hatte.

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+++ Paris, 17. Update +++

Von Doris Henkel

Der arme Balljunge wusste nicht, wie ihm geschah. Völlig verwirrt sah er Novak Djokovic an, und es dauerte eine Weile, bis er begriff, was der von ihm wollte. Der Serbe hatte gerade sein Spiel der vierten Runde gewonnen und wollte das Publikum mit einer Geste animieren, und der Balljunge sollte ihm assistieren. Nach dem nächsten Sieg probierte er es wieder, diesmal klappte die Verständigung etwas schneller, und als sei das nicht genug der Interaktion, versammelte er nach dem Sieg im Halbfinale gegen Dominic Thiem eine ganze Gruppe von Ballkindern um sich. Manchen Leute gefällt so was, anderen eher nicht.

Nicht im Traum käme Andy Murray auf die Idee, sich so zu inszenieren; meist macht der den Eindruck, als sei ihm schon das Interview auf dem Platz unangenehm. Weniger Mühe macht ihm dagegen die Tour entlang der Autogrammjäger an der grünen Bande. Für Fotos bringt er ein Lächeln zustanden, das unverkrampft wird, und auch sonst erfüllt er fast jeden Wunsch.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, die Finalisten der French Open 2016. Auf der einen Seite der polyglotte Serbe, der diverse Rollen auf der Bandbreite zwischen Kabarett und Diplomatie beherrscht, auf der anderen der schlurfende, manchmal so mürrisch dreinblickende Schotte, der mit staatstragenden Worten nicht viel anfangen kann. Beide wurden im Mai 1987 geboren, Djokovic eine Woche nach Murray, beide hatten früh das Elternhaus verlassen, um in der Fremde zu lernen, wie man ein erstklassiger Tennisspieler wird; der Serbe in Deutschland in der Akademie des deutschen Kroaten Niki Pilic, der Schotte in der Akademie der Spanier Sanchez und Casal in Barcelona.

Murray gewann das erste gemeinsame Spiel mit 13 bei einem Jugendturnier in Tarbes/Frankreich mit 6:1 und 6:0, aber seit sie beide Profis sind, sieht die Sache anders aus. In der Liste der gemeinsamen Spiele führt Djokovic 23:10, darunter zwölf Siege in den letzten 14 Begegnungen. Er gewann früher den ersten Grand-Slam-Titel (2008 gegenüber 2012), er gewann deutlich mehr (elf gegenüber zwei), und er hat in den fast zeitgleich verlaufenden Karrieren mehr als doppelt soviel Geld verdient; Djokovic übertraf in der vergangenen Woche die im Tennis nie zuvor erreichte Marke von mehr als 100 Millionen Dollar.

Ein Spiel der Nummer eins der Welt gegen die Nummer zwei im Finale eines Grand-Slam-Turniers fällt nicht unter die Rubrik Überraschung, in gewisser Weise können sich beide aber glücklich schätzen, noch dabei zu sein. Murray, weil er in den ersten beiden Runden in Fünfsatzspielen am Rande der Niederlage gestanden hatte, Djokovic wegen eines Wutausbruchs im Viertelfinale gegen Tomas Berdych. Nach einem vergebenen Breakball hatte er den Schläger auf den Boden gedroschen, der war mit Tempo nach hinten weggesprungen und hatte einen Linienrichter nur deshalb nicht getroffen, weil der reaktionsschnell einen Schritt zur Seite gegangen war. Die Aktion kostete 4000 Dollar Strafe.

Alle Welt weiß, was es Djokovic bedeuten würde, diesen letzten großen Titel zu gewinnen, der ihm in seiner Sammlung noch fehlt. In der Ära des Profitennis gibt es nur vier Spieler mit dem kompletten Quartett der Titel von Melbourne, Paris, Wimbledon und New York – Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer und Rafael Nadal. Nur der große Australier Laver gewann in der Profiära alle vier in einem Kalender (1969), und gelänge Djokovic dasselbe, dann wäre sein Platz auf dem historischen Thron für eine Weile sicher. Aber dazu braucht er den Coupe des Mousquetaires, die Siegertrophäe in Paris. Andy Murray will das Ding auch haben, aber dieses Wollen ist jünger, unverbrauchter. Vielleicht weniger verkrampft. Er hat nicht wie sein Gegner schon drei verlorene Endspiele im Stade Roland Garros hinter sich, und es hatte lange Zeit ohnehin so ausgesehen, als sei das Spiel im roten Sand nicht sein Ding. Aber inzwischen sieht die Sache anders aus. Im vergangenen Jahr gewann er bei den BMW Open in München den ersten Titel auf Sand, gleich danach in Madrid den zweiten, und vor ein paar Wochen in Rom besiegte er Djokovic im fünften Versuch zum ersten Mal auf diesem Boden.

Wenn man einem früheren Sieger des Turniers, Mats Wilander, glauben will, dann spielt der Herausforderer im Sandkasten jetzt besser denn je. Am Tag nach dem Halbfinale gegen Titelverteidiger Stan Wawrinka schrieb der Schwede in seiner Kolumne für die Sportzeitung L’Équipe, Murrays Sieg in diesem Halbfinale sei die größte taktische Meisterleitung gewesen, die er je in Roland Garros gesehen habe. „Jeder Schlag, den er gemacht hat, hatte einen Sinn.“ Vor dem Ende dieses nassen, in weiten Teilen unerfreulichen Turniers steht auf jeden Fall eines fest: Die beiden Besten des Jahres spielen um einen Titel, der beide auf sehr unterschiedliche Weise sehr glücklich machen würde.

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+++ Paris, 16. Update +++

Von Doris Henkel

Vielleicht gibt es das Wort normal in ihrem Leben einfach nicht. Wenn andere sich schlecht fühlen während eines Spiels, dann geben sie sich Mühe, dass die Gegnerin nichts davon mitbekommt. Pokerface, keine Schwäche zeigen, keine Angriffsfläche bieten. Serena Williams’ schauspielerisches Talent sollte man nicht unterschätzen, schließlich hat sie schon ein paar kleine Rollen gespielt. Wenn es der Amerikanerin hingegen auf dem Tennisplatz nicht gut geht, dann ist diese Schwäche so wenig zu übersehen wie das Empire State Building, wenn man direkt davor steht. Beim äußerst mühsamen Sieg im Viertelfinale gegen die freche, kleine Julia Putinzewa wirkte sie extrem schwerfällig, nach langen Ballwechseln keuchte sie wie ein Kettenraucher, und manchmal platzte die pure Wut über den ganzen Mist aus ihr heraus. Und nicht viel besser sah es am Freitag beim Sieg im Halbfinale gegen Niederländerin Kiki Bertens aus (7:6, 6:4). Fast eine Stunde lang lethargisch, oft kam sie zu spät, und bisweilen versuchte sie nicht mal, den Ball zu erreichen. Aber einen Fehler sollte man als Gegnerin in solchen Momenten nicht machen: Zu denken, die schlecht gelaunte Frau da drüben werde sich selbst aus dem Konzept bringen.

Irgendwie war es ein trostloses Szenario, fast noch grauer und frostiger als an den Tagen zuvor. Das Stadion halb leer, Williams außer Form und offenbar nicht bei bester Gesundheit, und kein Happyend für Kiki Bertens. Die Niederländerin hatte bis dahin die schönste Gesichte des Turniers geschrieben, hatte nach dem Sieg gegen Angelique Kerber zum Auftakt jeden Tag ein wenig mehr von sich und ihrem Können gezeigt. Am Ende machte ihr eine Verletzung in der linken Wade zu schaffen, aber im Gegensatz zu Williams schein das von Anfang bis Ende der Fall zu sein und nicht nur in bestimmten Phasen. Kiki Bertens, keine Frage, machte Eindruck bei diesem merkwürdigen Turnier.

Für die Frage, was mit Serena Williams los ist, ist Patrick Mouratoglou die beste Adresse. Seit vier Jahren ist der smarte Franzose an ihrer Seite, durchgehend als Coach und vorübergehend als Partner. Vermutlich hat er in diesen vier Jahren mehr gesehen und erlebt als andere in 25 Jahren Ehe. Nach dem Sieg gegen Putinzewa versuchte er die Sache so zu beschreiben: „Glauben Sie mir, auf Serenas Schultern liegt ein furchteinflößendes Gewicht. Alle erwarten, sie das ganze Jahr lang immer gewinnen zu sehen. Und wenn sie sich nicht gut fühlt, dann wiegt das Gewicht noch mehr. Manchmal hat sie auch Angst, aber es ist diese Angst, die ihr dann hilft.“
Jeder Schrei ein kleiner Akt der Befreiung; jeder Schrei eine Ansage und ein Versprechen: Wir sind hier noch nicht fertig. Im vergangenen Jahr hatte der Coach ihrer Finalgegnerin Lucie Safarova, Rob Steckley, gesagt: „Du kannst nicht immer ein nettes Mädchen sein. Du musst alles versuchen und dich auch schmutzig machen dabei, und das kann Serena einfach am besten.“ Damals hatte Williams im Halbfinale mit Timea Bacsinszky aus der Schweiz zwischendurch so ausgesehen, als stünde sie kurz vor dem Zusammenbruch, zwei Tage später im Finale gegen Safarova brüllte sie sich am Ende zum Sieg. Nach dem 20. Grand-Slam-Titel ihrer einzigartigen Karriere sah es seinerzeit so aus, als sei Williams auf dem besten Weg zu zwei besonderen Marken in der Welt des Tennis. Nummer eins der Grand Slam; die ruhmreiche Sammlung der Titel in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York innerhalb eines Kalenderjahres, zuletzt vervollständigt von Steffi Graf anno ´88. Nummer zwei auch ein Meilenstein Grafs, 22 Titel bei eben jenen Grand-Slam-Turnieren.

Nachdem sie in Wimbledon Nummer 21 gewonnen hatte und beiden Zielen einen großen Schritt näher gerückt war, folgte die eiskalte Dusche bei den US Open in New York mit der Niederlage im Halbfinale gegen Roberta Vinci aus Italien. Das Gewicht der historischen Chance lag als zusätzliche Last auf ihren Schultern. Nach der Niederlage im Finale der Australian Open zu Beginn dieses Jahres gegen Angelique Kerber ist klar, dass der Grand Slam in diesem Jahr für Serena Williams kein Thema sein kann; vielleicht nie mehr. Aber Grafs 22 sind wieder in Reichweite, möglich mit einem Sieg diesen Samstag im Finale (15 Uhr) gegen Garbiñe Muguruza. Die Spanierin präsentierte sich beim Sieg im Halbfinale gegen Sam Stosur aus Australien in starker Form (6:2, 6:4), anders als Serena Williams. Was das für das Endspiel zu bedeuten hat? Rien de rien. Nichts

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+++ Paris, 15. Update +++

Von Doris Henkel

Es wird einfach nicht heller in Paris; die grossen Regenschirme in grün und orange mit dem Zeichen für Roland Garros – RG – sind längst ausverkauft. Fürs kommende Jahr sollten sie ein mehr ins Angebot nehmen und darüber hinaus auch dringend über Gummistiefel nachdenken. Doch selbst bei schlechtem Wetter stimmt der Umsatz, denn was soll man sonst machen, wenn mal wieder nicht gespielt werden kann? Die Anlage verlassen und nett essen gehen in einem der unzähligen Restaurants nahe der Porte d’Auteuil? Nicht erlaubt. Wer rausgeht, der darf nicht wieder rein.

