Australien Open 2017: Williams & Federer Sieger – 15. Update

Lesen Sie hier die Beiträge von MPTC Club-Mitglied Doris Henkel zu den Australien Open 2017, die vom 16. Januar bis 29. Januar in Melbourne stattfanden, weitere Artikel von Doris Henkel zu den Australien Open 2016 und 2015 weiter unten.

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+++ Melbourne, den 31.01.2017 / 15. Update +++

Von Doris Henkel

Gegen halb sieben in der Früh kam er ins Hotel zurück. Die Sonne war gerade aufgegangen, nirgendwo waren Töne zu hören, und er hatte das Gefühl – ahh, mal ein bisschen Ruhe, wie schön. Wie es weiter ging, beschreibt er so: „Aber tack waren die Mädchen wach und tack waren die Buben wach. Dann haben wir zusammen den Pokal angeschaut, was alles draufsteht. Die Buben haben ihre Spielsachen reingetan, die Mädchen haben angefangen, ihn zu putzen. Es war einfach witzig, und es war schön.“ Soweit die Schilderung des vierfachen Vaters Roger Federer über die Heimkehr nach einem Abend, an dem er einen märchenhaften Sieg errungen und nach einer halben Nacht, in der er wie ein Rockstar gefeiert hatte.

So hatte er es jedenfalls angekündigt, als er die Rod Laver Arena nach dem letzten von gefühlt hundert Interviews gegen halb drei verlassen hatte. Deshalb lag es nah, beim offiziellen Fototermin zwölf Stunden später im Park zu fragen, wie eine Feier im Stil eines Rockstars denn aussehe. Man sah ihm nicht an, dass er nur eine Stunde geschlafen hatte, das schwarze Polohemd saß so perfekt wie die Frisur oder wie die Rückhand während des ganzen Turniers und vor allem im Spiel gegen Rafael Nadal. Rockstar? Also: „Da geht man nicht ins Zimmer, da geht man mit der Tennistasche in einen Club, in eine Bar mit unseren Freunden und Familien. Ich wusste gar nicht, wo es hingeht, es war alles super organisiert von Tony (Godsick, Federers Manager) und Mirka (seiner Frau). Wir hatten einen DJ, und wir konnten sagen, welche Musik wir gerne hätten.“

Sagen wir mal so, der ein oder andere Star aus dem Bereich der Musik hätte sicher noch andere Ingredienzen zu einer knackigen Feier hinzugefügt, und selbst Federer gab im Botanischen Garten zu, es habe schon heftigere Feiern in seinem Leben gegeben. Aber dazu fehlten halt ein paar Stunden, die er dazu gebraucht hatte, seinen 18. Grand Slam Titel zu gewinnen, und das ist ein Titel der in seiner Symbolkraft von Melbourne bis nach Basel leuchtet. Auf der persönlichen Ebene ging es nicht darum, diesen 18. zu gewinnen, sondern nach den Schwierigkeiten der vergangenen Jahre und der sechs Monate dauernden Pause überhaupt wieder ein Ding zu drehen. „Es ist schwierig, immer wieder zu sagen, ich kann noch große Titel gewinnen, ich kann das noch! Die Fans, die Medien – niemand hat mir geglaubt.“

Wahrscheinlich klappte es aber gerade deshalb, weil er nicht mit allzu großen Erwartungen in das Comeback gestartet war. Die in der zweiten Hälfte 2016 entstandene Distanz zum Tennis half ihm, alle Speicher aufzuladen, auch den der Sehnsucht. Und sie half ihm, auf eine Art zu spielen, die ihm selbst gefällt und von der er weiß, was sie den Leuten weltweit bedeutet. Kontrollierte Offensive, in diesem Fall begünstigt von einem Untergrund, der im Vergleich zu den vergangenen Jahren ein schnelleres Spiel zuließ. Die Behauptung, man könne heutzutage nicht mehr erfolgreich Serve und Volley spielen, ist bis auf weiteres widerlegt, auch mit Federers Hilfe, der beschlossen hatte: Was es auch kostet, den Punkt zu gewinnen, ich will es nicht im Rückwärtsgang tun.

Er sagt, dieser Sieg bedeute ihm so viel wie der erste in Wimbledon 2003 oder der ersten und einzige in Paris 2009. Aber selbst, nachdem er eine Stunde geschlafen hatte, kam ihm die ganze Sache immer noch unwirklich vor. Er ging aus dem Zimmer, stand plötzlich im Flur und dachte: Stimmt, ich hab wirklich gewonnen, das ist nicht nur ein Traum gewesen. „In der Vergangenheit ist es mir leichter gefallen, das alles zu fassen, diesmal ist es unglaublich. Ich merke auch, es viel mehr Aufmerksamkeit da, das ist noch mal pompöser, größer als jemals zuvor.“ Er sagt, es bewege ihn sehr, wie viele Menschen sich mit ihm freuen; scheint eine Welt voller Liebe zu sein, in der er sich bewegt, angefangen auf dem Fußboden mit Leo und Lenny, die ihre Spielsachen in einem Pokal verstecken, von dem sie weiter nichts wissen wollen, als dass er schön glänzt.

Wie die Sache weitergehen wird? Zwölf Stunden nach dem ersten Sieg gegen Rafael Nadal bei seinem Grand-Slam-Turnier nach zehn Jahren taten ihm alle Knochen weh, auch der Rücken. Das allerdings hatte nicht nur mit den Anstrengungen des Spiels zu tun, sondern mit diversen Tänzen zwischen drei und halb sieben in der Nacht. Am Abend machte sich die Reisegruppe Federer18 auf den Weg nach Hause. Danach stehen drei Wochen Pause auf dem Programm – die Töchter bestehen darauf, Skifahren zu gehen -, Ende Februar wird man den Meister beim Turnier in Dubai, Anfang März in Indian Wells/Kalifornien wiedersehen. Und generell? Federers langjähriger Coach Severin Lüthi meinte nach dem Finale: „Dieser Sieg hat sicher dazu beigetragen, dass Roger noch länger spielen kann und will.“ Bei der Siegerehrung hatte sich der Schweizer von den Fans mit den Worten „vielleicht bis nächstes Jahr“ verabschiedet, und manche wollten darin eine Andeutung erkennen, dies könne sei letzter Start in Melbourne gewesen sein. Nein, sagte er später dazu, so sei das nicht gemeint gewesen. „Aber du weißt nie genau, wann dein letzter Grand Slam sein wird – vielleicht verletze ich mich ja wieder.“

Im vergangenen Jahr hatte er sich in Melbourne beim Einlassen des Badewassers für die Töchter so sehr am Knie verletzt, dass die Sache ein paar Wochen danach mit einem Eingriff gerichtet werden musste. Genau wie vor einem Jahr kamen Myla und Charlene auch an diesem letzten Tag in Melbourne vom Pool zurück, als ihr Vater gerade aufgewacht war, aber zum Glück hatten sie diesmal schon unten am Pool geduscht. Andererseits – wer weiß, ob Federers Name ohne das Badewasser von damals wieder auf dem Sockel des Pokals stünde, der so schön schimmert und glänzt.


+++ Melbourne, den 30.01.2017 / 14. Update +++

Von Doris Henkel

Außer Rand und Band, die ganze Truppe, außer Rand und Band. In der Box von Roger Federer sprang die Gattin in der rosa Strickjacke auf und ab, Coach Ivan Ljubicic sah so aus, als verliere er gleich den Verstand, die Tochter seines Managers Tony Godsick hatte Tränen in den Augen, und über allen schlugen die Wogen der Begeisterung in der Rod Laver Arena zusammen. Es waren nicht viele Leute unter den 15.000, deren Gefühle in diesen Augenblicken nicht Achterbahn fuhren, und selbst Rafael Nadals Anhänger machten mit. Alle hatten gesehen, was passiert war, aber irgendwie konnte es keiner glauben. Solange nicht, bis Roger Federer den Pokal in den Nachthimmel reckte.

Mit fetten Lettern und dem Titel „The greatest show on earth“ (die größte Show auf Erden) hatte Melbournes Tageszeitung Herald Sun das Finale angekündigt, und je näher der Beginn rückte, desto mehr füllten sich Hügel, Hallen und Plätze. Vor großen Videowänden fieberten die Leute dem Beginn entgegen, und als das Spiel Stunden später vorbei war, hatte sich alle Hoffnungen erfüllt. Von Anfang an schien es keinen einzigen Punkt ohne Bedeutung zu geben, und das so genannte Momentum wechselte die Seiten, wie der Wind in Melbourne die Himmelsrichtung wechselt.

Federer gab von Anfang an Gas und versuchte die Erkenntnisse umzusetzen, die er als Zuschauer der Partie von Nadal und Grigor Dimitrov im Halbfinale am Fernsehschirm gewonnen hatte. Er habe großen Respekt vor Nadal, sagte er am Tag vor dem Finale in einem kleinen Gespräch mit Schweizer Journalisten, aber das werde ihn nicht daran hindern, selber gut zu spielen. „Ich habe keinen Komplex gegen ihn“, versicherte er, „dazu habe ich ihn zu oft in großen Matches geschlagen.“ Sicher nicht falsch, aber noch öfter hatte er gegen Nadal verloren; die Bilanz bei den Grand-Slam-Turnieren stand aus seiner Sicht 2:9, und Nadal hatte auch sechs der gemeinsamen acht Endspiele gewonnen.

Sie nahmen und gaben; sie hetzten sich, zauberten und kämpften, und irgendwie schien es logisch zu sein, dass sie wie in den spektakulären Begegnungen in Wimbledon 2007 und 2008 und in Melbourne 2009 auch diesmal in einem fünften Satz landeten.

Und dieser fünfte Satz sprühte, knallte und leuchtete wie ein Feuerwerk. Nach dem Ende des vierten hatte sich Federer wie auch im Halbfinale gegen Stan Wawrinka in der Kabine behandeln lassen. Zum ersten Mal in seiner Karriere musste er zum dritten Mal innerhalb eines Grand-Slam-Turniers in einen fünften Satz – und das bei aller Erfahrung quasi auf ungewissem Terrain. Er hatte vorher immer wieder gesagt, es gehe ihm gut, aber natürlich wisse er nicht, wie sein Körper nach den sechs Monaten Pause auf die Belastungen reagieren werde. Wenn alles gut gehen würde, so hatte er gedacht, werde er vielleicht im Viertelfinale landen, nun begann der fünfte Satz.

Und er schien in prägnanter, spannender Kurzform zu beschreiben, warum Federer im Laufe seiner Karriere mehr Spiele bei den großen Turnieren gegen Rafael Nadal verloren als gewonnen hatte. Mit einem einzigen Fehler kassierte er gleich in Break zum 0:1, und immer, wenn er Chancen hatte, den Aufschlagverlust auszugleichen, stand Nadal Festung so sicher wie Fort Knox. Eine Viertelstunde lang sah es so aus, als werde er die Festung auch diesmal nicht knacken können, doch er probierte es wieder und wieder, und schließlich knackte die Mauer. Nadal war es, der unter Druck den Fehler machte, der ihn das Aufschlagspiel zum 3:3 kostete, und von diesem Moment an war Federer nicht mehr aufzuhalten.

Zur Begeisterung des Publikums in der Rod Laver Arena, in der Margaret Court Arena nebenan, auf dem Hügel vor der Videowand oder in der Stadt am Federation Square schaltete er in den sechsten Gang, und die letzten Minuten des Spiels erlebten die Seinen in der Box wie im Fieberwahn. Den ersten Matchball wehrte Nadal ab, und beim zweiten musste sich Federer ausgerechnet auf das von ihm Anfangs so überzeugt abgelehnte Hawkeye-System verlassen. So standen sie, die Giganten Roger Federer und Rafael Nadal, blickten auf die Videowand, und in der Animation landete Federers letzter Vorhandschuss auf der Linie. Federer jubelte wie nie zuvor in seiner Karriere, er brüllte die ganze, grenzenlose Freude raus, und auf der anderen Seite stand jener Mann, dessen Anteil an diesem unvergesslichen fünften Satz ebenso schwer wog wie der des Siegers.

Die Fans schienen einverstanden zu sein, als Federer in seiner Siegerrede auf dem Podium meinte, im Tennis gebe es ja kein Unentschieden, aber er würde so ein Unentschieden in diesem Fall mit Freude akzeptieren. Ursprünglich hätte der Pokal von einem anderen der alten Australier überreicht werden sollen, aber angesichts der bekannt guten Beziehung zwischen Federer und Rod Laver, wurde Laver noch mal aufs Podium geholt. Diesmal sah er keine Tränen bei Federer, anders als acht Jahre zuvor nach der Niederlage des Schweizers in fünf Sätzen gegen Nadal.

Es gab am Ende eigentlich nur ein Fazit für das letzte Spiel der Australian Open 2017, und das kam in diesem Fall aus Argentinien vom Kollegen Juan-Martin del Potro. „Danke an euch beide“, schrieb er über Twitter. „Wehe, ihr hört jemals auf, Tennis zu spielen.“ Das hat zum Glück zumindest in naher Zukunft auch keiner vor. Rafael Nadal versicherte, er habe alles getan, was in seiner Macht gestanden habe, und irgendwie sei er nicht mal richtig traurig. Federer begann zur gleichen Zeit die Tour von einem Fernsehstudio zum nächsten; er war kaum zu bremsen in seiner sprudelnden Freude. Er verriet auch, dass er schon mit seinen Töchtern telefoniert hatte, die im Hotel geblieben waren, und die ihm versprochen hatten, sie würden auf ihn warten, bis er mit dem Pokal nach Hause komme. Seinen bis dahin letzten großen Sieg vor viereinhalb Jahren in Wimbledon hatten sie noch nicht so bewusst erlebt. Daddy versprach, sich zu beeilen, aber das klappte nicht so recht. Es wurde eine lange Nacht mit dem 18. Grand-Slam-Titel im Gepäck, bis zum Rand gefüllt mit Staunen und Glück.

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Als Serena Williams eine Stunde nach dem Sieg im Studio des amerikanischen Fernsehsenders ESPN mit den Expertinnen Chris Evert und Mary-Joe Fernandez und Moderatorin Chris McKendry am Tisch saß, war die glänzend gelaunte Frauenpower nur schwer zu überbieten. Das Quartett aus drei Damen und einer Königin lachte, scherzte und fiel sich gegenseitig ins Wort, und manchmal sah es so aus, als sei keine der vier älter als 16. Und in der allgemeinen Euphorie liess sich die Siegerin sogar auf Zahlenspiele ein. In der jüngeren Vergangenheit hatte Williams mit strengem Unterton immer wieder darum gebeten, keine Fragen nach von ihr zu brechenden Rekorden beantworten zu müssen. Doch in dieser bunten Stunde war offenbar auch das erlaubt. „Serena“, lockte Chris Evert, „ich hab dich genau beobachtet. Als der Moderator vorhin im Stadion von Margaret Court und deren 24 Titeln sprach, da hast die die Augenbraue auf deine ganz besondere Art nach oben gezogen.“

Widerspruch blieb aus, was bedeutet: Auf ein neues. Mit dem Sieg gegen ihre Schwester Venus (6:4, 6:4,) gewann Serena Williams nicht nur den siebten Titel in Melbourne in einer Spanne von 14 Jahren. Vor allem ist sie mit 23 Trophäen bei den Grand-Slam-Turnieren die erfolgreichste Spielerin der Zeit des Profitennis; in ihrer Auslage steht nun eine mehr als bei Steffi Graf. Margaret Court hatte 13 ihrer 24 Titel vor 1968 gewonnen, der Rekord der Australierin ist deshalb auf einer anderen Seite der Geschichtsbücher zu finden.

Aber wer weiß, vielleicht wird sich auch diese Angelegenheit in absehbarer Zeit erledigt haben. Und falls nicht – realistisch betrachtet lässt sich die Zahl der Siege von Margaret Court, die auch diesmal auf der Ehrentribüne der Rod Laver Arena saß, nur schwer mit denen von Serena Williams vergleichen. Damals, in den sechziger und siebziger Jahren, war die Konkurrenz im Frauentennis nicht annähernd so hart und so groß wie heutzutage, und den jährlichen Trip nach Australien muteten sich bei weitem nicht alle Spielerinnen und Spieler zu. Und wer wollte allen Ernstes behaupten, es gebe eine Steigerung für das Gesamtkunstwerk von Serena Williams.

23 Titel auf 18 Jahre verteilt, sie erfand sich in dieser Zeit immer wieder neu, und selbst wenn sie gelegentlich verliert, ist sie in ihrem Reich der Maßstab aller Dinge. Auch deshalb hatte der Sieg von Angelique Kerber im Finale vor einem Jahr eine so spezielle Bedeutung. Kerber schickte per Twitter Glückwünsche an Serena, aber auch auch an Venus Williams für ein historisches Finale. „Ihr seid beide wahre Champions“ schrieb sie. Die Nummer eins ist Kerber nach 20 Wochen an der Spitze bis auf weiteres los. Serena Williams behauptete übrigens, sie habe vor dem Finale nicht gewusst, dass es in diesem Spiel auch um ihre Rückkehr an die Spitze gehe.

Das Finale an sich war schnell vergessen. Serena wirkte am Anfang nervös, aber als sie sich dann nach dem Gewinn des ersten Satzes im Griff hatte, mündete der Fluss der Ereignisse wie erwartet in den Ozean ihres Sieges. Und sie hatte völlig recht, als sie nach ihrem Sieg gerührt feststellte, dieses Finale sei eine Feier für alles, was sie mit ihrer Schwester erreicht habe. Die innige Umarmung der beiden am Netz, die Blicke, die sie sich während der Zeremonie zuwarfen und was sie übereinander sagten – das alles gab einen unverwechselbaren, wahrhaft historischen Rahmen. „Deine Siege waren immer auch meine Siege“ rief Venus ins Mikrofon, und Serena verwöhnte die Schwester mit den Worten: „Ohne sie hätte ich niemals 23 Titel, ohne sie hätte ich nicht mal einen, ohne sie hätte ich nichts. Sie verdient Ihren Applaus, und ich denke, sie wird im nächsten Jahr definitiv wieder hier stehen.“

Das wird man sehen; bis dahin hat sich die Konkurrenz vielleicht wieder sortiert. Die Australian Open erlebten das neunte Grand-Slam-Finale der phänomenalen Schwestern, das Wort Liebe kam so oft vor wie sonst nur in Hollywood, aber es zeigte sich bis zum Ende, dass Serena Williams nicht nur fürchterlich aufschlagen, sondern in ihrem eigenwilligen Kopf auch hübsche Ideen entwickeln kann. Als sie bei den gut gelaunten Damen in Fernsehstudio über ihr Alter und das ihrer Schwester scherzen wollte – dreißig + wäre der normale Ausdruck gewesen -, da fiel ihr spontan was Besseres ein. „We are both thirty fun“, meinte sie. 23 Grand-Slam-Titel, 24 in Sicht und 30 Spaß – der Abend war unterhaltsam, keine Frage.


+++ Melbourne, den 28.01.2017 / 13. Update +++

Von Doris Henkel

Ist es nicht fast so, als sähen sich Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart nach Jahren noch einmal in Rick’s Café? Zugegeben, Roger Federer und Rafael sind kein Liebespaar, aber es gab eine Zeit, in der der Name des einen so oft mit dem Namen des anderen genannt wurde, dass es so aussah, als gehörten sie zusammen. Mit seinem Sieg gegen Grigor Dimitrov (6:3, 5:7, 7:6, 6:7, 6:4) folgte der Spanier dem Schweizer ins Finale der Australian Open, und nun warten alle atemlos darauf, was bei diesem Wiedersehen passiert.

Viel mehr als in den fast fünf Stunden des Krachers am Freitagabend kann es nicht werden. Grigor Dimitrov trieb Nadal an seine Grenzen und darüber hinaus, und auch er hätte den Sieg verdient gehabt. In einem Match, das mit klaren Vorteilen für den Spanier begann, über einen von beiden Seiten nervösen zweiten Satz in zwei Tiebreaks und schließlich in einem fantastischen fünften Satz landete. Mit Mut zum Risiko und nicht nachlassendem Elan kämpfte Dimitrov um die Chance, zum ersten Mal in seiner Karriere das Finale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen, und wäre Nadal nicht der Krieger, der er auf dem Platz ist, hätte sich der fantastisch spielende Bulgare durchgesetzt. Bis zum Stand von 4:4 beantwortete er jede Herausforderung, erst dann zwang ihn der andere in die Knie; zwei Matchbälle wehrte er ab, mit dem dritten war er geschlagen.

Man kann davon ausgehen, dass unter den Millionen von Zuschauern vor den Fernsehschirmen in Australien auch Roger Federer saß; erst neulich hatte der Schweizer zugegeben, während eines Grand-Slam-Turniers laufe der Kasten in seinem Hotelzimmer fast pausenlos. Einerseits musste ihm gefallen, was er an an diesem Abend sah. Auch er hatte am Tag zuvor fünf Sätze beim Spiel gegen Stan Wawrinka gespielt, aber diese Partie hatte nicht fast fünf Stunden gedauert, sondern nur etwas mehr als drei.

Die Situation beschwört die Erinnerung an das Jahr 2009. Damals hatte Nadal er mehr als fünf Stunden im Halbfinale gegen seinen Landsmann Fernando Verdasco gespielt, während Federer schon als Finalist festgestanden hatte, und es hatte so ausgesehen, als sei er damit klar im Nachteil. Im Finale mit Federer spielte Nadal wieder fünf Sätze – und gewann. Als er diesmal nun gefragt wurde, ob er Ähnlichkeiten sehe, meinte er, darüber wolle er jetzt nicht reden. Nur soviel: „Ich hoffe, dass ich mich gut erholen kann.“

Nun treffen sich die alten Rivalen zum neunten Mal im Finale eines Grand-Slam-Turnier, und damit hätte vor Beginn des Australian Open ebenso niemand gerechnet wie mit einem Endspiel zwischen Serena und Venus Williams. Kaum zu glauben, dass seit der letzten Begegnung in einem Spiel um den Titel bei den French Open in Paris 2011 tatsächlich schon fast sechs Jahre vergangen sind. In Melbourne standen sie sich einmal gegenüber – in dem bewussten Spiel 2009 -, das Federer ebenso verlor wie fünf weitere der insgesamt acht gemeinsamen Finals. Sein letzter Sieg im gemeinsamen Finale eines Grand-Slam-Turniers ist fast zehn Jahre her. Vor ein paar Tagen hatte er zugegeben, neben Wawrinka gebe es keinen, der sein Spiel so gut kenne wie Nadal, und der hat nun zudem den Vorteil, sich in der Begegnung mit Dimitrov quasi schon auf seinen Stil eingestellt zu haben.

Ja, sagt Federer, vermutlich hätte er besseren Chancen gehabt, gegen den Bulgaren als gegen den alten Rivalen zu gewinnen. „Aber alles, was mich interessiert ist, ob ich am Sonntag gewinnen kann, egal, wer auf der andere Seite des Netzes steht. Doch ich verstehe natürlich die große Bedeutung eines Finales gegen Nadal.“ Der Spanier sieht die Sache genauso. Auch erinnerte noch mal an die private Begegnung mit Federer bei der Eröffnung seiner Akademie Anfang Oktober in Manacor und an die Tatsache, dass sie damals beide davon geredet hätten, wie großartig es wäre, noch mal bei großen Turnier um den Titel zu spielen. „Das ist nun wirklich sehr speziell“, sagt er. „Wir sind immer noch da, und wir kämpfen weiter.“ Nadal und Federer bringen es zusammen auf 65 Jahre, Venus und Serena Williams sind zusammen 71. Noch nie in der Zeit des Profitennis ergab sich zusammengerechnet so ein Wert, aber darauf kommt es am Ende sicher nicht an. Was zählt ist die Qualität, die Spannung und das Herzblut, und von allem wird das geneigte und glückliche Publikum mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nichts vermissen. Die letzten Worte von Rafael Nadal nach seinem Sieg gegen Grigor Dimitrov bei der Pressekonferenz? Es war nach eins, und er wünschte sich und allen Anwesenden eine gute, erholsame Nacht.


+++ Melbourne, den 27.01.2017 / 12. Update +++

Von Doris Henkel

Sicher gab es in all der Zeit ein paar Gelegenheiten, bei denen man vergessen konnte, wie unbeschreiblich einzigartig diese Geschichte ist. Die Geschichte der Schwestern aus dem Scherbenviertel der amerikanischen Gesellschaft, die schon vor ihrer Geburt dazu auserkoren waren, die Welt des Tennis zu erobern, und die die kühne Idee ihres Vaters tatsächlich mit prallem Leben füllten. Venus und die 15 Monate jüngere Serena Williams gewannen Titel wie am Fließband; achtmal spielten sie bei Grand-Turnieren miteinander und gegeneinander um den den Titel, und manch einer dachte damals: Okay, wieder ein Endspiel der Schwestern.

Aber wer hätte allen Ernstes gedacht, dass die beiden 19 Jahre nach der ersten Begegnung als Profis auf der Tour in der selben Arena noch mal um den Titel spielen würden? Die eine fast 37 Jahre alt, die andere 35; sieben Grand-Slam-Titel im Trophäen-Schrank der einen, 22 in der Auslage der anderen. Dass Serena auch in diesem Jahr wieder beim letzten Spiel dabeisein würde, konnte man spätestens nach dem Ende der ersten Woche ahnen. Die verblüffende Variante geht eindeutig auf das Konto der älteren Schwester.

Nachdem vor fünfeinhalb Jahren bei Venus Williams das Sjögren Syndrom, eine Autoimmunkrankheit, festgestellt worden war, hatte es manchmal so ausgesehen, als nähere sich die Karriere der Älteren dem Ende. Die großen Endspiele schien danach nur noch für Serena die reserviert zu sein, Venus gehörte zwischenzeitlich in der Weltrangliste nicht mehr zu den besten 50. Umso bemerkenswerter war es, als sie 2015 im zarten Alter von 34 Jahren unter die Top Ten zurückkehrte und dass sie im vergangenen Jahr noch mal das Halbfinale in Wimbledon erreichte. Wimbledon, der Ort ihrer größten Erfolge, an dem sie fünf Titel gewann.

Wenn Serena nun sagt, dieses Finale am Samstagabend in der Rod Laver Arena gegen die Schwester werde vermutlich der beste Moment der gemeinsamen Karriere sein, dann hat diese Behauptung einen massiven Wert. Sie selbst beendete im Halbfinale die berührende, unendlich inspirierende Erfolgsgeschichte von Mirjana Lucic-Baroni mit einem klaren Sieg; die Kroatin schenkte dem Turnier noch einen Gänsehaut-Moment, als sie nach dem Spiel ihr Handy aus der Tasche zog, um sich selbst vor der Kulisse von 15.000 Bewunderern für die Ewigkeit festzuhalten.

Verblüffend hingegen wirkte die Art, wie Venus gegen die dritte Amerikanerin der Halbfinals gewann, CoCo Vandeweghe. Sie steckte den Verlust des ersten Satzes weg, änderte danach ein wenig ihre Taktik und brachte Vandeweghe aus dem Konzept. Am Ende machte sie, die elf Jahre Ältere, den frischeren, den mutigeren, den selbstbewussteren Eindruck. Gar nicht zu reden von ihrem quietschenden, kindlichen Jubel nach dem Matchball mit doppelten Pirouetten und dreifacher Freude. Innerlich sei sie ja wirklich noch ein Kind, meinte sie hinterher, aber sie verriet auch ein paar Ansichten, die man in Stein meißeln könnte. „Sport“, sagte sie „das ist Triumph und Desaster in Echtzeit. Da gibt es keine Wiederholung, keine Neu-Aufnahme und keinen neuen Text. Die Leute erkennen einen Champion, aber sie können auch mit demjenigen, der nicht gewinnt, was anfangen, weil wir schließlich alle solche Momente erleben.“

Nach dem ersten gemeinsamen Spiel in der Rod Laver Arena vor 19 Jahren war Venus Williams zu dem Schluss gekommen, es sei am besten, sie würde mit der kleinen Schwester einen Pakt schließen, immer die Nummer eins und zwei zu sein, um sich nur in Finals begegnen zu müssen. Ziemlich lange funktionierte dieser Pakt, dann schien er nicht mehr möglich zu sein. 14 Jahre nach dem einzigen gemeinsamen Endspiel in Melbourne, fast acht Jahre nach dem bislang letzten Familienfinale bei einem Grand-Slam-Turnier in Wimbledon, werden Venus und Serena Williams wieder um den Titel spielen. Serena versichert, einen größeren Traum habe man ihr nicht erfüllen können. „Was immer auch passiert, dieses eine Mal habe ich das Gefühl, dass ich nicht verlieren kann und dass auch sie nicht verlieren kann.“ Am Fuße des Regenbogens fügt sich alles auf eine kaum glaubliche Art.

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Vielleicht sollten wir alle mal eine Weile Pause machen und danach die Welt auf den Kopf stellen. Nicht in seinen verrücktesten Träumen habe er sich vorstellen können, beim ersten Grand-Slam-Turnier nach sechs Monaten Auszeit im Finale zu landen, meinte Roger Federer Donnerstagabend nach seinem Sieg in fünf bewegten Sätzen und drei Stunden gegen Stan Wawrinka (7:5, 6:3, 1:6, 4:6, 6:3) in Melbourne. Aber genau das ist nun Realität. Und gemessen an der Reaktion der 15.000 Zuschauer in der Rod Laver Arena gibt es offenbar keine Idee, die schöner sein könnte zwischen Tag und Traum.

Mit einem Jubelsturm wie bisher in jedem Spiel seiner Australien-Tournee 2017 wurde Federer empfangen, und als er das Spiel gewonnen hatte wackelten die Wände. Auf der Ehrentribüne saß einer seiner größten Fans, Rod Laver, diesmal mit einem üppigen Orden um den Hals, mit dem er zuvor am höchsten nationalen Feiertag, dem Australia Day, für die Verdienste um sein Land dekoriert worden war. Früher wurden die Abendspiele am Australia Day für das große Feuerwerk traditionell für zehn Minuten unterbrochen, seit das Feuerwerk aber nicht mehr mitten in der Stadt, sondern weiter unten am Yarra gezündet wird, erübrigt sich die Pause. Dafür zündelten Federer und Wawrinka.

Mehr als eine Stunde lang sah es nach einem souveränen Sieg Federers aus, der präsenter wirkte, spritziger und konsequenter. Doch nach einer medizinischen Auszeit vor Beginn des dritten Satzes kam Wawrinka gestärkt zurück. Er spielte auf einmal zwingender; wie aus heiterem Himmel kassierte Federer ein Break, wenig später ein zweites, und damit änderte sich der Tonfall der Partie. Danach, so sagte der Sieger nach dem Spiel, sei es schwer gewesen, diesen Tonfall wieder zu ändern; mit einem Fehler seinerseits endete Satz vier, und nun schien Wawrinka eindeutig im Vorteil zu sein.

In diesem Moment erinnerte man sich an die letzte Partie, die Federer bei einem Grand-Slam-Turnier nach einer 2:0-Satzführung verloren hatte, das Halbfinale der US Open 2011 gegen Novak Djokovic – das er nach zwei Matchbällen verloren hatte, um genau zu sein. Er konnte von Glück sagen, dass Stan Wawrinka seine Chance an diesem Tag nicht so konsequent und frech nutzte wie Djokovic damals in New York. Der Westschweizer vergab einen Breakball im dritten Spiel des fünften Satzes, einen weiteren im fünften, und das war genau das Signal, das Federer gebraucht hatte. Zur Begeisterung des Publikums nahm er Wawrinka dessen Aufschlagspiel ab, ging 4:2 in Führung, und danach stieg der Lärmpegel mit jedem Punktgewinn noch ein klein wenig mehr. Der Schlusspunkt ging fast unter in grandiosem Getöse.

Nun werden die Leute ihren Liebling also noch mal feiern können. Sonntagabend im letzten Spiel des Turniers gegen Rafael Nadal oder Grigor Dimitrov wird Roger Federer mit 35 Jahren der älteste Finalist eines Grand-Slam-Turniers seit mehr als vier Jahrzehnten sein; der Australier Ken Rosewall war allerdings schon fast 40, als er bei den US Open 1974 um den Titel spielte. Federer sagt, der Vergleich mit Rosewall ehre ihn sehr; der schicke ihm in Melbourne jedes Jahr einen Brief und wünsche ihm alles Gute, im Gegensatz zu Rod Laver habe er den anderen großen Australier bisher aber leider nicht kennen gelernt. Das Spiel am Sonntag wird das 28. große Finale des Schweizers sein und das sechste in Melbourne nach fünf Siegen und einer beweinten Niederlage 2009 gegen Nadal.

Grigor Dimitrov wird heute (9 Uhr MEZ) gegen den Spanier um den Einzug ins Finale spielen, und er weiß, dass er dabei in mancherlei Hinsicht einen schweren Stand haben wird. Er ist einer, den die Leute mögen, aber das wird gegen eine Welle von Sympathie für Nadal nicht genügen. Auch Federer mag den Mann aus Bulgarien, aber die Verbindung, die in den Jahren der großen, freundschaftlichen Rivalität mit Nadal entstanden ist, ist halt sehr eng. „Ich bin sein größter Fan“, sagt Federer, „es wäre einfach unglaublich, wenn wir wieder im Finale gegeneinander spielen könnten.“ Er erinnert daran, wie er im Oktober bei der Einweihung der Akademie des Konkurrenten auf Mallorca mit Nadal darüber geredet hatte, wie schön es wäre, noch mal so ein großes, gemeinsames Ding zu drehen. Damals hätten beide nicht viel mehr drauf gehabt, als mit Junioren Minitennis zu spielen – er auf einem Bein, der andere mit lädiertem Handgelenk. Aber auf einmal sei alles wieder möglich.

Natürlich ist er nach zwei Fünfsatzspielen jetzt nicht mehr so frisch wie zu Beginn des Turniers; was auch die Behandlungsauszeit vor dem fünften Satz gegen Wawrinka zeigte. „Aber wenn ich nach diesem Finale fünf Monate nicht mehr laufen kann, ist es auch egal“, sagt Federer. Was man mit den richtigen Pausen anstellen kann, das weiß er ja nun.


+++ Melbourne, den 26.01.2017 / 11. Update +++

Von Doris Henkel

Mit jeder Reaktion, jedem Blick, jedem Zeichen von Ärger, Frust oder Freude erinnerte er an den Rafael Nadal früherer Zeiten. Wie oft hatte man ihn in den vergangenen Jahren mit traurigen, leeren Augen gesehen, weil er nicht so konnte, wie er wollte und weil er unsicher war, ob er es jemals wieder schaffen würde. Es ging ihm dabei gar nicht in erster Linie um irgend welche Titel; er litt unter dem Gefühl, sich nicht mehr so wie früher auf seinen Körper und seinen kämpferischen Geist verlassen zu können. Es ist auch jetzt noch nicht klar, ob er wieder stark genug in Form ist, um vielleicht den 15. Grand-Slam-Titel seiner Karriere gewinnen zu können. Aber er sieht immer öfter wieder aus wie der echte Rafael Nadal, und das allein bedeutet schon verdammt viel.

Der Sieg am Mittwochabend in Melbourne gegen Milos Raonic (6:4, 7:6, 6:4) zeigte, dass der Spanier vielleicht in manchen Momenten nervöser reagiert als früher, aber in den entscheidenden Situationen war er konsequenter als der Kanadier. Jene sechs Satzbälle, die Raonic im zweiten Satz vergab, stellten die Weichen zu Nadals Sieg, und was dieser Sieg bedeutete, sah man an dessen Reaktion. Ein Kniefall für den Einzug ins Halbfinale, das sagte mehr als alle Worte hinterher. Bei den French Open in Paris 2014, die er ein paar Tage später zum neunten Mal gewann, hatte er zuletzt im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers gespielt – das ist mehr als zweieinhalb Jahre her.