Vielleicht wird über den Regenschirm-Verkauf ja auch die unvermeidliche Erhöhung des Preisgeldes finanziert. Der Scheck für den Sieger und die Siegerin in diesem Jahr ist mit jeweils zwei Millionen Euro exakt doppelt so üppig dotiert wie der für den Sieger von 2008, fast viermal so groß wie jener vor 20 Jahren für den Russen Jewgeni Kafelnokow (der im übrigen ein sehr offen zur Schau gestelltes Faible für Geld hatte) und annähernd zehnmal so hoch wie der vor 30 Jahren für Ivan Lendl. Die Steigerungsrate gegenüber dem Vorjahr liegt zwischen elf Prozent für den Finalisten und 20 Prozent für die Spieler der zweiten und dritten Runde.

Prinzipiell verdienen die Spieler aus den hinteren Reihen nun also endlich mehr – und das ist nicht ironisch gemeint -, ein extrem dicker Batzen landet aber weltweit immer beim Sieger, in letzter Zeit vor allem bei einem. Mit dem Preisgeld für seinen Erfolg in der vierten Runde der French Open übertraf Novak Djokovic in dieser Woche als erster Tennisspieler die 100-Millionen-Dollar-Grenze. Er hängte den diesmal in Paris fehlenden Kollegen Roger Federer ab (rund 98 Millionen), der Abstand zu Rafael Nadal auf Platz drei (rund 78) ist schon relativ groß. Hundert Millionen Dollar, was soll Björn Borg davon halten? Der Schwede nahm in seiner gesamten Karriere nur 3,6 Millionen ein und steht damit in der Rangliste auf Platz 183.

Alles relativ? Das kann man so sagen. Djokovic redet nicht gern über Geld, und die Spieler der Weltranglistenplätze jenseits der ersten hundert müssen sich derweil überlegen, ob sie jetzt Geld in einen guten Trainer oder einen Physiotherapeuten investieren oder lieber am Ende ihrer Profikarriere mit einer kleinen Rücklage in die nächste Phase ihres Lebens starten. Halbwegs beschirmt, gewissermaßen.

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+++ Paris, 14. Update +++

Von Doris Henkel

Es sah so aus, als sei Kiki Bertens ohne Umweg von Court 1 in den großen Interviewraum gerannt. Verschwitzt saß sie da, ein Roland-Garros-Handtuch um die Schultern gelegt, verschwitzt und glücklich. Und vielleicht redete sie auch deshalb so schnell, weil sie es wirklich eilig hatte; es blieb nicht viel Zeit nach ihrem Sieg im Einzel gegen Madison Keys (7:6, 6:3) und vor dem Beginn ihres Doppels mit der Schwedin Johanna Larsson. Der Plan für die Zeit dazwischen? Essen, kurze Massage, vorbereiten, weitermachen.

Die Geschichte der 24 Jahren alten Niederländerin hat gewaltig Fahrt aufgenommen in letzter Zeit. Unmittelbar vor dem Beginn der French Open hatte sie beim Nürnberger Versicherungscup sowohl im Einzel als auch im Doppel den Titel gewonnen, der Erfolg am Mittwoch in Paris war Nummer elf im Einzel in wenig mehr als zwei Wochen. Und diese Serie wird sich in der kommenden Woche in der neuen Weltrangliste widerspiegeln: Vor dem Turnier in Nürnberg stand Bertens auf Platz 89, vor Beginn der French Open auf Platz 58, inzwischen ist sie auf 33 angekommen, eine Position hinter Andrea Petkovic.

Paris scheint im Leben von Kiki Bertens ohnehin eine ganz spezielle Rolle zu spielen, und in dieser Verbindung war es eine Zeitlang um wichtigere Dinge als Siege und Niederlagen gegangen. Vor zwei Jahren war sie nach einer Untersuchung in den USA mit der Diagnose nach Paris gekommen, in ihrer Schilddrüse sei ein bösartiger Tumor festgestellt worden. Erschüttert von dieser Diagnose und mit reichlich Übergewicht – sie hatte sich zum Trainieren oft zu schwach gefühlt – landete sie dennoch im Achtelfinale.

Fast ein Jahr lang schleppte sie die lebensbedrohende Diagnose mit sich herum und versuchte es mit einer alternativen Behandlungsform, die in den Niederlanden nicht, in den USA dagegen zugelassen war. In all der Zeit spielte sie weiter. Erst kurz vor der Abreise zu den French Open im vergangenen Jahr erfuhr sie dann, dass es sich nicht um einen bösartigen, sondern um einen gutartigen Tumor handelte. Nach einer Niederlage in ersten Runde im Stade Roland Garros sprach sie zum ersten Mal öffentlich über die schreckliche Zeit, begleitet von einem Sturzbach von Tränen. Sie hatte immer noch mehr als zehn Kilo Übergewicht und war weit davon entfernt, auf hohem Niveau konkurrenzfähig zu sein, aber zumindest war sie schreckliche Angst los.

Im Oktober verpflichtete sie den früheren Profi Raemon Sluiter als Coach, nach der Saison arbeitete sie mit einem Fitness-Fachmann auf eine intensive Art zusammen, die in den Jahren zuvor wegen ihrer Krankheit nie möglich gewesen war. Und jetzt sieht man, was Kiki Bertens zu bieten hat. Angefangen beim Sieg in der ersten Runde gegen Angelique Kerber, über eine Kraftanstrengung von fast drei Stunden in Runde drei, als sie sich mit Krämpfen kaum noch auf den Beinen halten konnte, über den Erfolg im Doppel mit ihrer schwedischen Partnerin gegen die Williams-Schwestern. Immer weiter, immer besser. Im Spiel gegen Madison Keys am Mittwoch zeigte Bertens wieder, was die Qualität ihres Spiels ausmacht: Schnelle Beine, stabiler Aufschlag, eine mächtige Vorhand.

Ein spitzer Schrei stand am Ende eines konzentrierten, eindrucksvollen Auftritts, und keine zwei Stunden später stand sie im Doppel mit Johanna Larsson wieder auf dem Platz. In den Niederlanden wächst das Interesse mit jedem Sieg ein bisschen mehr. Und vielleicht geht die Geschichte des unerwarteten Erfolges in Oranje so weiter wie die des langen Martin Verkerk anno 2003, der vor Beginn der French Open nicht zu den besten 50 der Welt gehört hatte und am Ende im Finale gelandet war.

Fortsetzung folgt diesen Donnerstag im Viertelfinale gegen die Halbfinalistin des vergangenen Jahres, Timea Bacsinszky aus der Schweiz. Serena Williams wird gegen die kleine, energische Julia Putinzewa spielen, die in der zweiten Runde Andrea Petkovic besiegt hatte. So steht es zumindest auf dem Plan; aber es gibt begründete Zweifel, ob der Regen nach einem Tag Pause nicht doch zurückkehren wird.

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+++ Paris, 13. Update +++

Von Doris Henkel

Viel hässlicher kann so ein Frühlingstag in der französischen Hauptstadt nicht sein; 14 Grad, Wind und Regen, mal heftig und konstant, dann an eine tröpfelnde Dusche erinnernd. Als der zehnte Tag der French Open begann war abzusehen, dass es wieder Probleme geben würde beim Tennis im Stade Roland Garros, die einzige Unsicherheit in dieser Einschätzung bezog sich auf die Größenordnung. Punkt zwölf, es nieselte noch, stiegen Roberto Bautista Agut und Novak Djokovic zum ersten Mal die Treppe aus dem Untergeschoss zum Court Central hoch; auf der Rängen der knapp 15.000 Zuschauer fassenden Arena saßen ein paar hundert verdrossen blickende Menschen unter Regenschirmen.

Im ersten Versuch langte es für einen Satz, den der Serbe verlor; im zweiten vor etwas größerer Kulisse für anderthalb, und als das Spiel dann wieder abgebrochen wurde, führte Djokovic 3:6, 6:4, 4:1. Nur selten war es richtig trocken; es gibt Spieler, die mit Umständen umgehen können oder wollen, und andere, die dazu nicht in der Lage sind. Dazu gehörten Agnieszka Radwanska und Simona Halep, die sich aber nicht deshalb beschwerten, weil sie verloren hatten. Radwanska schimpfte: „Ich bin überrascht und sauer, dass wir im Regen spielen müssen. Das ist ja hier kein 10.000er, sondern ein Grand-Slam-Turnier“. Und Halep meinte: „Mir fehlen die Worte. Es war unmöglich zu spielen. Aber das Problem ist natürlich für alle gleich.“
Am Abend zuvor hatte Turnierdirektor Guy Forget gesagt, für alle in Frankreich, die immer noch zweifelten, ob es ohne die Erweiterung der Anlage und die Modernisierung des Stadions inklusive des Daches wirklich nicht gehe, müsse die Sache nun endgültig klar sein. „Das ist einfach eine Notwendigkeit. So, wie wir jetzt sind, können wir nicht mehr lange bleiben.“ Zu einem Krisenszenario für diese Woche wollte er sich noch nicht hinreißen lassen, auch nicht zu Überlegungen, wann der Zeitpunkt gekommen sei, das Finale der Männer auf Montag zu verschieben.

Vielleicht könnte jetzt einfach ein bisschen Optimismus nicht schaden. Oder ein Blick in die Bücher eines anderen, nicht ganz unbekannten Turniers, das jede Menge Erfahrung mit durchnässten Spielplänen hat. Seit 2009 wird in Wimbledon mit einem Dach über dem Centre Court gespielt, aber davor musste das Turnier diverse Krisenjahre überstehen, zuletzt 2007. Novak Djokovic erinnert sich vermutlich noch gut an seine Partie der dritten Runde gegen Nicolas Kiefer, die seinerzeit an einem Samstag begann und mit mehreren Unterbrechungen bis Mittwoch dauerte. Im Nachhinein betrachtet ist es ohnehin bemerkenswert, wie sie es in Wimbledon immer wieder geschafft haben, trotz schlechtesten Wetters pünktlich fertig zu werden.

Vielleicht, aber das ist nur eine Idee, sind sie auf der Insel in Krisenzeiten einfach ein bisschen besser organisiert als in Paris. Keine Frage, dass für die potentiellen Finalisten in den nächsten Tagen eine Menge Arbeit auf dem Programm steht und dass die bei Grand-Slam-Turnieren gewohnten freien Tage zwischen den Spielen am Ende womöglich gestrichen werden müssen.