Nachdem in der ersten Woche bereits Novak Djokovic (Nr. 2) und Andy Murray (Nr. 1) verloren hatten, ist nun auch die Nummer drei (Raonic) nicht mehr im Spiel, und eine solche Konstellation gab es bei Grand-Slam-Turnieren schon ziemlich lange nicht mehr. Der letzte Eintrag in dieser besonderen Rubrik stammt aus dem Jahr 2002, als in Melbourne ebenfalls keiner der drei nominell Besten im Halbfinale landete und am Ende die Nummer 16 gewann, der biedere Thomas Johansson aus Schweden. Aber irgendwie ist die Rechnung ja ein wenig schief. Denn wer wollte allen Ernstes behaupten, Roger Federer habe in dieser Woche wie die Nummer 17 der Welt gespielt?

Rafael Nadal, das steht jetzt schon fest, wird nach dem Turnier auf Platz sechs vorrücken, Raonic wird die drei an Stan Wawrinka verlieren, aber darum geht es natürlich nur am Rande. In die Altersdiskussion passt die Tatsache, dass drei der vier Halbfinalisten älter als 30 sind – Federer, Nadal und Wawrinka. Bei den Frauen war das Verhältnis noch auffälliger mit Venus Williams (36), Serena Williams (35) und Mirjana Lucic-Baroni (34), die mit ihrem Erfolg die bewegendste Geschichte des Turniers schreibt.

Der Jüngste im Quartett der Männer, Grigor Dimitrov, wird in seiner jugendlichen Frische von 25 Jahren am Freitag Nadals Gegner im Halbfinale sein. Auch Dimitrovs Platz in der Rangliste (15) passt nicht zur aktuellen Leistung. Der Bulgare gewann den Titel beim Vorbereitungsturnier in Brisbane, seine Bilanz in diesem Jahr steht bei 10:0, und nach einer längeren Phase mit diversen Achterbahnfahrten spielt er nun wieder so stark wie zu seiner besten Zeit vor drei Jahren, als er zu den Top Ten gehörte.

Dimitrov hat eine Menge Fans, nicht nur weibliche, aber er wird in der Partie gegen Nadal die gleiche Rolle spielen wie Stan Wawrinka im ersten Halbfinale heute gegen Roger Federer. Die Zuneigung und Liebe der Australier für Federer und Nadal lässt wenig Platz für Konkurrenten und Rivalen, und natürlich träumen die Romantiker längst von einer Wiedervereinigung der alten Rivalen Federer und Nadal im Finale – dem ersten bei einem Grand-Slam-Turnier seit dem Endspiel der French Open 2011.
Die Halbfinals der Männer finden wie seit Jahren in Melbourne üblich an unterschiedlichen Tagen statt, und Nadal, der erst am Freitag dran ist, hätte Zeit, sich die Begegnung der Schweizer an diesem Donnerstag anzusehen. Wird er es tun? Was für eine Frage. „Ich liebe diesen Sport mehr als alles andere“, sagt der Spanier. „Wer keine Lust hat, sich dieses Spiel anzusehen, der mag Tennis nicht allzu sehr.“


+++ Melbourne, den 25.01.2017 / 10. Update +++

Von Doris Henkel

Manchmal hatte er das Gefühl, von allen Zuschauern habe er die beste Aussicht auf das Spiel. Aus nächster Nähe sah Mischa Zverev zu, wie auf der anderen Seite Kunst produziert wurde, und oft genug dachte er: Danke, zu gut. Aber dieser Abend des Viertelfinales der Australian Open wird ihm sicher nicht nur deshalb in Erinnerung bleiben, weil er Roger Federer beim der Arbeit im Atelier zusehen durfte. Er konnte stolz darauf sein, was er bei diesem Turnier geleistet hatte, dass er eine Menge Leute mit seinem konsequenten Angriffsspiel begeistert hatte und alle eines Besseren belehrt hatte, die seit vielen Jahren predigen, mit Serve&Volley sei im Männertennis kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Manchmal ist das Spiel mit der Statistik eine ebenso nette wie aussagekräftige Angelegenheit. 439 Mal tauchte Zverev in seinen fünf Partien in Melbourne am Netz auf, im Schnitt knapp 88 Mal. In der Begegnung mit Federer erreichte er den Schnitt nur deshalb nicht (75), weil sich der Schweizer nicht mehr als drei Sätze Zeit nehmen mochte. Rechts und links rauschten die Returns und Passierbälle an Zverev vorbei, vor allem im ersten Satz. „Es gab schon Momente, in denen ich dachte: Das kann nur er“, meinte er hinterher. Das Verhältnis zwischen Siegschlägen und unerzwungenen Fehlern gibt oft einen guten Hinweis auf die Qualität eines Spiels, und dieses Verhältnis sah bei Zverev am Ende weiß Gott nicht schlecht aus: 30:13. Aber Federers Wert von 65:13 ist abenteuerlich gut – die Arbeit eines Goldschmiedes mit Feingold von 24 Karat.

Im zweiten Satz sah die Sache für den Außenseiter deutlich besser aus, und die Leute in der Rod Laver Arena, darunter der Namensgeber persönlich, sahen in diesem Satz, warum dieser Deutsche, von dem sie vor dem Turnier kaum etwas gehört hatten, im Viertelfinale gelandet war. Interessant war hinterher Zverevs Antwort auf die Frage, wie man den Leuten denn erklären könne, warum er zwei Tage zuvor gegen die Nummer eins des Tennis, Andy Murray, gewonnen, gegen Federer, der im Moment nur auf Platz 17 steht, aber in drei Sätzen verliere. „Andy kann nicht so beschleunigen mit dem Handgelenk. Federer kann im letzten Moment die Richtung ändern, das ist viel schwerer zu lesen. Außerdem hat er ungefähr acht verschiedene Aufschläge, und sein zweiter Aufschlag ist besser und schneller.“

Nach anderthalb Stunden war alles vorbei (1:6, 5:7, 2:6), aber schon auf dem Weg in die Kabine dachte Zverev darüber nach, was er in der nächsten Zeit besser machen könne, um weiter nach vorn zu kommen. Was er in Melbourne zeigte, soll der Maßstab für alles weitere sein, und er ist zuversichtlich, dass noch eine Menge möglich ist – sofern er nicht wieder von einer Verletzung gestoppt wird, wie so oft in seiner ungewöhnlichen Karriere. „Zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier, vielleicht ist das ja mein Potenzial“, sagt er. In der neuen Weltrangliste wird er nächsten Montag auf Platz 35 stehen, als drittbester Deutscher nach seinem Bruder Alexander (22) und Philipp Kohlschreiber (29).

Da liegt es auf der Hand, dass er zur Mannschaft des Deutschen Tennis Bundes (DTB) für die Partie der ersten Runde im Davis Cup gehört. Ende kommender Wochen spielen die Deutschen in Frankfurt gegen Belgien, und Zverev wird mit viel breiterer Brust dabei sein als bei seiner bisher einzigen Berufung vor acht Jahren gegen Spanien in Marbella. „Diesmal“, so sagt er, „gehöre ich richtig dazu, nicht so wie damals, weil 17 Leute abgesagt hatten.“ Vielleicht wird ihm auch das Lob von Roger Federer noch ein bisschen in den Ohren klingen, der fand, Mischa Zverev habe ein unglaubliches Turnier gespielt und er habe sich wirklich seht für ihn gefreut.

Für den Goldschmied wird die Sache jetzt ein bisschen massiver. Federer versichert, nicht im Traum habe er damit gerechnet, beim ersten Grand-Slam-Turnier nach sechs Monaten Pause im Halbfinale zu landen, und er habe überhaupt erst vor ein paar Tagen begriffen, dass irgendwann Stan Wawrinka seinen Weg kreuzen würde. „Stan im Halbfinale – da hätte ich ja gesagt. Aber doch nicht ich.“

Vielleicht ist da ein klein wenig Understatement im Spiel, aber fest steht, dass dieses Halbfinale am Donnerstag nicht nur für Swiss Tennis, den Verband der Eidgenossen, vom größtem Interesse ist. Sechsmal begegneten sich die beiden bisher im Rahmen eines Grand-Slam-Turniers, Federer führt 5:1, und er gewann auch die bisher letzte gemeinsame Partie im Halbfinale der US Open 2015. „Damals“, sagt Wawrinka, „hat er mich abgeschossen.“ Im Spiel davor bei den French Open in Paris im gleichen Jahr war es umgekehrt. Hört sich nach einer perfekten 50:50-Konstellation an.


+++ Melbourne, den 24.01.2017 / 9. Update +++

Von Doris Henkel

Zum Unterhaltungsprogramm großer Turniere gehören Interviews der Sieger auf dem Platz. Je nachdem, wer das Mikrofon in der Hand hat und wie viel Spaß der Spieler an diesem Dessert hat, schwankt der Unterhaltungswert zwischen null und zehn. Doch einen so echten und puren Moment wie am Montag in der Margaret Court Arena mit Mirjana Lucic-Baroni erlebt man selten. Ihre Botschaft an alle da draußen , die gerade in Schwierigkeiten stecken: „Zur Hölle mit allem alles und zur Hölle mit jeden, der dir erklären will, du könntest irgendwas nicht tun. Zeig dich und versuch es mit ganzem Herzen.“

Es ist die nicht ganz stubenreine, aber kostbare Wahrheit einer Frau von 34 Jahren, die viel erlebte und für vieles schmerzhaft bestraft wurde. Als die Kroatin 1998, mithin vor 19 Jahren, in Melbourne den Titel im Doppel an der Seite von Martina Hingis gewann, war sie 15. Auf den Siegerfotos mit der zwei Jahre älteren Schweizerin sieht sie wie ein lustiger Teenager aus, fast ein wenig kindlich mit Pony und Pferdeschwanz. Heute sagt sie, wenn sie dieses Bild anschaue, habe sie das Gefühl, der Sieg liege ein Leben lang zurück.

Ein paar Monate später gewann sie ihren ersten Titel auf der WTA-Tour, verteidigte ihn ein Jahr später und fiel einem größeren Publikum auf, als sie 1999 in Wimbledon das Halbfinale erreichte und in drei Sätzen gegen Steffi Graf verlor. Mit 16 gehörte sie zu den besten 40 der Weltrangliste, und es sah so aus, als werde diese Reise zügig weitergehen.

Aber die frühen Erfolge führten nirgendwo hin; sie waren nur Randerscheinungen einer fürchterlichen Entwicklung innerhalb ihrer Familie. Bald danach verschwand Mirjana Lucic von der Bildfläche. Wie sich viel später herausstellte, flüchtete sie mit ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern vor ihrem gewalttätigen Vater Marinko, dem sie vorwarf, er habe sie zehn Jahre lang physisch und psychisch terrorisiert, habe sie geschlagen und habe ihr darüber hinaus auch das Geld gestohlen, was sie als Profi verdient hatte.

1998 beantragte Lucis Mutter für sich und die fünf Kinder in den USA politisches Asyl, doch davon wusste kaum jemand, als sie im Jahr darauf in Wimbledon so erfolgreich spielte. Der Zusammenbruch folgte später, und die ganze Geschichte lag jahrelang wie ein böser Fluch auf ihrem Leben. Jahrelang spielte sie nur sporadisch, doch sie sagt, obwohl sie viele Tränen vergossen habe, habe sie nie daran gedacht, ganz aufzuhören. „Ich glaube, viele hätten in meiner Situation aufgegeben, aber ich hab es nicht getan, und darauf bin ich mächtig stolz.“ Auch als sie wieder regelmäßiger spielte, ging es ihr nicht besonders gut. Die bisweilen glamourös wirkende Welt des großen Tennis hat mit den sehr einfachen, manchmal deprimierenden Bedingungen bei kleineren Turnieren nicht viel zu tun. „Du spielst auf Platz 37, hast nur im dritten Satz neue Bälle, es gibt keine Ballkinder, keine Schiedsrichter, und du kämpfst um ein Preisgeld von 55 Dollar.“ Das hat sich, seit sie wieder für größeren Turniere qualifiziert ist, geändert, aber erst neulich sagte sie ihrem Coach, sie werde nie wieder bei einem Challenger antreten. „Wenn ich es bei den Großen nicht schaffe, dann war es das und ich höre auf.“

Aber so schwer es manchmal war, irgendwo am Rande der Walachei um ein paar Punkte und einen Scheck zu spielen, der nicht mal für den nächsten Einkauf reicht – eine gute Schule, sagt Mirjana Lucic, sei das allemal gewesen. Vielleicht könne es nicht schaden, es härte ab. Seit sechs Jahren ist sie wieder regelmäßig dabei, die besten Resultate in dieser Zeit waren der Gewinn des Titels beim Turnier in Quebec City – 16 Jahre nach dem Gewinn ihres ersten Titels auf der WTA-Tour – und das Erreichen der vierten Runde bei den US Open 2014. Seit 2010 ist sie mit dem Besitzer zweier italienischer Restaurants in Sarasota/Florida glücklich verheiratet, und in letzter Zeit sieht es tatsächlich so aus, als sollte sie für ihre Leidensfähigkeit im ersten Teil ihres Lebens und Beharrlichkeit im zweiten nun im dritten den Lohn einfahren.

In Melbourne wird die Geschichte von Tag zu Tag besser. Der Sieg in Runde eins war ihr erster bei den Australian Open seit 1998, in Runde zwei besiegte sie eine der Mitfavoritinnen, Agniezska Radwanska, und mit dem souveränen Erfolg am Montag gegen die Amerikanerin Jennifer Brady landete sie im Viertelfinale. An ihrer grenzenlosen Freude nach dem Matchball hätte man sich wärmen können – wenn das Thermometer an diesem Tag nicht ohnehin 36 Grad angezeigt hätte. In Viertelfinale wird Mirjana Lucic-Baroni am Mittwoch gegen die Tschechin Karolina Pliskova spielen, und sollte sie auch dieses Spiel gewinnen, würde sie nach dem Turnier wieder zu den besten 40 der Welt gehören – so wie damals am Anfang. Doch die kleine, kindliche Freude der Vergangenheit ist kaum zu vergleichen mit dem sichtbaren Glück der Gegenwart.


+++ Melbourne, den 23.01.2017 +++

Von Doris Henkel

In vier Tagen endet im chinesischen Kalender das Jahr des Feueraffen; über die Dinge, die weltweit in diesen verrückten zwölf Monaten passierten, denkt man besser nicht nach. Auf der vergleichsweise harmlosen Ebene des Tennis gab der Feueraffe in der letzten Woche noch mal gewaltig Gas. Drei Tage nach der Niederlage von Novak Djokovic verabschiedete sich auch die Nummer eins des Turniers, Andy Murray, mit berückend altmodischem, unwiderstehlichem Volleyspiel zum Ausgang gebeten von Mischa Zverev. Den Volleykünstlern früherer Tage ging das Herz auf, John McEnroe erklärte dem Sieger im Kabinengang, er sei jetzt sein Lieblingsspieler, von anderen Fachleuten wurde er mit dem Australier Pat Rafter oder Wimbledonsieger Richard Krajicek verglichen; die Begeisterung nahm lange kein Ende.

So weit vorn am Netz wie Mischa Zverev spielt unter den Besten heutzutage keiner mehr. Die Aggression kommt von der Grundlinie, alles andere, so die mehrheitliche Meinung, sei wegen des größeren Tempos im Spiel zu gefährlich. Zverev sagt, es dauere einfach länger, das Serve-und-Volleyspiel zu entwickeln, am Anfang werde man halt oft passiert, und das sei für junge Leute nicht leicht zu ertragen. Die letzte Lektion in dieser Angelegenheit erlebte er erst kürzlich beim Turnier in Brisbane, als Rafael Nadals Bälle rechts und links an ihm vorbei rauschten und er einssechs, einssechs verlor. Aber gegen Murray habe es keine andere Chance, keinen Plan B gegeben. „Ich kann gegen ihn nicht hinter der Grundlinie spielen und versuchen, lange Ballwechsel zu gewinnen. Dazu ist er körperlich viel zu stark.“ Die richtigen Schlüsse zu ziehen ist eine Sache; schon daran scheitern viele. Aber diese Schlüsse in die Tat umzusetzen, einen Mann wie Murray dermaßen zu verwirren und in die Defensive zu drängen, das gehört zu einer ganz anderen Liga. Beim Sieg im besten Spiel seines Lebens (7:5, 5:7, 6:2, 6:4) gewann Mischa Zverey mit jedem schlauen Angriff, mit jedem klassischen Rückhandvolley ein paar Fans mehr, und am Ende hatte er sie alle in der Tasche.

Spätestens Mitte des vierten Satzes war klar, dass die Sache für Murray brenzlig werden würde. Seit 2011 hatte er in Melbourne nur einmal gegen einen anderen als Novak Djokovic verloren, und nach dessen Abschied in der vergangenen Woche schien die Aussicht auf den ersten Titel in Australien größer denn je zu sein. Aber genauso, wie sich vor ein paar Tagen gegen Ende der Partie niemand vorstellen konnte, dass Denis Istomin das Ding durchziehen und Novak Djokovic besiegen würde, schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Murray sich behaupten würde. Aber das ließ Mischa Zverev nicht zu. Es sei weniger die Zahl der Netzangriffe (118, davon 65 mit Erfolg) gewesen, die ihm zugesetzt hätte, sagte der Schotte hinterher. „Jedesmal, wenn ich ihn unter Druck gesetzt hab, hat er großartig reagiert. Er hat es verdient, jetzt in der nächsten Runde zu sein.“

Mischa Zverev, der vor zehn Jahren in Melbourne sein erstes Spiel bei bei einem Grand-Slam-Turnier gewann und danach in sechs Jahren insgesamt nur noch vier, zitterte nicht. Selbst von einem abenteuerlichen Fehler bei einem Schmetterball, den er aus nächster Nähe ins Netz drosch, ließ er sich nicht verwirren. Er gönnte sich noch mal einen Blick auf die Tribüne, wo er seine Mutter Irina selbst in dieser Situation lächeln sah. Die Mutter lächelnd, der Vater wie immer bei den Spielen des älteren Sohnes angespannt und hochkonzentriert, der Rest der Truppe, darunter sein Bruder Sascha, einigermaßen entspannt. 24 Stunden zuvor hatte die Kombo mit Ausnahme der Mama beim Spiel des Jüngeren gegen Rafael Nadal zugesehen – der Kleine verlor in fünf eindrucksvollen Sätzen. Ihrem Jüngsten zuzusehen, das schafft Irina Zvereva bis heute nicht, beim Älteren ist sie verblüffend entspannt. Wie es ihr in der letzten Viertelstunde des Spiels ging? „Ich war ruhig und hab gedacht, er macht das; eine Mutter merkt, was los ist.“

Nach dreieinhalb Stunden landete Andy Murrays letzter Return im Aus, Zverev nahm in stiller Freude den Glückwunsch der besiegten Nummer eins entgegen, und die Zuschauer feierten den Sieger. Der nahm auf dem Weg in die Kabine weitere Glückwünsche entgegen, und anderem auch den seines neuen Fans McEnroe. Man kann ihm wohl glauben, dass er sich bis zum Viertelfinale gegen Roger Federer, der am Sonntag in fünf Sätzen gegen Kei Nishikori gewann, wieder sortiert haben wird; der Erstgeborene des Familienunternehmens Zverev ist kein Typ, der sich leicht durcheinander bringen lässt. Die Erinnerung an die letzte gemeinsame Begegnung mit Roger Federer lässt ihn glauben, es sei ein wenig Vorsicht angebracht; im Sommer 2013 verlor er bei den Gerry Weber Open in Halle nullsechs, nullsechs. Wenn in einer Woche die neue Weltrangliste erscheint, wird er seinen Namen mindestens auf Platz 35 finden, sollte er tatsächlich auch noch gegen Federer gewinnen, könnte er unter den besten 30 in der Nähe seines kleinen Bruders landen. Nicht zu glauben, diese Geschichte eines langen Anlaufs und eines späten Glücks.

Aber mindestens genauso unglaublich ist die Tatsache, dass die zweite Woche der Australian Open ohne die nominellen Spitzenleute stattfinden wird. So was passiert bei einem Grand-Slam-Turnier zum ersten Mal seit den French Open 2004, als Federer und die damalige Nummer zwei der Welt, Andy Roddick, früh verloren. Die übereinstimmende Einschätzung vor Beginn des Turniers, Murray und Djokovic spielten zur Zeit in einer eigenen Liga, führte in die Irre. Stattdessen taucht eine romantische Vorstellung am Horizont hinter der Rod Laver Arena auf. Wird es fast sechs Jahre nach der letzten Auflage vielleicht noch mal ein großes Finale mit Roger Federer und Rafael Nadal geben?

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Es war klar, dass diese Sache schwierig werden würde. Wenn zwei Spielerinnen aufeinander treffen, von denen die eine an sich zweifelt und drei Runden lang nur mit überraschend großer Mühe gewinnt, die andere dagegen mit breiter Brust und mit massivem Selbstbewusstsein aus der entgegen gesetzten Richtung kommt, dann spielt es keine große Rolle, wer die Nummer eins und wer die Nummer 35 ist. Und so kam es, das CoCo Vandeweghe am Sonntagabend in Melbourne in zwei ernüchternd klaren Sätzen gegen Angelique Kerber gewann; nur 68 Minuten brauchte die Amerikanerin zum 6:2, 6:3 gegen die Titelverteidigerin aus Kiel.

Beim Sieg zwei Tage zuvor gegen die weniger starke der Pliskova-Zwillinge, Kristyna, hatte Kerber zwar einen besseren Eindruck hinterlassen als in der Runde zuvor beim deutschen Spiel gegen Carina Witthöft. Besser, aber nicht überzeugend. Sie versicherte in der ersten Woche immer wieder, natürlich könne sie besser spielen, aber sie wolle sich nicht unter Druck setzen und sie vertraue darauf, dass es von Spiel zu Spiel besser werden würde. Doch ihre Gegnerin hatte im Achtelfinale anderes im Sinn. Das Wort Zweifel kommt im Wortschatz der extrem von sich überzeugten Amerikanerin nicht vor, und das sieht man sehr deutlich auf dem Platz. Von der früheren Fed-Cup-Chefin der Amerikanerinnen, Mary-Joe Fernandez, stammt die Aussage: „Viele Leute brauchen Siege, um Selbstvertrauen aufzubauen. Sie hat Selbstvertrauen, und das ist der Grund, warum sie gewinnt.“

Das passte in diesem Fall wie die Faust aufs Auge. Im vergangenen Jahr hatte sich Angelique Kerber nach dem abgewehrten Matchball in der ersten Runde mit jedem weiteren Sieg befreit. Diesmal war es so, dass die alles in allem nicht überzeugenden Siege die Last auf dem Weg zur erhofften Titelverteidigung von Tag zu Tag schwerer machten. Ein Blick in ihr Gesicht zeigte schon Mitte des ersten Satzes, wie sehr sie zweifelte, wie verkrampft sie war. Nach wenig mehr als einer halben Stunde war der erste Satz weg, Colleen (CoCo) Vandeweghe marschierte mit frechem Ausdruck und großen Schritten voran.

Im zweiten Satz saß es zehn Minuten lang etwas besser aus im Spiel von Angelique Kerber, doch als der anderen zwei, drei starke Punkte gelangen, war es gleich wieder vorbei damit. Ihre Bälle landeten in der Komfortzone der Herausforderin, die bedankte sich und knallte sie ins Feld. Vandeweghe holte Kerbers frühes Break auf, glich zum 3:3 aus, und der Rest ging dann sehr schnell. Sie zog auf 5:3 davon, schlug ein Ass zum ersten Matchball, und registrierte dann mit einem interessierten Bick, wie Kerbers letzter Ball im Aus lande. Sie breitete die Arme aus, als wollte sie sagen: Na, Leute, wie hab ich das gemacht? War das schwer?

Hinterher sagte Kerber, sie habe überhaupt kein Gefühl für den Ball gehabt, habe alles versucht, aber zuviel vergeben. „Es gibt gute und schlechte Tage, dieser war nicht gut.“ Das weitere Szenario wird sie aus der Ferne verfolgen. Sollte Serena Williams am kommenden Samstag den Titel gewinnen, dann wäre Angelique Kerber die Führung in der Weltrangliste wieder los. Daran, so sagt sie, denke sie im Moment nicht, das sei ja ohnehin nur eine Zahl vor ihrem Namen. Irgendwann sollte sie sich mit den Gründen für ihre spürbare Nervosität bei diesem Turnier beschäftigen. Eine Nervosität, die mal zugenommen hatte und dann wieder abgeflaut war, die aber nie ganz verschwand.

So endete die Mission Titelverteidigung am Ende eines Tages, an dem auch die Nummer eins bei den Männern verlor, Andy Murray. Angelique Kerber meinte, das sei wieder eine neue Erfahrung gewesen, aber in neuen Erfahrungen liege eben auch eine Herausforderung. In den vergangenen Jahren hatte sie aus Rückschlägen gelernt. Wäre es im 2016 nach der Niederlage in der ersten Runde in Paris bei einem Grand-Slam-Titel geblieben, dann müsste man sich jetzt vielleicht Sorgen machen. Aber so war es ja nicht, und es gibt keine Grund zu glauben, dass sie die Dinge nicht auch in diesem Jahr mit ein wenig Abstand wieder reparieren kann.


+++ Melbourne, den 21.01.2017 +++

Von Doris Henkel

Ein guter Coach ist nicht billig. Einen Mann wie Ivan Lendl, der für Andy Murray arbeitet, können sich die wenigsten Spieler leisten, und selbst in der Liga darunter geht unter 100.000 Dollar im Jahr nicht viel. Natürlich ist das alles nicht gerecht; wer genügend Geld für einen Spitzentrainer hat, der muss vorher schon ziemlich erfolgreich gewesen sein und wird danach im besten Fall noch erfolgreicher spielen. Aber nach dem System funktioniert ja die halbe Welt – wer hat, dem wird gegeben. Mischa und Sascha Zverev sind in einer glücklichen Lage, sie müssen sich über zusätzliche Ausgabe keine Gedanken machen. Die beiden haben das Tennisspielen bei Vater und Mutter gelernt, und sie werden nach wie vor von beiden Elternteilen trainiert.

Dieser Tage in Melbourne ist das Hamburger Familienunternehmen so erfolgreich wie nie zuvor. Mischa erreichte am Freitag im zarten Alter von 29 zum ersten Mal in seiner Karriere das Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers, einen Tag vor dem Spiel seines zehn Jahre jüngeren Bruders in der dritten Runde gegen Rafael Nadal. Unabhängig davon, wie die Sache weitergeht, wird der große Bruder nach dem Ende des Turniers auf einer neuen besten Position in der Weltrangliste landen. Die alte – 45 – stammt aus dem Sommer 2009, und es hatte während einer Serie von Verletzungen lange Zeit nicht so ausgesehen, als sollte er jemals weiter nach vorn kommen. Das sei immer sein Traum gewesen, sagt Mischa Zverev, aber er weiß auch, dass diese Geschichte noch weitergehen kann – wenn nicht in Melbourne, dann irgendwo anders auf die diesem Planeten. Den Sieg in vier Sätzen gegen den Sportler des Jahres aus Tunesien, Malek Jaziri, erlebte er nicht so emotional wie den Coup zwei Tage zuvor gegen den langen John Isner aus den USA. Nie zuvor, sagt er, hätten ihm so viele Spieler zu einem Spiel gratuliert, und es gibt kein größeres Lob für Sportler als das ihrer Konkurrenten.

Für die Nerven der Eltern spielt es keine Rolle, ob die Sprösslinge auf einem Platz an den Bahngleisen oder auf dem Centre Court spielen, aber genau der Wechsel steht Mischa Zverev nun für die Partie gegen die Nummer eins bevor. Er hat so eine Vorstellung, wie das aussehen könnte: „Ich komme rein und kriege ein bisschen Beifall – Andy kommt rein und kriegt den ganzen Beifall. Und schon liege ich zwei Breaks hinten.“ Die Elterndichte wird relativ hoch sein, denn nur ein paar Meter von den Zverevs entfernt wird Judy Murray auf der Tribüne sitzen, die mit ihren Söhnen Jamie und Andy bei der Tennisausbildung einen ebenso erstklassigen Job machte wie die Zverevs.

Die Familien kennen sich lange, Mischa und Andy spielten schon bei den Junioren gegeneinander, sie gehören zum gleich Jahrgang, und Mischa erinnert sich, er habe es schon damals mit Serve und Volley probiert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Er spielt einen ganz anderen Stil als die meisten Jungs“, sagt Murray. „Die Leute behaupten, so kannst du heutzutage nicht mehr spielen, wenn du Erfolg haben willst, aber er hat genau das in den letzten paar Monaten getan.“

Aus eigener Erfahrung weiß er, wie es ist, einen starken Trainingspartner in der Familie zu haben. Auch bei den Murrays ist der Jüngere der bessere Spieler, obwohl Jamie schon schon fünf Jahre vor Andy einen Grand-Slam-Titel in der Tasche hatte, wenn auch nur im Mixed. Judy Murray ist schon lange nicht mehr für das Training ihrer Söhne zuständig, aber es hört sich so an, als halte Andy die Arbeitsverteilung im Hause Zverev nach wie vor für ideal. „Sie werden von beiden Elternteilen gecoacht – das ist einfach schön zu sehen. Wie bei Denis Istomin, der von seiner Mutter betreut wird. Es wird immer Leute geben, die es besser finden, einen Coach zu haben, der nicht aus der Familie kommt – aber warum sollten sie etwas ändern? Es läuft doch bei beiden toll.“

Natürlich erinnert der völlig überraschende Sieg von Denis Istomin gegen Novak Djokovic daran, sich mit Aussagen zu vermeintlich eindeutigen Konstellationen zurück zu halten. Aber Mischa Zverev unterschreibt die Aussage, er werde als Außenseiter in die Partie mit Andy Murray gehen. Er behauptet, der Ausgang werde in erster Linie von der Nummer eins abhängen, er dürfe es aber auf keinen Fall zu aggressiv versuchen. „Bei Sascha würde ich sagen: Geh drauf, aber wenn ich drauf gehe, sieht das lächerlich aus.“ Es herrscht ein gewisser Konsens in der Welt des Tennis, wonach der kleine Zverev im Vergleich mit dem größeren der bessere Spieler sei. Aber wenn es um witzige Beschreibungen, Einsichten, Aussichten und Lebensweisheiten geht, dann ist der Große dem Kleinen Längen voraus. Das ist bei den Murrays anders. Jamie spielt vielleicht ein wenig geschickter mit Sätzen und Worten, aber Andys extrem direkte Art hat auch ihren Reiz.


+++ Melbourne, den 20.01.2017 +++

Von Doris Henkel

Ein freundlicher Mann mit einer gelb umrandeten Brille, der von seiner Mutter trainiert wird, 30 Jahre alt ist und noch nie ein großes Ding gewann, machte das Spiel seines Lebens. Und dennoch – hätte sich allen Ernstes jemand vorstellen können, dieser Denis Istomin aus Usbekistan vom Weltranglistenplatz 117 werde in der zweiten Runde der Australian Open den Titelverteidiger besiegen? Keinen anderen als Novak Djokovic, der im Melbourne Park in den vergangenen neun Jahren sechs Titel gewonnen hatte, davon allein fünf in den letzten sechs? Aber die Realität ist im Sport zum Glück manchmal verrückter als die Fantasie, und so verlor der haushohe Favorit in fünf denkwürdigen Sätzen (6:7, 7:5, 6:2, 6:7, 4:6).

Vor zwei Wochen hatte Djokovic beim Turnier in Doha den ersten Titel in diesem Jahr mit einem eindrucksvollen Sieg gegen die Nummer eins, Andy Murray, gewonnen, und das schien ein Hinweis darauf zu sein, dass wieder mit ihm zu rechnen sei. Es sah so aus, als sei die Krise der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres mit den frühen Niederlagen in Wimbledon und bei den Olympischen Spielen vorbei. Boris Becker, der ihn drei Jahre betreute, sprach nach der Trennung darüber, Djokovic habe nach dem emotionsreichen Titelgewinn bei den French Open in Paris nicht mehr so trainiert, wie es nötig gewesen sei. Über die Gründe der Trennung zum Jahresende nach einer höchst erfolgreichen Zeit sprachen beide in der Öffentlichkeit nicht.

Es gab eine Menge zu bestaunen in den knapp fünf Stunden dieses Spiels der zweiten Runde in der Rod Laver Arena. Istomin gewann nicht nur den ersten Satz, sondern beinahe auch den zweiten, doch er vergab zwei Satzbälle, und so was rächt sich gewöhnlich, wenn man Außenseiter ist. Aber er ließ sich nie abhängen. In der ersten Woche des Jahres hatte er bei einem Challengerturnier in Bangkok gegen einen Chilenen vom Weltranglistenplatz 191 verloren, und die Wildcard für die Australian Open hatte er mit Ach und Krach bei einem Playoff-Turnier für die Region Asien/Pazifik gewonnen – und nun spielte er auf einem Niveau mit dem Titelverteidiger. Die Zuschauer sahen, was da auf dem blauen Platz passierte, doch sie dachten, irgendwann werde der Moment kommen, in dem Djokovic den Gegner an die Wand drängen würde.

Doch das passierte nicht, denn dem Titelverteidiger fehlte die unerbittliche Intensität der vergangenen Jahre. Boris Becker, der in diesem Jahr während der Australian Open als Experte für Eurosport tätig ist, fand seinen ehemaligen Partner viel zu defensiv und meinte, der habe geradezu abwesend gewirkt. Djokovic zeigte Istomin nicht, wer Herr in diesem Hause ist; er versperrte den Eingang nicht, wie er es früher getan hätte, sondern öffnete die Tür immer wieder einen Spalt breit. Mit einem frühen Break im fünften Satz verschaffte sich Istomin eine erstklassige Ausgangsposition, und als die Kontrahenten beim Stand von 5:4 zum letzten Mal die Seiten wechselten, war für den Außenseiter klar: Jetzt oder nie. Bei diesem letzten Seitenwechsel saß Novak Djokovic mit geschlossenen Augen auf der Bank und versuchte sich zu konzentrieren, und es wirkte angesichts der bedrohlichen Lage wie blanke Ironie, als aus den Lautsprechern der Arena die Musik des Fernsehspots tönte, in dem der Serbe in Australien dieser Tage für eine Bank wirbt. Don’t worry, be happy.

Ein paar Minuten später sah Denis Istomin, wie der letzte Ball seines Gegners im Aus landete, und irgendwie konnte er die ganze Geschichte auch eine Stunde später noch nicht glauben. „Das ist irreal“, sagte er. Wenn ihm das einer prophezeit hätte? „Dann hätte ich gesagt: Bist du verrückt, oder was? Ich hätte mir unmöglich vorstellen können, physisch und mental fünf Sätze mit Novak mithalten zu können.“

Das hätte sich auch sonst kaum jemand vorstellen können. Die Wellen der Niederlage des Titelverteidigers schlugen jedenfalls fast so hoch wie 2013, als Roger Federer in Wimbledon in der zweiten Runde gegen Sergey Stachovskj aus der Ukraine verlor oder wie im Jahr zuvor bei der frühen Niederlage von Rafael Nadal an gleicher Stelle gegen den Tschechen Lukas Rosol. Und sie öffnen das Feld in der unteren Hälfte des Tableaus wie ein überdimensionales Scheunentor. Für Istomin geht die Abenteuerfahrt im Melbourne Park am Samstag mit der Bewährungsprobe gegen den Spanier Pablo Carreno Busta weiter, Novak Djokovic wird dann vermutlich schon zuhause in Monte Carlo angekommen sein. Er akzeptierte die Ereignisse mit Stil, aber er hatte es auch eilig, den Ort seiner schmerzhaftesten Niederlage bei diesem Turnier zu verlassen. Wo man ihn wiedersehen wird? Darüber mochte er nicht reden. Gemeldet hat er für das Turnier in Indian Wells, aber das beginnt erst Anfang März.

In Melbourne geht es ohne den Titelverteidiger weiter, und das dürfte dessen großer Konkurrent mit Interesse zur Kenntnis genommen haben. Viermal seit 2011 scheiterte Andy Murray beim Versuch, sich die Trophäe in Melbourne zu schnappen, an Novak Djokovic, zuletzt im vergangenen Jahre. Auf den ersten Blick sieht es nun so aus, als sei der Weg frei, aber das ist natürlich Unfug. Für den Schotten gibt es noch reichlich zu tun bei diesem Turnier, denn Denis Istomin ist nicht der einzige, der es drauf hat, ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. In diesem Fall ein freundliches Kaninchen mit einer gelben Brille.


+++ Melbourne, den 19.01.2017 +++

Von Doris Henkel

Es ging auf Mitternacht zu, und die Zuschauer fröstelten. Nach der brütenden Hitze vom Tag zuvor war auf einmal eine kalte Strömung um die Ecke gekommen, wie so oft in Melbourne. Die Margaret Court Arena war nicht mehr voll besetzt in der letzten halben Stunde der Partie zwischen Bernard Tomic und Victor Estrella Burgos, und der beste Mann der Karibik kämpfte wie immer mit Leidenschaft. Fast hätte er es geschafft, dem zwölf Jahre jüngeren Australier einen fünften Satz abzutrotzen, und wer weiß, wie die Sache dann ausgegangen wäre. Aber Tomic gewann den Tiebreak des vierten und damit das Spiel, und so konnten die Grüngelben immerhin halbwegs zufrieden nach Hause gehen.

Auf der Verlustliste des Tages standen ja schon zwei der Ihren. Mit der Niederlage des erst 17 Jahre alten Alex de Minaur gegen Sam Querrey aus den USA hatte man rechnen müssen. Der junge Mann sieht nicht nur so aus wie ein Chorknabe, er ist auch als Tennisspieler noch ein wenig grün hinter den Ohren. Ein großes Talent, ohne Zweifel, zudem ein junger Mann mit bemerkenswert guten Umgangsformen. Spötter meinen, das liege daran, dass er nicht in Australien zuhause sei; die Familie de Minaur lebt in Spanien, und Alex spricht mindestens so gut Spanisch wie Englisch.

Er ist in jeder Hinsicht der Gegenentwurf zu Nick Kyrgios, der mit seinem malaiisch-griechischen Hintergrund ein typischer Australier ist. Kyrgios spricht auch diverse Sprachen – die der Straße, der Basketballs und des Raps – aber man kann nicht behaupten, er könne sich immer verständlich machen. Selbst die Sprache, die er als Tennisspieler benutzt, scheint manchen ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Die Welt des Tennis ist sich einig, dass er das Zeug dazu hat, große Titel zu gewinnen, die Frage ist nur: Wann? Den Überlegungen, das könne vielleicht schon diesmal in Melbourne passieren, hatte Roger Federer vor ein paar Tagen widersprochen. „Dafür lässt er während eines Turniers zu sehr nach“ meinte der Schweizer. „Nick muss der Welt und sich selbst erst mal beweisen, dass er es in ein Grand-Slam-Halbfinale schaffen kann, dann sehen wir weiter.“

Bis zur nächsten Gelegenheit werden ein paar Monate vergehen. Am Mittwoch verlor Kyrgios in fünf Sätzen gegen den routinierten Südtiroler Andreas Seppi, obwohl er mit 2:0 Sätzen geführt hatte. Kyrgios und Seppi – das ist wie Feuer und Eis, Sonne und Mond, laut und leise, und 90 Minuten lang sah es so aus, als sei die Sache eine eindeutige Angelegenheit. Doch wie aus heiterem Himmel ließ der Australier Mitte des dritten Satzes drastisch nach, und in der Zeit danach sah es manchmal so aus, als spiele er ein Spiel, das er selbst nicht versteht. Zwischendurch lag er während eines Seitenwechsels halb auf seiner Bank und führte Selbstgespräche, und am Ende kam es so, wie es kommen musste: Er verlor trotz eines Matchballs, den Andreas Seppi mit einem mutigen Schuss abgewehrt hatte.

Als Nick Kyrgios die Arena verließ, buhten einige Zuschauer. Das habe weh getan, meinte er hinterher. Er habe Schmerzen gehabt und sei platt gewesen, aber vielleicht wirkt die Niederlage ja auf lange Sicht doch wie ein Gewinn. Bisher hatte es der Australier immer abgelehnt, mit einem festen Coach zu arbeiten. Er brauche seine Freiheit, sagte er dazu, er wolle sich von niemandem vorschreiben lassen, was er zu tun habe. Jetzt sieht er die Sache so: „Ich glaube, dass ich diesen Bereich ein bisschen ernster nehmen muss. In den Top 100 ist außer mir keiner ohne Coach, und ich denke, das muss sich ändern.“

Des weiteren scheint er begriffen zu haben, wie wichtig das grundlegende Training in der Winterpause ist und dass es nicht genügt, sich beim Basketball fit zu halten. Zumal er sich dabei zu allem Überfluss am Knie verletzte. Auch so was dürfe es in Zukunft nicht mehr geben.

Es kann also sein, dass die Konkurrenz die Folge eines kühlen Sommertages in Melbourne irgendwann spüren wird. Wenn Nick Kyrgios alles versteht, worum es in diesem Sport geht, dürfte es brenzlig werden.

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Vor einem Jahr verlor Mona Barthel in der ersten Runde der Australian Open gegen eine Amerikanerin vom Weltranglistenplatz 349, doch das war das kleinere Problem. Schon vor dem Flug nach Neuseeland und später nach Australien war es ihr nicht besonders gut gegangen; sie dachte, sie habe sich einen Virus eingefangen. Nach der Rückkehr fühlte sie sich schlechter und schlechter, und schließlich war sie so schwach, dass sie ohne Hilfe kaum noch das Bett verlassen konnte. Kein Arzt fand die Ursache, und die Sorge, ob sie irgendwann wieder Tennis spielen würde, war klitzeklein im Vergleich zur zunehmenden Angst, vielleicht nie wieder ein normales Leben führen zu können.

Das muss man wissen, um zu verstehen, mit welcher Freude Mona Barthel aus Neumünster dieser Tage feststellt, sich auf ihren Körper wieder verlassen zu können. Wieder rennen zu können, bis sich der Atem fast überschlägt, um jeden Ball zu kämpfen und am Ende noch Kraft für den entscheidenden Schlag zu haben. So wie am Mittwoch im Spiel gegen Monica Puig. In zwei souveränen Sätzen besiegte sie die Olympiasiegerin aus Puerto Rico, die im Finale in Rio de Janeiro gegen Angelique Kerber atemberaubend gut Tennis gespielt hatte. Diesmal sah die Sache anders, wie so oft in der Zeit nach den Olympischen Spielen. Für Barthel war es der fünfte Sieg in Melbourne nach jenen in der Qualifikation und dem Erfolg in Runde eins, und um eine ähnliche Serie von Siegen in ihrer Liste zu finden, muss man bis in den Sommer 2014 zurück gehen.

Sie weiß bis heute nicht, was genau damals die Ursache ihrer monatelang andauernden Schwäche war; irgendwann, als es ihr allmählich wieder besser ging, hatte sie beschlossen, nicht mehr danach zu suchen. Bei den French Open in Paris kehrte sie zurück, war noch ziemlich schwach auf den Beinen, und auch bei den restlichen Turnieren des Jahres merkte sie, dass eine Menge an Ausdauer und an Kraft fehlten. Im Herbst tat sie sich mit einem neuen Trainer zusammen, dem früheren Profi Chistopher Kas, der zuvor Sabine Lisicki betreut hatte. Sie sagt, er habe beim Training sehr viel Rücksicht auf ihre Form genommen und habe die Belastungen langsam gesteigert. Sie hat das Gefühl, nach wie vor noch nicht bei hundert Prozent ihres Leistungsvermögens angekommen zu sein, aber viel fehlt nicht mehr. Es habe gedauert, ihrem Körper wieder zu vertrauen, sagt sie. Aber seit sie spürt, wieder unter höheren Belastungen trainieren zu können, ist sie optimistisch.

Als sich Mona Barthel diesmal Ende Dezember auf den Weg nach Neuseeland und Australien machte, war ihr klar, dass sie nur über die Qualifikation im Hauptfeld landen würde. Sie schaffte es in Auckland, und sie schaffte es, was noch wichtiger ist, auch in Melbourne. „Quali spielen – das muss man einfach annehmen“, sagt sie. „Ich bin ja froh, dass ich überhaupt in die Quali gekommen bin.“ Bevor die Australian Open begannen, stand sie auf Platz 181 der Weltrangliste – ihre beste Position war die 23 im März vor vier Jahren -, mit dem Sprung in die dritte Runde wird sie aber mehr als 50 Plätze aufrücken.

Und das muss es nicht gewesen sein. Wenn sie am Freitag versuchen wird, zum ersten Mal in ihrer Karriere im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers zu landen, dann wird auf der anderen Seite eine Gegnerin stehen, die in der Rangliste deutlich hinter ihr steht. Ashleigh Barty, von den Australiern nur Ash genannt, ist 20 Jahre alt, hat aber schon einen Abschied vom Tennis hinter sich. Weil sie irgendwie die Orientierung im Leben auf der Tour verloren hatte, sagte sie vor zweieinhalb Jahren good bye und spielte stattdessen Cricket in einem Frauenteam ihrer Heimatstadt Brisbane. Im vergangenen Jahr kehrte sie zurück, konnte dann eine Weile lang wegen einer Armverletzung nicht spielen, aber nun ist sie wieder mittendrin. Mit frischem Schwung und mit einer renovierten Einstellung. Barty sagt, im Vergleich zu früher sei sie jetzt viel besser vorbereitet, weil sie begriffen habe, was zu tun sei und wie sich mit sich und ihren Vorstellungen umzugehen habe.

Auch Mona Barthel findet Ashleigh Bartys Geschichte interessant. „Die Zeit, in der sie weg war, hat ihr vielleicht geholfen. Es war sicher ein ungewöhnlicher Weg, aber man muss seinen Instinkten vertrauen.“ Das versucht sie selbst auch. Sie hat gelernt, mehr als früher auf die Signale ihres Körpers zu achten, dabei aber zu verkrampfen. Sich nicht zu viele Gedanken zu machen und das Leben zu genießen. Am Anfang, in den ersten Wochen nach der Krankheit, fiel ihr das schwer, weil sie Angst vor einem Rückfall hatte. Natürlich ist es eine gute Nachricht, dass sie wieder gewinnt. Aber die bessere ist, dass sie sich wieder stark genug fühlt; fürs Leben an sich und für alle Herausforderungen auf dem Platz mit den weißen Linien.


+++ Melbourne, den 18.01.2017 +++

Von Doris Henkel

In der vergangenen Woche spielte Jan-Lennard Struff bei einem Challenger in der australischen Hauptstadt Canberra. Bei Turnieren dieser Kategorie sind nicht nur Spieler aus den hinteren Regionen der Weltrangliste zu finden, und ein Finale zu erreichen ist auch auf dieser Ebene keine Kleinigkeit; die Konkurrenz schläft nicht. Struff gewann viermal in Canberra, ehe er am Ende im Spiel um den Titel gegen den Israeli Dudi Sela verlor, was ihm 48 Punkte für die Weltrangliste und 6300 US-Dollar Preisgeld einbrachte; vor Steuern, versteht sich. Die Niederlage in der Woche davor beim höher klassierten ATP-Turnier in Doha/Qatar war fast doppelt so viel Preisgeld wert, annähernd zehnmal so viel gab es für die Niederlage am Dienstag in der ersten Runde gegen den Österreicher Dominic Thiem. Die Stars des Tennis setzten sich in den vergangenen Jahren immer wieder für die Erhöhung des Preisgeldes in den ersten Runden der Grand-Slam-Turniere ein, um den Kollegen in den hinteren Regionen der Weltrangliste bessere Chancen zu geben, den teuren Touralltag finanzieren zu können.

Natürlich tun 50.000 Dollar der Reisekasse gut, aber für einen Sieg hätte Struff vermutlich einiges gegeben. Fast drei Stunden lang probierte er alles gegen den an Nummer acht gesetzten Österreicher Dominic Thiem, und das unter verschärften Bedingungen. Als das Spiel am Nachmittag begann, zeigte das Thermometer 35 Grad im Schatten, gegen fünf stand es auf 37,4, und am Ende waren es immer noch 33. Er gewann den ersten Satz, hatte auch in den drei Sätzen danach diverse Breakbälle und hielt auch in längeren Ballwechseln gut mit. Die Vorbereitung für kräftezehrende Spiele wie dieses hatte er in der Winterpause unter anderem in einer Trainingswoche in der Akademie des französischen Coaches von Serena Williams, Patrick Mouratoglou, in Nizza gelegt. Während der knapp drei Stunden auf Court Nummer drei machten er einen guten Eindruck, doch am Ende war der in der Rangliste 50 Plätze vor ihm stehende Österreicher einfach zu stark (6:4, 4:6, 4:6, 3:6).

Deshalb bleibt es bis auf weiteres bei einer Serie von Niederlagen, die er gern beendet hätte. Struffs letzter Erfolg in der Hauptrunde eines Grand-Slam-Turniers stammt von den US Open 2014 – das ist zweieinhalb Jahre her. In dieser Zeit gewann er vier Titel bei Challengerturnieren und stand in diversen Finals, aber den größten Eindruck hinterließ er im Davis Cup, vor allem im März 2015, als er in Frankfurt fünf starke Sätze gegen den Franzosen Gilles Simon spielte. Beim Playoffspiel im vergangenen Jahr gegen Polen steuerte er zwei Punkte zum Sieg der deutschen Mannschaft bei. Bundestrainer Michael Kohlmann sagte kürzlich: „Wenn Jan-Lennard Struff im Davis Cup spielt, dann geht mir immer das Herz auf. Sein Ziel muss es aber jetzt sein, diese Leistung über das ganze Jahr hinweg zu zeigen, denn für mich ist er ein Top 50 Spieler. Ich hoffe, dass das für ihn der nächste Schritt ist.“

Viele kleine Schritte führen am Ende nicht zwangsläufig zu einem großen, aber ohne Ausdauer und Zähigkeit geht nichts in diesem Geschäft. Manchmal geht es auch nicht ohne eine gewisse Portion Glück; in der ersten Runde einen Gegner wie Dominic Thiem zu erwischen gehört sicher nicht dazu. Mit 26 Jahren ist die Zeit für Struff bei weitem noch nicht abgelaufen; die Zahl der Spieler über 30 ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, und gemessen an dieser Entwicklung steckt er auch in dieser Hinsicht gerade mittendrin. Ein Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier könnte helfen, das ist klar, doch bis zur nächsten Chance bei den French Open werden vier Monate vergehen.

Ob man Tommy Haas im Stade Roland Garros noch mal als Spieler sehen wird? Wohl eher nicht. Vor ein paar Tagen hatte Haas gesagt, er sei nach 15 Monaten Pause zurückgekommen, um sich in gebührender Form von den Turnieren, die ihm am Herzen lägen, verabschieden zu können. Beim Spiel am Dienstag auf Platz 8 im Melbourne Park reichte seine Kraft nur für zwei Sätze gegen den Franzosen Benoit Paire, dann gab er auf. Vor allem im ersten Satz verwöhnte er das Publikum mit ein paar schönen Schlägen, die Erinnerungen an beste Zeiten weckten. Doch je länger die Partie dauerte, desto deutlicher spürte er, dass er das Ziel an diesem Tag nicht erreichen würde. Hinterher gab er zu, schon Mitte des zweiten Satzes habe er kaum noch stehen können, und am Ende sei er einfach leer gewesen. Aber das Publikum bereitete ihm trotz der Aufgabe einen stimmungsvollen Abschied, und so wünscht er es sich auch bei nächsten Stationen seiner Abschiedstour, wo und wann auch immer das sein mag.


+++ Melbourne, den 17.01.2017 +++

Von Doris Henkel

Viel schöner können Sommertage in Melbourne nicht sein. Es war heiß an diesem ersten Tag des Turniers, aber nicht unerträglich heiß; am Nachmittag tauchten die ersten kleinen Wölkchen am Himmel auf, und als die Sonne später allmählich unterging, färbte sie diese Wölkchen dramatisch rot mit einem kleinen schwarzen Rand. Es war die Phase, in der Angelique Kerber den zweiten Satz im Spiel gegen Lesia Tsurenko aus der Ukraine verlor, in der es so aussah, als ziehe Gefahr herauf und als seien die Farben des Himmels wie gemacht für ein Szenario dieser Art. Doch als die Sonne nicht mehr zu sehen war, verschwand auch die Gefahr, und am Ende freute sich die Titelverteidigerin über einen befreienden Sieg.

Zwei Stunden und vier Minuten dauerte Angelique Kerbers Rückkehr in die Arena, die sie am letzten Samstag im Januar 2016 als Siegerin der Australian Open mit dem großen Pokal im Arm verlassen hatte. Natürlich ist es eine Hilfe, in dieser Umgebung weiterspielen zu können und nicht irgendwo draußen auf Platz 19 so wie Julia Görges an diesem Tag, die nach ihrem Sieg meinte, sie habe sich da wie auf einem Bahnhof gefühlt. In der Rod Laver Arena gibt es kein Durcheinander – es sei denn, man beteiligt sich selbst daran. Kerber fasste schnell Fuß in diesem ersten Spiel der Mission Titelverteidigung, in einer halben Stunde gewann sie den ersten Satz, und auch im zweiten kontrollierte sie das Geschehen. Beim Stand von 5:4 hatte sie ihren ersten Matchball, doch sie machte nichts daraus, und auf einmal war sie dahin, die Souveränität. Sie verlor ihr Aufschlagspiel und kurz danach ein zweites, und damit war der Satz weg.

Wäre es nicht eine wirklich verrückte Geschichte gewesen, wenn sie das Spiel nach dem vergebenen Matchball verloren hätte, nachdem sie im vergangenen Jahr auf dem Weg zum Titel in der ersten Runde einen Matchball abgewehrt hatte? Alle dachten daran, auch sie selbst. Aber das, so erzählte sie hinterher, sei nur eine kleiner Moment gewesen, dann sei die Erinnerung wieder verschwunden. Doch es dauerte bis zur Mitte des dritten Satzes, bis sie sich und die kleine Angst im Griff hatte. Am Ende gab es für Lesia Tsurenko nichts mehr zu gewinnen; mit dem zweiten Matchball zog Angelique Kerber einen Strich unter diese Geschichte. Leichten Umweg genommen, aber Schwierigkeiten überwunden – noch einmal durchatmen, erledigt, Papierkorb. Hinterher meinte sie, es sei immer gut, so ein kniffliges Spiel erledigt zu haben, das gebe Sicherheit für den weiteren Weg im Turnier.

Der nächste Test steht am Mittwoch auf dem Programm, das Spiel der zweiten Runde gegen Carina Witthöft. Die junge Hamburgerin hatte vor zwei Jahren in Melbourne die dritte Runde erreicht – Kerber war damals früh ausgeschieden -, das gleiche schaffte sie 2016 in Wimbledon und bei den US Open. Beim Sieg gegen die Japanerin Eri Hozumi zeigte sie in einer wechselvollen Partie Durchsetzungsvermögen und Standhaftigkeit. Eines, so meinte sie mit Blick auf das bevorstehende Spiel gegen die deutsche Titelverteidigerin, sei doch klar: „Angie hat den Druck. Und wenn sie mir eine Chance gibt, dann werde ich versuchen, sie zu nutzen.“ In den beiden bisherigen Begegnungen mit Kerber klappte das nur bedingt. Die erste gemeinsame Partie verlor sie 2015 in Wimbledon mit dem schlimmsten aller Ergebnisse – nullsechs, nullsechs -, die zweite an gleicher Stelle sah ein wenig offener aus, aber auch in diesem Versuch gewann sie keinen Satz.

Kerber findet, diese beiden Spiele könne man schlecht als Maßstab nehmen, auf Rasen sehe doch manches anders aus. Aber darauf kommt es vermutlich weniger an als auf das Spiel der Gedanken. Den ersten Test hat sie überstanden, mehr nicht. Es gab überzeugende Momente, aber auch Zweifel; so wie fast immer in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers. Ein schönerer Abendhimmel ist am Mittwoch in Runde zwei nicht zu erwarten, für das Spiel sind Steigerungsmöglichkeiten drin.

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Es war ein höllisch heißer Tag in Melbourne vor zehn Jahren, und Mischa Zverev erinnert sich gut daran, wie es ihm damals ging. Mehr als drei Stunden lang schmorte er beim Spiel gegen den Schwaben Michael Berrer in der Sonne; er kämpfe sich durch und gewann, danach hockte er in seinen nassen Klamotten in der Kabine, von Krämpfen geplagt und unfähig, sich zu bewegen. Erst nach Stunden wurde es besser, dann aber freute er sich von Herzen über den ersten Sieg seiner Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier.

Zverev war 19 Jahre alt damals, galt als großes Talent, und auch er selbst dachte, dieser erste Sieg sei ein wichtiger Schritt in eine schöne Karriere. Begleitet und trainiert von seinen Eltern, seinem Vater Alexander, der für die Sowjetunion im Davis Cup gespielt hatte, und seiner Mutter Irina, die Anfang der neunziger Jahre mit ihm nach Hamburg gezogen waren, schienen die Voraussetzungen bestens zu sein. Die ganze Familie war zusammen nach Melbourne geflogen, dabei war auch Sascha, Mischas zehn Jahre jüngerer Bruder.

Zweieinhalb Jahre nach dem Sieg von Melbourne stand er in der Weltrangliste auf Platz 45, spielte im Davis Cup für Deutschland, doch danach sah es lange Zeit so aus, als sei es das gewesen mit schönen Aussichten und guten Hoffnungen. In einer Serie von Verletzungen inklusive eines Bandscheibenvorfalls konnte er nur noch selten spielen, in der Weltrangliste rutschte er immer weiter ab, und es kann gut sein, dass er ohne seinen Bruder nicht zurückgekommen wäre. Alexander junior, genannt Sascha, wurde immer besser, und es war bald absehbar, dass er noch mehr Talent hatte. Als der Kleine 2014 bei den German Open in Hamburg im Halbfinale landete, sprang der Funke noch mal über. Mischa beschloss, einen weiteren Versuch zu wagen, steckte wieder Energie ins Training, und was langsam begann, hat sich zu einem bemerkenswerten zweiten Teil der Karriere entwickelt.

Zehn Jahre nach seinem ersten Sieg in Melbourne fuhr er am Montag den zweiten ein, was ihm ein genießerisches Lächeln und den Kommentar entlockte: „Zweite Runde, das ist sehr hübsch. Ich habe lange genug gewartet, aber besser spät als nie.“ Wie damals ist die Familie komplett in Melbourne versammelt, dazu kommen Trainer und Mischas Freundin – der ganze Trupp ist acht Personen stark, und natürlich dreht sich dieser Kosmos vor allem um Sascha, dessen Spiel der ersten Runde am Dienstag auf dem Programm stand. Die Grundlagen haben die Brüder wie schon in den Jahren zuvor beim gemeinsamen Wintertraining in Florida gelegt, in einem immer währenden, allumfassenden, von großer Zuneigung geprägten Konkurrenzkampf. „Es gibt immer Stress bei uns“, sagt Mischa, wobei Stress in diesem Fall nur ein anderes Wort für Wettbewerb ist. „Selbst, wenn’s darum geht, wer mehr Frikadellen isst.“ Bei der Arbeit mit Gewichten ist Sascha besser, beim Dauerlauf oder Tempoläufen über 400 Meter ist Mischa nicht zu schlagen, und obwohl zehn Jahre zwischen den beiden liegen und sie in mancherlei Hinsicht sehr unterschiedlich sind, sind die beiden ein Herz und eine Seele.

Der Große ist locker, umgänglich, ziemlich schlau und redet gern; mit Sascha ist der Umgang bisweilen ein bisschen komplizierter. Mischa drückt die Sache so aus: „Auf dem Platz macht er vieles richtig.“ Und sonst? „Genies ticken manchmal ein bisschen anders.“ Wie wäre es denn, wenn er den Bruder öfter beraten würde? Die Frage hört er nicht zum ersten Mal, und seine Antwort darauf ist bemerkenswert gut. „Ein paar Sachen kann ich ihm schon sagen, aber wie kommt man zu guten Entscheidungen? Wenn du Mathelehrer bist, dann gibst du dem Schüler ja auch nicht die Lösung, sondern zeigst ihm nur, wie der Weg dahin aussehen könnte. Wenn er konkrete Fragen stellt, kriegt er konkrete Antworten.“

In seiner eigenen Erfolgsgeschichte ist auch noch einiges drin. Mit dem Sieg in Runde eins gegen den Spanier Guillermo Garcia-Lopez dürfte er wieder unter den Top 50 der Weltrangliste gelandet sein, und gewinnt er am Mittwoch auch die zweite Partie gegen John Isner aus den USA, dann könnte er seine bisher beste Position in der Weltrangliste (45) aus dem Jahre 2009 knacken. Damit wäre er der drittbeste Deutsche nach seinem Bruder und Philipp Kohlschreiber, und das wäre in der Tat irgendwie ein Knüller. Vielleicht sollte man Mischa Zverevs Geschichte in gedruckter Form an jüngere Spieler verteilen. Sie könnten daraus lernen, dass Talent keine Garantie für Erfolg ist, dass man immer und überall mit Rückschlägen rechnen muss und dass es sich auch dann lohnt, noch mal Gas zu geben, wenn es so aussieht, als sei der Rückstand schon zu groß.


+++ Melbourne, den 16.01.2017 +++

Von Doris Henkel

Als er im April vergangenen Jahres im Internet ein Foto seines frisch operierten Fußes verbreitete, war das kein schöner Anblick. Sicher, er hatte sich noch nicht offiziell vom Tennis verabschiedet, hatte immer wieder gesagt, er wolle sich den Zeitpunkt seines letzten Spiels als Tennisprofi nicht von seinem Körper diktieren lassen. Aber man konnte sich schon fragen, ob er sich den ganzen Stress, die ganze Qual der Rehabilitation für eine Ehrenrunde noch mal antun würde. Vielleicht würde er sich ja doch leise durch den Nebenausgang verabschieden, zumal schon bald danach bekannt wurde, er habe 2017 einen neuen Job als Direktor des großen Turniers in der begrünten Wüste von Indian Wells. Aber nun ist er tatsächlich wieder da, mitten in Melbourne und wieder bei einem Grand-Slam-Turnier, und wenn alles gut geht, dann wird er sich nach dieser Rückkehr so verabschieden können, wie er sich das immer vorgestellt hat.

Dienstag wird Tommy Haas in der ersten Runde der Australian Open gegen den Franzosen Benoit Paire spielen, und unabhängig davon, ob er dieses Spiel gewinnen oder verlieren wird – die Tatsache an sich ist schon bemerkenswert. Nach rund einem Dutzend Operationen im Laufe seiner mehr als 20 Jahre dauernden Karriere beginnt in Melbourne mit allergrößter Wahrscheinlichkeit seine letzte Saison. Er sagt, er freue sich sehr, dass er die Chance dazu bekommen habe, und nun wolle er herausfinden, was für ihn noch möglich sei in diesem Jahr, wann der perfekte Zeitpunkt für das letzte Spiel gekommen sei. Seit gut zwei Monaten trainiert er wieder, allerdings mit diversen Abstechern, die man sich als Profi normalerweise nicht leisten würde. Eine Woche Skifahren in Yellowstone/Montana, zum Beispiel, oder eine Woche Inselurlaub mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Deshalb tut er sich ein wenig schwer mit einer konkreten Antworte auf die Frage, wie es denn 15 Monate nach seinem letzten Auftritt bei seiner x-ten Rückkehr auf die Tour mit seiner Form aussehe. „Wenn du zum Träumen neigst – und das tun ja viele – dann würdest du am liebsten auf deinem besten Niveau und auf einer großen Bühne große Matches spielen“, sagt er. „Aber das ist noch weit weg für mich. Ich spiele Punkt für Punkt, Satz für Satz.“

Manche der Spieler, die er jetzt um Umkleideraum trifft, kennt er nicht; in 15 Monaten kann sich viel verändern, und mit 38 könnte er inzwischen der Vater einiger junger Konkurrenten sein. Andere kennt er dagegen seit einer halben Ewigkeit wie den elf Jahre jüngeren Japaner Kei Nishikori, der sich nach einem gemeinsamen Training dieser Tage in blumigen Worten bei Haas bedankte. Und manchmal kreuzen sich gewisse Wege. In seiner neuen Rolle als Turnierdirektor in Indian Wells wird er es zukünftig auch in der Hand haben, wildcards an Spieler zu vergeben, und da ist es nicht auszuschließen, dass im Umkleideraum oder im Spielerrestaurant der Arena gewisse Gespräche geführt werden. Auf seine Idee, in Indian Wells womöglich selbst noch mal anzutreten, quasi in Personalunion als spielender Direktor, wird er verzichten müssen; diese Möglichkeit sehen die Regularien nicht vor.

Wenn die Sache so läuft, wie er sich das vorstellt, dann wird er in diesem Jahr bei allen deutschen Turnieren zu finden sein – also in München und in Stuttgart, in Halle und in Hamburg -, dazu bei den großen Ereignissen, wenn er die Chance dazu bekommt. Einerseits, sagt Haas, sei es schwierig gewesen, sich noch mal von der Familie, speziell von den beiden Töchtern zu verabschieden, andererseits sei diese Rückkehr mit vielen Emotionen verbunden. „Hey, das ist noch mal meine Chance, für mich selbst ins Reine zu kommen. Dann ist es ja eh irgendwann vorbei.“

Er fühlt sich nicht wie 38, nicht mal annähernd, aber er ist nun mal der älteste Einzelspieler des Turniers. Und kurioserweise ist er auch der einzige, der schon in den 90er Jahren im Hauptfeld der Australian Open stand. Zuerst 1998, als er in der ersten Runde verlor, dann im Jahr danach, als er im Halbfinale gegen den Russen Jewgeni Kafelnikow spielte. Melbourne war immer ein gutes Pflaster für Haas; dreimal insgesamt stand er in Australien im Halbfinale und nie war er näher am Finale eines Grand-Slam-Turniers als bei der Niederlage 2002 gegen Marat Safin. Damals führte er mit 2:1 Sätzen und spielte unwiderstehlich, als es zur großen Freude und Erleichterung des Russen nach einem heißen Tag zu regnen begann und das Dach der Rod Laver Arena geschlossen werden musste. Safin kehrte danach wie aus einem Wunderbad zurück ins Spiel, Haas wirkte unendlich müde nach der Pause, und so nahmen die Dinge ihren Lauf; er verlor in fünf Sätzen.

Einer der Gegner, die er in Melbourne in jenem Jahr besiegte, hieß Roger Federer. Es war eine Niederlage in fünf Sätzen, die den Schweizer damals hart traf. Die beiden sind gute Freunde mittlerweile, die Familien treffen sich, und mit vier Kindern auf der einen und zwei Kindern auf der anderen Seite ist bei solchen Gelegenheiten einiges los. Auch darum geht es Tommy Haas bei dieser Rückkehr, die in einen Abschied führen wird: Um gemeinsame Momente auf der Tour, um Gespräche in der Umkleidekabine oder am Rande des Trainingsplatzes – um all das, was in mehr als zwei Jahrzehnten zum gelebten und geliebten Alltag gehörte. „Man versucht, den perfekten Abschied zu finden“, sagt er, „obwohl ich nicht weiß, ob’s den immer gibt. Ich will noch mal vor Familie und Freunden spielen, und ein paar Matches zu gewinnen wäre super.“

Das 59. Grand-Slam-Turnier in der Karriere des Tommy Haas beginnt am Dienstag mit einem Spiel auf Platz acht. Ist das für einen wie ihn, der auf der großen Bühne immer zuhause war und auf Nebenplätzen bisweilen wie ein Fremder wirkte, in Ordnung? „Ich spiele auf jedem Platz hier“, sagt er. Seine Fans werden ihn zu finden wissen, und er selbst wird wo auch immer das Gefühl haben, es doch noch mal geschafft zu haben.

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Es fiel Angelique Kerber sichtlich nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, doch schließlich sagte sie: „Ich habe mit Barbara (Rittner) lange geredet, und ich habe schweren Herzens abgesagt. Das ist einfach zu weit und zu stressig in den nächsten Monaten.“ Am Tag vor ihrem ersten Spiel bei den Australian Open verkündete sie ihre Entscheidung, auf einen Start beim Fed Cup gegen die USA am 11. und 12. Februar auf Maui/Hawaii zu verzichten. Das ist eine Reise und ein Ziel, auf das sich jede einzelne der Mannschaft zu einer anderen Zeit des Jahres sehr gefreut hätte, aber in diesem Kontext ist die Sache strapaziös und kompliziert.

Die Deutsche Mannschaft wird am 5. Februar in Frankfurt Richtung Hawaii aufbrechen. Unmittelbar nach der Partie wird Kerber beim Turnier in Doha am Persischen Golf erwartet, knapp 14.000 Flugkilometer entfernt. In der Woche danach ist das Turnier in Dubai dran, Anfang März folgt Indian Wells in Kalifornien, und von Dubai nach Indian Wells sind noch mal 13.200 Kilometer. Der extreme Wechsel der Zeitzonen und viele im Flugzeug verbrachte Stunden sind sicher nicht die Basis für Erfolge im Frühjahr und zur Verteidigung der Spitzenposition in der Weltrangliste.

Im vergangenen Jahr hatte Kerber nur eine Woche nach ihrem großen Sieg in Melbourne in der ersten Fed-Cup-Runde in Leipzig gespielt. Bundestrainerin Barbara Rittner sagt, damals habe sie gesehen, welche Bedeutung dieser Wettbewerb für ihre Beste habe: „Sie hat sich gestellt und hat alles gegeben, das werde ich ihr nie vergessen. Wenn ich sie diesmal hätte beraten sollen, dann hätte ich sie in die Richtung beraten, für die sich sich nun entschieden hat.“ Beiden fiel es nicht leicht, mit der Situation umzugeben, aber es gab wohl keine andere Lösung, ohne Kerbers weitere Pläne in diesem Jahr zu gefährden. Für das Halbfinale oder bei einer Niederlage auf Hawaii für die Playoff-Runde Ende April steht die Nummer eins auf jeden Fall wieder zur Verfügung.