Was man tun kann, um die Tage im Pariser Regen in guter Laune zu überstehen? Da hat jeder ein eigenes Programm, aber eine sehr französische Form wählte einer der besten jungen Spieler der Tour, der 18 Jahre alte Taylor Fritz. Der Amerikaner hatte zwar in der ersten Runde des Turniers verloren, war aber in der Stadt geblieben, weil er Dienstagabend im Rahmen einer traditionellen Veranstaltung des Internationalen Tennisverbandes (ITF) als bester Juniorenspieler des Jahres 2015 geehrt werden sollte. Am Abend zuvor machte er trotz des Regens mit seiner gleichaltrigen Freundin Raquel Pedraza einen Spaziergang an der Seine und fragte sie auf den Champs de Mars mit Blick auf den Eiffelturm, ob sie seine Frau werden wolle. Nun könnte man dazu sagen, dass die beiden noch ein wenig jung zum Heiraten sind, aber Fritz teilte der Welt in einer Botschaft auf Twitter mit: „Manchmal, wenn du was weißt, dann weißt du es einfach.“ Das mag für romantische Anträge gelten, aber nicht für Voraussagen über den weiteren Verlauf des Turniers.

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+++ Paris, 12. Update +++

Von Doris Henkel

Der Coach mit dem graumelierten Bart trug eine schwarzrote Kapuzenjacke, und er rutschte angespannt auf seinem Sitz hin und her. Früher, als Spieler, hatte Sergi Bruguera seine Arbeit mit stoischem Gesichtsausdruck erledigt, diesmal fletschte er am Ende die Zähne genauso wie sein Mann im Moment des Sieges unten auf dem Court Central. Wie Brüder im Geiste und in der Emotion erlebten der Spanier und Richard Gasquet einen der besten Tage der Karriere des Franzosen. Einen Tag, der viele fragen lässt: Ist er jetzt endlich so weit? Enfin?

Ein Dutzend Mal hatte Gasquet zuvor vergeblich versucht, im Viertelfinale der French Open zu landen, in jedem Jahr aufs Neue seit 2002. Bei den anderen Grand-Slam-Turnieren hatte er sich nicht so schwer getan; in Wimbledon (2007 und 2015) und bei den US Open (2013) stehen Halbfinals zu Buche. Aber gerade in Paris, wo jeder Erfolg eines französischen Spielers doppelt zählt, schien ihn die Last der Erwartungen nieder zu drücken. Der Court Central ist ein riesiger Tennisplatz, größer als andere, und man kann sich da ziemlich verloren fühlen, wenn es nicht gut läuft.

Zur Begegnung mit Kei Nishikori aus Japan hatte die Sportzeitung L’Équipe mit einem kleinen, bösen Unterton geschrieben, auf diesem Platz sei Gasquet eher bekannt für seine Niederlagen als für seine Siege. Im letzten Absatz der Geschichte ging es um dessen Aussage, eines Tages werde er in diesem Stadion ein tolles Turnier spielen, das sei einfach Pflicht. Aber die Geschichte endete mit den Worten: Eines Tages, vielleicht.

Im Laufe der Jahre ist eine Menge Skepsis zusammengekommen. Viele halten Gasquet vor, seine Karriere habe nach einem frühen Hauch von Genialität nicht zu großen Titeln geführt, schon gar nicht in Paris. Und er weiß das gut genug. Als er im vergangenen Jahr in Wimbledon das Halbfinale erreichte und mit der Frage konfrontiert wurde, ob er nun ein ganz anderer, ein stärkerer Spieler sei, da winkte er ab und meinte mit Anflug von Galgenhumor: „Das höre ich jedes Mal, wenn ich ein Spiel gewinne. Dann verliere ich, und wir sind wieder bei der alten Sch…“.
Fest steht, dass die Zusammenarbeit mit Bruguera bestens funktioniert. Seit zweieinhalb Jahren gehört der Spanier, der in Paris zweimal den Titel gewonnen hatte, zum Trainerteam des Franzosen, damit hat der neben Landsmann Sébastien Grosjean zwei ehemals erfolgreiche Spieler an seiner Seite. Dasselbe, was Novak Djokovic über Boris Becker oder Stan Wawrinka über Magnus Norman sagt – mit einem Coach zu arbeiten, der aus eigener Erfahrung wisse, wie man sich in großen Spielen fühle, sei einfach eine perfekte Form – trifft offenbar auch auf die Verbindung des Spaniers und des 15 Jahre jüngeren Franzosen zu. „Wenn Sergi was sagt, dann kann ich wirklich fühlen, was er meint“, sagt Gasquet.

Es war Bruguera, der ihn in der Regenpause der Partie gegen Nishikori im ersten Satz mit lauten Worten aufforderte, seine Schläge voll durchzuziehen. Diese Pause und der Appell seien extrem wichtig gewesen, gab Gasquet hinterher zu. Auf der Titelseite der L’Équipe prangte am Tag danach ein großes Foto des kämpferischen Siegers – aber keine Spur von „vielleicht“.

Und jetzt? Sicher ist, dass der Erfolg des einstigen Wunderkindes und langjährigen Zweiflers für die Franzosen zu den wenigen Lichtblicken ihres Turniers gehört. Gael Monfils hatte vor Beginn verletzt abgesagt, Jo-Wilfried Tsonga meldete sich in der dritten Runde verletzt ab; beide sind beim Pariser Publikum extrem populär. Und im Gegensatz zu Gasquet hatten beide schon den Sprung ins Halbfinale geschafft, Tsonga 2013 und 2015, Monfils 2008. Der letzte Finalist aus den Reihen der Tricolore war Henri Leconte anno ´88, weitere fünf Jahre liegt der sagenumwobene Triumph von Yannick Noah zurück.

Diese Namen und Zahlen kennt Richard Gasquet zur Genüge; sie dröhnen ihm schon lange in den Ohren. Im Viertelfinale gegen Andy Murray wird er versuchen, den nächsten Schritt auf dem verzweigten, von allerlei Zweifeln gesäumten Weg zu gehen. Wann das der Fall sein wird, ist allerdings schwer zu sagen. Am Montag wurden wegen weiterer Regenfälle in Paris sämtliche Spiele abgesagt, und wie es mit dem Rest weitergehen wird, weiß der Himmel.

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+++ Paris, 11. Update +++

Von Doris Henkel

Zum Glück sind die französischen Prognosen selten akkurat. Wären sie es, dann führe man jetzt besser für ein paar Tage an die Côte d’Azur und käme so schnell nicht zurück. Auf ein Dach über dem Court Central werden Spieler und Zuschauer im Stade Roland Garros bis mindestens 2020 warten müssen, das hatte der neue Turnierdirektor Guy Forget vor ein paar Tagen bestätigt. Die Vorbereitungen dazu laufen zwar seit zwei Jahren, aber der Gedanke daran hilft keinem, der jetzt im Regen steht.

Forget, französischer Spitzenspieler in den achtziger und neunziger Jahren und zur besten Zeit Nummer vier der Welt, leitet das Turnier in diesem Jahr zum ersten Mal, und keiner kann behaupten, das sei für ein ungetrübtes Vergnügen für den Mann.
Er hatte die Absagen von Roger Federer und Gael Monfils schon vor Beginn des Turniers zu verkraften, Rafael Nadals Rückzug vor der dritten Runde wegen einer Sehnenscheiden-Entzündung im linken Handgelenk, der Abschied vom nächsten populären Franzosen, Jo-Wilfried Tsonga, der wegen einer Adduktoren-Verletzung am Wochenende aufgab, dazu Kleinigkeiten und Zwischentöne, die so gut schmecken wie eine verbrannte Crème brûlée. Novak Djokovic meinte nach seinem Sieg in der der dritten Runde, bei dem er sich arg beeilen musste, um der Dunkelheit zuvorzukommen: „Ich hoffe wirklich, dass es hier wenigstens bald Flutlicht geben wird. Das brauchst du einfach bei einem Grand-Slam-Turnier“. Aber solche Pläne waren in der Vergangenheit diverse Male von den Anwohnern der angrenzenden Rue D’Auteuil abgeschmettert worden; es sind keine armen Menschen, die in den prächtigen Häusern gegenüber der Anlage wohnen, und die sind nicht daran interessiert, dass ihnen abends Flutlicht in den Armagnac scheint.

Wie wäre es, wenn Djokovic Turnier und Nachbarn ein paar geschmackvolle Sichtblenden spendieren würde? Am Kapital fehlt es ja nicht. Besiegt der Serbe im Achtelfinale am Montag den Spanier Roberto Bautista Agut, dann käme er mit dem Preisgeld dafür von umgerechnet knapp 327.000 US-Dollar auf ein Gesamt-Preisgeld von mehr als 100 Millionen Dollar. Und er wäre damit der erste in dieser kaum glaublichen Dimension.

Andere freuen sich in kleineren Dimensionen. Der amerikanische Tennisverband (USTA) zählte beglückt vier Spielerinnen im Achtelfinale, Serena und Venus Williams, Madison Keys und Shelby Rogers, aber der Erfolg der älteren Williams-Schwester gegen die Französin Alizé Cornet wurde auch andernorts wohlwollend registriert. Die Französin hatte bei ihrem fragwürdigen Auftritt gegen Tatjana Maria und mit einer ziemlich unverschämten Auslegung der Regeln eine Menge Leute verärgert. Aus Marias Sicht soll die Angelegenheit allerdings noch nicht erledigt sein; sie erwägt wegen Missachtung der Regeln Klage einzureichen, entweder gegen den Internationalen Tennisverband (ITF), gegen die Frauentennis-Dachorganisation WTA oder gegen das Turnier.

Die anderen Deutschen verloren auf konventionelle Weise, aber die Bilanz ähnelte am Ende dem Wetterbericht; zu viele Niederschläge. Zu Beginn Angelique Kerbers verzagter Auftritt, dann Andrea Petkovics Unsicherheit, Philipp Kohlschreibers Abflug in Runde eins. Für jedes Spiel gab es eine andere Erklärung, aber zusammen genommen ergab sich kein schönes Bild. Als Letzter verabschiedete sich Alexander Zverev, der zum dritten Mal innerhalb eines Monats zwar einen Satz gegen Dominic Thiem gewann, aber mehr nicht (7:6, 3:6, 3:6, 3:6). Zverev meinte hinterher, im Spiel habe die Sache längst nicht so klar ausgesehen, wie es das Ergebnis glauben mache, und damit lag er nicht falsch. Das Spiel der beiden Zebras auf dem Court Suzanne Lenglen – die Zebras, auch ein Thema der Woche – lockte jedenfalls eine Menge Leute an, die gehört hatten, dieses Duell werde man in Zukunft öfter auf großen Bühnen sehen, aber in gewisser Weise hat die Zukunft ja schon begonnen. Fest steht, dass die Tür zu den Top Ten für den jungen Österreicher Thiem nach dem Rückzug von Rafael Nadal noch ein Stückchen weiter offen steht; Nadal hätte sein Gegner im Achtelfinale sein können, nun wird es der ungesetzte Spanier Marcel Granollers sein.

Aber à propos ungesetzte Spanier. Am Wochenende hatte Milos Raonic aus Kanada verkündigt, zu seinem Trainerteam gehöre neben dem Spanier Carlos Moya nun auch John McEnroe. Am Tag danach sahen Moya und McEnroe unter grauem Himmel konsterniert zu, wie ihr Mann gegen den 28 Jahre alten Albert Ramos-Vinola vom Weltranglistenplatz 55 verlor. Der hatte zuvor in fünf Jahren in Paris ein einziges Spiel gewonnen, jetzt steht er im Viertelfinale. Der Anblick des jubelnden Außenseiters entschädigte zumindest einen Moment lang für Stromausfälle, nasse Füße und sonstige Misslichkeiten des Turniers.