Als die Amerikaner sich im Oktober für ihren 50. Bundesstaat als Austragungsort entschieden, taten sie das womöglich auch mit dem Hintergedanken, die Spitzenspielerin des Gegners werde sich ausgedehnten Tripp nicht zumuten wollen. Auf die Frage, ob die Amerikaner nun ihr Ziel erreicht hätten, antwortete Angelique Kerber: „Das kann man, glaub ich, so sagen.“ Aber die Entscheidung der Gastgeber liegt innerhalb der Regeln, und auch die eigenen Spielerinnen werden zusätzliche Flugkilometer einplanen müssen; die Funktionäre mögen die Sache anders sehen, aber unter den Aktiven hält sich die Begeisterung in Grenzen. Barbara Rittner wird sich Gedanken machen müssen. „Klar“, sagt sie, „wir sind dadurch geschwächt, wir sind Außenseiter und müssen bisschen umdenken. Aber dann kriegen vielleicht andere eine Chance, die sonst nicht spielen würden. Und wir sagen der Angie dann, wie schön Hawaii ist.“


+++ Melbourne, den 15.01.2017 +++

Von Doris Henkel

Australiens Tennisfans leben im Schlaraffenland. Selbst wenn sie es mit einem Besuch bei den Australian Open nicht schaffen, sehen sie im Januar auf diversen TV-Kanälen stundenlang, tagelang Bilder vom Spiel mit dem gelben Ball. Und natürlich wird nicht nur Runde für Runde übertragen, das Publikum wird auch mit kleinen Filmen und Features verwöhnt, als Hauptdarsteller die Stars des jeweiligen Turniers. Schwer vorstellbar, dass es unter diesen Zuschauern nach den ersten beiden Wochen des Jahres noch jemanden gibt, der Angelique Kerber nicht kennt. Während des Turniers in Brisbane, das am Neujahrstag begann, startete die Dauerschleife AK, in der Woche danach folgte die Fortsetzung in Sydney. Kerber beim Ausflug an den Circular Quay, wo die riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegen, Kerber vor der weltberühmten Oper, hübsch angezogen, Wind in den blonden Haaren, lächelnd, nett.

PR-Termine für die Turniere, für Sponsoren und die Tennisorganisationen WTA (Frauen) und ATP (Männer), gehören zum Pflichtprogramm aller Spieler. Dazu kommen Interviews und Pressekonferenzen, und je erfolgreicher einer ist, desto mehr Zeit wird von ihm verlangt. Angelique Kerber hatte früher schon Gelegenheit, sich an die Gesetze dieser Welt zu gewöhnen, schließlich gehörte sie vier Jahre lang mit nur kurzen Unterbrechungen zu den Top Ten und hatte schon damals in den Tagen vor dem Beginn eines Turniers ein relativ volles Programm. Aber seit ihrem Titelgewinn in Melbourne vor einem Jahr und vor allem, seit sie im September in New York die Nummer eins des Tennis wurde und den zweiten großen Titel gewann, wird es immer schwerer für sie, eine ruhige Minute zu finden, um sich und ihre Gedanken zu sortieren.

„Es darf keine Last sein, denn das ist ein Teil dieses Jobs“, sagte sie Ende vergangenen Jahres in einem Interview mit dem Magazin Socrates. „Ich betrachte das als Anerkennung für mich, als Kompliment. Es ist halt so, dass man als Nummer eins auch ein bisschen eine Botschafterin des Tennis ist – und das will ich auch gerne sein.“ Theoretisch mag es für sie völlig in Ordnung sein, wenn sie in den Stunden vor der ersten Runde von einem Termin zum nächsten flitzt, in der Praxis wird die Sache aber vor allem dann kompliziert, wenn dieser zusätzliche Stress mit einer unangenehm steigenden Anspannung kollidiert. Für viele Tennisprofis ist die nervliche Belastung vor dem erstem Spiel größer als vor einem Halbfinale, und Kerber hatte immer Probleme vor diesem ersten Test; die Vorstellung, in der ersten Runde verlieren, fand sie schwer erträglich. Das war auch im vergangenen Jahr so, als sie beinahe prompt gleich zum Auftakt gescheitert wäre, und dieses Mal ist die Sache nicht leichter – ganz im Gegenteil.

Die ersten Erkenntnisse anno 2017 passen nicht ins Konzept. Um sich noch ein paar Tage länger zuhause vorbereiten zu können, landete sie erst am Silvestertag in Brisbane. Dort, wo sie im vergangenen Jahr das Finale erreicht hatte, spielte sie diesmal mittelprächtig und verlor im ersten Spiel. In der Woche danach in Sydney ging es mit ihrer Leistungskurve weiter bergab, sie verlor wieder, doch es waren weniger die Niederlagen an sich, die ihr zu schaffen machten. Sie habe den Ball nicht gefühlt, klagte sie; Tennisspieler, die den Ball nicht fühlen, stecken in ähnlichen Problemen wie Segler, die nicht spüren, aus welcher Richtung der Wind kommt. Kollisionskurs, Kentern.

Natürlich könnte es in dieser und ähnlichen Schräglagen helfen, sich an die gewonnenen Spiele des vergangenen Jahres zu erinnern, an die großen Siege wie den im fantastischen Finale gegen Serena Williams. Aber auf Kommando funktioniert die Sache leider nicht; in Momenten der Unsicherheit tanzen die Zweifel den guten Erinnerungen auf der Nase rum. Kerber erzählte in dieser Woche noch einmal, bis zum abgewehrten Matchball in der ersten Runde gegen die Japanerin Misaki Doi sei es 2016 wirklich schwer gewesen, erst danach habe sie das Gefühl gehabt, frei zu sein. Aber soweit ist sie diesmal noch nicht. In den ersten Trainingstagen nach der Ankunft in Melbourne besserte sich die Lage nicht, und ihre Anspannung übertrug sich auf das ganze Team. Freitag passte nichts mehr zusammen, was sich auch daraus ablesen ließ, dass Coach Torben Beltz ein fest vereinbartes Interview mit der Botschaft platzen ließ, er wolle sich vor Turnierbeginn lieber nicht mehr äußern.

Manchmal hilft es in Fällen von Verkrampfung, das Schneckenhaus zu verlassen und sich zumindest für ein paar Stunden dem Leben anzuvertrauen. Am Abend saßen Kerber und Beltz beim traditionellen Mannschaftsabend der deutschen Spielerinnen mit Bundestrainerin Barbara Rittner und Assistenzcoach Dirk Dier beim Italiener am Tisch, die allgemeine Stimmung ließ nichts zu wünschen übrig. Beim Training am nächsten Morgen sah die Welt auf einmal freundlicher aus, und genauso war es beim zweiten ein paar Stunden später mit der Tschechin Lucie Safarova hinter verschlossenen Toren auf Court Nummer 2.

Montagabend um 19 Uhr Ortszeit in Melbourne (9 Uhr MEZ) wird Angelique Kerber mit ihrer Gegnerin Lesia Tsurenko aus der Ukraine in der Rod Laver Arena erscheinen. Bis zu diesem Spiel ist alles offen und jeder Kommentar, jede Prognose ist ein Muster ohne Wert; alles kann passieren. Kurz vor den letzten Stufen wird sie ihrem Ebenbild begegnen; an den Wänden der Katakomben hängen die Zeichnungen der Sieger des Turniers, und jene beiden aus dem vergangenen Jahr, Kerber und Novak Djokovic, sind auf dem Weg zum blauen Platz die letzten in der Reihe. Wird sie ihr Bildnis als gute Botschaft sehen?

Aber unabhängig davon, wie die Aktion Titelverteidigung ausgehen wird, eines ist absehbar: Jene Bilder, die im vergangenen Jahr im australischen, aber auch im deutschen Fernsehen in einer Dauerschleife liefen, die wird es in diesem Jahr vermutlich nicht geben. Als Kerber damals an einem frischen, sonnigen Sonntagmorgen nah am Ufer ins Wasser des Yarra glitt, war im Hintergrund der Haupteingang der Rod Laver Arena zu erkennen. Im Rahmen der großzügigen Erweiterung der Anlage wurde der Haupteingang inzwischen auf die andere Seite verlegt, und vom Fluss aus blickt man auf eine Mauer. Falls weitere Wetten eingelöst werden müssen, bietet sich das Ufer des Yarra zumindest an dieser Stelle nicht mehr an. Aber erstmal sind andere Fragen zu klären, und als Allererstes geht es um einen beruhigenden, befreienden Sieg.



 Vollbildaufzeichnung 20.01.2015 183346-1

Rückblick 2016

+++ Melbourne, den 01.02.2016 +++

Von Doris Henkel

Viel schöner konnte der Morgen am Fluss nicht sein. Ruderboote, Radler, ein Quartett krächzender Kakadus, beschienen von sanftem Sonnenlicht – wie bestellt für Aufnahmen, die im Album des Lebens landen sollen. Ein Wagen fuhr vor, und Angelique Kerber stieg aus. Sie trug ein helles, kurzes Sommerkleid, dazu blaue Espadrilles und war perfekt geschminkt; sie sah großartig aus. Aber es ging ihr so, wie es jemandem geht, der in der Nacht kaum geschlafen hat und der glaubt, auf einer schiefen Ebene unterwegs zu sein. „Oh, Gott, bin ich fertig“, stöhnte sie und ließ sich auf eine Bank fallen, „was mach’ ich jetzt?“

Kein Wunder, dass sie schwächelte. Drei Stunden hatte der Pressemarathon nach ihrem phänomenalen Sieg am Samstagabend gegen Serena Williams im Finale der Australian Open gedauert (6:4, 3:6, 6:4). Von einem Fernsehstudio ins nächste, die große Pressekonferenz, dann Dopingprobe mit nichts als einer Banane im Magen, gegen drei in der Nacht zurück ins Hotel. Danach war sie mit Trainer Torben Beltz und ihrem Physio, Simon Iden, losgezogen. Sie landeten im Club OneSixOne in Prahan, über den zu lesen ist, dies sei der Ort, um ganz spezielle Abende zu beenden. Aus den Lautsprechern krachte House-Musik, Beltz tat sich als Tänzer hervor, und in unregelmäßigen Abständen wurden Getränke gereicht. Es war schon hell, als die Feiergruppe Kerber wieder im Hotel ankam, doch da stand schon der nächste Termin auf dem Programm. Fahrt zum Yarra, Fernseh-Interviews und danach der verabredete Sprung in den Fluss. Der Yarra hat nicht die Qualität der Isar; Melbournes Wasserweg ist eine ziemlich schmutzige Brühe. Hier am Fluss hatte sie zwei Wochen zuvor bei Aufnahmen für Eurosport mit Moderator Matthias Stach gewettet, im Falle des Turniersieges würde sie ins Wasser springen wie einst der Amerikaner Jim Courier. Was man halt so sagt, wenn man ein wenig übermütig ist.

Der Stand der Dinge zu Beginn des Turniers? Sie war mit der Ankündigung nach Australien gekommen, in diesem Jahr bei den Grand-Slam-Turnieren besser zu spielen als 2015. Zu lange lagen ihre bisher größten Erfolge zurück, die Halbfinals bei den US Open 2011 und in Wimbledon im Jahr danach. 2011, das Jahr der Wende in der Karriere der Angelique Kerber. Nach einer Serie von Niederlagen, verbunden mit einer großen Portion Ratlosigkeit, hatte sie sich damals von Andrea Petkovic überreden lassen, in Offenbach in der Akademie der ehemaligen Profis Rainer Schüttler und Alexander Waske zu trainieren, und schon wenige Wochen später spielte sie zu ihrer großen Überraschung im Halbfinale in New York. Danach meinte sie, das sei der Anfang von etwas Neuem gewesen, und in Wimbledon im Jahr danach bestätigte sie diesen Eindruck.

Doch das Neue war bald ein alter Hut. Dass sie danach konstant zu den besten Zehn des Frauentennis gehörte, wurde in Deutschland nur am Rande registriert. Sie war die Beste der Spielerinnen aus der ersten Auswahl von Teamchefin Barbara Rittner, aber irgendwie spielte sie nicht in der ersten Reihe; oft verschwand sie hinter der Eloquenz von Andrea Petkovic und den Auftritten der eher extrovertierten Sabine Lisicki.

Angelique Kerber sagt von sich, sie lerne schnell. Sie merkte sehr wohl, dass manche Leute dachten, sie komme nicht fix genug voran. Aber sie glaubte daran, auf dem richten Weg zu sein. „Ich habe mein ganzes Leben darauf hingearbeitet, so ein Turnier wie hier in Melbourne zu gewinnen“, sagte sie in der Morgensonne, „und ich wusste: Eines Tages bist du soweit.“

2014 erreichte sie vier Finals und verlor alle vier; 2015 erreichte sie vier Finals und gewann alle vier. Was fehlte, waren neue Erfolge bei den Grand-Slam-Turnieren in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York, und das schrieb sie sich auf ihre Liste, bevor sie nach Australian flog. War sie sich sicher, dass es funktionieren würde? War sie nicht. „Weihnachten hab ich noch zuhause gesessen und hab mich gefragt, was wird sein?“ Doch die Bereitschaft, höhere Ziele anzupeilen, die gute Arbeit in der Winterpause, die sich auch an einem besser als früher definierten Oberkörper lässt, waren die Grundlage für alles weitere.

Es gibt heutzutage im Spitzentennis so gute wie keine Spielerinnen mehr, die wie einst Steffi Graf, Monica Seles oder Jennifer Capriati schon als Teenager brillieren. Auf dem Weg zur Spitze stehen viele Hindernisse, und wegen des gestiegenen Niveaus dauert es länger als früher, alle zu überwinden. Natürlich kann es nicht schaden, in dieser Phase auf Ratschläge anderer zu hören, aber die wichtigen Dinge muss man selbst rausfinden. Und wer mit 25 noch keinen großen Titel gewonnen hat, der kann es später immer noch tun. Marion Bartoli war 28 beim Sieg in Wimbledon 2013, die Chinesin Li Na 29 in Paris 2011, Francesca Schiavone aus Italien gewann mit knapp 30, und Flavia Pennetta war 33 beim überraschenden Coup im vergangenen Jahr in New York.

Angelique Kerber feierte während des Turniers ihren 28. Sie ist überzeugt davon, vor ein, zwei Jahren wäre sie noch nicht reif gewesen für diesen Erfolg, hätte ihn nicht so genießen können wie heute. Sie sagt: „Man muss bei sich bleiben, an sich glauben“. Jedes Leben hat einen eigenen Rhythmus, so sieht es aus. Diesmal bestand sie die Probe nicht nur auf dem Tennisplatz, als sie die Favoritinnen besiegte, Viktoria Asarenka Mitte vergangener Woche und Serena Williams im Finale, einem wunderbaren, großartigen Spiel. Mit einer Herausforderin, die jede Minute genoss, aber dabei nicht vergaß, dass sie vor allem um den Sieg spielte. Und die unter Druck eine Form von kämpferischer Leichtigkeit zeigte, die alle begeisterte. Der Titel allein sei schon der Wahnsinn, findet Kerber, aber ihn in einem großen Spiel gegen die noch größere Serena Williams gewonnen zu haben, mache die Sache erst perfekt. Und Williams, die mit dem 22. Grand-Slam-Titel-Titel in der Liste der Erfolge zu Steffi Graf hätte aufschließen können, nahm die Niederlage mit der allergrößten Fairness und überwältigender Herzlichkeit für die glückliche Siegerin hin. „Besser hätte es nicht laufen können“, schwärmt Angelique Kerber, immer noch ein wenig verwirrt von der traumhaften Realität, „das ist einfach der Wahnsinn. Ich in Grand-Slam-Siegerin und Nummer zwei der Welt.“

Aber sie gewann auch außerhalb des Platzes Statur; von Tag zu Tag wurde sie lockerer, von Tag zu Tag schien sie sich in ihrer Rolle wohler zu fühlen. In der letzten Pressekonferenz nach dem Sieg füllte sie den Interviewraum mit sprudelnden Glück und ihrer Persönlichkeit auf eine Art, die man sich vor einem halben Jahr noch nicht vorstellen konnte.

Aber noch mal zurück zum Fluss und zum milden Licht des Morgens. Auf wackeligen Beinen, oben rum dennoch bemerkenswert souverän, erledigte sie die Aufgabe mit den Fernsehinterviews. Zwischendurch kam ein Rudervierer besetzt mit älteren Damen vorbei, die nach einem Blick auf die Versammlung am Ufer die Blätter sinken ließen, winkten und riefen: „Congrats, well done“. Auch das wieder so ein Moment allerschönster Leichtigkeit. Wie so viele dieses perfekten Wochenendes.


+++ Melbourne, den 31.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Hieß es nicht, sie müsse das Spiel ihres Lebens machen, und dann werde es vermutlich immer noch nicht genügen gegen die übermächtige Serena Williams? Welch ein grandioser Irrtum. Mit einem Auftritt, der für zwei Leben gut genug gewesen wäre, schnappte sich Angelique Kerber Sieg und Pokal bei den Australian Open. Sie genoss jede Sekunde, selbst in den Momenten, als sie Fehler machte, und am Ende lagen ihr 15.000 Zuschauer in der Arena und Millionen an den Fernsehschirmen weltweit zu Füßen. So viel Hingabe, so viel Mut, so ein Feuerwerk. Nur ganz am Ende zuckte sie kurz zusammen, als sie bei der Siegerehrung mit den Worten aufs Podium gerufen wurde: Die neue Nummer zwei der Welt, die erste Grand-Slam-Siegerin dieses Jahrhunderts aus Deutschland – Angie Kerber.

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Als das Spiel begann, schien die Sonne noch nach ein paar Regentagen, nach dem ersten Satz zogen rosa Wolken vorbei, und beim Matchball leuchtete die Dunkelheit in schönsten Farben. Der Aufschlag, so dachten viele, werde entscheidende Bedeutung haben. Angelique Kerber weiß, dass vor allem ihr Zweiter nach wie vor verbesserungswürdig ist, deshalb nahm sie sich vor, beim Ersten weniger Risiko zu nehmen, um die Fehlerquote zu reduzieren. Am Ende lag ihre Erfolgsquote beim ersten Aufschlag bei 73% und damit über der von Williams (69), und beim zweiten lag die Amerikanerin auch nur knapp vor. Sie machte schnell deutlich, dass sie auf starke Returns vorbereitet war, Serena Williams dagegen sah schon nach einer Viertelstunde so aus, als fühle sie sich überrumpelt. Sie wirkte verwirrt. Zwar glich sie das frühe Break aus, mit dem Kerber die Tonart des Spiels bestimmt hatte, aber dass sie schon beim Stand von 3:3 mit aller Kraft „come on“ brüllte, konnte die Kielerin als Botschaft verstehen: Da drüben steht jemand, der überhaupt nicht zufrieden ist.

Kerber spielte, wie sie es angekündigt hatte, volle Kraft voraus, und es gab während der ganzen, zwei Stunden und neun Minuten dauernden Partie keinen Moment der Verzagtheit. Nicht einen einzigen. Wie oft hatte sie sich früher mit dem fehlenden Vertrauen in die eigene Stärke selbst aus dem Konzept bracht, wie oft hätte man ihr zurufen mögen: Nicht die Schultern hängen lassen, nicht zurückgehen, du bist besser als die andere!

Sie habe ihre Lektion gelernt, hatte sie in den Tagen vor dem Finale immer wieder erzählt, sie wolle nie wieder das Gefühl haben, sich selbst im Wege zu stehen. Nach dem frustrierenden Erlebnis beim WTA-Finale in Singapur Ende Oktober, als sie eine große Chance verzittert hatte, hatte sie tagelang im Urlaub auf den Malediven am Strand gesessen, und der Gedanke an das lähmende Gefühl war ihr lange nicht aus dem Kopf gegangen. Quasi am Strand entwarf sie den offensiven Plan für die neue Saison, und am Ende konnte sie selbst kaum glauben, dass dieser Plan schon nach wenigen Wochen Wirklichkeit wurde.

Mit aller Entschlossenheit und nur ein paar Sekunden des Zweifels hatte sie Mitte der Woche im Viertelfinale zum ersten Mal in ihrer Karriere gegen Viktoria Asarenka gewonnen; ohne diesen überzeugenden Sieg wäre alles weitere nicht möglich gewesen. Die Weißrussin hatte vor Beginn des Turniers zu den Favoritinnen gehört nach dem überzeugenden Aufritt zuvor in Brisbane beim Sieg gegen Kerber, die da im ersten Satz sehenswert mitgehalten hatte, im zweiten aber doch wieder die Schultern eingezogen hatte; in Brisbane fehlten noch die entscheidenden zehn Prozent.

Bei der Befreiung half der Himmel auch ein klein wenig mit. Hätte die kleine Japanerin Misaki Doi in der ersten Runde nicht ihren Return beim Matchball verschlagen, dann wäre alles weitere nicht möglich gewesen. Vom Ballast und von der Sorge befreit, noch mal wie im vergangenen Jahr in der ersten Runde zu verlieren, wuchs ihre Sicherheit danach von Tag zu Tag.

Furchtlos gewann Kerber den ersten Satz und überraschte damit mindestens 10.000 der 15.000 Zuschauer in der Rod Laver Arena. Deren Befürchtung, die deutsche Debütantin könne unter der Last der Aufgabe zusammenbrechen, wurde auf allerbeste Weise widerlegt. Williams schaffte es im zweiten Satz, die eigene Fehlerquote ein wenig zu reduzieren, und ein Break reichte ihr zum Gewinn dieses Satzes. Aber auch das konnte Angelique Kerber nicht erschüttern. Als habe es nie Zweifel, nie zögern oder zaudern in ihrer Karriere gegeben, lief sie weiter mit großen Schritten geradeaus; die Frechheit, mit der sie Stopps spielte, und die druckvolle Präzision, mit der sie die Gegnerin immer wieder ausspielte, bauten sich wie die Wellen im Ozean auf.

Kann es Besseres geben, als im ersten Grand-Slam-Finale zu spüren, wie der anderen nichts einfällt? Wie das Publikum immer euphorischer reagiert? Und wie einen kein Rückstand und kein falscher Schlag aus dem Konzept bringen kann?
Die große Billie Jean King, einflussreiche Mutter des Profitennis für Frauen und weltweit geachtete Figur, schrieb Kerber nach dem Spiel über Twitter: Du bist die personifizierte Beharrlichkeit und Entschlossenheit. Saug diesen Moment auf, du hast ihn verdient. Serena Williams’ Lob gehört in die gleiche Kategorie. Sie meinte eine Stunde nach der Niederlage, ihre Gegnerin habe eine Einstellung, von der viele Leute lernen können: Bleib immer positiv und gib nie auf.

So war es, und so blieb es bis zum Schluss. Angelique Kerber liess sich nicht täuschen, als sie im dritten Satz 5:2 führte, weil sie selbst gegen Asarenka genau so einen Rückstand aufgeholt hatte. Und sie griff weiter an, als Williams auf 4:5 herangekommen war. Bitte jetzt kein Ass, dachte sie, als die Gegnerin bei ihrem ersten Matchball aufschlug. Kein Ass. Sie spielte den Return platziert zurück, erwischte auch den nächsten Ball, und dann flog die gelbe Kugel vom Schläger der Favoritin ins Aus. Die Siegerin ging zu Boden im Stil von Rafael Nadal, und die Wogen der Begeisterung schlugen über ihr zusammen, als sie da in der Realität ihres Traumes auf der Grundlinie lag.

Unfassbar? Unfassbar. Zu den besten Augenblicken des großartigen Abends gehörte die Herzlichkeit, mit der Serena Williams in einer langen Umarmung gratulierte. „Sie ist nicht nur ein Champion, sondern auch eine tolle Person“, sagte Kerber auf dem Podium, und dann hielt sie eine Rede, die weiter und weiterging. So, als könne sie nicht genug bekommen von diesem Abend und seinen unvergesslichen Ereignissen. Mit dem Pokal im Arm spazierte sie nach der Siegerehrung von einem Fernsehstudio ins nächste, zwischendurch hatte sie nur kurz Zeit, ihre Eltern und Großeltern anzurufen, ehe das Handy keinen Saft mehr hatte.

In der Pressekonferenz kurz vor Mitternacht wurde sie mit Beifall vom Auditorium und Chardonnay-Sekt des Turnierdirektors empfangen, und sie traf an diesem Abend in jeder Hinsicht jeden Return. Das alles, schwärmte sie mit Blick auf den Pokal, sei noch schöner, als sie es sich jemals vorgestellt hatte. Um zwei saß sie im Pressezentrum noch am Telefon und gab ein Interview, und jeden Glückwunsch nahm sie mit Freude an. Der Rest der kurzen Nacht? „Na, schlafen werden wir wohl nicht. Mein Team hat eh schon vorgelegt.“ Dieses Team wird eine Menge zu erledigen haben demnächst; diverse Wetten stehen zur Einlösung an. Nummer eins: Ein gemeinsamer Sprung in den Yarra am Sonntagmorgen. Nummer zwei: Ein vor Jahren mit Coach Torben Beltz für den Fall eines Grand-Slam-Sieges abgemachter Fallschirmsprung. Nummer drei: Ein Tanzkurs. Egal, was jetzt auf sie zukommen werde, sagte die erste deutsche Grand-Slam-Siegerin des Jahrtausends, sie freue sich auf jeden einzelnen Schritt.


+++ Melbourne, den 30.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Zu Beginn eines Turniers summt und brummt es in der Kabine wie in einem Bienenstock; 128 Spielerinnen brauchen eine Menge Platz. Mit jedem Tag sinkt Geräuschpegel ein wenig, bis er schließlich Ende der zweiten Woche Richtung Stille fällt. Zuletzt waren Serena Williams und Angelique Kerber manchmal allein in den verlassenen vier Wänden, und sie konnten sich auch deshalb nicht übersehen, weil ihre Spinde nebeneinander liegen. Wie soll man sich das vorstellen? Eine schweigende Diva, umgeben von quietschgelben Klamotten, und eine respektvolle Nachbarin? „Alles ganz normal“, sagt Kerber, „wir grüßen uns immer. Manchmal reden wir übers Wetter, über die Plätze, auch über Restaurants und darüber, was sie so macht“. Also gibt sie nicht die Diva, die große Williams? „Nee. Zu mir war sie immer so, unnahbar fand ich sie nie.“

Am Tag vor dem großen Spiel trainierten die Finalistinnen nebeneinander in der Halle – es regnete mal wieder; Williams auf dem hintersten Platz mit ihrem französischen Coach Patrick Mouratoglou, Kerber davor mit Torben Beltz. Mit dessen Qualitäten als Coach ist sie nach wie vor sehr zufrieden, mit dessen Optik allerdings nicht. Er rasiert sich nicht, solange sie im Turnier spielt, und nach zwei Wochen mit sechs Siegen sieht er einigermaßen stachelig aus.

Williams beendete das Training zehn Minuten eher als die deutsche Konkurrentin, danach machte sie sich auf zur obligatorischen Pressekonferenz, begleitet von ihrer Managerin, ihrer Schwester Isha und einem Mann vom Sicherheitsdienst.
Sie wirkte wie immer bei diesen letzten Konferenzen vor einem Finale, als habe sie Schlaftabletten gefrühstückt; es war nicht leicht, mit irgendeiner Frage ihr Interesse zu wecken. In gewisser Weise auch ein bisschen verständlich bei der x-ten Auflage dieser Prozedur; es war der Tag vor dem 27. Grand-Slam-Finale ihrer Karriere. Immerhin gab sie zu, bei der bisher einzigen Niederlage gegen Kerber – beim Turnier in Cincinnati 2012 – habe die Gegnerin unglaublich gespielt; gut aufgeschlagen, gut bewegt, sehr entschlossen. „Sie ist jemand, den man sehr ernst nehmen muss.“ Dann wäre das immerhin geklärt.

Die Tage vor dem letzten Spiel eines Turniers unterscheiden sich bei der Ersten der Weltrangliste kaum von anderen; sie trainiert, lässt sich behandeln und verbringt die restliche Zeit zurückgezogen im Hotel. Um unerkannt auf Melbournes Straßen zu promenieren müsste sie sich gewaltig verkleiden, und selbst dann wäre der Aktion vermutlich kein großer Erfolg beschieden. Dieses Gesicht und die Geschichte zu diesem Gesicht kennt jeder, der nur ein klein wenig für das Spiel mit dem gelben Ball interessiert.

Aber auch Angelique Kerber wird in Melbourne mittlerweile öfter auf der Straße erkannt. Als sie Freitagmorgen am Fluss unterwegs war, machten diverse Jogger halt und wünschten ihr alles Gute fürs Finale. Das gefällt ihr, wie so vieles dieser Tage; in der gestiegenen Aufmerksamkeit sieht sie auch eine Bestätigung ihrer Arbeit, ihres Erfolgs. „Ich hab Jahre gebraucht, um da hin zu kommen“, sagte sie in ihrem Teil der Pressekonferenz, bei der sie deutlich wacher wirkte als zuvor Williams. Wach, aufmerksam und immer noch entspannt, trotz einer unruhigen Nacht mit wenig Schlaf nach dem Sieg im Halbfinale.

Vor neun Jahren spielte sie zum ersten Mal bei einem Grand-Slam-Turnier – da hatte Williams schon acht Titel gewonnen. Aber vieles, was sie an diesem Samstag rund um das Finale erleben wird, ist neu für sie. Man kann sich nur ansatzweise darauf vorbereiten, und es gibt genügend Beispiele von Spielerinnen, die von der Bedeutung des besonderen Augenblicks zu Boden gedrückt wurden. Natürlich weiß sie, dass man sich kaum gegen eine solche Erfahrung schützen kann, aber sie ist zuversichtlich. „Ich will zeigen, dass ich eine der besten Spielerinnen der Welt bin; das hab ich in diesen zwei Wochen hier verinnerlicht. Ich will mir selbst beweisen, ich gehöre da hin, ich kann das. Die meisten Leute werden sagen, Serena wird gewinnen. Aber diese Herausforderung nehme ich an.“

Von 26 Endspielen bei den großen Turnieren verlor Serena Williams nur vier; zwei gegen ihre Schwester Venus (2001 und 2008 in Wimbledon, eines gegen Maria Scharapowa (Wimbledon ´04) und eines gegen Sam Stosur (US Open ´11). Geringere Aussichten als die Australierin damals in New York hat Angelique Kerber diesmal sicherlich nicht. „Ich weiß, dass sie zwischendurch immer mal wackelt“, sagt sie. „Das hat man auch im zweiten Satz im Halbfinale gesehen. Und wenn sie wackelt, dann muss ich meine Chance nutzen. Aber was auch passiert, es ist was Spezielles, später sagen zu können: Ich war mal im Finale eines Grand Slams. Das kann ich meinen Enkeln irgendwann erzählen.“

Bis zur Enkelphase wird noch ein wenig Zeit vergeben. Hier und jetzt freut sie sich und ist bereit zu allem, was in den letzten Stunden vor Beginn des Spiels passieren soll; möglichst etwas länger schlafen, im Hotel im Gym leicht auf Touren kommen, zur Anlage fahren, sich einmal einschlagen und kurz vor dem Spiel wie immer die Sprunggelenke tapen lassen. Dann wird sie Serena Williams wiedersehen, und im Umkleideraum wird Stille sein.


+++ Melbourne, den 29.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Auf den schnurgeraden Straßen im Herzen Australiens sind die so genannten Road Trains unterwegs; Sattelzüge mit mehreren Anhängern, furchterregend lang. Nun ist Novak Djokovic zwar deutlich beweglicher als ein solcher Zug, aber die Art, wie er in den ersten beiden Sätzen durch das Halbfinale gegen Roger Federer bretterte, forderte den Vergleich mit den Überlandmaschinen geradezu heraus. Gute Güte. Nach weniger als einer Stunde führte er bereits 6:1, 6:2, und die Leute auf den Rängen sahen sprachlos zu. Zum Glück erholte sich Federer danach leidlich und gewann den dritten Satz, aber zu mehr reichte es nicht. Um diesen Zug aufzuhalten hätte man drei massive Straßensperren auf einer Strecke von hundert Metern gebraucht.

Vielleicht hatten Djokovics Probleme vor ein paar Tagen beim mühsamen Erfolg gegen den Franzosen Gilles Simon und Federers souveräne Siege in den Runden zuvor zu der Annahme geführt, der Schweizer könne nach dreieinhalb Jahren bei einem Grand-Slam-Turnier vielleicht wieder gegen den Rivalen gewinnen. Aber man konnte die Sache natürlich auch so sehen wie Boris Becker. Der meinte, wenn sein Mann in der Lage sei, so wie neulich selbst mit hundert leichten Fehlern zu gewinnen, dann zeige das doch vor allem, wie gut Djokovic in Form sei.

Hinterher waren sich die Kontrahenten nicht ganz einig in ihrem Urteil über das Qualitätssiegel der ersten beiden Sätze. Federer meinte, er habe den anderen schon öfter so spielen sehen. Außerdem, fügte er an: „Es ist mir egal, ob ich einen Satz 1:6 oder 6:7 verliere. Ich wusste nur, wie wichtig es ist, den ersten Satz zu gewinnen, denn wenn er einmal am Rollen ist, dann ist er nur schwer aufzuhalten.“
Djokovic war anderer Meinung. Der fand, er habe sicher schon Spiele mit ähnlicher Qualität gezeigt, aber gegen Federer seien das die beiden besten Sätze gewesen, die er je gespielt habe. Fest steht, dass er nun zum ersten Mal in seiner Karriere im Vergleich mit Federer eine positive Bilanz hat (23:22), dass er gegen alle anderen Herausforderer sogar weitaus bessere Bilanzen vorlegen kann und dass man sich fragen muss, wer diesen Zug aufhalten kann? Federer versichert, er sei immer noch zuversichtlich, Djokovic bei einem großen Turnier noch mal besiegen zu können; diese Art von Zuversicht verblasse ja nicht so schnell. „Ich weiß, dass das nicht einfach wird, aber das hab ich nie gedacht. Novak ist im Moment der Maßstab für uns alle.“

Was dieser Sieg (6:1, 6:2, 3:6, 6:3) im System des Serben wert ist, das sah man an dessen Reaktion nach dem Matchball. Er reckte die Arme in die Luft und gönnte sich bubenhafte Freude – ganz im Gegensatz zu den Spielen vorher, auf deren Ende er eher geschäftsmäßig reagiert hatte. Aber wie sollte man auch glauben, dass Siege gegen Federer für ihn jemals zur Tagesordnung gehören könnten?

Am Sonntag wird Novak Djokovic zum 19. Mal im Finale eines Grand-Slam-Turniers erscheinen, vor ihm in der Liste stehen noch Federer (28) und Rafael Nadal (20). Es wird das fünfte Finale in Folge bei einem der großen vier Turniere sein, sein sechstes in Melbourne. Und in der Rod Laver Arena war er bisher am Ende ebenso unbesiegbar wie die Kollegin Serena Williams. Er wird nun zwei Tage Zeit haben, um sich etwas zu entspannen und auf die letzte Prüfung vorzubereiten, im Gegensatz zum Sieger des zweiten Halbfinales, der nur einen Tag Pause haben wird. Andy Murray und der Kanadier Milos Raonic spielen Freitag (9.30 Uhr MEZ) um den Platz des Herausforderers. Und damit um den besten Platz in der Arena, dem Ersten der Weltrangliste bei der Arbeit zuzusehen. „Wer es auch wird“, sagt Novak Djokovic, „ich bin bereit.“ Das darf man als Drohung verstehen.

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Es sah fast so aus, als habe ihr eine gute Fee ein glitzerndes Cape über die Schulter gelegt. Der Interviewraum ist normalerweise nicht der Ort, an dem sich Angelique Kerber besonders wohl fühlt, zumal im englischen Teil einer Pressekonferenz, aber an diesem Nachmittag schien sie selbst diese Aufgabe zu genießen. Voller Freude, zum ersten Mal in ihrer Karriere das Finale eines Grand-Slam-Turniers erreicht zu haben, berichtete sie in wohl gewählten Worten über die Genugtuung, diesmal alles richtig gemacht zu haben. Sie wusste, dass sie die Favoritin im Vergleich mit der britischen Herausforderin Johanna Konta gewesen war. Sie wußte, dass eine Niederlage nach dieser Konstellation wieder zu oft gehörten Kommentaren führen würde. Wie Ende vergangenen Jahres beim WTA-Finale in Singapur, als ihr der Gewinn eines Satzes gegen die Tschechin Lucie Safarova genügt hätte, um im Halbfinale zu landen.

Damals war sie unter dem Druck fast zur Salzsäule erstarrt. Wenn es um große Aufgabe gehe, habe sie ihre Nerven nicht im Griff, hörte sie hinterher. Dieses Gefühl sei schrecklich gewesen, erzählte sie am Donnerstag in ihrer glücklichen Stunde noch mal, sie habe Tage gebraucht, um sich davon zu erholen. Das, hatte sie danach beschlossen, passiert dir nie wieder.

Nach dem enttäuschenden Ende einer prinzipiell guten Saison hatte sie auf den Malediven am Strand gehockt und beschlossen, die Zeit sei jetzt reif für die Offensive. Sie formulierte ihre Ziele für die olympische Saison ungewohnt klar, sie wollte es besser machen, obwohl es ja schon vorher nicht schlecht gewesen war. „Vier Jahre in den Top Ten – alles schön und gut, aber jetzt muss auch mal was anderes kommen.“ Sie fand, es gebe keinen Grund mehr, sich zu verstecken.

Aber die Theorie ist das eine. Vor dem ersten Spiel in Melbourne war es ihr nicht besonders gut gegangen, weil sie sich doch ein wenig Sorgen machte, dass auch diesmal was schiefgehen könnte. Doch der abgewehrte Matchball zu Beginn, dann die Probe im deutschen Duell in der vierten Runde gegen Annika Beck und die riesige Aufgabe im Viertelfinale gegen Viktoria Asarenka, gegen die sie nie zuvor gewonnen hatte, und schließlich die große Chance, mit einem Sieg gegen Konta im Finale zu landen – so führte ein Schritt führte zum nächsten. „In Singapur hab ich dem Druck nicht standgehalten, heute hab ich es geschafft.“

Im vergangenen Jahr hatte sie zwar vier Titel gewonnen, aber bei den Grand-Slam-Turnieren war sie nie über die dritte Runde hinausgekommen. Zu wenig für jemanden mit ihrem Talent, zu wenig für jemanden, der seit Jahren zu den Top Ten gehört. Aber auch zu wenig für ihre eigenen Erwartungen. Sie beschloss, sich dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres so zu nähern, als sei das zwar ein reizvolles Ziel, aber irgendwie doch nichts Besonderes. „Ich hab einfach mein Ding gemacht, nichts Kompliziertes. Ich hab zum ersten Mal im offiziellen Spielerhotel gewohnt, alles ganz normal. Und das ist der Schlüssel.“

Gegen Konta hatte sie auch ein wenig Glück, als ihr die Britin Ende des ersten Satzes mit einem vergleichsweise leichten Fehler die Tür öffnete. Mit dem ersten Satz in der Tasche spielte sie das Ding konzentriert zu Ende und sonnte sich hinterher in einem Gefühl, das sie kaum beschreiben konnte in seiner ganzen Dimension.

Natürlich kam das Wort Traum in dieser Stunde vor. Aber in ihrer neuen, entspannteren Herangehensweise findet sie, das sei ja erst der halbe Traum. Der zweite Teil beginnt Samstagabend, 19.30 Uhr Ortszeit (9.30 MEZ) mit dem Finale gegen Serena Williams; ihrem ersten und dem 26. der Amerikanerin. Williams stürmte gegen Agniezska Radwanska durch einen furchteinflößend perfekten ersten Satz und einen sehr soliden zweiten (6:0, 6:4), und man kann sich kaum noch erinnern, dass es vor dem Turnier Zweifel an ihrer Form nach der langen Pause Ende vergangenen Jahres gab.

Serena Williams gewann 39 ihrer letzten 40 Spiele bei einem Grand-Slam-Turnier; das nur als kleine Erinnerung. Die einzige Niederlage erinnert allerdings auch daran, dass nichts in Stein gemeißelt ist; die Wahrscheinlichkeit eines Sieges von Angelique Kerber gegen die mächtige, unwiderstehliche Nummer eins des Frauentennis ist sicher nicht geringer als die Wahrscheinlichkeit seinerzeit bei den US Open in New York vor dem Halbfinale gegen Roberta Vinci aus Italien.

„Ich werde versuchen, Serena zu zeigen, dass ich das Ding gewinnen will“, sagt Kerber, „von Anfang an.“ Sie hat es schon einmal getan, vor vier Jahren beim Turnier in Cincinnati, und das sogar in zwei Sätzen. Trainer Torben Beltz, der sie am Donnerstag mit Tränen in den Augen siegen sah („auch die Norddeutschen können Freude entwickeln“) kann sich an das Spiel in den USA gut erinnern. Das sei damals ein Superspiel gewesen „Sie muss so rausgehen und voller Power spielen wie gegen Asarenka, dann hat sie auch ne Chance. Ich hoffe, dass sie das zeigt.“ Genau das hat sie natürlich auch im Sinn, aber sie will dieses ganz besondere Spiel auch in allen Aspekten erleben. Vom Moment, in dem sie durch den Torbogen kommend die voll besetzte Rod Laver Arena betreten wird, bis zur Siegerehrung – das komplette, lang ersehnte Programm.

Serena Williams verlor noch nie ein Finale in Melbourne, und bleibt es bei dieser makellosen Serie, dann wird sie am Samstagabend etwas geschafft haben, was man sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen konnte: Mit dem 22. Grand-Slam-Titel ihrer Karriere könnte sie Steffi Grafs Marke erreichen. In gewisser Weise liegt es also nun in Angelique Kerbers Händen, diese Marke zu schützen. Ist sie sich dessen bewusst? „Ja, sicher. Ich werde es versuchen. Die Deutschen müssen doch zusammenhalten.“

Lächelnd berichtete sie, Graf habe ihr nach dem Halbfinale eine Nachricht geschickt. Sie spürte die Neugier im Auditorium und fragte keck: „Wollt ihr wissen, was drin steht? Soll ich mal kucken?“ Logo. Also warf sie das Handy an und las die Botschaft ihres Idols vor: „Ich gratuliere. Ich freue mich riesig. Lieben Gruß aus Las Vegas.“ Auch in diesem Moment kam es einem so vor, als säße da eine andere Angelique Kerber, glücklich und bemerkenswert entspannt.


+++ Melbourne, den 28.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Ein knackiger Return brachte ihm den Sieg, aber in dem Moment ging es um mehr den Titel. Boris Becker wusste längst vor dem Matchball im Finale der Australian Open ´91 gegen Ivan Lendl, dass er am nächsten Tag ganz offiziell an der Spitze der ATP-Weltrangliste stehen würde. Zum Zeichen der eins reckte er den Zeigefinger in die Luft, hüpfte und jubilierte, doch auf einmal war er verschwunden. In der Arena warteten sie auf ihn mit der Siegerehrung, er drehte derweil draußen im Park eine kleine Runde, um ein paar Momente allein zu sein, wie er später erklärte. Damals hielten die Sieger eines großen Turniers noch keine kompletten Reden wie heutzutage, aber selbst gemessen an diesem Standard machte es Becker extrem kurz. „Das ist ein unglaublicher Moment für mich,“ ließ er wissen, „ich kann nicht viel sagen, tut mir leid“. Das war’s.

Ein Vierteljahrhundert sei das nun her, meinte er am Mittwoch in Melbourne in einem nüchternen, kleinen Interviewraum. „Zu der Zeit hatte ich ja schon Wimbledon und die US Open gewonnen. Aber dann endlich Nummer eins zu sein war ein Höhepunkt, auf den ich gern zurückblicke. In dem Moment wurde ein Traum für mich wahr.“ Seinem Vater Karl-Heinz, der acht Jahre später starb, verdankt er private Video-Kassetten vom historischen Sieg, aber um sich an das intensive Gefühl zu erinnern, braucht er keine Belege.

Dass es vergleichsweise lange dauerte mit seinem Sprung an die Spitze – 1989, in seinem besten Jahr, hatte er Wimbledon und die US Open gewonnen und in Paris das Halbfinale erreicht – lag an einem Ranglisten-System, in dem es darauf ankam, wie viele Turniere man spielte. Und Becker sagt, er habe nun mal mehr gespielt als die großen Rivalen seiner Zeit, Ivan Lendl und Stefan Edberg. Insgesamt zwölf Wochen stand er 1991 an der Spitze, mit einer Unterbrechung, ehe Edberg mit einem Sieg bei den US Open im September wieder übernahm.

Und noch ein Jahrestag steht dieser Tage an. Am 29. Januar 1996, vor 20 Jahren, gewann er den zweiten Titel in Australien, den letzten seiner Karriere, mit einem Sieg im Finale gegen Michael Chang. Der Amerikaner hatte im Halbfinale überraschend gegen Landsmann Andre Agassi gewonnen, der wiederum stellte die Sache in seiner Biografie „Open“ später so dar, als habe er sich nicht viel Mühe gegeben, dieses Spiel zu gewinnen, weil er keinen Bock auf eine weitere Begegnung mit Becker gehabt habe. Die Herren waren sich im Jahr zuvor bei diversen Gelegenheiten auf die Füße getreten. Was hält Becker heute von Agassis Version? „Ich glaub’, das ist Schachsinn“, sagt er ohne zu zögern. „Bei allem Respekt, wenn man im Halbfinale steht, dann will man auch gewinnen.“ Zumal, wenn man jemanden gerade nicht leiden kann.

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Manche Momente aus dem Sportunterricht vergisst man nie. Wie es ist, zum Beispiel, auf den längs gestellten Sprungkasten zuzulaufen, sich mit einem kräftigen letzten Schritt vom Sprungbrett abzudrücken und dann dieses vermaledeite Ungetüm zu überwinden. Das kostet große Überwindung, und es hilft kein bisschen, wenn alle sagen, man hätte das drauf; es ist das Letzte, was man nach dem fünften vergeblichen Versuch hören möchte. So ungefähr hatte die Angelegenheit bisher zwischen Angelique Kerber und Viktoria Asarenka ausgesehen. Anlauf, zu wenig Abdruck beim letzten Schritt, Hindernis zu hoch, Ende. Diesmal war es anders. Im sechsten Versuch wackelte sie zwar kurz auf dem Brett, drückte sich aber trotzdem entschlossen ab, flog hoch und weit und landete sicher im Stand.

Der Sieg (6:3, 7:5) führte Deutschlands Nummer eins ins Halbfinale der Australian Open gegen Johanna Konta (die Begegnung fand Donnerstag in den frühen Morgenstunden/MEZ statt), die Überraschungsspielerin des Turniers. Vor einem Jahr war Konta, damals Nr. 144 der Welt, in Melbourne in der ersten Runde der Qualifikation ausgeschieden. Der verblüffende Aufstieg der Engländerin, die auch einen ungarischen und einen australischen Pass hat (ihre Eltern sind Ungarn, und sie wurde in Sydney geboren), hatte im Sommer begonnen. Nach den Australian Open wird sie zu den besten 30 der Rangliste gehören, und Angelique Kerber war sich im Klaren darüber, dass das nicht mal auf dem Papier eine vergleichsweise leichte Aufgabe werden würde.

Zumindest für ein paar Stunden genoss sie allerdings die Freude über den ersten Sieg gegen Asarenka, die bisher in diesem Jahr noch kein Spiel und auch keinen Satz verloren hatte. Vor zweieinhalb Wochen war Kerber im Finale des Turniers in Brisbane nach einem ausgeglichenen ersten Satz gegen die Weißrussin eingeknickt. Diesmal spielte sie so, wie sie es sich vorgenommen hatte. Nicht auf dem Schriftzug Melbourne rumturnen – der steht zwei Meter hinter der Grundlinie auf dem blauen Boden der Rod Laver Arena -, sondern deutlich davor; Tempo und Entschlossenheit der Gegnerin mit Tempo und Entschlossenheit beantworten; Fehler in Kauf nehmen und keine Angst vor dem Risiko zeigen.

Es gab eine Phase, in der das Spiel trotz des souverän gewonnenen ersten Satzes hätte kippen können. Asarenka war im zweiten 5:2 in Führung gegangen, aber Kerber konterte mit offensiven Schlägen, wehrte drei Satzbälle ab und erzwang schließlich ein Break zum 3:5. Auch die Satzbälle vier und fünf wehrte sie ab, glich zum 5:5 aus, und spätestens in diesem Moment wusste Asarenka Bescheid.

Auf der Tribüne saß Torben Beltz und wurde immer sicherer, dass die Chefin diesmal bei ihrer geraden Linie bleiben würde. Mit dem Coach aus Kiel war Angelique Kerber in den ersten beiden Halbfinals ihrer Karriere gelandet – 2011 bei den US Open und im Jahr danach in Wimbledon -, im März 2015 war sie zu ihm zurückgekehrt. Warum die Zusammenarbeit nun wieder so gut funktioniert? „Er kennt mich in- und auswendig“, sagt sie. „Er weiß ganz genau, wie ich ticke, und auch, wann er mich in Ruhe lassen soll. Natürlich weiß er, wo ich Schwierigkeiten habe, obwohl ich natürlich alles kann“. Obwohl ich alles kann – so ein Satz wäre ihr vor einem Jahr noch nicht über die Lippen gekommen.

Eine gute Portion Erleichterung mischte sich in die Freude, endlich über den Kasten gesprungen zu sein. „Ich weiß jetzt, dass ich sie schlagen kann“, sagt Kerber, „sogar in zwei Sätzen. Ich brauche keine Angst mehr vor solchen Spielerinnen zu haben, die rausgehen und zeigen, dass sie die Besten sind. Das bin ich jetzt auch, und ich kann es jetzt auch zeigen.“ Wieder so ein Satz.

Wegen der kurzen Zeit vor der nächsten Herausforderung im Halbfinale gegen Johanna Konta kümmerte sie sich eher nicht um die Glückwünsche aus Deutschland, aber Lob gab es auch an Ort und Stelle. Boris Becker, der die Partie in seinem Hotel in Melbourne am Fernsehen verfolgt hatte, meinte: „Großes Kompliment. Nachdem sie in der ersten Runde mit Matchball hinten war, steht sie jetzt im Halbfinale, aber das sind die Geschichten eines Grand Slam.“ Mit solchen Geschichten kennt er sich ohne Zweifel aus. Auch mit der Wirkung abgewehrter Matchbälle, weil man danach gern glaubt, das Schicksal meine es gut mit einem.

Angelique Kerbers Episode zu diesem Thema hat einen netten, ironischen Unterton. Den Matchball im Spiel der ersten Runde gegen die Japanerin Misaki Doi hatte sie mit einem so genannten Service-Winner abgewehrt; das ist ein Aufschlag, den die Gegnerin zwar erwischt, daraus aber nichts mehr machen kann. Vom Thema Aufschlag wird die Kerber schon länger verfolgt, vor allem der zweite führte oft mitten in die Gefahr. Sie selbst fand ihn nie so schlecht. Aber sie erkannte schon, dass es Handlungsbedarf gab, und so stand die Verbesserung dieses Punktes ziemlich weit oben auf der Liste beim Training in der Winterpause. Viktoria Asarenka jedenfalls meinte zu den Ursachen ihrer ersten Niederlage gegen Angelique Kerber: „Vor allem in den entscheidenden Momenten hat sie wirklich gut aufgeschlagen.“ Auch dieser Satz gehörte früher eher nicht zum Textbuch, wenn es um Angelique Kerbers Qualitäten ging.


+++ Melbourne, den 27.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Er spielt entspannt dieser Tage, sehr entspannt. Beim Sieg zu Beginn der Woche gegen den Belgier David Goffin gönnte er sich drei Sätze und einen angenehmen Abend, beim Sieg am Dienstag gegen Tomas Berdych traf Roger Federer im Sonnenschein auf etwas mehr Gegenwehr, gewann aber ebenso souverän in drei Sätzen (7:6, 6:2, 6:4). Kann man sich vorstellen, dass er die nächste Partie mit der gleichen Leichtigkeit gewinnt? Hmmm, eher nicht. Denn auf der anderen Seite wird wieder dieser Typ stehen, gegen den er seit dreieinhalb Jahren bei keinem Grand-Slam-Turnier mehr gewann. Der Typ heißt Novak Djokovic.

Im Melbourne Park sind sie jedenfalls ganz aus dem Häuschen bei der Aussicht auf diese Partie. Zum einen ganz grundsätzlich, denn was könnte reizvoller sein, als die Besten im schillernden Vergleich zu sehen? Aber die Vorfreude hat auch mit der Tatsache zu tun, dass es die erste Begegnung von Federer und Djokovic in der Rod Laver Arena seit fünf Jahren sein wird, die vierte insgesamt an diesem Ort. Der Blick zurück führt zu markanten Punkten dieses Duells, das im Moment nach 44 Begegnungen auf allen Ebenen bei 22:22 steht.

Die Premiere in Melbourne vor neun Jahren fiel in die Phase von Federers Dominanz. Djokovic war 19 damals, galt als zukünftiger Herausforderer und hatte die Saison zuvor auf einem Platz unter den Top 20 der Weltrangliste beendet; der Schweizer gewann glatt in drei Sätzen, und es sah nicht so aus, als bestünde Gefahr. Zwölf Monate später trafen sie sich an gleicher Stelle wieder, und diesmal war die Gefahr ohne Fernglas zu erkennen; der serbische Herausforderer setzte sich im Halbfinale in drei Sätzen durch. Es war nicht nur dessen erster Sieg gegen Federer bei einem Grand-Slam-Turnier, sondern er beendete damit auch eine der vielen faszinierenden Erfolgsserien des Rivalen, der vorher zweieinhalb Jahre lang bei allen vier Grand-Slam-Finals im Finale gespielt und davon acht gewonnen hatte. Novak Djokovic schnappte sich ein paar Tage danach seinen ersten Titel bei einem der großen vier Turniere. Aber es gab bei der Gelegenheit noch eine Zäsur: Zum ersten Mal nach einer Folge großer Duelle zwischen Federer und Rafael Nadal stand keiner von beiden im Finale.

Die Nummer drei der Trilogie in Melbourne führte 2011 ins erste der großen Jahre von Novak Djokovic. Er gewann das Halbfinale in drei Sätzen, zum vierten Mal in Folge fand danach das Finale eines Grand-Slam-Turniers ohne Federer statt, und das Wort vom Machtwechsel machte die Runde. Als der Meister nach der Niederlage darauf angesprochen wurde, meinte er mit einem deutlichen Unterton von Missbilligung: „Darüber sollten wir vielleicht in sechs Monaten noch mal reden“. Nun, sechs Monate danach war Djokovic die Nummer eins und gewann in dem Jahr drei der vier großen Titel.

Und jetzt? Dokovic besiegte Federer im vergangenen Jahr in Wimbledon und bei den US Open, aber in beiden Spielen wäre für den Schweizer mehr möglich gewesen. Aber der sagt, er orientiere sich bei der Vorbereitung auf das nächste Spiel nicht an diesen Begegnungen, sondern lieber an den letzten Eindrücken vom ATP-Finale in London. Im Gruppenspiel überraschte er den Gegner seinerzeit im November mit einer etwas anderen Taktik als sonst – er blieb mehr an der Grundlinie und wartete ab -, und gewann. Djokovic ließ hinterher durchblicken, er habe Federer das Spiel quasi geschenkt. Aber als es ein paar Tage danach um den Titel ging, dominierte er die Begegnung so wie fast alle im besten Jahr seiner Karriere.

Mal sehen, ob Federer oder dessen Ratgeber Severin Lüthi und Ivan Ljubicic was Besonderes einfällt, um Djokovics Dominanz zu knacken. Beim Sieg am Dienstag gegen Kei Nishikori leistete der sich nicht so viele Fehler wie zwei Tage zuvor gegen Gilles Simon, was auch schwer möglich gewesen wäre; anstatt hundert wie gegen den Franzosen waren es diesmal nur 27. Aber für ein stabiles Urteil über seinen aktuellen Leistungsstand gab die Partie dennoch nicht viel her, denn dazu spielte der Japaner zu schlecht. Der Titelverteidiger gab sich bei der Standortbestimmung bedeckt und meinte, er sei soweit mit seinem Niveau ganz zufrieden.

Falls Lüthi und Ljubicic auf der anderen Seite nichts Schlaues einfallen sollte, dann könnte es Roger Federer vielleicht mit Tipps aus der Familie probieren, von denen er Anfang der Woche sichtlich amüsiert berichtete. Seine Zwillingstöchter hatten ihm empfohlen, er solle doch am besten immer auf die Linien spielen, und sie dachten sich noch einen besonderen Trick aus: In eine Richtung zu schauen und in die andere zu schlagen. Federer versprach, es zu probieren, gab aber zu bedenken, dass das nicht so einfach sei. Als sie ihm neulich beim Training besuchten, erkundigten sich Myla und Charlene, was denn nun mit ihrem Vorschlag sei. Sie warten noch immer; manchmal sind selbst die talentiertesten Väter schwer von Begriff.


+++ Melbourne, den 26.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Wenn sie in ihrer grauen Sweatshirt-Jacke durch den Gang tänzelt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen, könnte man sie für Laila Ali halten. Oder – etwas aktueller – für Ronda Rousey. Die eine war Boxweltmeisterin, die andere ist die Frontfrau der Kampfsportabteilung Martial Arts, und der Vergleich dürfte ihr gefallen. Sonst hätte sie nicht dieses Video ersonnen und produziert, in dem sie vor spärlich beleuchteten Graffitimauern in ihrer Heimatstadt Minsk wie eine Boxerin trainiert, unterlegt mit herznahen Basstönen und forderndem Beat. Quietschende Motorradreifen dazu, am Ende klappt sie das Visier des Helmes hoch, und man sieht, was man von Anfang an wußte – die Frau in Leder auf dem heißen Ofen ist sie selbst. Sie habe der Welt eine andere Seite von sich präsentieren wollen, sagt Viktoria Asarenka dazu. „Ich wollte meinen Fans, den Medien und den Leuten zeigen, wer ich bin.“

Sagen wir mal so: Allzu überraschend wirkt die inszenierte Offenbarung nicht. Asarenka, geboren kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion und in ziemlich bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen in Minsk, gab immer mehr von sich preis als die aus Russland stammende Kollegin Maria Scharapowa. Unterstützt und finanziert von Eishockeyprofi Nikolai Chabibulin zog Asarenka als Teenager nach Arizona und lebte längere Zeit in der Familie des NHL-Torhüters; in mehr als einem Jahrzehnt in den USA ist eine interessante Mixtur entstanden. Wie eine echte Amerikanerin steht sie auf Football – nach ihrem Sieg am Dienstag im Achtelfinale erkundigte sie sich noch auf dem Platz nach dem Ergebnis der Denver Broncos im Halbfinale der NFL -, sie kann laut und offen sein, aber sie sagt, sie werde die auch die ganz andere Art der Menschen ihres Heimatlandes Weißrussland immer in sich tragen.

Vor vier Jahren gewann sie den Titel bei den Australian Open zum ersten Mal, stand danach zunächst 19 und später noch mal 32 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, und ein Jahr danach verteidigte sie den Titel. Doch dann stoppte der Express. Verletzungen, eine schmerzhafte Liebesgeschichte, und im vergangenen Jahr eine Trennung von ihrem Coach, die sie hart traf. Sechs Jahre hatte sie mit dem Franzosen Sam Sumyk gearbeitet, den sie als ihren Lebenslehrer bezeichnete, hatte quasi zu seiner Familie gehört. Aber nach den Australian Open 2015 nahm Sumyk ein Angebot der Kanadierin Eugenie Bouchard an, und Asarenka tat sich sehr schwer, diese Entscheidung hinzunehmen.

Aber das war nicht das einzige Problem im vergangenen Jahr. Während der gesamten Saison quälte sie sich mit Verletzungen herum. Vor zwei Wochen während des Turniers in Brisbane sagte sie, es habe im ganzen Jahr keinen einzigen Moment gegeben, in dem sie sich gut gefühlt habe. „Ich habe viele Medikamente genommen, und die haben mich manchmal richtig verrückt gemacht, ich hab sie nicht gut vertragen. Es war ein dauernder Kampf mit meinen Schmerzen, auch mit meiner Angst. Schließlich war ich soweit, dass ich dachte: Schluss jetzt, ich muss rausfinden, was los ist.“

Ende September spielte sie zum letzten Mal, danach zog sie sich zurück und versuchte, dem Körper Zeit zum Heilen zu geben und sich neu zu sortieren. Und jetzt? „Ich habe rausgefunden, was mich entspannt, was mir Ruhe und Frieden gibt, und ich fühle mich jetzt definitiv wohler. Ich bin glücklich, sehr glücklich.“

Der neue Trainer, der Holländer Wim Fissette, trägt offenbar ebenso zur entspannten Stimmung bei wie ihr Münchner Trainingspartner Sascha Bajin, den sie im vergangenen Jahr übernahm, nachdem der seinen Job bei Serena Williams verloren hatte. Und die ganze Sache funktioniert nun so gut, dass sie bisher die überragende Spielerin 2016 ist. Auf dem Weg zum Titel kürzlich in Brisbane gab sie keinen Satz ab, in Melbourne bisher auch nicht, wo ihre Gegnerin am Montag, die Tschechin Barbora Strycova, im zweiten Satz aber immerhin vier Spiele gewann und damit so viele wie noch keine Gegnerin in diesem Jahr.

So also sieht die Sache aus für Angelique Kerber, die am Mittwoch im Viertelfinale wie in Brisbane gegen die neue Viktoria Asarenka probieren wird, den Code zu knacken. Im Finale des Turniers in Queensland hatten die beiden im ersten Satz auf einer Höhe gespielt, nach einem schnellen Rückstand im zweiten hatte Kerber den Kopf ein wenig hängenlassen. Beim Sieg am Montag im deutschen Achtelfinale gegen Annika Beck (6:4, 6:0) tat sie sich am Anfang schwer, weil Beck auf sehenswerte Weise Paroli bot, am Ende hatte sie jedoch alles im Griff.

Die spannende Frage wird nun sein, ob es im siebten gemeinsamen Spiel mit der glücklichen Gegnerin zum ersten Sieg langt. Asarenkas Beschreibung von Kerbers Spiel hört sich so an: „Sie spielt zuverlässig, beständig“ – Pause – „naja, sie kommt aus Deutschland.“

Für beide geht es auch darum, verlorenes Terrain zurückzuerobern; die Weißrussin stand bei den US Open vor drei Jahren zum letzten Mal im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, Kerber in Wimbledon 2012. Der Planet Tennis freut sich auf diese siebte Begegnung und hofft, dass das Spiel genau so ein Kracher werden möge wie die Partie in der dritten Runde der US Open im vergangenen Jahr. Keine Frage, so unterschiedlich sie in ihrer Art und Herkunft sein mögen, auf dem Tennisplatz passen prima zueinander. Viktoria Asarenka wird wie immer mit Kapuze auf dem Kopf und Musik im Ohr zur Verabredung erscheinen. Ungeduldig, hüpfend, wild entschlossen.


+++ Melbourne, den 25.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Am Ende des ereignisreichen Abends, nach einer Eismassage und einer ordentlichen Portion Salz, waren die Tränen getrocknet, und Anna-Lena Friedsam fand zurecht, sie könne stolz auf sich sein. Stolz auf drei Siege in einer Woche, aber vor allem auf die Art, wie sie sich am Sonntag trotz der Niederlage im Achtelfinale gegen Agnieszka Radwanska (7:6, 1:6, 5:7) verabschiedet hatte. Zweieinhalb Stunden lang hatte sie alles probiert und riskiert gegen die Nummer vier der Welt. Solange, bis sie von üblen Krämpfen im linken Oberschenkel gestoppt wurde und kaum noch stehen konnte.

Aber keine Frage, ebenso wie bei Annika Beck, die in der Nacht zum Montag gegen Angelique Kerber um einen Platz im Viertelfinale spielte, weiß die Welt des Tennis nun ein wenig besser über die Qualität der zweiten Reihe des deutschen Frauentennis Bescheid. Vor dem Turnier hatte Friedsam in der Rangliste auf Platz 83 gestanden, in der neuen Ausgabe am nächsten Montag wird sie rund 30 Plätze weiter vorn zu finden sein und wird damit hinter Kerber, Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Beck die fünftbeste Deutsche sein.

Es war wirklich eindrucksvoll, wie sie auch im bisher größten Spiel ihrer Karriere in der zweitgrößten Arena im Melbourne Park gegen die favorisierte Polin spielte. Kein Zittern, kein Zaudern – stattdessen kontrollierter Angriff. Und selbst, nachdem sie für hohen Einsatz zu Beginn im zweiten Satz ein wenig büßen musste, änderte das nichts an ihrer positiven, mutigen Einstellung.

Als alle glaubten, Radwanska werde das Ding mit einer frühen Führung im dritten Satz routiniert nach Hause bringen, stellte sich Anna-Lena Friedsam noch mal in den Weg. Sie zog auf 5:2 davon, schlug bei 5:3 zum Matchgewinn auf, und beim Stand von 5:4 fehlten ihr nur noch zwei Punkte zum Sieg. Doch da spürte sie längst, dass mit linken Oberschenkel etwas nicht in Ordnung war. Sie wusste nicht, ob es eine Verletzung oder ein Krampf war, ließ sie behandeln, aber das nützte nicht viel. Schließlich konnte sie sich beim Aufschlag kaum noch abdrücken und handelte sich zwei Verwarnungen wegen Zeitüberschreitung ein; weil sie nicht mehr wusste, was sie machen sollte, schlug sie sogar von unten auf. Sie wurde wieder behandelt und wand sich unter Schmerzen, die Zuschauer litten mir ihr. Es gab keinen Ausweg mehr; mit aller Routine gewann Agnieszka Radwanska das Spiel. Begleitet von großem Beifall verließ Anna-Lena Friedsam die Arena, traurig und mit Tränen in den Augen. Sie könne sich keinen Vorwurf machen, meinte sie zwei Stunden später; sie habe alles gegeben und alles versucht und sei nah dran am Sieg gewesen. Und nein, sie sei nicht überrascht von ihrer Leistung in dieser ersten Woche der Australian Open. Sie sieht darin eine Bestätigung ihrer harten Arbeit und meinte: „Das macht mich einfach froh.“

Auch die Bundestrainerin fand, das sei alles andere als Zufall gewesen, sondern vielmehr das Ergebnis guter, systematischer Aufbauarbeit. Barbara Rittner hatte Friedsams letztes Spiel in Melbourne und dessen unglückliches Ende nicht mehr gesehen; sie war wie geplant am Samstagabend nach Hause geflogen, um sich intensiv auf den Fed Cup Ende kommender Woche in Leipzig vorbereiten zu können. Sie nahm positive Eindrücke aus diversen Gesprächen mit den Spielerinnen mit, auch erfreulich positive Eindrücke der zweiten Garde, aber das macht die Aufgabe bei der der Nominierung nun nicht leichter. Sie sagt: „Das ist nicht so einfach, weil die, die jetzt gut drauf sind, alle keine Erfahrung im Fed Cup haben. Ich könnte es jetzt natürlich mal ganz anders machen, aber die Frage ist einfach: Was wage ich, was wage ich nicht?“

Aus einem Kreis von sechs Kandidatinnen will sie sich für vier entscheiden; gut möglich, dass sie zunächst fünf nominieren und dann erst in Leipzig die weitere Entscheidung treffen wird. Klar ist einstweilen nur die Position von Angelique Kerber als Nummer eins, für die übrigen Plätze reicht die Reihe von Petkovic, Görges, Beck und Friedsam bis zu Doppel-Spezialistin Anna-Lena Grönefeld.

Sabine Lisicki, die beim letzten Spiel im vergangenen Jahr in Sotschi zum Team gehört hatte, aber Ende des Jahres lange verletzt gewesen war, dürfte diesmal nicht zur Auswahl gehören. Sie hatte in Melbourne angekündigt, nach der Rückkehr noch mal einen Reha-Block einzulegen, weil das lädierte Knie weiteres Aufbautraining brauche. „Es gibt bei mir eine neue Regel: Ich nominiere nur hundert Prozent fitte Spielerinnen“, sagt Rittner zu diesem Thema. Womit die Sache klar sein dürfte. Spätestens am Dienstag will sie allen Bescheid geben, die offizielle Nominierung steht Mittwoch auf dem Programm.

Anna-Lena Friedsam meinte zum Abschied zur Frage, was sie nach der Rückkehr in Deutschland tun werde: „Ich denke, ich werde das Fed-Cup-Team anfeuern.“ Nur anfeuern? „Ich weiß noch nicht. Das ist ja eine schwere Entscheidung für Barbara.“ Ihr Bewerbungsschreiben, so viel steht fest, war zu diesem Zeitpunkt längst auf dem Weg.

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Hieß es nicht vor einer Woche, dieser Mann schwebe im Moment so weit über dem Rest der Truppe, dass man ihn mit bloßem Auge kaum noch sehen könne? Nun denn, ein taktisch bestens präparierter Franzose sorgte dafür, dass man Novak Djokovics Konturen wieder erkennen kann. Vor dem gemeinsamen Achtelfinale hatte Gilles Simon gesagt, der ganze Umkleideraum werde hinter ihm stehen, die Kollegen seien es einfach leid, ständig eins auf die Mütze zu kriegen. Das war nicht bös gemeint, aber es gab die allgemeine Stimmung wohl ziemlich ehrlich wieder.

Simon verwickelte Djokovic in lange Ballwechsel, dosierte das Tempo geschickt, und es war wieder mal eindrucksvoll, wie er scheinbar in aller Ruhe den jeweils nächsten Zug plante. Und je länger die Partie dauerte, desto klarer wurde, dass der Favorit an diesem Tag in einem ziemlich dünnen Nervenkostüm steckte. Der Verlust des zweiten Satzes im Tiebreak passte Djokovic sichtlich nicht ins Konzept, er versuchte, Punkte zu erzwingen, aber je mehr er versuchte, desto mehr ging schief. Vorhand-Fehler in bunter Folge, Rückhand-Fehler, missglückte Stopps – die vor allem.

Boris Becker rutschte auf der Tribüne unruhig hin und her, bisweilen hielt es ihn gar nicht mehr auf dem Sitz; er wusste genau, wie groß die Gefahr war, in der sich sein Mann befand. Simon meinte hinterher: „Ich habe genau gewusst, dass ich ihm Schwierigkeiten machen kann“, und fast hätte dieses Wissen zum großen Coup gereicht. Mit fast ungläubigem Staunen addierten die Statistiker Djokovics Zahl der so genannten unerzwungenen Fehler. In einem langen Spiel über fünf Sätze können das schon mal 50 oder 60 sein – im denkwürdigen Finale anno 2012 gegen Rafael Nadal, das fast sechs Stunden gedauert hatte, waren es 69 gewesen. Diesmal landete er bei einer imposanten, kaum glaublichen Zahl: Einhundert.