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+++ Paris, 10. Update +++

Von Doris Henkel

Vor nicht allzu langer Zeit hätte man Andy Murray mit Spielen um die Mittagszeit keine Freude machen können; er brauchte lange, bis er morgens in Gang kam, und das sah man ihm auch an. Aber Gewohnheiten können sich ändern, vor allem dann, wenn ein kleiner Mensch dazu kommt, der alles auf den Kopf stellt. Sophia Olivia Murray, die Anfang Februar zur Welt kam, ist dieser Tage zum ersten Mal mit ihren Eltern bei einem Grand-Slam-Turnier dabei, und deshalb ist ihr Dad jetzt an Spielen um die Mittagszeit interessiert; je früher er seinen Job erledigt hat, desto größer ist seine Chance, danach ein bisschen Zeit mit seiner Kleinen verbringen zu können.

Murray wohnt nicht mehr wie früher während der French Open im Hotel, sondern hat für sich und seine Familie ein Haus gemietet, für mehr Platz und größere Freiheit.
Außerhalb des Hauses erlebte der Schotte in der ersten Woche des Turniers nicht die pure Idylle; in der ersten Runde hatte er alle Hände voll zu tun, um die unberechenbaren Attacken des 37 Jahre alten Tschechen Radek Stepanek abzuwehren, und wegen des schlechten Wetters zu Beginn der Woche war er damit an zwei Tagen beschäftigt. In der zweiten Runde gönnte er sich wieder fünf Sätze, diesmal gegen einen Franzosen vom Weltranglistenplatz 165, Mathias Bourgue. Der junge Mann aus Avignon überraschte nicht nur während der Ballwechsel, sondern auch beim Seitenwechsel, als er bat, man möge ihm ein Mars und eine Cola bringen. Murray sah während der dreieinhalb Stunden mit Bourgue auch manchmal so aus, als könne er ein Weckgetränk brauchen, hinterher gab er zu, viele Matches dieser Art könne er sich nicht mehr leisten.

Offenbar hatte ihm der Wirbel um ein Interview der französischen Sportzeitung L’Équipe mit Amélie Mauresmo zugesetzt. Anfang Mai hatten Mauresmo und Murray beschlossen, die gemeinsame Arbeit nicht fortzusetzen, ohne explizit Gründe dafür zu nennen. Im Interview, das vor Beginn des Turniers erschien, sagte die Französin, Murray sei ein komplexer Typ, dessen Benehmen auf dem Platz manchmal das Gegenteil seiner Art außerhalb des Platzes sei. „So was kann verwirrend sein“, erklärte sie. „Ich war da, um ihm zu helfen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich die Dinge nicht mehr vorantreiben konnte.“

In der Tat hat der nachdenkliche, ehrliche und manchmal zu schrägem Humor neigende Privatmann Andy Murray wenig Ähnlichkeit mit dem wütenden, fluchenden Spieler, der er oft ist, wenn es nicht läuft. Zu Beginn der Woche veröffentlichte L’Équipe dann ein Interview mit Murray, das so aussah, als reagiere er auf die Vorwürfe seiner ehemaligen Trainerin. Manchmal, so sagte er darin, sei es ihm selbst unangenehm, wenn er sich nach einem Spiel in einer Aufzeichnung sehe; aber man müsse einfach verstehen, was Spieler während eines Matches zu verkraften hätten. Wie sich herausstellte, war das Interview aber vor der Veröffentlichung des Mauresmo-Gesprächs geführt worden, die Reihenfolge stimmte also nicht, und es war keineswegs so, dass Murray damit indirekt zugab, Mauresmo habe sich wegen seines Gebrülls von ihm getrennt. Nach dem Sieg gegen Stepanek sagte er, es stimme einfach nicht, dass atmosphärische Störungen der Grund für die Trennung gewesen sei. „Wir haben nach wie vor eine gute Beziehung, und ich denke nicht, dass es fair ist, was anderes zu behaupten.“

Danach legte sich der Sturm. Es gab noch eine, in diesem Kontext etwas merkwürdig anmutende Szene, als Murray nach seinem Sieg gegen Bourgue im Studio des französischen Fernsehens saß und Mauresmo über Kopfhörer zugeschaltet wurde. Er selbst fand an der Konstellation allerdings nichts Ungewöhnliches. „Das war so, als habe sie mit einem Freund über Tennis geredet“, sagte er hinterher, und der Rest hatte dann wieder mehr mit ganz normalen Diskussionen über Vorhand, Aufschlag, Motivation und taktische Pläne zu tun.

Murrays setzte seine Hoffnung, die nächste Aufgabe schneller und überzeugender zu erledigen als die beiden Spiele zu Beginn, mit einem unaufgeregten Sieg in drei Sätzen gegen den Kroaten Ivo Karlovic um. Und gegen John Isner aus den USA, der am Sonntag im Achtelfinale mit mächtigen Aufschlägen dort weitermachen wird, wo Karlovic aufgehört hatte, ist der Schotte auch klarer Favorit. Gewinnt er auch dieses Spiel, dann wird es vielleicht so sein, als habe es das Durcheinander der ersten Woche nicht gegeben. Zurück in die Normalität und zurück zu den Prognosen, wonach es um seine Chancen auf das erste Finale in Paris nicht allzu schlecht steht.

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+++ Paris, 9. Update +++

Von Doris Henkel

Es war kurz nach halb fünf am Freitagnachmittag, als im Pressezentrum der French Open die Durchsage ertönte, Rafael Nadal werde um 16.45 Uhr im Interviewraum erscheinen. Das Spiel des Spaniers in der dritten Runde gegen seinen Landsmann Marcel Granuläres hätte erst an diesem Samstag stattfinden sollen, es war also augenblicklich klar, dass die Ankündigung nichts Gutes zu bedeuten hatte. Nadal erschien pünktlich, sein linkes Handgelenk steckte in einer blauen Manschette, und leerem Blick nahm er Platz.

Seit ein paar Wochen, so begann er seine Erklärung, habe er ein Problem mit dem Handgelenk, er sei schon mit Schmerzen in Paris angekommen, doch am Anfang habe er gedacht, dass er die Sache trotzdem irgendwie hinkriegen würde. Er sei jeden Tag mehrere Stunden lang behandelt worden, das Spiel der zweiten Runde am Donnerstag habe er nur dank einer schmerzstillenden Spritze überstanden, aber jetzt gehe es nicht mehr. Rückzug, Ende, adieu Paris.

Es handelt sich bei der Verletzung um eine Sehnenscheiden-Entzündung, und man kann sich in etwa vorstellen, wie es sein muss, mit einer solchen Verletzung Tennis zu spielen. Vielleicht hätte er versucht, dennoch weiter zu spielen, schließlich hat er im Laufe seiner Karriere gelernt, mich Schmerzen umzugehen. Aber die Ärzte warnten ihn, bei weiterer Belastung könne die Sehne reißen, und auf diese Warnung habe er einfach hören müssen.

Es ist offensichtlich, was dieser Rückzug bedeutet. In den vergangenen Monaten hatte es so ausgesehen, als sei Nadal wieder deutlich stärker als vor einem Jahr, als könne er sogar die Chance haben, in Paris seinen zehnten Titel zu gewinnen. Der letzte der neun zuvor stammt aus dem Jahr 2014, im vergangenen Jahr hatte er im Viertelfinale gegen Novak Djokovic verloren.

Wegen seiner ganz speziellen Beziehung zu diesem Turnier fällt es Nadal extrem schwer, Roland Garros nun durch den Notausgang zu verlassen. Aber er hegt die Hoffnung, dass es mit der Heilung nicht allzu lange dauern wird. „Es ist keine Verletzung wie damals mit meinem Knie, als wir keine Lösung gefunden haben. Diesmal haben wir eine Diagnose. Wir wissen, wie man das behandeln kann. Und wir haben eine Vorstellung, wie lange das dauern kann. Aber natürlich ist Medizin keine Mathematik.“

Er macht sich Hoffnungen, in vier Wochen in Wimbledon wieder dabei zu sein und auch bei den Olympischen Spielen im August in Rio. Er sagte noch: „Ich weiß, es gibt Schlimmeres als das, und es ist nicht das Ende der Welt.“ Aber ein Blick in sein Gesicht zeigte, dass ihm der Abschied von seinem Lieblingsturnier schwer zu schaffen machte; nach dem Ende des englischen Teils der Pressekonferenz und vor dem Beginn des spanischen trocknete er mit den Händen die Spuren von Tränen. Wie immer verabschiedete er sich formvollendet von den Damen, die jedes Wort der Pressekonferenzen in einen kleinen, geheimnisvollen Kasten tippen, mit Wangenküssen; auch wegen solcher Gesten ist Nadal eben kein Spieler wie jeder andere.

Und kaum war er durch die Tür verschwunden, kam der Turnierdirektor herein, Guy Forget. Der ehemalige französische Spitzenspieler leitet die French Open in diesem Jahr zum ersten Mal, und man kann nicht sagen, dass ihm die Sache leicht gemacht wird. Kurz vor dem Beginn hatte er den Rückzug von Roger Federer verkünden müssen, eine Woche danach musste er nun den nächsten Schlag beschreiben, den Abschied von Rafael Nadal. Auch bei Forget sah es so aus, als schimmere es feucht in den Augen.

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+++ Paris, 8. Update +++

Von Doris Henkel

Zu den vielen Dingen, die Amerikaner im Sport pflegen, gehört der Begriff rivalry. Das lässt sich im Deutschen mit Rivalität nur unzureichend übersetzen. Es geht eher um die Beschreibung eines speziellen Duells über viele Jahre; mit dem Wort Klassiker  kommt man der Sache wohl am nächsten. Und wenn nicht alle Anzeichen täuschen, dann stehen der beste Tennisspieler Österreichs und der beste junge Spieler aus Deutschland am Anfang einer Geschichte, die irgendwann zum Klassiker werden könnte. Zum dritten Mal innerhalb eines Monats werden Dominic Thiem und der Hamburger Alexander Zverev am Samstag gegeneinander spielen.

Thiem ist mit 22 Siegen der erfolgreichste Sandplatzspieler bisher in diesem Jahr, er steht in der Weltrangliste auf Platz 15, und mit einem weiteren Sieg könnte er in der Nähe der Top Ten landen. Zverev könnte nach den ersten beiden Siegen seiner Karriere im Hauptfeld der French Open nach dem Ende derselben zu den besten 40 der Welt gehören. Thiem gewann die ersten beiden Spiele, Ende April bei den BMW Open in München und in der vergangenen Woche im Finale des Turniers in Nizza.

In beiden Fällen deutet die Tendenz steil nach oben, aber wie viel Vertrauen verdient eine Tendenz? Was hat ein guter Anfang zu bedeuten? Es sind Hinweise, mehr nicht. Vor zwei Jahren sah es so aus, als melde der Bulgare Grigor Dimitrov Ansprüche als Herausforderer des Quartetts an der Spitze an, der wegen seiner Spielweise oft mit Roger Federer verglichen wurde. Es sah so aus, als habe er dank der Hilfe des australischen Coaches Roger Rasheed, eines Freundes harter, körperlicher Grundlagenarbeit, eine vielversprechende Ebene erreicht; in der Weltrangliste stand er im Sommer vor zwei Jahren auf Platz 8. Rasheed gehört nun schon seit einer Weile nicht mehr zu seinem Team, auch seine Beziehung mit Maria Scharapowa zerbrach, und mittlerweile zählt Dimitrov nicht mehr zu den besten 30 der Welt. Nach einer Niederlage in der ersten Runde in dieser Woche klagte er, er habe völlig das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren.

Es lauern viele Gefahren am Wegesrand, und eine Karriere ohne Krisen gibt es nicht. Sascha Zverev meinte vor der dritten Begegnung innerhalb weniger Wochen mit seinem Freund aus Niederösterreich, es komme nicht darauf an, wie erwachsen man, sondern wie gut man sei. Stimmt nicht ganz; das eine hat mit dem anderen bisweilen schon was zu tun.

Manchmal entwickeln sich die Dinge ganz anders als erwartet. In der zweiten Runde der French Open 1989 spielten zwei amerikanische Teenager gegeneinander, der 17 Jahre alte Michael Chang und der ein paar Monate ältere Pete Sampras. Chang galt in den USA als großes Talent, und in Paris ließ er keine Zweifel an der Reihenfolge; er gewann 6:1, 6:1, 6:1. Ein paar Tage danach besiegte er in einem der spektakulärsten Auftritte der Tennisgeschichte mit List und Tücke den großen Lendl, und am letzten Tag des Turniers hielt der so unscheinbar wirkende Chang den Pokal im Arm.

Am Ende der parallel verlaufenden Karrieren der beiden Amerikaner herrschten klare Verhältnisse. Sampras verabschiedete sich 2003 mit 14 Grand-Slam-Titeln, darunter sieben aus Wimbledon und keinen aus Paris. Chang, der im selben Jahr sein letztes Spiel machte, beendete die Karriere mit einem Grand-Slam-Titel, jenem einen aus Paris und mit zwölf Niederlagen in insgesamt 20 Begegnungen mit Sampras. Die Quintessenz der Geschichte? Was am Anfang passiert, hat keinerlei Aussagekraft darüber, wie die Sache weitergehen könnte.

Thiem ist gut drei Jahre älter als Zverev, er ist seinem deutschen Freund in Sachen Erfahrung ein Stück voraus, und er hat die ersten Untiefen seiner Karriere schon hinter sich. Bei Zverev sieht es im Moment so aus, als gäbe es keine Hindernisse, aber es wäre ein großer Fehler, das wirklich zu glauben. Nur eines steht fest – selbst nach dem dritten gemeinsamen Spiel innerhalb eines Monats werden sich die beiden schwertun, Werte aus der alten Zeit zu übertreffen. Die Australier Rod Laver und Ken Rosewall brachten es zwischen 1973 und 1976 auf 142 gemeinsame Spiele. Es gibt für die Jungen von heute also noch reichlich zu tun

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+++ Paris, 7. Update +++

Von Doris Henkel

Ein paar Stunden nach ihrem Spiel trug sie ein weißes T-Shirt mit dem französischen Aufdruck J’adore tennis (ich liebe Tennis). Mit der Beziehung selbst ist noch alles in Ordnung, aber wie das mit Beziehungen so ist – an manchen Tagen hat man dennoch das Gefühl, immer das Falsche zu tun. „Ich weiß, dass ich normalerweise die Mittel habe, sie zu schlagen,“ sagte Andrea Petkovic nach ihrer Niederlage in der zweiten Runde der French Open gegen Julia Putinzewa (2:6, 2:6), „aber heute war ich nicht gut genug. Das war zu wenig und viel zu spät.“

Stimmt schon, Julia Putinzewa, geboren in Moskau, aber seit vier Jahren für Kasachstan unterwegs, ist eine unangenehme Gegnerin. Sie ist mit 1,63 eine der kleinsten Spielerinnen des Frauentennis, aber keiner kann behaupten, sie sei nicht in der Lage, auf sich aufmerksam zu machen. Kampfgeist für zwei ist im Angebot, dazu eine Stimme, die durch Mark und Bein geht, wahlweise russische oder englische Variationen, und immer scheint sie bereit zu sein für eine Diskussion mit der Frau oder dem Mann auf dem Schiedsrichterstuhl. Sie wirkt zwar sie nicht mehr ganz so ungestüm wie früher, aber es ist reichlich Temperament übrig geblieben. Oder in einem Satz von Andrea Petkovic zusammen gefasst: „Sie ist eine verrückte Nudel.“

Eine verrückte Nudel mit einem recht genauen Plan. Putinzewas Mixtur aus Slice und Topspin, aus Tempowechseln, frechen Stopps in Kombination mit einem anschließenden Passierball, wenn der Gegner schlecht am Netz postiert ist – das alles funktioniert am besten auf Sand. Wovon Andrea Petkovic schon länger spricht, irgendwann mit mehr Variationen zu spielen, das führte die grimmige, kleine Person auf der anderen Seite eindrucksvoll vor. Julia Putinzewa zog schnell auf 4:1 davon, und als sie den ersten Satz mit 6:2 in der Tasche hatte war klar, dass die Aufgabe für Petkovic noch schwieriger werden würde. Sie versuchte sich zu wehren, und man kann ihr nicht vorwerfen, sie habe nicht genug gekämpft. Sie selbst meinte hinterher, ihre Beinarbeit sei einfach nicht gut genug gewesen, sie sei oft zu spät am Ball gewesen, aber warum das so gewesen war wusste sie nicht. Manchmal wirkte sie einfach auch nicht konsequent in ihren Entscheidungen. Und vor allem, wenn sie gezwungen wurde, nach kurzen Bällen der Gegnerin den Platz an der Grundlinie zu verlassen, dann blieb sie auf dem Weg zum Netz viel zu oft im so genannten Niemandsland stehen; leicht auszuspielen, rechts oder links.

Im zweien Satz stapfte Putinzewa weiter entschlossen Richtung Sieg, Petkovic blieb bei ihrem System, und es wurde immer deutlicher, dass sie damit scheitern würde. Drei Matchbälle wehrte sie ab und versuchte, sich noch mal anzufeuern. Beim vierten wurde sie wieder auf die bewährte Methode ausgespielt – nach vorn gelockt und konsequent passiert.

Nach der Niederlage von Angelique Kerber hatte Andrea Petkovic gesagt: „Das kann passieren. Die Mädels spielen inzwischen einfach alle zu gut; das ist nicht mehr so wie früher, als die Guten in den ersten vier Runden eins und null gewonnen haben.“ Stimmt, aber dennoch läuft die Sache bei ihr seit Wochen nicht rund. Drei Siege seit Anfang März, das ist nicht viel. Wobei einer, der hart erkämpfte Erfolg beim Fed Cup in Rumänien gegen Monica Niculescu einerseits extrem wichtig war, weil sie damit de entscheidenden dritten Punkt zum Sieg der Mannschaft machte. Andererseits, so sieht es jetzt aus, zog dieses Spiel in Cluj aber auch eine Menge Kraft aus ihrem System.

Coach Jan de Witt, mit dem sie seit Ende vergangenen Jahres zusammenarbeitet, hatte
im Januar in Australien gesagt: „Sie ist so ein Typ, der immer das Maximale will, und das ist im Tennis nicht besonders gesund. Es führt dazu, dass man mehr Stress hat, als man braucht, weil das meist nicht zu erreichen ist. Aber das Optimale machen und nicht das Maximale wollen – da hab ich das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Donnerstag in Paris, als die Sonne nach anderthalb halbwegs schönen Tagen wieder hinter den Wolken verschwand, kamen jedenfalls mehr Fragen als Lösungen dazu.

Petkovic selbst hatte vor dem Spiel die Frage nach ihrer bisherigen Bilanz in diesem Jahr so beantwortet: „Auf der positiven Seite steht: Ich fühle mich als bessere Spielerin; ich hab’ mehr Mittel, beweg’ mich besser, bin fitter und erwarte mehr von mir. Negativ ist: Ich hatte nicht die Ergebnisse. Aber ich kann nicht mehr tun, außer jeden Tag weiter zu machen.“ Und so sehr es von außen so aussehen mag, als sei in letzter Zeit kein Fortschritt zu erkennen, so sehr bleibt sie bei ihrer Einschätzung, tendenziell das Richtige zu tun. Keine Panik, weitermachen. Sie habe, sagt Andrea Petkovic, in ihrer Karriere härtere Phasen durchstehen müssen als eine Folge schlechter Ergebnisse. „Ich werde es versuchen, bis ich das wieder gedreht hab.“ In einer guten Beziehung geht ja auch nichts ohne Geduld.

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+++ Paris, 6. Update +++

Von Doris Henkel

Es war spät, Mona Barthel hatte in der Kälte des Abends vor nicht mehr als drei Dutzend Zuschauern verloren, aber sie sah trotzdem wie eine fröhliche, glückliche Siegerin aus. Und genau das ist sie auch. Vor zwei Monaten hatte sie voller Angst mit dem Gedanken gerungen, ob sie jemals wieder ein normales Leben würde führen können. Ein Leben mit erschöpfenden, schweißtreibenden Trainingseinheiten, mit dem Adrenalin der Spiele bei großen Turnieren, mit Matchbällen und intensiven Momenten. Das war die Zeit, in der sie keine fünf Meter laufen konnte, in der sie ohne die Hilfe ihrer Eltern aufgeschmissen gewesen wäre und in der sie verzweifelt nach dem Feind suchte, der die Systeme ihres Körpers auf Null gestellt hatte.

Die Antwort darauf kennt sie immer noch nicht. Nach unzähligen Stunden in den Wartezimmern diverser Ärzte, nach Untersuchungen, Diagnosen, Vermutungen und furchteinflößend klingenden Therapie-Vorschlägen, ist sie so schlau wie zuvor. Fest steht nur eines: Dass es ihr im Januar schon vor dem Flug nach Neuseeland und Australien schlecht gegangen war, dass es nach der Rückkehr immer schlechter wurde und sie zwei Monate lang panische Angst hatte, nicht wieder auf die Beine zu kommen. „Ich hatte keine speziellen Schmerzen“, sagt Mona Barthel, „aber es war einfach extrem. Ich hatte unglaublich hohen Blutdruck, hohe Herzfrequenz – normalerweise hab ich immer sehr tiefen -, und ich hab’ wirklich alles durchchecken lassen. Wir hatten die schlimmsten Krankheiten im Verdacht, Krankheiten, von denen ich noch nie was gehört hatte. Das waren zwei Monate absolute Hölle, ich weiß nicht, wie man das sonst nennen kann.“

Die vergebliche Suche nach der Ursache ihrer Probleme war so schlimm wie die Probleme selbst. Sie fühlte sich hilflos. Ausgeliefert.