Doch alle, die darüber staunen wollte, wurde später von Roger Federer gebremst (der Schweizer gewann expeditiv und souverän gegen David Goffin). So eine Zahl könne schon mal zusammenkommen, meinte er, es gehöre schließlich zu Simons Spielweise, jeden Gegner zu Fehlern zu verleiten. „Natürlich kann Novak besser spielen als heute, aber auf der anderen Seite stand halt einer, der die schnellsten Beine hat und der genau weiß, was er da draußen machen muss. Und das hat fast bis zum Ende funktioniert.“

Fast. Djokovic steigerte sich im fünften Satz, gewann schließlich nach viereinhalb Stunden mit großen Schatten und deutlich weniger Licht als sonst 6:3, 6:7, 6:4, 4:6, 6:3 und bot danach einen freundschaftlichen Handschlag am Netz an. Simons Lächeln bei dieser Begegnung hätte bedeuten können: Na, hab ich’s nicht gesagt? Die gedachte Antwort von Djokovic fiel unter die Rubrik: Ja, aber wer hat gewonnen? Die Sache mit dem Umkleideraum nahm er dem Franzosen nicht übel, bastelte daraus stattdessen noch einen kleinen Konter, als er meinte: „Ist ja die Frage, von welchem wir da reden. Im Umkleideraum der Frauen bin ich ziemlich populär.“ Na, hoffentlich zieht die Gattin daheim in Monte Carlo daraus keine falschen Schlüsse.

Vor dem Beginn dieser Partie war die beste Nachricht des Wochenendes eingegangen. Die Organisatoren des Turniers Australian teilten mit, Andy Murrays Schwiegervater, Nigel Sears, könne das Krankenhaus nach eingehenden Untersuchungen und einer stationär verbrachten Nacht verlassen, und es spreche nichts dagegen, dass er demnächst die Heimreise nach England antreten könne. Sears, der Ana Ivanovics Coach ist, war am Samstag während des Spiels der Serbin auf der Tribüne zusammengebrochen und schwer gestürzt. Nachdem klar war, dass Sears bei Bewusstsein und auf dem Weg ins Krankenhaus war, hatte Ivanovic das Spiel fortgesetzt, Murray hatte erst nach dem Ende seiner eigenen Partie davon erfahren. Danach war er sofort ins Krankenhaus gefahren, um zu sehen, wie es dem Vater seiner Frau Kim geht, die hochschwanger daheim in England geblieben war. Ein Abend zum Fürchten für alle Beteiligten.


+++ Melbourne, den 24.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Vor ihren Spielen schaut sie bisweilen in ein schlaues Buch. Die Lektüre hat nichts mit Unterhaltung zu tun; Annika Beck, 21, liest zielgerichtet, um auf die Herausforderung der nächsten Partie vorbereitet zu sein. Von „freundlichen Augen“ und „guten Fehlern“ ist in ihren Büchern die Rede, was in ihr reales Leben als Tennisspielerin übertragen bedeuten soll: Nicht ins Negative abdriften, locker bleiben. Eine derartige Anleitung kann keinem Sportler schaden, aber es ist doppelt wichtig, das Gute zu sehen, wenn man sich einer Phase des Umbruchs befindet.

Vor knapp vier Jahren gewann Beck das Juniorenturnier der French Open in Paris. Was auch deshalb bemerkenswert war, weil sie im Gegensatz zu vielen Konkurrentinnen mit 17 einen erstklassigen Schulabschluss hingelegt hatte; eine Klasse übersprungen, Abitur mit `ner 1 vor dem Komma. Die Eltern sind Chemieprofessoren, sie selbst hatte sich während der Schulzeit viele Interessen gegönnt, Hobbies für Mädchen aus gutem Haus wie Geige spielen und Ballett. Aber bei aller Liebe hatte Tschaikowsky letztlich doch keine Chance; es sollte Tennis sein.

Auf dem Weg vom Nachwuchs zu den Großen tun sich die meisten jungen Spieler schwer; der Wettbewerb wird deutlich härter, die Zahl der Konkurrenten nimmt zu. Aber Annika Beck nahm diese Stufe mit Elan. Nach ihrem ersten kompletten Jahr auf der Tour – 2013 – stand sie in der Weltrangliste auf Platz 58, tolle Sache. Danach warteten alle auf den nächsten Schritt, doch der kam lange nicht. Sie war schnell auf den Beinen, machte sich einen Ruf als gute Defensivspielerin, aber trotz der guten Beinarbeit trat sie auf der Stelle.

Weil sie das Gefühl hatte, es müsse was passieren, trennte sie sich im Sommer vergangenen Jahres von ihrem langjährigen Coach Robert Orlik und begann mit einem Trainer, den sie aus der Tennis-Akademie in Kamen kannte, dem Holländer Mark Derksen. Und nach allem, was seither zu sehen ist, hat der Mann manches in Gang gebracht. „Wenn man sich weiterentwickeln will, muss man neue Schritte gehen“, sagt sie. „Ich versuche jetzt, schneller von der Defensive in die Offensive zu kommen, variabler zu spielen und nicht auf die Fehler der Gegnerin zu warten.“ Das klingt logisch angesichts der Entwicklung im modernen Tennis, bei der es sich kaum noch jemand leisten kann, drei Meter hinter der Grundlinie Position zu beziehen. Doch so eine Veränderung braucht Mut. Es ist vor allem dann ein langwieriger Prozess, wenn man mit der alten Spielweise schon einiges gewonnen hatte. Raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer.

Inzwischen ist Annika Beck überzeugt davon, auf einer besseren Schiene unterwegs zu sein, auch was die Kontrolle ihrer Gedanken betrifft. „Ich versuche jetzt, jeden positiven Aspekt mehr in den Vordergrund zu stellen. Vorher hab ich Niederlagen lange Zeit sehr, sehr schwer genommen, und viele Frauen haben Schwierigkeiten mit Kritik, damit kann ich jetzt auch viel besser umgehen.“

Das Resultat all dessen sieht gut aus. Mit dem Sieg gegen Laura Siegemund (6:0, 6:4) landete Beck am Samstag in Melbourne zum ersten Mal in ihrer Karriere im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers, und sie zeigte in diesem Spiel eine Kollektion der neuen Errungenschaften. Konzentriert, aber nicht verkrampft marschierte sie in das deutsche Duell, und in weniger als einer halben Stunde gewann sie den ersten Satz 6:0. „Sieht so aus, als hätte ich eine mega Klemme gehabt“, meinte die Gegnerin hinterher, aber mit mega Klemme – Nervosität – habe das nichts zu tun gehabt. Grottiger Tag ihrerseits, zumindest am Anfang, auf der anderen Seite eine entschlossene, druckvoll spielende Gegnerin.

Aus dieser Konstellation entwickelte sich dann doch noch ein sehenswertes Spiel, nachdem sich Siegemund während einer Behandlungsauszeit im zweiten Satz etwas sortiert hatte. Als sie stärker wurde, fiel Beck ein paar Mal in alte Verhaltensmuster zurück. Da waren in der Tat freundliche Augen gefragt; am Ende brachte sie das Ding noch rechtzeitig nach Hause. Mit ein paar Kusshänden bedankte sie sich beim Publikum, und die Umarmung mit mit der vertrauten Gegnerin fiel ausgesprochen herzlich aus.

Sie könne es noch gar nicht fassen, meinte Beck hinterher. „Das ist der größte Erfolg meiner Karriere. Ich hatte viel Druck vor dem deutschen Duell.“ Genau so wird es nun weitergehen, am Montag gegen Angelique Kerber, die beim Sieg gegen die Amerikanerin Madison Brengle (6:1, 6:3) nie in Gefahr war. Keine Frage, dass Kerber am Montag die Favoritin sein wird. Die versichert allerdings, sie werde Annika Beck gewiss nicht unterschätzen. „Wer in der vierten Runde ist, der ist auch gut drauf.“

Egal, wie die Partie ausgehen wird – es deutet vieles darauf hin, dass sich die Damen bald zu einem gemeinsamen Projekt wiedersehen werden. Am ersten Februar-Wochenende steht in Leipzig die erste Runde im Fed Cup zwischen Deutschland und der Schweiz auf dem Programm. Kerbers Position als Nummer eins im deutschen Team steht nicht zur Disposition, für die übrigen Plätze gibt es Kandidatinnen. Bevor sie nach Deutschland zurückflog, meinte Bundestrainerin Barbara Rittner, aus einem Kreis von insgesamt sechs Spielerinnen müsse sie vier auswählen, und das sei alles andere als leicht.

Annika Beck hatte der Chefin nach dem Sieg in der zweiten Rund gegen die Schweizerin Timea Bacsinszky mit einem Lächeln mitgeteilt: „Einsnull Deutschland, den Punkt nehmen wir“. Für weitere Beiträge steht sie bereit.


+++ Melbourne, den 23.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Für die Stars gehören die Kleinigkeiten am Rande eines Spiels zum gewohnten Ritual, vom Marsch in die Arena bis zum Moment nach dem Sieg, in dem das Autogramm auf der Kamera fällig ist. Fast automatisch greifen Serena Williams oder Maria Scharapowa nach dem Stift und kritzeln ein paar Buchstaben oder mal ein Herz auf die Folie vor der Linse. Anna-Lena Friedsam wäre beinahe ohne Unterschrift vom Platz gegangen, aber das hätte ihr keiner verdenken können in der Aufregung und Freude nach einem großen Sieg. In der selben Arena, in der Laura Siegemund am Tag zuvor in großem Stil gewonnen, gefeiert und unterschrieben hatte, hinterließ auch die nächste Spielerin aus der zweiten Reihe des deutschen Frauentennis einen Abdruck auf unbekanntem Terrain.

Und auch sie tat es auf bemerkenswerte Art. Gegen Roberta Vinci – das ist jene Frau, die im vergangenen Jahr mit ihrem Sieg gegen Serena Williams im Halbfinale der US Open den größten aller denkbaren Coups gelandet hatte – ließ sie sich selbst von einem 0:6 im ersten Satz nicht entmutigen. Im Prinzip mag es egal sein, ob man einen Satz 4:6 oder 0:6 verliert – weg ist weg, und für die vier Spiele gibt’s keinen Bonus. Doch die Nullversion ist trotzdem unangenehm, egal, ob in Melbourne oder beim Clubturnier in Milbertshofen. Anna-Lena Friedsam tat das Richtige in dieser Situation; sie sammelte sich draußen in einer kurzen Pause, kehrte mit der Absicht auf den Platz zurück, sich besser zu bewegen und sich den Spass nicht verderben zu lassen, und genau das tat sie dann auch.

Sie spielte auf einer Ebene mit der um so viel erfahreneren Gegnerin, ließ sich von scheinbar endlosen Rückhand-Slice-Duellen nicht den Nerv rauben, und sie griff an, wenn sie die Chance dazu sah. Sie zog das Ding durch und gewann 0:6, 6:4, 6:4, mit Mumm und Entschlossenheit.

Bundestrainerin Barbara Rittner saß auf der Tribüne und sah mit der gleichen Freude wie 24 Stunden zuvor beim Sieg von Laura Siegemund gegen Jelena Jankovic zu. Zwei aus ihrer zweiten Reihe, die gegen routinierte, gesetzte Gegnerinnen gewannen, und das nicht irgendwie oder weil die Sterne gerade gut standen, sondern aus eigener Kraft. Sie hatte schon vor dem Turnier angedeutet, von Friedsam sei einiges zu erwarten in diesem Jahr. „Aber wie sie das dann zu Ende gespielt hat“, sagte sie nach dem Sieg und machte eine kurze Pause zur Betonung, „ich hätte nicht gedacht, dass sie das schon schafft, auch vom Mentalen her. Das wird ihr einen Schub geben, da passiert gerade ganz viel mit der Persönlichkeit. Ist echt schön zu sehen, wie sie sich entwickelt.“

Friedsam ist 21, Annika Beck, die in der Nacht zum Samstag gegen Laura Siegemund spielte, ebenso, und in gewisser Weise repräsentieren die beiden die erfreuliche Normalität in einem Job, in dem man leicht die Übersicht verlieren kann. „Auch Annika hat sich toll entwickelt“ lobt die Bundestrainerin. „Sie tritt anders auf als früher und vermittelt jetzt das Gefühl, sie gehöre dazu. Das sind gute Spielerinnen, keine Überflieger, die wir uns immer wünschen. Aber so ist das alles viel realistischer.“

Sie war gespannt darauf, wer den deutschen Vergleich gewinnen würde – Siegemund oder Beck -, aber da feststand, dass auf jeden Fall eine von beiden im Achtelfinale landen würde, war sie bester Stimmung. Zwei deutsche Spielerinnen im Achtelfinale, das gab es in Melbourne zuletzt des öfteren, aber das Besondere an dieser Bilanz ist, dass es eben zwei aus der zweiten Reihe sind. Und es bestand die Chance, dass es sogar drei sein würden im Falle eines Sieges von Angelique Kerber gegen die Amerikanerin Madison Brengle. Um mehr als zwei in den letzten acht Spielen des Turniers zu finden, muss man zur ersten Ausgabe im Melbourne Park – damals noch Flinders Park – zurückblicken. Das war 1988, und es qualifizierten sich die Damen Graf, Kohde-Kilsch, Porwik und Hanika.

Nun denn, Anna-Lena Friedsam, die am Sonntag gegen Agniezska Radwanka aus Polen spielen wird, nahm die ganze Geschichte mit großer Freude, aber irgendwie auch ziemlich unaufgeregt hin. Wie es ihre Art ist. „Ich glaube, dass wir an ihr noch viel Freude haben werden“, sagt die Bundestrainerin. „Anna-Lena hat Power, ist aber noch nicht annähernd so fit, wie sie aussieht.“ Was sich im Punkto Fitness machen lässt, sieht man am Beispiel von Angelique Kerber, der nach einer mäßig erfolgreichen Phase im Sommer vor fünf Jahren ein Licht aufging. So funktioniert die Sache im besten Fall: Die Jungen können sich an denen orientieren, die ein, zwei Schritte weiter sind, und die Älteren spüren den Atem der Jungen im Nacken. Und am Ende haben alle was davon.


+++ Melbourne, den 22.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Am Ausgang, wo die Spieler auf die Wagen vom Fahrservice warten, hängt eine Tafel mit diversen Unterschriften. Eine davon stammt von Laura Siegemund; großes geschwungenes L, großes geschwungenes S. Die Graphologie erkennt in solchen Buchstaben Stolz, Elan und Einsatzfreude. Das passt wie die Faust aufs Auge zu der Unterschrift, die sie am Donnerstag beim Sieg gegen die frühere Weltranglisten-Erste Jelena Jankovic auf dem blauen Boden hinterließ. Mit dreifacher Dosis Mut zum Risiko, frech wie Oskar, spielte sie und gewann (3:6, 7:6, 6:4), hinterher knallte die Freude aus ihr heraus wie der Korken einer Champagnerflasche bei unsachgemäßer Öffnung.

Irgendwie kaum zu glauben, die ganze Geschichte. Als Laura Siegemund aus Stuttgart mit 13 oder 14 bei einem Lehrgang einem Fragebogen die Rubrik Ziele und Träume beantworten sollte, schrieb sie nicht wie die anderen einen oder zwei Sätze hin, sondern zwei Seiten. Natürlich stand unter anderem darin, sie wolle die Nummer eins des Tennis werden, aber es wurde ihr bald klar, dass daraus nichts werden würde. Sie spielte in erster Linie bei kleineren Turnieren und kam trotz beträchtlichen Aufwandes nicht so voran, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie sagt: „Ich war immer ein Arbeitstier; aber wenn man a reinsteckt kommt nicht immer b dabei raus, das musste ich lernen. Es spielen so viele Faktoren mit.“

Sie driftete in der Weltrangliste auf Positionen zwischen 200 und 400, und vor vier Jahren fand sie, die Sache sei erledigt. Sie verabschiedete sich von der Tennistour und vom früher so ausladend beschriebenen Traum, begann eine Trainer-Ausbildung und schrieb sich an der Fern-Uni in Hagen für ein Bachelor-Studium in Psychologie ein. Ob es ein Studium der Wirtschaftswissenschaften auch getan hätte, um ein wenig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen? Egal. Irgendwie, sagt Siegemund, sei sie wieder wieder in die Profitour reingestolpert, obwohl sie damals die Hand ins Feuer gelegt hätte, dass das nicht mehr passieren würde. Im Geschenkkarton des Lebens lagen wohl noch ein paar Tennisbälle mit ihrem Namen drauf. Im vergangenen Jahr schaffte sie in Wimbledon und bei den US Open die Qualifikation fürs Hauptfeld, am Ende der Saison stand sie in der Weltrangliste unter den besten hundert, und nach dem Ende der Australian Open wird sie voraussichtlich eine neue Bestmarke erreichen mit einer 8 vorn dran.

Kann es sein, dass das Thema Psychologie also doch eine Hilfe war? Die allgemeine Psychologie im Bachelor sei recht basic, sagt sie. „Aber die ein oder andere Sache kann man immer übernehmen. Ein bisschen mehr Struktur, sich selbst hinterfragen. Bei einem Psychologen wird auch nicht alles top laufen im Leben. Aber die Infos nicht zu haben, ist der erste Schritt in eine falsche Richtung.“

Die Bachelor-Arbeit zum Thema „Choking under Pressure“ (Versagen unter Druck) ist geschrieben und abgegeben, im Februar wird sie die Note erfahren. Den realen Test im Spiel gegen Jelena Jankovic bestand Laura Siegemund jedenfalls cum laude. Obwohl sie den ersten Satz gegen die Favoritin verlor, blieb sie bei ihrer Strategie. Aber es war mehr als nur der Plan, Jankovic anzugreifen, sie zu verwirren. Die sichtbare Lust an der Herausforderung setzte Jankovic zu, deren Laune im Laufe der Partie schlecht und schlechter nicht wurde.

Andere spielen kommentarlos vor sich hin; so ist Laura Siegemund nicht. Immer wieder feuerte sie sich an, immer wieder lobte sie sich und sparte nicht mit Komplimenten. „Geiler Aufschlag!“ „Was für ein geiler Volley!“ Die Kraft des positiven Denkens in Reinkultur, die Zuschauer genossen es schlugen sich immer mehr auf ihre Seite. Und sie genoss jede Sekunde.

Die Offensive in Zahlen ausgedrückt: 39 Mal stürmte sie ans Netz, 32 Mal machte sie den Punkt, marschierte im Stechschritt zurück, sammelte sich kurz, und dann begann alles von vorn. Am Ende standen 50 so genannte Winner in der Bilanz; das sind Werte, die man nicht nur im Frauentennis nicht jeden Tag sieht. Ihre sprudelnde, ansteckende Freude nach dem Matchball passte dazu.

Später verabschiedete sie sich mit den Worten, jetzt werde erst mal gefeiert, aber dabei sollte man sich keinen Alkohol in der Hand der Siegerin vorstellen. „Ich nehme meine Aminosäuren, die anderen können trinken“, meinte sie und lachte noch mal laut und herzhaft. Und was bis jetzt schon eine ziemlich coole Geschichte ist, das wird mit der deutschen Brille betrachtet noch ein bisschen besser. In der dritten Runde wird Laura Siegemund – großes L, großes S -, am Samstag gegen Annika Beck spielen, die souverän gegen Timea Bacsinszky aus der Schweiz gewann (6:2, 6:3) und danach auch ziemlich stolz auf sich war. Champagnertag fürs deutsche Frauentennis, alles in allem.


+++ Melbourne, den 21.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Ursprünglich hätte er erst am Wochenende nach Deutschland zurückfliegen wollen, aber seine Truppe schickte ihn früher nach Hause. Nachdem Daniel Brands am Mittwoch als Letzter der fünf deutschen Männer im Hauptfeld der Australian Open ausgeschieden war, war es Zeit für Bundestrainer Michael Kohlmann, den Flug umzubuchen. Fünf Kandidaten und davon nur einer in Runde zwei, das ist eine ziemlich bescheidene Bilanz, oder? „Wenn ich sagen würde, das wäre das, was wir uns erwartet haben, dann müsste ich mir eine Sache (als Bundestrainer) noch mal überlegen“, gab er zu.

Goldene Zeiten sehen zweifelsohne anders aus, aber das ist ja nichts Neues. Auch in Wimbledon 2014 war kein deutscher Spieler in Runde drei gelandet, bei den Australian Open war das zuletzt vor fünf Jahren der Fall gewesen. Der eine in der zweiten Runde anno ´16 wußte selbst, dass im Spiel gegen Guillermo Garcia-Lopez mehr möglich gewesen wäre. Er habe nicht schlecht gespielt, meinte Daniel Brands nach seiner Niederlage gegen den Spanier (6:4, 1:6, 7:6, 6:3), aber nicht schlecht sei eben nicht gut genug. In Anbetracht der Tatsache, dass der Niederbayer vor einem Jahr nach langer Krankheit noch auf Platz 425 der Weltrangliste gestanden hatte, gehört die Bilanz dennoch in die Rubrik Erfolg, und das sah auch der Bundestrainer so. Brands, so fand er, sei nach seiner Auszeit auf jeden Fall auf einem sehr guten Weg.

Die beiden Besten des deutschen Männertennis, Philipp Kohlschreiber und Alexander Zverev, hatten das Pech, bei der Auslosung zwei der acht Besten des Turniers zu ziehen – Kei NIshikori und Andy Murray, Peter Gojowczyk erwischte nach erfolgreicher Qualifikation den Spanier David Ferrer (Nr. 8). „Wenn drei Mann gegen Top-8-Leute spielen“, meinte der Bundestrainer zu dieser Konstellation, „dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass man da nicht weiter kommt.“

Welche Erkenntnisse daraus nun für die Aussichten der deutschen Mannschaft in der ersten Runde im Davis Cup Anfang März gegen Tschechien zu ziehen sind? Nach seiner Rückkehr wird der Chef zügig mit seinem Assistenten Dirk Dier und Berater Niki Pilic sprechen, aber allzu viele Möglichkeiten haben sie ohnehin nicht. Kohlschreiber und Zverev, der sein Debüt schon im September 2015 hätte geben sollen, dann aber krank geworden war, und Philipp Petzschner fürs Doppel sind quasi gesetzt. Kohlmann sagt: „Wir werden die Tschechen nicht mit einem geheimen Plan aus der Reserve locken können. Aber der Joker, den wir vielleicht haben, ist Tommy Haas. Ich habe mit ihm telefoniert; er kommt Anfang Februar zur Reha nach Deutschland, wird dann trainieren und will auch Teil des Teams sein. Das wäre vielleicht die Wundertüte, wenn dabei was rumkommt. Er würde uns gern unterstützen, und ich freue mich darüber.“

Kohlmann wird in Kürze wieder zuhause sein, die Kollegin Barbara Rittner wird noch bis zum Wochenende bleiben. Sieben ihrer Spielerinnen waren in Runde zwei gelandet, darunter Angelique Kerber, Julia Görges und Sabine Lisicki. Und eine steht schon in Runde drei. Anna-Lena Friedsam, 21, nutzte ihre Chance im Spiel gegen die chinesische Qualifikantin Wang Qiang (6:3, 6:4) mit Mumm und Entschlossenheit.

Die Welt, in der sie nun seit einiger Zeit unterwegs ist, hat sogar keine Ähnlichkeit mit der beschaulichen Stille ihres Heimatortes Oberdürenbach in der Eifel. Der Ort hat keine 400 Einwohner, keinen Laden und keine Kneipe; alles, so sagt sie, sei ruhig und ländlich.

Friedsam stammt aus dem gleichen Jahrgang wie Annika Beck (1994), und sie ist dabei ihre Position in der zweiten oder dritten Reihe des deutschen Frauentennis zu stabilisieren. In Melbourne erreichte sie zum ersten Mal in ihrer Karriere die dritte Runde eines Grand-Slam-Turniers, in der Rangliste wird das aller Voraussicht nach zu einem Platz unter die ersten 70 führen, und das alles passt zu ihrer eigenen Einschätzung, es gehe immer weiter.

Am Freitag wird sie jene Frau spielen, die vor ein paar Monaten bei den US Open in New York mit dem Sieg im Halbfinale gegen Serena Williams den größten Coup des Jahres landete, Roberta Vinci aus Italien. Sie sagt, auf diese Liga sei sie vorbereitet. Anna-Lena Friedsam war jedenfalls in den Wunsch eingeschlossen, mit dem sich der Bundestrainer der Männer aus Melbourne verabschiedete. „Hoffen wir“, sagte Michael Kohlmann, „dass unsere Frauen hier zuschlagen.“


+++ Melbourne, den 20.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Mit ein wenig Abstand, sowohl zeitlich als auch räumlich, sieht man viele Dinge ziemlich klar. Mehr als zehn Jahre war der Amerikaner Andy Roddick als Profi auf der Tour unterwegs, im Herbst 2012 trat er zurück, aber er ist dem Tennis weiter eng verbunden. Und man kann davon ausgehen, dass er nach wie vor über Detailkenntnisse verfügt. Einen Tag, nachdem die BBC und die amerikanische Plattform BuzzFeed über gravierende Verdächtigungen bei illegalen Wetten im Tennis berichtet hatten, darunter die Annahme, acht von 16 Spielern, die in den letzten Jahren in Wettbetrug verwickelt waren, seien bei den Australian Open am Start, veröffentlichte Roddick auf Twitter eine interessante Nachricht. Er schrieb: Habe gerade von einem anderen frühen Pro einen Text bekommen, in dem steht: Wir sollten mal versuchen, wie viele der 16 wir beim Namen nennen können. Ich denke, ich kenne mindestens acht oder neun.“

Da fragt man sich, warum die Spielerorganisation ATP und die Kommission zur Integrität im Tennis (TIU) nicht einfach einen Aufruf an alle ehemaligen Profis schicken und sie auffordern, Klartext zu reden. Warum bei der Arbeit der TIU letztlich wenig bis nichts herauskommt, das kann auch ein kenntnisreicher Insider nicht verstehen. Die Internetseite der amerikanischen Illustrierten Sports Illustrated veröffentlichte am Dienstag ein Interview mit einem Mann, der früher beim Wettanbieter Betfair eine Rolle spielte und der jetzt die Webseite „Sports is Made for Betting“ betreibt, ein gewisser Scott Ferguson.

Der sagt, er sei keinesfalls überrascht von den neuen Vorwürfen. In der Vergangenheit seien den Gremien des Tennis lange Listen verdächtiger Spiele überreicht worden, darauf immer und immer wieder vertraute Namen, aber es sei immer die gleiche Geschichte: „Reaktion des TIU gleich Null. Die Überraschung besteht für mich lediglich darin, dass wir wieder auf dem gleichen Niveau angekommen sind wie 2007. Es kommt mir so vor, als habe der TIU einen Eingangskorb mit der Aufschrift: Zu kompliziert und dass jeder Fall, der einen Spieler unter den besten 200 der Rangliste betrifft, als Fall betrachtet wird, den man nur schwer gewinnen kann. Tennis spielt eine große Rolle im Wettgeschäft und ist die perfekte Sportart für Korruption, weil nur zwei Leute an einem Spiel beteiligt sind.“

Was passieren muss, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen? „Die Integrity-Kommission darf nicht schweigen“, fordert Ferguson. „Sie sollte den Spielern jeden Tag Fragen stellen. Nutzt endlich alle Daten und hört auf, in den Achtzigern zu leben.“

Nachdem sich zunächst Novak Djokovic und Roger Federer geäußert hatten und größere Anstrengungen zur Aufdeckung der Misere gefordert hatten, zog am Dienstag der Kollege Andy Murray nach. Der Schotte meint, es sei wichtig, junge Spieler von Anfang an für das Thema zu sensibilisieren und ihnen klar zu machen, dass sich eine falsche Entscheidung nicht nur auf die eigene Karriere, sondern auf die ganze Sportart auswirken könne. Darüber hinaus sagte er, er halte es für scheinheilig, dass Wettanbieter als offizielle Sponsoren bei Tennisturnieren zugelassen seien.

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Am Abend vor seinem ersten Spiel bei den Australian Open 2016 kam im Hotel wieder mal einer auf Fernando Verdasco zu und sprach ihn auf das irre Spiel von damals an. Er wunderte sich nicht, obwohl die Partie schon sieben Jahre zurück lag. Fünf Stunden und 14 Minuten hatte er damals im Halbfinale mit fast fahrlässigem Mut zum Risiko gegen Rafael Nadal gespielt, doch mit einem fürchterlichen Doppelfehler hatte er das Ding nach Mitternacht in fünf Sätzen verloren. Bis heute kann man sich darüber wundern, dass Nadal keine zwei Tage später im Finale gegen Roger Federer noch mal fünf harte Sätze überstand und seinen einzigen Titel bei diesem Turnier gewann.

Fernando Verdasco war dieses Spiel nie aus dem Kopf gegangen. Immer und immer wieder hatte er sich die Videoaufzeichnung der Begegnung angesehen, fünf Stunden und 14 Minuten aufgeteilt in Portionen unterschiedlicher Länge. Er wollte wissen, was er in bestimmten Situationen richtig oder falsch gemacht hatte, aber er war nicht nur auf der Suche nach einem Lerneffekt. Er erlebte die Aufregung, die Spannung, die ganze fiebrige Atmosphäre des bestens Spiels seines Lebens immer wieder neu. Nur eines blieb gleich; der verdammte Doppelfehler nach mehr als fünf Stunden ließ sich nicht löschen.

In gewisser Weise wunderte er sich also nicht, warum sich die Leute an dieses Spiel erinnerten, warum sie sich an ihn erinnerten. Was wäre, dachte er manchmal, wenn ich das Ding noch mal spielen könnte? Das alles muss man wissen, um die Bedeutung seines Sieges am Dienstagabend in Melbourne gegen Rafael Nadal zu verstehen. Wieder spielten sie fünf Sätze, wieder drosch er die Bälle so vehement übers Netz, dass es nur so krachte und knallte, und wieder ließen die beiden nichts aus. Nadal verlor den ersten Satz im Tiebreak, gewann die nächsten beiden und schien die Sache auch dann noch im Griff zu haben, als er den vierten wieder im Tiebreak verloren hatte.

Im fünften führte er schnell 2:0, und Verdasco erinnerte sich. Bitte, dachte er und flehte die Götter an, ich will nicht wieder verlieren, nicht wieder mit einem Doppelfehler im fünften Satz. Dann lieber Attacke, noch mal Alles oder nichts. In den 20 Minuten bis zum Ende der Partie spielte er so unwiderstehlich wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr; Nadal gab nicht auf und hetzte von einer Seite zur anderen, aber es nützte nichts. Mit dem 90. Winner der Partie, einem cross gespielten Vorhand-Return, erreichte Fernando Verdasco nach vier Stunden und 40 Minuten das Ziel, und es war in diesem Moment, als habe er in der Endlosschleife seiner Erinnerung die Stopptaste gedrückt.

Lässt das Schicksal vielleicht doch mit sich handeln? Hat es ein Herz für ein glückliches Ende, mit dem niemand mehr rechnet? Ja und nein. In der Freude über seinen Sieg, die er auf dem Platz aus Respekt vor Nadal kaum zeigte, vergaß Verdasco nicht zu erwähnen, dass die Sache diesmal doch ein wenig anders sei. Dieser Sieg bringe ihn in Runde zwei, mit einem Erfolg vor sieben Jahren wäre er dagegen im Finale gelandet. Ein anderes großes Finale hatte es nicht gegeben in den Jahren danach.

Und Rafael Nadal? Ein einziges Mal zuvor in seiner Karriere hatte er in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers verloren, vor drei Jahren in Wimbledon. Zuletzt hatte es so ausgesehen, als nähere sich sich seiner früheren Form, als könne man beim Wettbewerb um große Titel noch mal mit ihm rechnen. Aber so ist es wohl nicht. Mehr, als er in der Vorbereitung gearbeitet habe, könne er nicht tun, sagte er nach der Niederlage. „Ich habe alles versucht, um bereit zu sein, ich hab den Wettbewerb angenommen.“ Er hörte sich traurig an, und er sah traurig aus. Da mag er im Training noch so viele Runden drehen, Bälle schlagen und Situationen simulieren; er gibt alles, aber das Feuer seines Spiels lodert nicht mehr.

Rafael Nadal litt still, Fernando Verdasco genoss seinen Triumph wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, und eine schmale Chinesin rührte die Menschen zu Tränen. Shang Shuai, Nummer 133 der Welt, hatte fast vier Jahre lang kein Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen, nicht mal einen Satz. Sie dachte zuletzt immer öfter darüber nach, ob das alles überhaupt noch einen Sinn habe; zu viele Niederlage hält die stärkste Psyche nicht aus. Weil es vielleicht ihr letztes Grand-Slam-Turnier sein würde, hatte sie zum ersten Mal ihre Eltern zu einem großen Turnier eingeladen. Sie sollten wenigstens sehen, womit sie 20 Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Dann gewann sie nicht nur einen Satz, sondern ein ganzes Spiel gegen die Nummer zwei des Turniers, Simona Halep, und sie konnte es genauso wenig fassen wie die Eltern und ihr Coach auf der Tribüne. Sie lagen sich in den Armen, und man kann davon ausgehen, dass es auch davon ein Video geben wird. Die Götter des Tennis, daran gibt es keinen Zweifel, gönnten sich an diesem Abend einen wunderbaren, kleinen Ausflug ins Melodramatische.


+++ Melbourne, den 19.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Kurz vor Schluss sah es so aus, als könne sie das Blatt noch mal wenden. Als finde sie vielleicht doch eine Lösung und einen Ansatz, um das Spiel zu gewinnen. In der Theorie, so beschrieb es Andrea Petkovic eine Stunde nach den letzten Ballwechseln ihrer Partie, sei ihr alles klar gewesen, und sie habe auch versucht, das Wissen in die Praxis umzusetzen. Aber am Ende war es doch nicht genug. Wie vor knapp zwei Woche in Brisbane verlor sie gegen eine Spielerin, die in der Rangliste nicht zu den besten Hudert gehört. In Brisbane war es die junge Amerikanerin Samantha Crawford, in Melbourne die Russin Elisaweta Kulitschkowa (5:7, 4:6), doch in beiden Fällen fand Petkovic, die Niederlage ändere nichts an ihrer Einschätzung, im Prinzip mit den richtigen Zielen unterwegs zu sein.

Crawford hatte alles oder nichts gespielt, auch Kulitschkowa gab am Montag mächtig Gas, und auch diesmal konnte Petkovic mit dem Druck und dem Tempo der Bälle nicht so umgehen, wie es nötig gewesen wäre. Doch sie fand, sie habe es zumindest auf die richtige Art und Weise versucht. Nicht mit halbherzigen Antworten und Returns, die auf Sicherheit bedacht waren, sondern mit offensivem Spiel. „Ich konnte den Spielplan nicht durchsetzen. Und natürlich bin ich enttäuscht, ist doch klar. Ich glaube, dass das alles kommen wird, aber ich kann nicht erwarten, dass es so zusammenläuft, wie ich mir das in meinen Tagträumen wünsche.“

Seit Dezember arbeitet sie mit ihrem neuen Coach Jan de Witt zusammen, und der findet auch, erste Ergebnisse der Partnerschaft seien zu erkennen. Aber es gebe auch noch eine Menge zu tun, zum Beispiel im Punkto Beweglichkeit. Wie es ihr mit dem Neuen geht, wie lange es normalerweise dauert, bis verlässlich Ergebnisse der Arbeit zu erkennen seien? „Bis mir war’s immer so, dass ich die ersten paar Turniere mit dem neuen Trainer nicht so gut gespielt habe. Weil ich ja Perfektionistin bin, und weil ich alles gleichzeitig umsetzen will. Aber ich hab mich in Brisbane mit Jan schon pudelwohl gefühlt.“

Die Frage ist aber manchmal nicht, wie sie mit anderen zurechtkommt, sondern wie ungnädig oder verständnisvoll mit sich selbst umgeht. In gewisser Weise ist sie ein wenig neutraler in ihrer Einstellung, was nicht heißt, dass diese Neutralität keinen Spielraum hätte. „Ich hab immer noch ne Wut in mir, wenn der Ball im Netz landet, aber ich kann das distanzierter sehen.“ Vielleicht kann man sich die Sache so vorstellen: Die Dämonen sitzen nicht mehr direkt auf ihrer Schulter; sie warten jetzt an der Grundlinie, und sie lassen mit sich reden.