Ungefähr vor einem Monat ging es ihr dann allmählich ein wenig besser. Nachdem sie zuvor kaum zehn Schritte geschafft hatte, dauerten die ersten Spaziergänge fünf Minuten, bei der Rückkehr auf den Tennisplatz reichte ihre Kraft für eine Viertelstunde. Und als es besser wurde entschied sie sich, keine weiteren Untersuchungen über sich ergehen zu lassen. Immer wieder auf Ergebnisse zu warten sei eine harte Erfahrung gewesen, aber in gewisser Weise lerne man in solchen Momenten eine Menge über sich selbst. „Die Erfahrung hat mich sicher verändert. Wenn man sich als Sportler immer auf seinen Körper verlassen kann und das wird einem weggenommen, dann fühlt man sich echt hilflos. Jetzt bin ich immer noch nicht da, wo ich gern sein würde und wo ich war, aber ich bin froh oder dankbar, wie gut ich mich wieder fühle.“

Im Training klappt vieles schon ganz gut, im Spiel dagegen, das merkte sie an diesem kühlen Abend in Paris, fehlt noch die Sicherheit, das Gefühl für viele Situationen und natürlich die Kraft. Sie ist ja froh, nach der langen Zeit im Liegen überhaupt noch ein paar Muskeln zu haben. Vielleicht, meint Mona Barthel, wäre es schlauer gewesen, noch ein paar Wochen mit der Rückkehr zu warten, aber sie sollte unbedingt wieder zurück ins Spiel. Raus aus dem Haus und aus den Grenzen eines reduzierten Lebens. Und zurück in den Kreis der fünfzig besten Tennisspielerinnen der Welt.

Die Niederlage in drei Sätzen gegen Irina Falconi aus den USA – geschenkt. In manchen Momenten erinnerten die schönen, scheinbar mühelosen Schläge an die Zeit vor der Krankheit, und angesichts der Spielpause von vier Monaten kann man sagen, das sei ein geglückter Versuch gewesen. Und wie geht es weiter? Am liebsten würde sie bei jedem Turnier spielen, um so schnell wie möglich wieder in Tritt zu kommen. Aber sie weiß mehr denn je, wie wichtig es ist, auf die Signale des Körpers zu achten und ihn nicht zu überfordern.

Sie wird einen neuen Trainer suchen müssen; der bisherige hatte in der Zeit ihrer Krankheit ein anderes Angebot angenommen, aber sie sagt, das habe sie gut verstanden. Und wie ist das, nimmt die Dinge jetzt mit größerer Freude wahr? „Auf jeden Fall. Ich wünschte, ich könnte es noch mehr genießen, aber im Hinterkopf ist immer noch bisschen Angst, dass es einen Rückfall gibt, weil ja keiner gesagt hat, was es ist. Ich denke, das kommt mit der Zeit. Je mehr ich wieder machen kann, desto mehr hab ich auch wieder Zutrauen zu meinem Körper.“ Im Moment, und das ist alles was zählt, ist sie einfach froh und dankbar, so glimpflich davongekommen zu sein.

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+++ Paris, 5. Update +++

Von Doris Henkel

Da gab es diesen einen Moment, in dem es so aussah, als könne sie das Ding noch mal drehen. Mit einem perfekten, extrem kurz cross gespielten Passierball wehrte Angelique Kerber den ersten Matchball im Spiel der ersten Runde der French Open gegen Kiki Bertens ab, und schon spulte das Gehirn den Film des Jahres auf Anfang zurück. Hatte der Weg zum Titel in Australien für sie im Januar nicht genauso begonnen, mit einem abgewehrten Matchball in der ersten Runde? Beim zweiten Matchball war Bertens behilflich, die Tür öffnete sich weiter, doch die helle, sonnige Geschichte aus Australien wiederholte sich nicht. Angelique Kerber nahm die Angebote des Schicksals nicht wahr, ein missglückter Stopp beendete das Spiel (2:6, 6:3, 3:6), in dem sie nicht nur wegen der veränderten Aufmachung nicht allzu oft an jene Spielerin erinnerte, die vor vier Monaten einen der größten Pokale des Tennis im Arm gehalten hatte.

Zugegeben, es hätte einfachere Aufgaben in der ersten Runde gebe können. Bereits bei der letzten Begegnung mit der Niederländerin vom Weltranglistenplatz 58 im März in Miami hatte die Kerber den ersten Satz klar verloren, am Ende hatte Bertens verletzt aufgegeben. Im Prinzip hätten sich die beiden auch in der vergangenen Woche beim Nürnberger Versicherungscup begegnen können, doch Kerber verbrachte die Woche zuhause in Polen, um ihre lädierte Schulter behandeln zu lassen, während Bertens derweil am Valznerweiher ganze Arbeit leistete. Sie gewann sieben Spiele im Einzel, vier im Doppel, schnappte sich beide Titel, und an Selbstvertrauen fehlte es ihr demzufolge nicht, als sie sich danach auf den Weg nach Paris machte.

Das sah man am Dienstag auf dem Court Central vom ersten Moment an. Entschlossen machte Bertens da weiter, wo sie ein paar Tage zuvor aufgehört hatte; sie varierte gut, zeigte Geuld, war aber im richtigen Moment bereit zum Risiko; sie spielte richtig gut. Kerber hingegen wirkte in ihrem schwarzweißen Zebrahemd von Anfang an unsicher und gehemmt. Sie schien nicht schnell auf den Beinen zu sein – sonst eine ihrer Stärken -, zog selten voll durch, und man sah ihr an, dass ihr die ganze Sache nicht gefiel. Selbst die Großen des Tennis geben zu, unter der speziellen Nervosität der ersten Runde zu leiden, und allgemein gilt: Wenn du die die Stars schlagen willst, dann nutze deine Chance in der ersten Runde. Mit Mühe hatte Titelverteidiger Stan Wawrinka am Tag zuvor in fünf Sätzen gegen den Tschechen Lukas Rosol gewonnen, mit noch größerer Mühe und einer bemerkenswerten Kollektion markerschütternder Schreie gewann Andy Murray am Dienstag in fünf Sätzen die Fortsetzung seiner Partie gegen Rosols listigen, 37 Jahre alten Landsmann Radek Stepanek.

Angelique Kerber gewann zwar den zweiten Satz, aber mehr nicht. Immer wieder sah sie mit ratlosem Blick hinauf zur Tribüne zu Coach Torben Beltz und Bundestrainerin Barbara Rittner, die doch die konnten ihr nicht helfen. Champions – siehe Wawrinka und Murray – finden ihren eigenen Weg, aber die Siegerin der Australian Open fand ihn nicht. Zu Beginn des dritten Satzes, als Bertens die Anstrengungen der Nürberger Woche in den Knochen spürte, als sie selbst nach dem gewonnenen zweiten Satz endlich mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten hätte haben müssen, geriet Kerber schnell wieder in Rückstand. Sie ließ sich an der Schulter behandeln, die ein wenig schmerzte, doch das Problem, so sagte sie hinterher, sei sicher nicht der Grund für die Niederlage gewesen. Was dann?

Es war eine Kombination aus mehreren Faktoren. Zum einen liegt ihr das Spiel auf Sand nicht so sehr, weil sie mehr als auf Hartplätzen machen muss, um den Ball zu beschleunigen. Eine gewisse Rolle spielten vermutlich auch die Schmerzen in der Schulter, aber vor allem sah sie auf dem Platz so aus, als sei sie innerlich nicht bereit für die Herausforderung. Der verzagte, halbherzige Stopp beim dritten Matchball fasste die Ereignisse in gewisser Weise zusammen.

Sie wirkte ernüchtert hinterher, traurig und frustriert und gab zu, sie werde sicher einige Tage brauchen, um sich von dieser Niederlage zu erholen. „Aber dass ich verloren habe, wird mich nicht zurückschlagen, ich kann jetzt nur nach vorne schauen.“ Aber vielleicht könnte es nicht schaden, noch mal einen Blick zurück zu werfen, auf den sehr deutlichen Leistungsunterschied zwischen ihren souveränen, kämpferischen Aufritten im April beim Fed Cup in Rumänien und in der Woche danach in Stuttgart mit der Titelverteidigung beim Porsche Grand Prix und der Zeit danach, als sie in der ersten Runde in Madrid verlor, in der ersten Runde in Rom und nun auch in Paris. Vor ein paar Tagen, vor ihrem ersten Auftritt in diesem Jahr im Stade Roland Garros, hatte Angelique Kerber erzählt, sie könne jetzt viel besser verstehen, was Spielerinnen wie Serena Williams in all den Jahren geleistet hätten, auch angesichts des ganzen Drumherums. „Ich glaube“, meinte sie, „dass man da reinwächst.“ Wohl wahr, aber das geht nicht von allein.

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+++ Paris, 4. Update +++

Von Doris Henkel

Das bisher letzte Bild deutscher Tennisspieler bei Olympischen Spielen? Sabine Lisicki und Christopher Kas standen im Halbdunkel auf der Terrasse des Pressezentrums in London, genauer gesagt in Wimbledon, beide wirkten extrem geknickt, und Lisicki hatte Tränen in den Augen. Im Champions-Tiebreak hatten sie gerade das Spiel um die Bronzemedaille gegen die Amerikaner Lisa Raymond und Mike Bryan verloren, und vielleicht ahnten sie in diesem Moment, dass es sich um eine einzigartige Chance gehandelt hatte.

Das gemeinsame Erlebnis führte die beiden im Jahr danach als Spielerin und Coach wieder zusammen, vor ein paar Wochen endete die Partnerschaft, und eine erneute Begegnung mit Olympia wird es für die Berlinerin nicht geben. Am Tag nach dem Ende der French Open, dem 6. Juni, wird der Internationale Tennisverband (ITF) den nationalen Olympischen Komitees Vorschlagslisten für die Nominierung schicken, und Lisikis Name wird nicht darauf stehen; nach einer erschreckend schnellen Niederlage am Dienstag in Paris gegen Veronica Cepede Royg aus Paraguay, Nummer 161 der Welt, dürfte das letzte Wort gesprochen sein.

Maximal je sechs Spieler und Spielerinnen darf der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für die Spiele in Rio nominieren, darunter je vier fürs Einzel. Bei den deutschen Männern macht die Sache einen übersichtlichen Eindruck: Nur Philipp Kohlschreiber (derzeit Nummer 24) und Alexander Zverev (41) erfüllen die Kriterien für die Vorschlagsliste der ITF – einen Platz unter den besten 56 der Weltrangliste. Fürs Doppel käme theoretisch auch Philipp Petzschner in Frage (Nr. 33), aber Petzschners letztes Spiel liegt schon Wochen zurück; er hat gesundheitliche Probleme. Vor vier Jahren wäre Kohlschreiber auch qualifiziert gewesen, hatte sich ein paar Wochen vorher verletzt abgemeldet. Heute gibt er zu, die das sei keine gute Entscheidung gewesen, im Nachhinein betrachtet hätte er die Angelegenheit mit der Verletzung anders lösen können.

Im Kreis der deutschen Frauen ist die Ausgangslage spannend. An Angelique Kerber führt kein Weg vorbei, auch für Andrea Petkovic (Nr. 31) sieht es gut aus. Vor vier Jahren hatte Petkovic schweren Herzens verletzt aus der Entfernung zusehen müssen, als die anderen in London um Medaillen spielten. Umso wichtiger ist ihr das Thema nun; sie sagt, Rio habe Ende vergangenen Jahres bei den Gedanken um die Fortsetzung ihrer Karriere eine wesentliche Rolle gespielt.

Nach dem Stand der Dinge knapp zwei Wochen vor dem Stichtag stehen Laura Siegemund (Nr. 37) und Annika Beck (39) auf den Plätzen drei und vier, Anna-Lena Friedsam (48) folgt auf fünf, Lisicki (51) auf Platz sechs. Für Laura Siegemund, die im vergangenen Jahr in Wimbledon im zarten Alter von 27 Jahren zum ersten Mal im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers gespielt hatte, wäre eine Nominierung für die Olympischen Spiele nur knapp ein Jahr danach ein riesiger Coup. Mit einem einzigen Sieg in Paris könnte sie in der Rangliste noch ein paar Plätze weiter oben landen, Annika Beck hingegen hat aus der dritten Runde bei den French Open des vergangenen Jahres 120 Punkte zu verteidigen, und bei Anna-Lena Friedsam sind es 60.

Julia Görges hatte vor vier Jahren in London ein paar sehr schwungvolle Runden mit dem olympischen Geist gedreht; sie hatte nicht im Haus in der Nähe des All England Clubs übernachtet, weil sie nichts von der einzigartigen Atmosphäre im Olympischen Dorf verpassen wollte. Gemessen an ihrer aktuellen Position in der Weltrangliste (57) wird sie diesmal im Einzel nicht mitspielen dürfen, eine Chance gäbe es im Doppel, wo sie die beste Deutsche ist (Nr. 17). Vor ein paar Wochen meinte sie noch, über das Thema Olympia habe sie sich diesmal noch keine Gedanken gemacht. Der Sportdirektor des Deutschen Tennis Bundes, Klaus Eberhard, sagt dazu: „Wir werden auf jeden Fall mit ihr reden.“

Von denen, die im Einzel und Doppel starten, werden die Paare fürs gemischte Doppel ausgesucht – mit verheißungsvollen Perspektiven. Im 16er-Feld beim Mixed genügen zwei Siege, um in der Nähe der Medaillen zu landen; viel kürzer ist der Weg zum Erfolg in kaum einer anderen Disziplin. Auch das dürfte aus der Sicht des DOSB vermutlich ein Argument sein.

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+++ Paris, 3. Update +++

Von Doris Henkel

Wenn der kleine Fritz oder Franz von einem großen Sieg träumt, dann kommen in diesem Traum viele Bilder vor. Was mache ich, fragt er sich, wenn ich das Ding gewonnen hab? Soll ich mir was vornehmen, oder geht das von selbst? Jubeln, springen oder zu Boden sinken? Offenbar beschäftigt sich aber nicht nur der kleine Fritz mit solchen Fragen, sondern auch Leute, die schon einiges erlebt haben. Stan Wawrinka, zum Beispiel. Vor dem Finale im vergangenen Jahr gegen Novak Djokovic, sagt der Schweizer, habe er daran gedacht, im Fall eines Sieges zu Boden zu gehen, im roten Sand ein paar Rollen zu drehen und für ein richtig gutes Foto-Motic zu sorgen. Aber dann sei doch alles ganz anders gekommen; er sei einfach stehen geblieben wie nach dem Matchball eines beliebigen Spiels und habe nichts gemacht, gar nichts. „Aber so bin ich eben“, beschrieb er es dieser Tage der französischen Sportzeitung L’Équipe, „alles andere hätte nicht zu meiner Erziehung gepasst.“

Schon beim ersten Grand-Slam-Sieg seiner Karriere, 2014 in Melbourne, hätte man aus Wawrinkas Geste nicht auf die Bedeutung des Ereignisses schließen können. „Stan, du Feigling“, frozzelte der Kollege Gael Monfils hinterher, „ich hab darauf gewartet, dass du dir was Verrücktes einfallen lässt – aber du hast nichts gemacht. Ich bin enttäuscht.“ Sollte Monfils jemals den Titel in Paris gewinnen, dürfte das sicher anders aussehen, aber das wird in diesem Jahr garantiert nicht passieren; der Franzose ist krank und sagte ab. Stan Wawrinka hingegen, der standfeste Triumphator des vergangenen Jahres, ist guter Dinge vor seinem ersten Spiel am Montag im Rahmen der Aktion Titelverteidigung. Der Sieg am Wochenende bei seinem Heimturnier in Genf kam auch für ihn überraschend angesichts der Resultate und Eindrücke aus den vergangenen Wochen. Nach seinem Titelgewinn im Februar beim Turnier in Dubai hatte er oft verloren, und vor allem seine Bilanz bei den Sandplatzturnieren zuletzt in Madrid und Rom schien nicht auf größere Taten in Paris hinzudeuten.

Zu Beginn der Turnierwoche in Genf meinte Wawrinkas schwedischer Trainer Magnus Norman in einem Interview mit dem Tagesanzeiger, auf die Aussichten für Paris angesprochen: „Im Team konzentrieren wir uns jetzt ganz auf Genf und hoffen, dass er weiter gewinnt und seine Position verbessern kann. Es bleibt noch sehr viel Tennis zu spielen dieses Jahr, und hoffentlich kann er noch einen guten Grand Slam zeigen. Aber es ist nicht so, dass wir untereinander davon sprechen, den Titel in Paris zu verteidigen.“

Ob die Sache eine Woche und ein paar Siege später grundsätzlich anders ist oder nur besser aussieht, weiß wohl nur Wawrinka selbst. Große Sprüche sind nicht seine Art, ebenso wenig wie Purzelbäume auf dem Court Central, aber seine Antworten bei der Pressekonferenz vor dem ersten Spiel lassen schon darauf schließen, dass ihm der Sieg in Genf gut getan hat. „Mit meiner Zuversicht ist alles in Ordnung“, sagte er. „Ich weiß, dass ich hier was schaffen kann, so viel steht fest.“ Vieles, so sagt er, werde von seinem ersten Spiel abhängen, einer kniffligen Aufgabe gegen den Tschechen Lukas Rosol.

Es gibt keinen Zweifel, dass er sich mit dem Sieg in Genf wieder ins Gespräch gebracht und die Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr in kräftigen Farben aufgefrischt hat. Vor dem Finale damals hatten alle gedacht, Novak Djokovic sei der große Favorit, zumal nach dessen Sieg in der Runde zuvor gegen Rafael Nadal.

Wawrinka hatte sich an dem Gedanken festgehalten, dass er einer der wenigen ist, die es mit mächtigen Schlägen auf der Vorhand- und Rückhandseite drauf haben, Djokovic hinter die Grundlinie zurück zu drängen. Genau das passierte schließlich am sonnigen Sonntagnachmittag des Finales; der Schweizer spielte volle Kraft voraus und schien die Ruhe selbst zu sein, Djokovic wehrte sich nach Kräften, ohne seine Position dauerhaft behaupten zu können. Am Ende fasste der standhafte Herausforderer aus der Schweiz die Geschehnisse mit dem allerletzten Schlag des Spiels zusammen, einem atemberaubenden Rückhandschuss geradeaus.

Hat er sich das Spiel in den Monaten danach noch mal angeschaut? Nein, sagt er, das ganze Spiel nicht, aber Teile davon. Er ist stolz darauf, wie souverän er die Dinge damals gelöst hat, er traut sich zu, noch mal so einen Coup zu landen, aber es hat sich nichts daran geändert, dass er glaubt, im Konzert der Großen keinen nur gelegentlich einen Solopart zu spielen. In einem Interview mit der Westschweizer Zeitung Tribune de Genève sagte er Ende vergangenen Jahres, ein paar Monate nach dem Triumph in Paris, es habe sich nichts daran geändert, dass er alles in allem betrachtet nicht auf einer Ebene mit den Großen des Tennis spiele, mit Djokovic, Federer, Murray und Nadal. „Wirklich, ich bin weit entfernt von denen.“ Grundsätzlich vielleicht, an speziellen Tagen aber eben nicht. Und das wissen alle.

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+++ Paris, 2. Update +++

Von Doris Henkel

Früher sah die Sache so aus: Anreise, Einchecken im Hotel, den Fahrdienst zur Anlage bestellen, Trainingsplatz organisieren, Trainingspartnerin finden, Übungsstunde, Massage, zurück zum Hotel, Feierabend; ein ganz normaler Tagesplan vor dem ersten Ballwechsel eines Grand-Slam-Turniers. Tempi passati für Deutschlands beste Tennisspielerin. Seit ihrem Sieg bei den Australian Open gibt es für Angelique Kerber bei großen Turnieren deutlich mehr zu erledigen; erste Pressekonferenz, Fernsehinterviews, Auftritte bei Veranstaltungen der Organisatoren, Lächeln hier, Lächeln da. Nicht, dass das alles zu viel verlangt wäre – aber auch diese Auftritte müssen irgendwo im Plan untergebracht werden, ohne den Ablauf nachhaltig zu stören.

Schwer zu sagen, wie es Kerber wirklich geht vor dem ersten Spiel am Dienstag gegen Kiki Bertens. Die Niederländerin scheint gut in Form zu sein; sie gewann am Wochenende beim Nürnberger Versicherungs Cup Titel in Einzel und Doppel. Kerber hatte den geplanten Start in Nürnberg wegen einer Entzündung in der Schulter abgesagt, vorausgegangen waren zwei Auftakt-Niederlagen bei den Turnieren in Madrid und Rom. Natürlich sei es zuletzt nicht gut gelaufen, meinte sie dazu nun in Paris, aber solche Phasen gebe es in jedem Jahr. „Das ist kein mega Drama. Ich bin selbstbewusst hergekommen, und bin auf einem guten Weg. Sieht alles gut aus.“ Sie versicherte auch, sie zweifle nicht an sich, doch genau das hatte in Rom noch ganz anders ausgesehen.

Da war nichts mehr zu spüren von der forschen, selbstsicheren Art, mit der sie Anfang des Jahres den Titel in Australien geschnappt hatte. Vielleicht ist es falsch zu glauben, dieser Titel oder auch zuletzt der Erfolg beim Porsche Grand Prix in Stuttgart hätten Kerber Zweifel dauerhaft besiegt; manche Dinge sitzen einfach tief in einem drin. Sie kündigte jedenfalls an, den Fall French Open genauso anzugehen wie die Aufgabe damals in Australien: „Ich werde versuchen, die Dinge nicht zu komplizieren und das wie ein ganz normales Turnier betrachten. Auch hier geht`s wieder bei null los, und nur weil ich Grand-Slam-Siegerin bin, kriege ich die Matches nicht geschenkt.“

Prinzipiell sieht es so aus, als habe es wohl schon lange kein großes Turnier mit einer ähnlich offenen Ausgangslage gegeben. Serena Williams meldete sich zwar mit ihrem Titelgewinn vor einer Woche in Rom – ihrem ersten seit Mitte August 2015 – wieder zu Wort, aber sie wirkte dabei längst nicht unwiderstehlich wie vor einem Jahr. Auch die anderen üblichen Verdächtigen sind schwer einzuschätzen; Simona Halep, die vor zwei Jahren in Paris im Finale gespielt hatte, machte zuletzt keinen stabilen Eindruck, Victoria Asarenka war zwischenzeitlich wieder verletzt, und in der deutschen Abteilung sieht manches im Moment ebenfalls ein wenig unübersichtlich aus. Andrea Petkovic ging es in den vergangenen Wochen nicht besonders gut, Sabine Lisicki tut sich nach den Turbulenzen in ihrem Leben mit der doppelten Trennung von Freund und Coach schwer, eine stabile Position zu finden. Und Laura Siegemund, die die Leute in Stuttgart zuletzt so begeistert hatte, stecken viele, viele Spiele aus den vergangenen Wochen in den Knochen.