Aber keine Frage: Im Prinzip stand schon ein Sieg in der ersten Runde auf dem Programm. Der erste in Melbourne, übrigens, seit 2011; in den beiden vergangenen Jahren hatte sie ebenfalls in Runde eins verloren, 2012 und 2013 hatte sie verletzt gefehlt. „Das ist jetzt eine Backpfeife, die ich nehmen muss auf dem Weg zurück nach oben. Wenn ich dahin zurück will, wo ich mal war, muss ich offensive Entscheidungen treffen.“

Es wird vielleicht noch eine Weile dauern, bis alles auf eine Art zusammenpasst, wie sie sich das vorstellt. De Witt sagte in Brisbane, er sei davon überzeugt, dass sie bei diesem Anlauf weiter kommen könne als in der bisher erfolgreichsten Zeit ihrer Karriere vor vier Jahren. Damals hatte sie bei drei von vier Grand-Slam-Turnieren das Viertelfinale erreicht, war auf Platz neun der Weltrangliste gelandet. Manches wird eine Frage der Geduld sein. Der Start ins Jahr 2016 war halb und halb; die Ergebnisse passen noch nicht zum Gefühl.

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Noch bevor der erste Sieger der Australian Open feststand, war von Verlierern die Rede. Von Verlierern und Betrug. Die Britische Fernsehgesellschaft BBC und das US-Portal BuzzFeed berichteten am Montag von geheimen Unterlagen, die angeblich Spielabsprachen und Wettbetrug auf höchstem Niveau im Welttennis belegen. Dem Bericht folgend sollen im zurückliegenden Jahrzehnt 16 Spieler aus den Top 50 auffällig geworden sein, darunter offenbar auch Gewinner von Grand-Slam-Titel, unter anderem auch in Wimbledon. Aber in keinem dieser Fälle, so die Quintessenz der Kritik, sollen trotz der Verdachtsmomente Maßnahmen ergriffen oder Sperren verhängt worden sein.

Dokumente, die der BBC und BuzzFeed vorliegen, berichten von Wettsyndikaten in Russland, Norditalien und Sizilien. 28 Spieler sollen an gekauften Partien beteiligt gewesen sein, drei davon sollen in Wimbledon stattgefunden haben, Namen wurden nicht genannt. Der Chef der Spielerorganisation ATP, Chris Kermode, wies in Melbourne im Namen aller maßgebenden Tennis-Organisationen und im Namen des so genannten Tennis Integrity Units (TUI) die Vermutung zurück, entdeckte Fälle des Wettbetrugs könnten nicht verfolgt oder nicht gründlich genug untersucht worden sein. „Die Kommission muss Beweise finden, nicht nur Informationen, Unterstellungen und Behauptungen“, sagte er. „Eine ein Jahr dauernde Untersuchung des Vorfalls von Sopot 2007 hat beispielsweise keine ausreichenden Beweise gefunden.“ Für alle professionellen Spieler, unterstützende Organisationen und Offizielle sei das Anti-Korruptionsprogramm verbindlich, in 18 Fällen seien Urteile gesprochen worden, sechs davon hätten Sperren auf Lebenszeit zur Folge gehabt.

Im Fall von Sopot hatte es sich seinerzeit um ein Spiel zwischen dem Russen Nikolai Dawidenko und Martin Vassallo Arguello aus Argentinien gehandelt, die beide inzwischen zurückgetreten sind. Ungewöhnlich hohe Wetteinsätze von insgesamt sieben Millionen US Dollar waren auf das Spiel eingegangen, mehr als ein Jahr lang war der Vorgang danach untersucht worden, bis beide Spieler im Herbst 2008 von den Vorwürfen freigesprochen worden waren. Der Österreicher Daniel Köllerer, einst Nummer 51 der Weltrangliste, wurde dagegen 2011 auf Lebenszeit gesperrt, sein Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) wurde abgewiesen.

Um besser mit den Herausforderungen in solchen Fällen umgehen und früher handeln zu können, hatte die ATP 2008 die TUI, quasi eine Anti-Korruptionspolizei, unter der Leitung eines ehemaligen Scotland-Yard-Beamten installiert. Im Geschäft mit Sportwetten werden weltweit Millionen umgesetzt, und die Vermutung, im Tennis könnte es keine Absprachen geben, ist naiv. Anders als bei Mannschaftssportarten sind nur zwei Spieler involviert, da lassen sich Dinge theoretisch leicht regeln. Andrea Petkovic berichtete beispielsweise, sie habe in der Offenbacher Akademie, in der sie trainiere, von jüngeren Spielern gehört, denen finanzielle Angebote unterbreitet worden seien.

Bisher wurde angenommen, Spieler aus den hinteren Regionen der Rangliste seien in erster Linie potentielle Adressaten für Betrüger, die von der BBC und BuzzFeed bekannt gemachten Vorwürfe gehen insofern darüber hinaus, als darin die Rede vom berühmtesten Tennisturnier der Welt und veritablen Grand-Slam-Siegern ist.

Novak Djokovic meinte nach seinem klaren Sieg in der ersten Runde der Australian Open dennoch, er finde nicht, dass die Vorwürfe einen Schatten auf den Tennissport würfen. Es gebe keine Beweise, dass noch aktive Spieler an der Geschichte beteiligt seien, und solange das der Fall sei, handele es sich einstweilen nur um Spekulation.

Allerdings gab er zu, indirekt selbst schon betroffen gewesen zu sein. Auf die Frage, ob es stimme, dass ihm 2007 ein Betrag von 200.000 $ angeboten worden sei, um ein Erstrundenspiel bei einem Turnier in St.Petersburg zu verlieren, antwortete er, er sei nicht persönlich angesprochen worden, sondern ein Mitglied seines damaligen Teams, das das Angebot aber sofort abgelehnt habe. In den letzten sechs, sieben Jahren sei ihm aber nichts Vergleichbares passiert. Aus seiner Sicht ist die Sache ganz klar: „Das ist für mich ein krimineller Akt. Ich denke, dafür sollte in keinem Sport Platz sein, speziell nicht im Tennis.“

Eine Theorie zur Lösung des Problems besagt, es könne helfen, kleinere Turniere besser zu dotieren und Spieler aus den hinteren Rängen damit bessere Verdienstmöglichkeiten zu geben und sie damit nicht zu leichten Opfern der Wettbetrüger zu machen. Roger Federer kann mit diesem Plan nichts anfangen. Wer so denke, sagt er, liege falsch. „Es kommt nicht darauf an, wie viel Geld du in das System pumpst. Es wird immer Leute geben, die Spielern Angebote machen werden, egal in welchem Sport. Mehr Geld wird das Problem nicht völlig lösen.“ Doch die ganze Geschichte müsse sehr ernst genommen werden. Er sei sich zwar nicht sicher, wie viele neue Aspekte in den aktuellen Veröffentlichungen steckten, so Federer weiter. „Aber alle Gremien des Tennis haben jetzt wegen der neuen Geschichte mehr Druck zum Handeln, und das ist gut so.“


+++ Melbourne, den 18.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Der Weg aus den gekühlten Katakomben der Rod Laver Arena hinaus in die pralle Sonne auf Patz 13 ist relativ weit; da ist man ein Weilchen unterwegs. Die Stars des Turniers sind in den Randbezirken der weitläufigen Anlage selten zu finden, selbst beim Training nicht. Aber das kleine Glück in der Diaspora sollte man nicht unterschätzen; so ein kleines Glück wie im Fall von Peter Gojowczyk und anderen Anwärtern, die erstmal drei Spiele gewinnen müssen, um in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers mitmachen zu dürfen.

Qualifikation heißt das Turnier vor dem Turnier, und dort begegnen sich die unterschiedlichsten Aspiranten. Teenager, die auf dem Weg von den Junioren zu den Profis sind wie der 18 Jahre alte Taylor Harry Fritz, einer der hoffnungsvollsten Nachwuchsleute der USA. Fritz besiegte den Stuttgarter Michael Berrer in dessen allerletzter Runde bei einem Grand-Slam-Turnier. Auf der anderen Seite des Spektrums spielen Routiniers wie der 37 Jahre alte Radek Stepanek, einst die Nummer acht der Welt und bekannt für gewöhnungsbedürftige Tennishemden. Der Tscheche landete im Hauptfeld, was unter anderem zu Lasten von Jan-Lennard Struff ging, der sich seit einem großen Auftritt im Davis Cup im März vergangenen Jahres schwer tut.

Die Qualifikation ist aber auch so etwas wie eine Hoffnungsrunde für Spieler, die nach Verletzungen oder Krankheiten in der Rangliste durchgereicht worden waren wie der Niederbayer Daniel Brands und der Oberbayer Peter Gojowczyk. Brands, der lange unter Pfeiffer’schem Drüsenfieber gelitten hatte, qualifizierte sich souverän und schnappte sich zum ersten Mal seit Mai 2014 wieder einen Platz im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Gojowczyk gewann auf Platz 13 in drei wechselvollen Sätzen gegen einen Russen namens Kudriawtsew und stellte hinterher erleichtert fest: „Jetzt bin ich zum Glück wieder da.“

Vor einem Jahr hatte er in Melbourne im Spiel der ersten Runde aufgegeben, weil er sich wieder mal mit starke Schmerzen im Fuß herumquälen musste. Die Ärzte diagnostizierten ein so genanntes Morton Neurom zwischen dem dritten und vierten Zeh, eine entzündliche Verdickung eines Mittelfußnerves. Sie rieten zu einem Eingriff und meinten, zwei Wochen danach werde er wieder gehen können.

Aus den beiden Wochen wurden vier Monate, und die Rückkehr fiel schwerer als erwartet. Meist spielte Gojowczyk bei Challengerturnieren, bei den Grand-Slam-Turnieren in Paris, Wimbledon und New York scheiterte er in der Qualifikation. „Wenn du so lange nicht dabei warst, musst du dich wieder rantasten“, sagt er, „ich hab immer wieder auf die Mütze gekriegt. Irgendwann hab ich gemerkt, jetzt wird’s eng mit den Punkten.“ Und es war auch nicht immer eine Hilfe, sich an die besten Momente seiner Karriere zu erinnern, den Sieg im Davis Cup im März 2014 in Nancy gegen den französischen Weltklassemann Jo-Wilfried Tsonga. Fünf Sätze, Drama pur, geniale Stimmung in der Halle und schließlich der große Moment beim Matchball zum 8:6 im fünften Satz. Einerseits jagt ihm die Erinnerung an dieses Spiel heute noch Gänsehaut über den Rücken, andererseits weiß er inzwischen, dass es gefährlich sein kann, sich vom Höhenflug eines Nachmittages blenden zu lassen.

Doch ein Turniersieg in Nanching/China hielt im September hielt den Sturz in der Weltrangliste auf. Ohne diesen Erfolg hätte er vermutlich nicht genügend Punkte gehabt, um in der Qualifikation in Melbourne mitspielen zu dürfen. Die Einnahmen des Jahres 2015 reichten gerade, um die Kosten zu decken, zum Glück war ihm ein persönlicher Sponsor treu geblieben. Ein paar Dinge sind inzwischen anders, nicht nur seine Gangart nach der Operation. Gojowczyk trainiert nicht mehr in München, sondern wie auch Florian Mayer und der derzeit verletzte Freund Matthias Bachinger im Tenniszentrum des bayerischen Verbandes in Oberhaching. Seinen blonden Zopf hat er im Sommer vergangenen Jahres abschneiden lassen – war wohl auch in dieser Hinsicht Zeit für eine Veränderung.

Wenn er sich für sein Spiel der ersten Runde am Dienstag einen Gegner hätte aussuchen können, dann hätte er sich für sein Idol entschieden, den Kollegen Federer. Das hätte ihm obendrein einen Auftritt in der Rod Laver Arena garantiert, aber zu seinem Glück fehlten am Ende zwei Buchstaben und einer war zuviel. Gojowczyk landete nicht bei Roger Federer, sondern bei David Ferrer. Doch am Ende kam es darauf nicht mehr an; er war verdammt froh, wieder im Spiel zu sein.


+++ Melbourne, den 17.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Cruz wird sicher in der Nähe sein, wenn sein Dad zum letzten Mal spielt. Der Junge ist inzwischen sieben Jahre alt, hat die gleichen semmelblonden Haare wie einst sein Vater, und wenn er eine Tennistasche trägt, sieht er aus wie ein Mann auf einer Mission. Im Dezember übte er mit dem jenem Trainer, bei dem sein Vater im Seaside Club von Adelaide einst den ersten Schliff bekommen hatte, und irgendwie fällt die Vorstellung ziemlich leicht, dass Cruz Hewitt eines Tages nicht nur als Zuschauer in der Rod Laver Arena auftauchen könnte.

Seinen Dad wird er in diesem Stadion mindestens noch einmal sehen, Dienstag im Spiel der ersten Runde der Australian Open gegen einen anderen Australier, James Duckworth. Seit einem Jahr weiß die Welt des Tennis, dass sich Lleyton Hewitt in Melbourne verabschieden wird, nach 18 Jahren als Profi, nach 876+x Spielen, nach zwei Grand-Slam-Titeln, 28 weiteren und zwei Triumphen mit Australien im Davis Cup. Er wird im Februar 35 und ist nur ein paar Monate älter als Roger Federer, aber im Gegensatz zum Schweizer, der von Verletzungen in einer gloriosen Karriere weitgehend verschont blieb, tun ihm schon lange die Knochen weh. Die Zahl der Eingriffe, die er durchstehen musste, ist größer als die Zahl von Federers Erstrunden-Niederlagen bei Grand-Slam-Turnieren in den letzten 15 Jahren. Dass er nach einer Operation am linken Fuß vor drei Jahren, bei der ihm eine Metallplatte und Schrauben eingesetzt wurden, überhaupt noch spielen konnte, hatte keiner der Ärzte zu versprechen gewagt.

Zum 20. Mal wird Hewitt bei den Australian Open spielen; er gewann das größte Turnier seines Landes nie, aber er war nah dran. 2005 verlor er im Finale gegen Marat Safin und dessen Safinettes – eine Gruppe auffälliger Damen in der Loge des Russen -, aber auch er selbst fand sein Glück. Nach der Niederlage machte er der Schauspielerin Bec Cartwright im Hotel einen Heiratsantrag, ein paar Monate danach heirateten die beiden in Sydneys Opernhaus, im November wurde Mia, die älteste Tochter geboren; später folgten Cruz (2008) und Ava (2010).

Es ist eine bemerkenswerte Geschichte, wie aus einem Heißsporn, der vielen Leuten mit seinem Kampfschrei C’moooon gewaltig auf die Nerven ging, jener Mann wurde, der nun zum Ende der Karriere mit Anerkennung überschüttet wird. Als er 1998 in seiner Heimatstadt Adelaide mit 16 in einem unfassbar großen Hemd gegen Andre Agassi gewann, war klar, dass da einer die Welt des Tennis auf den Kopf stellen wollte. In seinem stimmungsvollen Film über Karriere erzählt Hewitt, wie er damals total eingeschüchtert auf den Platz gegangen war, weil ihn Agassis Coach Brad Gilbert in der Kabine eine halbe Stunde lang angestarrt hatte. Wie er sich dann aber schnell gefangen und den großen Favoriten weggeputzt hatte. „Ich dachte, er würde nachlassen nach hinten raus“, gab Agassi hinterher kleinlaut zu. Aber wenn irgendwas gar nicht zusammenpasste, dann waren das Lleyton Hewitt und nachlassen-nach-hinten-raus. Nach dem Erfolg in Adelaide teilte er seinen Eltern jedenfalls bei der Siegerehrung in aller Öffentlichkeit mit, dass er nicht daran denke, in die Schule zurückzukehren.

Er wusste längst, was er machen wollte – die Welt des Tennis auseinander nehmen. Und wie sich herausstellen sollte, bestand er den ultimativen Test für Ausdauer, Willen und die Bereitschaft, alles zu geben, öfter als jeder andere. Er gönnte sich insgesamt 57 Fünfsatzspiele, allein 13 bei den Australian Open, darunter unvergessliche Auftritte wie beim Sieg im Halbfinale 2005 gegen Andy Roddick – sein Lieblingsspiel in Melbourne -, und die Partie gegen Marcos Baghdatis 2008, die an einem Sonntagmorgen um 4.34 Uhr kurz vor dem Morgengrauen endete. Bis zum Ende verfolgt von rund 6000 Zuschauern im Stadion und ein paar heldenhaft aushaltenden Reportern im Pressezentrum.

Den ersten seiner beiden Grand-Slam-Titel gewann er 2001 bei den US Open in New York mit einem Dreisatzsieg gegen den großen Pete Sampras, aber die Freude darüber wurde schnell verdrängt. Als die Maschine beim Heimflug mit Hewitt an Bord in Australien gelandet war, meldete sich der Pilot mit der Durchsage, in New York sei gerade das World Trade Center zusammengestürzt. Der riesige Erfolg, den er aus den USA mitgebracht hatte, hatte von einer Sekunde auf die andere keine Bedeutung mehr.

Den Titel mit der größten Aufmerksamkeit feierte er ein Dreivierteljahr später in Wimbledon in einem völlig untypischen Rasenfinale; auf der einen Seite Hewitt, auf der anderen der Argentinier David Nalbandian, zwei Grundlinienspieler mit überschaubarem Drang zum Netz.

Den Australier auf der anderen Seite als Gegner zu wissen war immer eine Herausforderung, weil man mit allem rechnen musste. Es gab viele Australier, die ihn am Anfang nicht mochten; er war ihnen zu flegelhaft, zu humorlos und irgendwie auch zu langweilig. Sie verwöhnten ihn nie mit einer Form der Zuneigung, die sie Pat Rafter geschenkt hatten, dem heiteren, unkomplizierten Queenslander.

Aber je länger die Karriere dauerte, desto mehr Anerkennung verdiente er sich. Bei den Kollegen sowieso. Roger Federer sieht mit einem Hauch von Wehmut, dass sich nun wieder einer verabschieden wird. Nach Roddick, nach Ferrero, den Spielern seiner Generation, die ihn in den ersten Jahren immer wieder begegnet waren. „Lleyton war für mich immer was Besonderes“, sagt er. „Er hat mich definitiv zu einem besseren Spieler gemacht, ich hab die Kämpfe mit ihm sehr genossen.“ Am Wochenende trainierten sie in der Rod Laver Arena noch einmal miteinander, der Australier postete auf Twitter hinterher ein Foto und schrieb: Mein letztes Training mit dem großen Mann. Und Andy Murray gab einem seiner beiden Border Terrier Hewitts Spitznamen: „Rusty“ heißt der Hund. Nicht, weil sich Murray über den Kollegen lustig machen wollte, sondern weil der schon lange zu seinen Lieblingsspielern gehört. „Und ich weiß“, schrieb er in einem Beitrag für die Players’ Tribune, „dass Rusty im Januar in Melbourne auf Lleytons Seite sein wird.“

Hewitt selbst sagt, er habe keine Ahnung, wie er sich nach dem letzten Spiel seiner Karriere fühlen werde, er hoffe jedenfalls auf einen guten Abschied. Der Übergang in die nächste Karriere – oder besser in die nächsten Karrieren – ist längst gemacht. In den vergangenen Jahren versuchte er sich während der Australian Open des öfteren als Co-Kommentator fürs Fernsehen, und er machte seine Sache bemerkenswert gut. Und im Oktober vergangenen Jahres wurde er vom australischen Tennisverband zum neuen Kapitän des Davis Cup Teams bestellt, nur ein paar Wochen nach seinem letzten Auftritt in diesem Wettbewerb, der ihm während seiner Karriere mehr bedeutet hatte als viele Turniere. Von der rauschenden Premiere 1999, als er zusammen mit Mark Philippoussis, Mark Woodforde und Todd Woodbridge den großen Pokal gewann, über den zweiten Triumph vier Jahre später bis zum letzten Auftritt im Halbfinale 2015 gegen die Briten. Die Australier könnten sich keinen besseren Mann für diesen Posten wünschen. Hewitt kümmert sich schon länger um die jungen Leute wie Bernard Tomic oder Nick Kyrgios, er gibt ihnen eine Linie, und er nimmt sie in Schutz. „Viele der Jungs waren schon bei mir zuhause, haben mit mir trainiert, hier oder anderswo“, sagt er. „Darauf bin ich ziemlich stolz.“

Es wird Zeit, eine Tür zu schließen und eine andere zu öffnen. Cruz wird ihn begleiten, wie so oft in letzter Zeit. Der Film über Lleyton Hewitts bemerkenswerte Karriere endet mit Sequenzen aus dem Training, in denen der semmelblonde Sohn mit der ganzen Hingabe eines Siebenjährigen versucht, alle Übungen so gut zu machen wie Dad. Die Bilder sind zum Heulen schön.


+++ Melbourne, den 16.01.2016 +++

Von Doris Henkel

Mit den Pokalen, die sie im vergangenen Jahr im Melbourne Park gewonnen hatten, standen Novak Djokovic und Serena Williams auf einem Podium; Djokovic hielt den Norman Brookes Challenge Cup in der Hand, Williams den seltsam langstieligen Daphne Akhurst Memorial Cup. Es handelte sich nicht um jene Nachbildungen, die sie vor knapp einem Jahr beschenkt bekommen hatten, sondern um die Originale. Er habe sich damals sehr darüber gefreut, dass die Replika in Form und Größe zum ersten Mal dem Original entsprach, berichtete der Titelverteidiger bei der Auslosung, die Gebühr für Übergepäck beim Rückflug habe er jedenfalls gern bezahlt; wollen wir ihm mal glauben, dass man in seiner Flugklasse für ein paar Kilo mehr zur Kasse gebeten wird, obwohl es sich dabei im weitesten Sinne sogar um Sportgepäck handelt.

Die Idee mit der Nachbildung im Originalformat kam also gut an – wie so viele Ideen von Craig Tiley beim ersten Grand-Slam-Auftakt des Jahres. Der gebürtige Südafrikaner ist seit zehn Jahren Turnierdirektor der Australian Open, und er gibt sich große Mühe, den Spielern alle Wünsche von den Augen abzulesen. Früher hatten selbst die Stars oft die weite Reise nach Australien verweigert; Andre Agassi machte sich in den ersten acht Jahren seiner Karriere nie die Mühe, Jimmy Connors gab sich die Ehre in mehr als zwei Jahrzehnten nur zweimal, allerdings mit einer fast optimalen Trefferquote – ein Sieg, einmal Finale.

Das kann sich heutzutage kein Spieler mehr leisten, aber offensichtlich möchte es sich aber auch keiner mehr leisten. Roger Federer nannte das Turnier einst „happy Slam“, und das Glück ist in diesem Fall für alle da. Stars wie Djokovic, Federer oder Serena Williams werden überall verwöhnt, selbst bei kleineren Turnieren, in Melbourne geht es allen gut. Seit vier Jahren erstattet Tennis Australia selbst Qualifikanten die Ausgabe für den Flug nach Melbourne und zurück, gibt es Tagesspesen für alle, Hotel inklusive, werden Schläger umsonst besaitet. Im vergangenen Jahr versprach Tiley, 2016 werde der letzte Ausgabe-Posten verschwunden sein, und er hielt Wort – neuerdings essen die Damen und Herren Akteure im Spielerrestaurant umsonst. Egal, ob sie am Büffet diverse Male am Tag Sushi oder Getränke an der Smoothie-Bar bestellen, die mit viel versprechenden Namen wie „Immunity Kick“ oder „Sportsman in you“ daherkommen.

Es gibt Einkaufs-Gutscheine, wer für Freunde und Verwandte in größerer Zahl Tickets braucht, kann sich vertrauensvoll an die Mitarbeiter des Turnierdirektors wenden, und natürlich wird jeder vom großartigen Fahrdienst in einem Wagen der riesigen Flotte nach Hause gefahren. Wie die Sache anderswo läuft? In Wimbledon, wo die Privilegien nach wie vor stark von der Klasse der Spieler abhängig sind, gibt es nicht nur getrennte Umkleideräume für gesetzte und nicht gesetzte Spieler, Coaches eines nicht gesetzten dürfen mit dem Taxi oder der Tube heimfahren – eigene Wagen stehen ihnen nicht zu.
Craig Tiley steht in Melbourne einem Team von rund 4500 Mitarbeitern vor, und gemessen am Lob der Spieler macht die Mannschaft einen extrem guten Job. „Dieses Turnier behandelt alle Spieler gut“, sagt Djokovic, „hier fühlt sich jeder willkommen.“ Und das geht vermutlich auch der Mehrheit der rund 700.000 Zuschauer so, die jedes Jahr in den Melbourne Park strömen. Seit die Partyzone aus der unmittelbaren Nähe der Rod Laver Arena ein kleines Stück nach Westen verlegt wurde, kann dort – notfalls auch ohne Tennis – mit dem Füßen im Sand gefeiert werden, täglich spielen Bands.

Nur eines haben Tiley und seine Leute nach wie vor nicht im Griff; das Glück bei der Auslosung lässt sich nicht becircen, sonst hätte es sich besser um Serena Williams gekümmert. Die Titelverteidigerin wird am Montag in der ersten Runde gegen die nominell Beste der nicht gesetzten Konkurrentinnen spielen müssen, Camila Giorgi aus Italien, Nummer 35 der Welt. Vergangene Woche in Perth, beim ersten Auftritt nach ihrer spektakulären Niederlage im Halbfinale der US Open gegen Roberta Vinci im September vergangenen Jahres, hatte Williams mit Knieproblemen aufgegeben, doch bei der Auslosung meinte sie, alles sei wieder in Ordnung.

Die deutschen Frauen mit Angelique Kerber an der Spitze konnten sich nach der Auslosung nicht beschweren, die Männer hingegen schon. Philipp Kohlschreiber, nicht gesetzt, erwischte den Japaner Kei Nishikori (Nr. 7), Sascha Zverev muss gegen Andy Murray spielen (Nr. 2). Aber er nimmt die Sache mannhaft hin. „Alles okay“, sagt er. „Ich hab nichts gegen diese Auslosung“. Darauf einen „Immunity Kick“, gratis und frisch gemixt.




+++ Melbourne, den 02.02.2015 +++

Von Doris Henkel

Wie soll man ihn nennen nach diesem Spiel, mit dem er den fünften Titel in Melbourne gewann? Sphinx? Raubkatze mit sieben Leben? Supermann? Novak Djokovic war es egal; er nahm, was er kriegen konnte. Mit seinem Sieg in vier Sätzen gegen Andy Murray (7:6, 6:7, 6:3, 6:0) schnappte er sich Sonntagabend in Melbourne seinen fünften Titel bei den Australian Open, den achten insgesamt bei einem Grand-Slam-Turnier. Den Pokal erhielt er passenderweise vom Australier Roy Emerson, der als einziger auch fünfmal gewonnen hatte, bewundert von der großen, alten Garde des Tennis, die auf der Ehrentribüne der Rod Laver Arena fast komplett versammelt war.

Zweieinhalb Sätze lang hielten die Altmeister und alle Hobbyspieler im dritten gemeinsamen Finale in dieser Arena zwischen Djokovic und Murray nach 2011 und 2013 immer wieder den Atem an. Rund 10.000 Kilometer entfernt ging es der Gattin und Mutter des gemeinsamen Sohnes nicht besser. Während der vergangenen Woche hatte Jelena Djokovic von zuhause aus Monte Carlo immer wieder aufmunternde Botschaften geschickt hatte, diesmal schrieb sie Ende des dritten Satzes auf Twitter, sie halte die Spannung nicht mehr aus und gehe jetzt zum Luftholen vor die Tür. Die Beobachter in der Arena wären zu diesem Zeitpunkt nur unter Androhung von Gewalt dazu bereit gewesen.

Zweieinhalb Stunden brauchten Djokovic und Murray für die ersten beiden Sätze, die sehr an die Lieblingssportart des schottischen Herausforderers erinnerten: Boxen. Mal hing der eine an den Seilen fest und kassierte einen Wirkungstreffer nach dem anderen, aber kurz vor dem Niederschlag verlor der Angreifer das Gleichgewicht, und das Sperrfeuer begann unter umgekehrten Vorzeichen von vorn.

Djokovic, der so elastisch ist wie kaum einer seiner Konkurrenten, rutschte immer wieder aus, manchmal schien er sich kaum noch auf den Beinen halten zu können. Mal tat ihm die Hand weh, mal der Fuß, dann kratze er die Kurve wieder wie ein Gepard. Als er nach den extrem physischen ersten beiden Sätzen den Platz kurz verließ, schien Murray nach dem Ausgleich zum 1:1 im Vorteil zu sein. Der Schotte fluchte zwar immer wieder wie ein Kesselflicker, und er schien auch nicht immer zu begreifen, was sich auf der anderen Seite des Netzes tat, aber er wirkte so stark wie in der Endphase des Halbfinales beim Sieg gegen Tomas Berdych.

Murrays Elan und Souveränität reichten genau bis zu seinem Breakball beim Stand von 3:3 im dritten Satz. Doch er erreichte einen kurzen Ball von Djokovic nicht zur rechten Zeit, die Kugel landete im Netz, und von diesem Moment an rauschte er mit zunehmender Geschwindigkeit in den Keller; bis zum Ende der Partie nach drei Stunden und 39 Minuten gewann er kein einziges Spiel mehr. Es sah so aus, als sei er nicht mehr vorhanden, und er tauchte als Gegner auch nicht wieder auf.

Körperlich habe er sich nicht schlecht gefühlt, meinte er hinterher, er sei vergleichsweise frisch. Aber er müsse sich vorwerfen, dass ihn die Vorgänge auf der anderen Netzes so aus dem Konzept gebracht hätten. „Ich habe genügend Matches gespielt, um mit solchen Situationen besser umgehen zu können.“ Ob beim Gegner, den er seit 15 Jahren bestens kennt, Absicht im verwirrenden Auf und Ab gewesen sei? „Keine Ahnung. Ich bin einfach frustriert, dass ich das zugelassen habe, dass mich das so irritiert; so was habe ich noch nie in einem Grand-Slam-Finale erlebt.“

Djokovic, der zwischendurch immer wieder so ausgesehen hatte, als müsse ein Sekundant für ihn das Handtuch werfen, wirkte am Ende so frisch und tatkräftig, als sei nicht die Gattin daheim in Monte Carlo beim Spaziergang gewesen, sondern er. Was mit ihm losgewesen war, konnte er selbst nicht so recht erklären; er sei einfach extrem schwach auf den Beinen gewesen, meinte er.

Mit Riesenschwung warf er nach dem zweiten Matchball den Schläger ins Publikum, wie es früher manchmal auch sein Coach getan hatte. Und wie vor knapp sieben Monaten in Wimbledon sah dieser nicht ganz unbekannte Coach seinem Mann mit glänzenden Augen bei der Siegerrede zu. Die Premiere vor einem Jahr in Melbourne sei nicht optimal gelaufen, hatte Boris Becker vor ein paar Tagen gesagt, aber inzwischen habe er das Gefühl, Djokovic viel besser zu kennen und umgekehrt, und von diesem besseren Verständnis profitiere die gemeinsame Arbeit enorm.

Aber an diesem Tag war es nicht Djokovics deutlich verbesserter Aufschlag oder andere technische Details, sondern er gewann das Spiel, weil er das Drehbuch schrieb und der Gegner den überraschenden Wendungen nicht folgen konnte. Schwer zu sagen, wessen Beine am Ende müde waren, wessen Herz schneller schlug; die serbische Sphinx, schlau und schnell, gewann den Titel.

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+++ Melbourne, den 01.02.2015 +++

Von Doris Henkel

Da war es, das Wort zur Karriere. Von manchem sei früher nicht viel dagewesen, sagte Serena Williams, aber eines habe die Familie immer gehabt: Spirit. Es gibt diverse Möglichkeiten, das Wort ins Deutsche zu übertragen, unter anderem: Geist, Stimmung, Seele, Temperament. Das alles zusammen gibt am besten wieder, was zum Spirit im Hause Williams gehört. In Verbindung mit loderndem Ehrgeiz, sensationeller Athletik, und unstillbarem Siegeshunger entsteht dieser explosive Cocktail, gegen den offenbar kein Mittel hilft. Selbst eine wie Maria Scharapowa, deren Ehrgeiz und Hunger kein bisschen kleiner sind, stand im Finale der Australian Open (3:6, 6:7) auf verlorenem Posten gegen die schillernde Amerikanerin.

Bis zu Steffi Grafs Rekordmarke aus der Zeit des Profitennis – 22 – fehlen Williams jetzt nur noch drei Titel. Als Graf im Sommer 1999 zurücktrat, schien das eine Marke für die Ewigkeit zu sein, aber Ewigkeit hat im Sport eine andere Halbwertzeit als in anderen Bereichen des Lebens. Auch Graf war offenbar beeindruckt von den Nachtrichten aus Melbourne. Auf ihrer Facebook-Seite gratulierte sie zum 19. und schrieb: „Sie spielen und kämpfen zu sehen ist ein Privileg für jeden Tennisfan. Gut gemacht, Serena.“ Das wiederum kam natürlich bei Williams gut an, die sich umgehend mit den wohl gewählten Worten revanchierte: „Wow. Ganz vielen Dank. Welche Ehre, so was von meinem ultimativen Vorbild zu hören. All meine Liebe.“ Ja, flöten kann sie auch.

Zeit zum Ausruhen bleibt im Moment allerdings nicht, weder für Scharapowa noch für Williams. Die eine sprach mit unüberhörbarer Ironie davon, wie sehr sie sich auf den 30-Stunden-Flug nach Krakau freue, wo sie Ende dieser Woche mit der russischen Mannschaft im Fed Cup gegen Polen spielen muss. Die andere gehört zur amerikanischen Mannschaft, die eine Liga darunter in Buenos Aires zum Spiel gegen Argentinien erwartet wird. Beide tun sich den Ausflug wegen der Qualifikationskriterien des Internationalen Tennis Verbandes (ITF) für die Olympischen Spiele 2016 in Rio an.

Kann übrigens sein, dass sie dort auch Martina Hingis begegnen werden. Die Schweizerin gewann am Sonntag an der Seite des 41 Jahre alten Inders Leander Paes den Titel im Mixed, 20 Jahre nach ihrem ersten Auftritt und 18 Jahre nach ihrem ersten Triumph im Melbourne Park. Sie sagt, es sei möglich, dass sie demnächst im Fed Cup spielen werde, um sich die Möglichkeit des Starts in Rio offen zu halten. Auch in ihrem Fall kann von Sättigung offensichtlich keine Rede sein.

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+++ Melbourne, den 01.02.2015 +++

Von Doris Henkel

Wenn man das alles in Flaschen abfüllen und an bedürftige, zweifelnde Menschen verteilen könnte? Diesen Mumm, diesen nicht zu stillenden Hunger, diese krachende, knallende Leidenschaft? Vor 17 Jahren hatte sich Serena Williams in Melbourne auf der großen Bühne des Tennis vorgestellt, begleitet vom Ruf, sie und ihre Schwester Venus seien was Besonderes. Die Geschichte, dass da ein ebenso ehrgeiziger wie schlauer Vater aus den USA seinen Töchtern das Tennisspiel beigebracht hatte, um sie zu den Besten der Welt zu machen und viel Geld zu verdienen, war längst ein offenes Geheimnis. Aber nicht in den verrücktesten Momenten hätte man sich damals vorstellen können, was aus dieser Premiere werden würde. An einem regnerischen, kalten Abend in Melbourne gewann Serena Williams am Samstag den 19. Titel bei einem Grand-Slam-Turnier. Sie ließ Martina Navratilova und Chris Evert hinter sich (18), und jetzt ist es wirklich nicht mehr weit bis zur Rekordmarke des Profitennis – den berühmten 22 von Steffi Graf.