Den besten deutschen Beitrag als Empfehlung für alles weitere im Stade Roland Garros lieferte Alexander Zverev, der am Wochenende beim Turnier in Nizza zum ersten Mal in seiner Karriere im Finale eines ATP-Turniers spielte, und danach nun schon auf Platz 41 der Weltrangliste angekommen ist. Nach der Niederlage in drei Sätzen gegen den Österreicher Dominic Thiem sagte Zverev, am Ende habe ihm die Kraft gefehlt nach ein paar sehr intensiven Spielen in den Tagen zuvor.

Deutschlands Nummer eins, Philipp Kohlschreiber, wird in der ersten Runde gegen den Spanier Nicolas Almagro spielen, der vor ein paar Jahren mal zu den Besten auf Sand gehörte, und die Nummer eins des großen Ganzen, Novak Djokovic, nahm am Sonntag zum 29. Geburtstag eine Torte in Empfang. Auch solche Sachen sind Teil des Programms, wenn man nicht zum Fußvolk gehört. Dass die Spieler meist nichts von der Torte essen, die man ihnen schenkt, ist eine andere Geschichte.

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+++ Paris, 1. Update +++

Von Doris Henkel

Als er vor einer Woche in Rom bei der Siegerehrung in nahezu perfekt klingendem Italienisch loslegte, war ihm der Beifall gewiss. Die Leute mögen es überall, wenn sich einer die Mühe macht, ein paar Worte in ihrer Landessprache zu sagen, und es gibt kaum einen, der diese bunte Kleinigkeit am Rande so souverän beherrscht wie Novak Djokovic. Das fand auch Andy Murray, dessen italienischer Wortschatz mit „ciao“ beginnt und fast auch endet. Er werde nicht versuchen, mit Djokovic zu konkurrieren, versprach Murray bei dieser Gelegenheit, „mehr Sprachen als er spricht eh keiner auf der Tour.“

Das spezielle Talent des Serben ist bekannt. Offen ist hingegen die Frage, wann er im Stade Roland Garros in Paris endlich eine französische Siegerrede halten wird. Der Titel bei den French Open ist – neben der olympischen Goldmedaille – der einzige, der in seiner imposanten Sammlung fehlt. Seit Jahren ist Djokovic der dominierende Spieler des Männertennis, in der Weltrangliste führt er mit gewaltigem Vorsprung, und in allen Statistiken, in denen er noch nicht an der Spitze steht, rückt er fast wöchentlich vor. In knapp vier Jahren gewann er insgesamt 33 Titel, darunter sechs bei den Grand-Slam-Turnieren in Melbourne, Wimbledon und New York und 17 bei der Serie der Masters 1000er.

Die Zahl seiner Niederlagen im vergangenen Jahr ließ sich fast an einer Hand anzählen, es waren sechs. 2016 sind es bisher drei, aber manchmal geht es bei der Standortbestimmung am Ende eines Turniers nicht nur um die Zahlen, sondern um die Eindrücke entlang des Weges. Zum Beispiel kürzlich in Rom. Am Ende stand zwar die Niederlage im Finale gegen Murray, doch die hatte eine Menge mit dem Grad seiner Erschöpfung nach einem höchst anspruchsvollen Halbfinale gegen Kei Nishikori zu tun, das am Abend zuvor bis elf Uhr gedauert hatte. Interessanter waren ohnehin die Erkenntnisse aus der Begegnung ein paar Tage zuvor beim Sieg in zwei Sätzen gegen Rafael Nadal. Nadal, dessen Form deutlich besser ist als vor einem Jahr, hatten in diversen Passagen gute Chancen gegen Djokovic, der nicht unverwundbar wirkte. Nun könnte man das einerseits so deuten, dass der Spanier dem Serben wieder näher rückt. Aber wenn selbst der verringerte Abstand zwischen beiden und die bessere Form Nadals zumal auf Sand nicht ausreichen, Djokovic an einem nicht perfekten Tag zu besiegen – was dann?

Djokovic sagt, die Niederlage gegen Murray – seine erste gegen Schotten auf Sand -, ändere nichts an seiner Einschätzung, auf Paris bestens vorbereitet zu sein. „Natürlich weiß ich, dass die Leute zu gern rausfinden möchten, ob ich es hier in diesem Jahr schaffe. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit diesen Erwartungen und diesem Druck umgehen muss.“

Der Titel, den er vor ein paar Wochen in der Caja Mágica in Madrid gewann, war der 64. seiner Karriere, womit er auf der Ebene von Pete Sampras und Björn Borg gelandet ist, noch drei Titel von Nadal entfernt, allerdings 24 von Roger Federer.
Der Schweizer wird diesmal fehlen in Paris; er teilte am Tag vor der Auslosung mit, er fühle sich insgesamt nicht fit genug, ließ aber in seiner Erklärung offen, ob der lädierte Rücken das Problem sei oder etwas anderes. Eine merkwürdige Vorstellung, nach unglaublichen 65 Aufritten ohne Unterbrechung das erste Grand-Slam-Turnier seit den US Open 1999 ohne Federer; fast so wie Paris ohne Blick auf den Eiffelturm. Ein Rückzug, der die Geschicke des Turniers verändern könnte, denn Rafael Nadal rückte danach in der Setzliste einen Platz nach vorn auf Nummer vier, womit sicher ist, dass er bis zum Halbfinale vor Novak Djokovic in Sicherheit sein wird.

Federer hatte den ersehnten Titel seinerzeit 2009 im elften Versuch gewonnen, auch Andre Agassi anno `99. Für Djokovic beginnt in dieser Woche der zwölfte Versuch, nach drei Halbfinals und drei Endspielen in den vergangenen acht Jahren. Er sagt, Federer habe schließlich auch lange auf den Triumph in Paris warten müssen, und er habe gelernt, dass sich ohne Geduld nichts ausrichten lasse. Die Gruppe der Großen des Tennis, die nie mit dem Coupe des Mousquetaires im Arm bei der Siegerehrung standen, ist jedenfalls bemerkenswert gut besetzt; die Amerikaner Pete Sampras, Jimmy Connors und John McEnroe gehören dazu, auch Stefan Edberg und Boris Becker, Djokovics Coach.

Und was ist von den neuesten Nachrichten aus der Schweiz zu halten? Nach eher mittelprächtigen Ergebnissen in den vergangenen Wochen erreichte Stan Wawrinka an diesem Wochenende das Finale des Turniers in Genf, das erste Finale seit seinem Titelgewinn Ende Februar in Dubai. Kann es sein, dass ausgerechnet jener Mann gerade rechtzeitig ins Spiel rutscht, der Djokovic im vergangenen Jahr in Paris Titel und Pokal bei einem grandiosen Auftritt weggeschnappt hatte? Die Spannung steigt, nur eines ist gewiss. Darauf angesprochen, wie die Hose aussehen werde, in der er diesmal in Paris erscheinen werde – alle erinnern sich an das rotkarierte Modell des vergangenen Jahres -, hatte Wawrinka schon vor Wochen Entwarnung gegeben. Nichts Verrücktes diesmal; schade, irgendwie.

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Spiel, Satz und Sieg heißt es in Paris, wo bereits zum 115. Mal die sagenumwobenen French Open stattfinden. Vom 16. Mai bis 5. Juni 2016 herrscht in Paris wieder kollektives Tennisfieber.

2016 prize money men’s and women’s singles per player in Euros

Winner : EUR 2,000,000 (+EUR 200,000 vs 2015)

Runner-up : EUR 1,000,000 (+EUR 100,000 vs 2015)

Semi-finalist : EUR 500,000 (+EUR 50,000 vs 2015)

Quarter-finalist : EUR 294,000 (+EUR 44,000 vs 2015)

Round of 16 : EUR 173,000 (+EUR 28,000 vs 2015)

Third round : EUR 102,000 (+EUR 17,000 vs 2015)

Second round : EUR 60,000 EUR (+EUR 10,000 vs 2015)

First round : EUR 30,000 EUR (+EUR 3,000 vs 2015)

Mehr unter http://www.rolandgarros.com

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Spiel, Satz und Sieg heißt es in Paris, wo bereits zum 114. Mal die sagenumwobenen French Open stattfinden. Vom 19. Mai bis 7. Juni herrscht in Paris wieder kollektives Tennisfieber.

Hochspannung und Emotionen sind garantiert, wenn die besten Tennisspieler und -spielerinnen der Welt beim zweiten Grand-Slam Turnier des Jahres der gelben Filzkugel hinterherjagen und sich gegenseitig zu Topleistungen antreiben.

Pullman-MontparnasseHotel Pullman Paris Montparnasse

Das Spiel auf der roten Pariser Asche ist in vielerlei Hinsicht besonders. Der Belag bestehend aus zerkleinerten und feingemahlenen Ziegelsteinen, macht das Spiel deutlich langsamer. Somit ist sowohl bei Spielern als auch Zuschauern manchmal viel Geduld gefragt – aber genau das macht den Reiz dieser besonderen Veranstaltung aus, die auch von ihrem äußerst lebendigen Publikum lebt, wie z.B. beim historischen, tränenreichen Finale 1999 mit Steffi Graf und der damals 18-Jährigen Martina Hingis.

Für die zweiwöchige Turnierphase hat sich die ACCOR-Hotelgruppe nun etwas Besonderes einfallen lassen: Um den Zauber von Roland Garros hautnah erleben zu können, bieten vier neue Pariser Hotels mit dem „The Parisian Dream“ ein außergewöhnliches Paket für ihre Gäste an, das vom 24. Mai bis 7. Juni 2015 gültig ist. Mit dabei sind das MGallery Hotel Molitor Paris, das Sofitel Paris Le Faubourg, das Pullman Paris Tour Eiffel sowie das Pullman Paris Montparnasse.

Bei einem zweitägigen Aufenthalt haben Gäste die Gelegenheit, sich die gesamte Tennisanlage anzusehen, bei den Spielen auf den Außenplätzen mitzufiebern und die atemberaubende Atmosphäre auf dem Court Philippe Chatrier, einem der bekanntesten Plätze im Stade Roland Garros, in vollen Zügen zu genießen.

MOLITOR PARIS BY MGALLERY - 7326MGallery Hotel Molitor Paris

Wer mal eine kurze Tennis-Pause benötigt, hat die Möglichkeit, den Accor VIP-Bereich im turniereigenen Dorf zu besuchen. Der elegante Raum ist nur auf Einladung zugänglich und lädt zum Entspannen oder Fachsimpeln über die gesehenen Matches bei einer gemütlichen Tasse Tee ein.

Weitere Informationen zum Paket finden Sie hier: The Parisian Dream

In folgenden Hotels gibt es das Tennis-Special-Paket zu buchen:

MGallery Hotel Molitor Paris

Sofitel Paris Le Faubourg

Pullman Paris Tour Eiffel

Pullman Paris Montparnasse

Chambre Deluxe

Hotel Sofitel Paris Le Faubourg

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