Nach Grafs Rücktritt vor knapp 16 Jahren hätte sich niemand vorstellen können, in absehbarer Zeit eine Spielerin in ähnlichen Dimensionen zu sehen, und es hatte in Williams´ schillernder Laufbahn auch immer wieder Phasen gegeben, die Fragen nach der Zukunft aufwarfen; Verletzungen, bedrohliche Erkrankungen, familiäre Niederschläge. Aber mit 33 Jahren ist sie kaum zu bändigen, und der Moderator der Siegeszeremonie übertrieb nur ein kleines bisschen, als er sie nach dem Sieg gegen Maria Scharapowa (6:3, 7:6) mit den Worten aufs Podium rief, sie sei ein Phänomen, eine Ikone, eine Legende.

Sie selbst hatte allerdings völlig Recht, als sie sich bei der Siegesrede vor allem bei Maria Scharapowa bedankte, denn die hatte ihr quasi die Chance gegeben, der Welt des Tennis wieder mal zu zeigen, was für eine unglaubliche Athletin sie ist. Den ersten Satz gewann Williams relativ schnell, obwohl sie zwischendurch, als das Dach zum Schutz gegen den Regen geschlossen wurde, wie schon so oft in der dieser Woche unter einem heftigen Hustenanfall litt.

Was die beiden dem begeisterten Publikum danach boten, gehörte zu den besten hundert Minuten der Geschichte des Frauentennis. Ohne Scharapowas bombastischen Widerstand hätte Williams nicht bombastisch reagieren können, und einzig der Aufschlag machte den Unterschied aus; Williams schlug insgesamt 18 Asse, 15 davon im zweiten Satz. Man kann sich in etwa vorstellen, wie sich eine Gegnerin fühlt, die wie eine Verrückte um jeden Punkt kämpfen muss und die dann doch wieder keine Chance gegen dieses Geschoss von Aufschlag hat. Rechts raus, durch die Mitte, auf den Körper geschlagen, mit Drall oder ohne – jeder für sich eine einzige atemberaubende Unverschämtheit.

Maria Scharapowa sagte hinterher, in dieser Abteilung könne sie einfach nicht mithalten, das lasse ihre mehrmals operierte Schulter nicht zu. Das zu wissen und trotzdem keinen Millimeter zurückzuweichen verdient eine Menge Respekt, wie auch die gehaltvolle, kleine Rede, mit der sie Williams hinterher zum sechsten Titel in Melbourne auf dem Podium gratulierte.

Zwischendurch, in den hundert Minuten des zweiten Satzes, produzierten die beiden Gladiatorinnen – doch, es gibt den Begriff in der weiblichen Form, und er passt in diesem Fall ziemlich gut – so viel Energie, dass es in der Arena gefühlt um zehn Grad wärmer wurde. Keiner dachte in dieser Phase noch darüber nach, dass Maria Scharapowa mehr als zehn Jahre lang nicht mehr gegen Williams gewonnen hatte – Statistik und Eventualitäten spielten einfach keine Rolle mehr. Die eine schrie wie verrückt, die andere schickte jedem Kracher ein Mark erschütterndes „come on“ hinterher. Es knallte, es zischte, und es brannte an allen Ecken lichterloh.

Umso kurioser sah das Ende aus. Beim dritten Matchball dachte Serena Williams, sie habe ein Ass serviert – doch ehe sie die Arme zum Jubel in die Luft recken konnte, wurde sie vom Ruf der Schiedsrichtern gestoppt: Netz! Also holte sie wieder aus, drosch die gelbe Kugel auf denselben Punkt wie beim ersten Mal und hatte keine Ahnung. „Ist es das?“ fragte sie und blickte einigermaßen ratlos aus der bunten Wäsche, dann kam die Bestätigung, und sie war nicht mehr zu bremsen. Auch das gehört zum Phänomen Serena Williams; angesichts des 19. Titels war sie so aus dem Häuschen, als habe sie gerade völlig überraschend den ersten gewonnen.

Auch sie brachte wie Scharapowa eine tadellose Rede zusammen auf dem Podium, und alle, die mit der Vermarktung des Frauentennis beschäftigt sind, sahen sich in Gedanken schon mit einem Glas Champagner in der Hand nach dieser ohrenbetäubenden Demonstration in 3D.

Und natürlich ging danach die Diskussion darüber los, wie realistisch nun die Aussicht ist, dass Williams die ominösen 22 Titel von Steffi Graf erreichen oder sogar übertreffen wird. Chris Evert meinte dazu im Studio des amerikanischen Fernsehsenders ESPN: „Ich denke, sie kann es schaffen – leicht“. Den Zusatz leicht nahm sie gleich wieder zurück, und leicht wird es auch ganz bestimmt nicht werden. Im vergangenen Jahr gewann Williams einen, in den beiden Jahren davor je zwei, und gemessen daran kann das noch eine Weile dauern. Sie selbst sagt, das sei eine wirklich schwere Aufgabe. Nach dem Ende der Australian Open jedenfalls hatte die unersättliche Siegerin nur noch einen Wunsch: „Ich will ins Bett, unter die Decke; ich brauche Schlaf.“ Wenn sie so schläft, wie sie spielt, hält das Bett nicht lange.

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+++ Melbourne, den 30.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Ein Spiel, an Kuriositäten und bizarren Wendungen kaum zu überbieten. Die Hoffnungen des Publikums, Teil drei der australischen Trilogie mit Novak Djokovic und Stan Wawrinka könne so gut und spannend werden wie die Teile eins und zwei, erfüllten sich nicht. Selten richteten zwei so herausragende Spieler so große Verwirrung an. Fehler über Fehler in einem grauen Durcheinander auf beiden Seiten, unterstützt von Linienrichtern, die ohne Brille zum Spiel erschienen waren, und immer, wenn es so aussah, als habe einer der beiden eine halbwegs stabile Position gefunden, stolperte er und gab dem anderen wieder eine Chance. Am Ende hatte Djokovic den längeren Atem und gewann 7:6, 3:6, 6:4, 4:6, 6:0, aber es passte, dass auch der allerletzte Punkt aus einem Fehler resultierte.

Bisweilen kam es einem vor, als seien zwei Sterneköche nicht in der Lage, ein Fischfilet zu präparieren. Dann wieder, und das traf in erster Linie auf Wawrinka zu, zauberte er feinste Patisserie, vor allem bei einem Volleystopp zu Beginn des dritten Satzes, der guten Chancen hat, am Ende des Jahres zu den besten Bällen gewählt zu werden. Aber das Tohuwabohu in der Küche nahm kein Ende.

Djokovic war zwischendurch so verwirrt, dass er nach dem Gewinn des dritten Satzes gar nicht merkte, was los war. Erst als die Sicherheitsleute wie bei jedem Seitenwechsel aus ihren Ecken kamen und er vom Schiedsrichter auf den Stand aufmerksam gemacht wurde, machte er sich kopfschüttelnd auf den Weg zum Stuhl.

Es passte zu diesem Chaos, dass Wawrinka trotz eines klar besseren vierten Satzes gleich zu Beginn des fünften wieder ein Break kassierte. Und noch eines. Und noch eines, womit das Spiel nach drei Stunden und 30 Minuten beendet war. Die Zahlen sprachen Bände: Bei Djokovic standen 27 sogenannten Winnern 49 Fehler unerzwungene Fehler gegenüber, bei Wawrinka war das Verhältnis mit 42:69 noch ungünstiger.

Der Schweizer wusste am Ende kaum, was er fühlen sollte. Enttäuschung, natürlich, aber kein Frust; Leere irgendwie. Er erklärte es so: „Ich hatte meinem Coach schon vor dem Spiel und auch schon am Tag vorher gesagt, dass ich mental völlig am Ende bin. Dass keine Batterie mehr da ist. Ich denke, dass ich jetzt den Preis für die lange Saison 2014 mit dem Davis Cup am Ende bezahle. Körperlich war es okay, aber im Kopf ging nichts mehr.“ Djokovic fand, er habe im zweiten und im vierten Satz zu defensiv gespielt, habe aber im fünften, als es darauf angekommen sei, noch mal Stärke bewiesen. Und ja, zwischendurch sei es ihm auch nicht besonders gut gegangen.

Was das nun alles für das Finale am Sonntag (9.30 MEZ) zu bedeuten hat? Gemessen am ebenso feurigen wie überzeugenden Auftritt bei Sieg in vier Sätzen gegen Tomas Berdych sieht es nicht schlecht für die Aussichten von Andy Murray aus. Andererseits kann man sich nur schwer vorstellen, dass sich Djokovic zweimal hintereinander einen derart konfusen Auftritt gönnen wird, und damit wäre dann doch wieder alles offen.

Für Murray wird es das vierte Finale in Melbourne nach 2010, ´11 und ´13 sein, für Djokovic das fünfte, wobei er vier Titel gewann, der Schotte hingegen keinen. Die Bilanz der bisher vier Begegnungen in Finals von Grand-Slam-Turnier steht es 2:2 mit Siegen für Murray bei den US Open 2012 und in Wimbledon 2013.

Murray wird am Montag in der neuen Weltrangliste wieder zu den ersten Vier gehören, Wawrinka wird auf Platz neun zurückfallen, weil er als Titelverteidiger aus dem Vorjahr eine Menge Punkte zu verteidigen hatte. Aber einer anderen Geschichte misst Murray deutlich mehr Bedeutung bei. Er sei Ende des vergangenen Jahres wegen seiner durchwachsenen Ergebnisse ziemlich heftig kritisiert worden, und mehr oder weniger offen sei er immer wieder mit der Frage konfrontiert worden, ob die Entscheidung für Amélie Mauresmo richtig gewesen sei. Im Juni hatte er die ehemalige französische Wimbledonsiegerin als Nachfolgerin für Ivan Lendl verpflichtet, der ihm im Frühjahr die Kündigung auf den Tisch gelegt hatte. „Amélie hatte keine Schuld daran, wie ich Ende 2014 gespielt habe“, sagte er nach dem Sieg gegen Berdych. „Wir hatten bis dahin einfach zu wenig Zeit miteinander. Während der Turniere kannst du Dinge nicht ändern.“

Aber nach einem harten Trainingsblock in der Winterpause und vielen Gesprächen mit Mauresmo sieht Murray nun wie runderneuert aus, und es ist ihm offensichtlich ein Bedürfnis, der Welt zu sagen und zu zeigen, wie gut diese Frau ihre Arbeit macht. „Sie hatte viel Mut, den Job zu übernehmen“, sagt er, „und ich hoffe, dass ich sie dafür belohnen kann.“

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+++ Melbourne, den 30.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Beschwingten Schrittes verließ Madison Keys die Arena. Der Weg durch den Torbogen führte sie zurück in die Kabine, aber wenn nicht alle Experten komplett daneben liegen, dann wird sie diesen blauen Platz und andere in nicht allzu ferner Zukunft mit einem Pokal im Arm verlassen. Diesmal kam sie noch nicht an der besten Spielerin der Gegenwart und vieler Jahre vorbei, aber mit größerem Lob kann man nach einer Niederlage kaum verabschiedet werden. Serena Williams` Prophezeiung für die aufstrebende Kollegin: „Madison hat definitiv das Potenzial, irgendwann die Nummer eins zu sein.“

In der neuen Weltrangliste wird die junge Amerikanerin zum ersten Mal zu den besten 20 gehören, in diesem Halbfinale (6:7, 2:6) spielte sie aber so, als gehöre sie längst zu den Top 5. Kaum eine schlägt mit solcher Mühelosigkeit so hart wie Keys, und ihr Aufschlag ist schon jetzt furchterregend gut. Williams servierte 13 Asse, Keys zwölf; Williams´ schnellster Aufschlag rauschte mit 200 Sachen übers Netz, bei Keys waren es 193. Doch in der Durchschnittsgeschwindigkeit lag sie mit 179 zu 176 km/h vorn.

Keys hatte bisweilen gezweifelt, ob sie gut genug sein könne, um zu den Besten zu gehören. Lindsay Davenport, von der sie seit ein paar Wochen betreut wird, hatte ihr versichert, natürlich sei das möglich, aber jetzt weiß sie es selbst, und darin liegt vermutlich für sie der größte Schatz dieses Turniers.

Soviel zu den Gedanken an die Zukunft. Hier und jetzt geht es um den Titel bei den Australian Open 2015, in der 19. Auflage des Klassikers Serena W. gegen Maria S. Seit mehr als zehn Jahren wartet Scharapowa auf einen Sieg gegen die Rivalin, und die Geschichte muss ihr inzwischen vorkommen wie die ständige Wiederholung eines Westerns, bei dem am Ende immer derselbe Cowboy erschossen wird. In den letzten fünf Jahren gewann sie nicht mehr als einen Satz.

Beim Sieg im Halbfinale gegen Jekaterina Makarowa (6:3, 6:2) war sie nicht zu erschüttern, aber daraus lässt sich für die Herausforderung im Finale nicht viel schließen. Aber zumindest hat Scharapowa inzwischen eine Ahnung, weshalb sie in all den Jahren immer wieder an die Wand gespielt wurde. Williams´ Kraft und Aggressivität hätten sie selbst immer ein wenig zu aggressiv gemacht, sagt sie. „Vielleicht hab ich immer ein wenig mehr riskiert, als nötig gewesen wäre.“

Sollte sie auf der Suche nach Beispielen dafür sein, dass für jede Serie irgendwann ein Ende kommt, dann könnte sie beim Blick auf das Männerturnier fündig werden; Andreas Seppi besiegte Roger Federer nach zehn Niederlagen, und Tomas Berdych knackte die Serie nach 17 Pleiten gegen Rafael Nadal. Doch die Frage, ob sie aus diesen Ereignissen irgendeine Form von Inspiration destillieren könne, beantwortet sie mit einem klaren Nein und sagt: „Ich muss das auf meine Weise schaffen“. In gewisser Weise ist sie froh, überhaupt noch im Turnier zu sein nach den beiden Matchbällen, die sie in der zweiten Runde gegen die russische Qualifikantin Alexandra Panowa abwehren musste. Fest steht, dass Serena Williams auch nach dem Turnier die Nummer eins des Frauentennis sein und Maria Scharapowa die Nummer zwei, dass die eine den 19. oder die andere den sechsten Grand-Slam-Titel gewinnen wird.

Der unfreundlich kalte Wind dieser Tage in Melbourne trägt sicher nicht zur Verbesserung der Gesundheit von Serena Williams bei; seit einer Woche quält sie sich mit einem lästigen Husten herum, der einfach nicht verschwinden will. Die besorgte Nachfrage, ob es angesichts dieses Hustens nicht besser wäre, zu den Spielen eine Aufmachung mit etwas mehr Stoff zu wählen, kontert sie mit der Auskunft, eine moderne Frau trage heutzutage auch moderne Designs.

Einerseits: Wer schön sein will muss leiden. Andererseits: Es wird ihr schon warm werden im Spiel am Samstag gegen Maria Scharapowa, dem vierten gemeinsamen Finale bei einem Grand-Slam-Turnier. „Aus welchen Gründen auch immer – ich spiele einfach zu gern gegen sie“, sagt Williams, „ich liebe ihre Intensität, und ich hab dabei immer die allerbeste Zeit.“ Wie die Sache aussähe, wenn sie seit mehr als zehn Jahren nicht gegen die Rivalin gewonnen hätte, lassen wir mal dahingestellt.

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+++ Melbourne, den 29.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Am Morgen nach einem großen Sieg sagt man manchmal Dinge, die niemand auf die Goldwaage legen sollte; die Relation von Schlaf zu Alkohol trägt bekanntlich selten zur Klärung der Gedanken und zur Wortfindung bei. Aber Stan Wawrinka machte vor einem Jahr nach seinem ersten Coup bei einem Grand-Slam-Turnier trotz einer kurzen Nacht einen ordentlichen Eindruck, und es klang glaubwürdig, als er ankündigte: „Das Erste, was ich nächstes Jahr, wenn ich zurückkomme, machen werde ist, da hinten im Gang ein Foto von mir zu machen.“ Auf dem Weg in die Rod Laver Arena sind die Wände mit großformatigen Abzügen der Sieger der Australian Open dekoriert, und solange man nicht zu denen gehört, ist bei diesem Gang immer eine gewisse Sehnsucht im Spiel. Als er nun vor zwei Wochen in den Melbourne Park zurückkehrte, entstand tatsächlich das Foto von Stan Wawrinka vor dem Foto des Siegers Stan Wawrinka.

Vom ersten Spiel an wurde er mit der Frage konfrontiert, ob er sich anders fühle als im vergangenen Jahr, ob der Druck für ihn nun als Titelverteidiger größer sei. Aber der Schweizer sieht die Sache anders. Er sei weder gekommen, um seinen Titel zu verteidigen, behauptete er auch nach seinem Sieg am Mittwoch gegen Kei Nishikori (6:3, 6:4, 7:6), noch um den nächsten Titel zu gewinnen. Er sei einfach nur in Melbourne, um wieder bei einem Grand-Slam-Turnier zu spielen, alles Weitere werde man sehen.

Angesichts des höchst eindrucksvollen Auftritts im Spiel gegen den Japaner müsste man ihm zurufen: Jetzt ist aber mal Schluss mit der Bescheidenheit. Seine Form vom Mittwoch erinnerte schwer an die Form aus dem ersten Satz des Finales 2014, in dem er Rafael Nadal schwindelig gespielt hatte.

Bisher war er quasi außerhalb der Radarzone des Turniers geflogen; die Niederlagen von Roger Federer und Rafael Nadal hatten Staub aufgewirbelt, aus der Sicht der Australier auch der Siegeszug von Nick Kyrgios. Bis zum Spiel gegen Nishikori, gegen er bei den US Open im vergangenen Jahr in einem dramatischen Viertelfinale verloren hatte, erledigte Wawrinka den Job auf Schweizer Art: Effektiv und unauffällig, ohne viel darüber zu reden.

Dabei sehen manche Dinge schon anders aus als vor einem Jahr. Auf seinen roten T-Shirts prangt der Name „Stan the Man“, auf seinen Trinkflaschen steht „Stanimal“, auf den Plastikhüllen der frisch bespannten Schläger „Stantastic“. Was ihm davon am besten gefällt? Es gebe inzwischen viele Spitznamen, sagt er. „Stan the Man gibt es ja schon länger, aber das kommt immer wieder zurück, und irgendwie gefällt mir das auch. Aber von Zeit zu Zeit was Neues ist auch nicht schlecht.“

Solche Spielereien gehören natürlich nur zum Rahmenprogramm, das Wesentliche ist unsichtbar. Wenn er wirklich alles so meint, wie er es dieser Tage sagt, dann hat Wawrinka eine magische Formel gefunden. Eine Formel, die seinen Sieg vom vergangenen Jahr in zwei Versionen nutzt. Auf der einen Seite gibt er zu, der Titelgewinn habe ihm gezeigt, dass er an einem guten Tag jeden Gegner besiegen könne, und dieses Selbstvertrauen sei extrem wichtig. Andererseits behauptet er, als Titelverteidiger nicht mehr Druck als gewöhnlich bei einem Turnier zu spüren, und das heißt: Er sieht das Positive und profitiert von den Erfahrungen, ohne sich mit dem Negativen und dem Ballast zu beschäftigen. Genialer Plan.

Im Spiel gegen Nishikori leistete er sich nur ein paar Momente der Nachlässigkeit, hatte allerdings Glück, dafür nicht bestraft zu werden. Er führte 6:1 im Tiebreak des dritten Satzes, verspielte dann aber fünf Matchbälle. Doch der Japaner schenkte ihm mit einem missglückten Stopp in dieser kniffligen Situation einen sechsten, und für diese zuvorkommende Geste bedankte sich Wawrinka mit einem Ass durch die Mitte. Wie er sich selbst gesehen hatte in diesem Spiel, von den Problemen im Tiebreak abgesehen? „Das war ein komplettes Spiel“, meinte er ohne falsche Bescheidenheit, „ideal“.

Nicht viel anders hätte Novak Djokovic den eigenen Auftritt ein paar Stunden später gegen Milos Raonic beschreiben können (7:6, 6:4, 6:2), aber der Serbe gab sich zurückhaltender und meinte, man solle sich ja nicht selbst loben. Aber da er nun offensichtlich in ebenso großartiger Form wie der Schweizer Titelverteidiger ist, der aber eher ein Herausforderer sein will, steht dem Turnier ein großer Abend bevor; Teil drei eines Krachers, der die Leute bisher von den Sitzen riss.

Den ersten Teil hatte Djokovic vor zwei Jahren im Achtelfinale nach einem unvergesslichen, fünf Stunden hin- und herwogenden Spiel gewonnen, 12:10 im fünften Satz. Später gewann er den Titel, aber auch für Wawrinka hatte dieser Abend einen unbezahlbaren Wert; nach diesem Begegnung, in der er der bessere Mann gewesen war, glaubte er daran, einen großen Titel gewinnen zu können. Ohne diese Erkenntnis und ohne die Verpflichtung des Schweden Magnus Norman als Coach ein paar Monate danach hätte er den Titel im vergangenen Jahr vielleicht nicht gewonnen, nach einem Sieg gegen Djokovic in fünf leuchtenden Sätzen im Viertelfinale und dem Triumph im verzwickten Finale gegen Nadal. Stan Wawrinka ist bereit, Novak Djokovic ist es auch; bitte anschnallen.

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+++ Melbourne, den 28.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Vitas Gerulaitis weilt schon eine ganze Weile nicht mehr unter den Tennisspielern dieser Welt, aber vielleicht kann er den alten Satz oben auf seiner Wolke auch nicht mehr hören. Es passierte anno 1980, als der schillernde Amerikaner nach 16 Niederlagen zum ersten Mal gegen seinen Landsmann Jimmy Connors gewann und als er auf die Frage, wie er das endlich geschafft habe, antwortete: „Keiner schlägt Vitas Gerulaitis 17 Mal in Folge.“ Es ist einer jener Sätze, die bei passender Gelegenheit immer wieder hervorgekramt werden, und deshalb reagierte Tomas Berdych eher gelangweilt, als er nach seinem Sieg gegen Rafael Nadal (6:2, 6:0, 7:6) mit einer Variation in der Pressekonferenz empfangen wurde. „Ja“, meinte er, „das hab ich schon mal gehört.“

Fast neun Jahre hatte Berdych nicht gegen den Spanier gewonnen; Nadal war damals noch ein Teenager, der Tscheche stand am Anfang seiner Karriere. Danach gewann er in 17 Versuchen nur noch drei Sätze, egal, ob drinnen oder draußen, ob auf Hartplätzen, Rasen oder Sand. Es ist nicht leicht, mit so einer Serie im Kopf bei jedem neuen Versuch wieder bei null anzufangen, sich überhaupt nicht daran zu erinnern, was vorher passierte. Nun, der Bann ist gebrochen, nach neun Jahren und 17 Niederlagen gegen Rafael Nadal verließ Tomas Berdych die Rod Laver Arena am Dienstagnachmittag in Melbourne als Sieger.

Die Frage ist, wer den größeren Anteil an dieser Wende hatte. Berdych selbst, der zwei Sätze lang mit kühler Effizienz nahezu alle Chancen nutzte und gegen den stärker spielenden Nadal im dritten die Nerven bewahrte? Der Tscheche erklärte, er habe vorher den richtigen Plan mit seinem Coach entwickelt und der habe funktioniert. Der Coach ist neu, und es ist dessen erster Job in dieser Rolle, aber er hat Erfahrung. Dani Vallverdu aus Venezuela war einer der engsten Freunde des Schotten Andy Murray und gehörte lange zu dessen Team, ehe sich die beruflichen Wege der beide im Dezember Ende vergangenen Jahres trennten. Berdych wollte ursprünglich Ivan Lendl als Coach verpflichten, die beiden besprachen die Sache auch, kamen aber zu keiner Einigung, und so landete der Tscheche bei Vallverdu. Nach dem Sieg gegen am Dienstag widersprach er allerdings den Gerüchten, er sei damit einer Empfehlung von Lendl gefolgt.
So viel zu Berdych, aber was war los mit Nadal? In den ersten beiden Sätzen, vor allem im zweiten, wirkte er wie der Schatten eines Schattens seiner selbst. Er schlug extrem schlecht auf, returnierte extrem schlecht und hatte kaum Kraft für längere Ballwechsel. Der Amerikaner Jim Courier meinte als Kommentator des Fernsehsenders Channel 7: „Man hat das Gefühl, ein Zug entgleist, und keiner hält ihn auf.“

Zwischendurch ließ er sich eine Tablette bringen, wofür auch immer. Das habe nichts zu bedeuten gehabt, erklärte er hinterher, weder er selbst noch ein anderer aus seinem Team mochte über eine Verletzung oder Beeinträchtigung sprechen. Er bot die gleiche Erklärung an wie Roger Federer in der vergangenen Woche nach der Niederlage gegen Andreas Seppi: Er habe einfach einen schlechten Tag gehabt. „Ich hatte nie die richtige Intensität, nie den richtigen Rhythmus.“

Aber zumindest der dritte Satz erinnerte an die Fähigkeiten des echten Nadal, und vor allem in dieser Phase verdiente sich Tomas Berdych den Sieg. Was passiert wäre, hätte der stärker werdende Spanier diesen Satz gewonnen? Was wäre wenn – diese Frage gebe es nicht im Sport, wehrte er ab, „hier geht es um Realität“. So endete das Turnier nach einem schmerzhaften Anfang und einer kurzen Stabilisierung mit der für ihn wenig überraschenden Erkenntnis, dass er noch eine Weile brauchen wird, um wieder in Form zu kommen. Aber er war auch bereit, das Positive zu sehen. „Ohne auf meinem Top-Niveau zu sein“, meinte er, „war ich im Viertelfinale“, verabschiedete sich und ging.

Tomas Berdych darf bleiben, um sich das Halbfinale gegen Andy Murray vorbereiten – allein schon wegen der Personalie Vallverdu eine spezielle Konstellation.

Murray machte kaum Umwege beim Sieg (6:3, 7:6, 6:3) an einem weiteren viel zu kalten Abend gegen Nick Kyrgios. Nach dessen Sieg im Achtelfinale wurden in Melbourne zwei Tage lang alle Antennen auf den jungen Australier ausgerichtet, Channel 7 zeigte den ganzen Tag einen Countdown zum Spiel und ließ sogar die Wetterfee offiziell die Daumen drücken. Als „wonder from down under“ wurde er vom Ansager ins Spiel geschickt, aber der ganze wunderbare Spaß dauerte nicht allzu lange. Andy Murray spielte von der ersten bis zur letzten Minute äußerst konzentriert; er sezierte die Hoffnungen der Australier klinisch sauber, effektiv und schnell. Um noch mal auf Serien zurückzukommen: Die Bilanz zwischen Murray und Spielern aus Australien steht nun bei 11:0, aber er machte den Leuten in der Arena Hoffnung, dass sich das irgendwann ändern könnte. Murray lobte Nick Kyrgios, meinte, der habe ein tolles Turnier gespielt und werde sicher in Zukunft noch einiges bewegen. Gegen Tomas Berdych hatte Murray bisher nicht so viel Erfolg – in dieser Bilanz steht es 4:6. Dürfte spannend werden im Halbfinale.

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+++ Melbourne, den 26.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Madison Keys lächelt milde und sagt, für sie selbst habe die Geschichte keine Bedeutung mehr, das sei doch eher Stoff für Journalisten. Aber sei´s drum, die Details sind zu nett, um sie nicht zu erzählen. Miss Keys aus den USA ist 19 Jahre alt, sie wird am Mittwoch zum ersten Mal in ihrer noch recht frischen Karriere im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers spielen, und zwar ausgerechnet gegen Venus Williams, die in gewisser Weise selbst Schuld daran ist, mit wem sie es nun zu tun haben wird. Die kleine Madison war vier Jahre alt, als sie die ältere der Williams-Schwestern im Fernsehen in Wimbledon spielen sah und daraufhin zu ihrem Vater sagte, wie es kleine Mädchen so tun: Papa, so ein Kleid, wie Venus es hat, möchte ich auch haben.“ Der Vater gab zu bedenken, wie es Väter so tun: So ein Kleid gibt es aber nur, wenn du auch einen Schläger haben willst. Und so kam es, Kleid und Schläger wurden gekauft.

Keys gilt schon seit einer Weile als Geheimtipp, aber wenn nicht alle Anzeichen täuschen, dann wird das bald kein Geheimnis mehr sein. Beim beeindruckenden Auftritt in der dritten Runde in Melbourne gegen die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova nutzte sie ihre Chancen mit großer Autorität, scheinbar ohne Nerven. Kvitova meinte hinterher, die junge Amerikanerin habe definitiv das Zeug dazu, unter den Top Ten zu landen. Nach dem Erfolg in Melbourne wird Keys zunächst mal zu den besten 30 gehören und damit die Schweizerin Belinda Bencic überholen, die bis zu den Australian Open als bester Teenager des Frauentennis in der Rangliste stand. Allerdings wird sie diese Position nur bis zum 16. Februar halten können – am 17. wird sie ihren 20. Geburtstag feiern und damit kein Teenager mehr sein.

Keys´ Sieg in der vierten Runde gegen eine andere Madison aus den USA, Miss Brengle, war weniger spektakulär als der Erfolg zwei Tage zuvor gegen Kvitova, aber alles in allem sah es auch in diesem Spiel so aus, als sei das Projekt seit ein paar Wochen auf dem richtigen Weg. Gegen Ende der vergangenen Saison hatte sie ihren Manager gebeten, einen neuen Coach zu suchen, und weil der gute Mann auf die Schnelle niemanden auftreiben konnte, den er für den Richtigen hielt, schlug er als Übergangslösung für die Winterpause vor, sie solle ein wenig mit Lindsay Davenport und deren Mann Jon Leach arbeiten; danach werde man weitersehen.

Davenport, ehemals Nummer eins, Wimbledonsiegerin 1999 und Besitzerin zweier weiterer Grand-Slam-Titel, hat eigentlich keine Zeit fürs große Tennis mehr, schließlich ist sie inzwischen Mutter von vier Kindern, dem sieben Jahre Sohn Jagger und den Töchtern Lauren, Kaya und Haven; die Jüngste ist gerade mal ein Jahr alt. Nach zwei Wochen rief Davenport Keys´ Manager an und teilte ihm mit, wie er später der New York Times berichtete, sie wolle sich weiter um Keys kümmern; sie habe eine Menge Spaß bei der Sache, und das Mädchen sei wirklich gut, besser als gedacht.

Die Planung im Hause Davenport/Leach erfordert nun äußerste Flexibilität; bei den ersten Turnieren des Jahres wurde Madison Keys von Leach betreut, in Melbourne ist auch Davenport dabei, die in der Endphase des Spiels gegen Kvitova so angetan war, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen den beiden, von der Spielweise mit scheinbar mühelos durchgeschwungenen Grundschlägen und eindrucksvollen Aufschlägen bis hin zum Charakter, der eher zurückhaltenden Art.

Keys wirkt zwar außerhalb des Platzes jünger als im Spiel, aber der Teil ihrer Gedanken, die sie der Welt mitzuteilen hat, wirkt klar strukturiert. Was hätte sie gedacht, hätte ihr vor dem Turnier jemand gesagt, sie würde in Melbourne in der ersten Woche vier Pressekonferenzen geben und im Viertelfinale noch dabei sein? „Ich wäre schockiert gewesen“, sagt sie, „schwer schockiert“. Aber die Art, wie sie das sagt und der Gesichtsausdruck dazu zeigen, dass sie diesen Schock nun doch ziemlich cool findet. Mit Lindsay Davenport zu arbeiten habe ihrem Selbstvertrauen sehr geholfen, sie könne viel von deren Erfahrungen profitieren; es ist diese Art von Zuspruch und Bestätigung, die ehemalige Spieler offenbar extrem gut weitergeben können.

Kurioserweise war das Jahr, in dem Madison Keys damals Venus Williams und das schöne weiße Kleid im Fernseher sah, genau jenes Jahr, in dem Lindsay Davenport den Titel in Wimbledon gewann. Und in gewisser Weise kennt sie den Namen ihrer jetzigen Trainerin schon lange – seit sie lesen kann. Bevor Miss Keys nach Florida zog, um dort bei schönem Wetter und besseren Bedingungen besser trainieren zu können, lebte sie in Rock Island/Illinois, einem Städtchen am Mississippi. Direkt gegenüber auf der anderen Seite des Flusses lag ein anderes Städtchen mit Namen Davenport. Manche Dinge kann man sich nicht ausdenken, und in dieser Geschichte passt einfach eine Menge zusammen.

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+++ Melbourne, den 25.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Am Samstag machte sich Bundestrainer Carsten Arriens auf den Weg nach Hause. Das war von Anfang an so geplant, aber zufällig ergab es sich auch, dass der letzte deutsche Spieler im Einzel der Australian Open am Nachmittag verloren hatte. Benjamin Becker, der in der Runde zuvor im Spiel gegen den Australier Lleyton Hewitt das erste Fünfsatzspiel seines Lebens gewonnen hatte, stand auf verlorenem Posten in der Partie mit Milos Raonic (4:6, 3:6, 3:6). Die Geschosse des langen Kanadiers schlugen rechts und links von ihm ein, und auf die Frage, wie viel Spaß es mache, gegen einen so bombastischen Aufschläger wie Raonic zu spielen – ausgedrückt auf einer Skala zwischen eins und zehn -, antwortete Becker: „Das sag ich nicht.“ Man liegt wohl nicht falsch, wenn man den Wert irgendwo zwischen 1,5 und 1,8 ortet.

Auch wenn es schwer vorstellbar ist – der Vergnügungsfaktor beim Thema Davis Cup und Deutscher Tennis Bund (DTB) liegt noch darunter. In sechs Wochen wird die Mannschaft des DTB in der Frankfurter Fraport Arena in der ersten Runde gegen Frankreich spielen, und der Verband sähe es verständlicherweise ganz gern, wenn der Bundestrainer die beste Mannschaft nominieren würde. Dazu würde nach dem aktuellen Stand der Dinge ohne Zweifel Philipp Kohlschreiber gehören, Nummer 24 der Weltrangliste und, wie in Melbourne zu besichtigen war, aktuell auch ziemlich gut in Form. Aber da gibt es ein Problem.

Um eine lange, wenig erbauliche Geschichte zu verkürzen: Zwischen dem Bundestrainer und dem Spieler K. herrschte in den beiden Jahren, in den Arriens im Amt ist, nicht das allerbeste Einvernehmen; die Gründe lassen wir jetzt mal außen vor. Beim letzten Auftritt der Mannschaft im April vergangenen Jahres in Nancy wurde Kohlschreiber jedenfalls nicht nominiert. Im Dezember wählte der Deutsche Tennis Bund ein neues Präsidium, in dem sich relativ schnell die Meinung bildete, eine Mannschaft mit Kohlschreiber sei definitiv stärker als ohne ihn.

Und weil es aus nicht nachvollziehbaren Gründen mehr als ein halbes Jahr nicht möglich war, den Bundestrainer und den Spieler zu einem klärenden Gespräch an einen Tisch zu bringen, wurde der neue Vizepräsident Dirk Hordorff mit der Aufgabe betraut, in Melbourne genau das zu organisieren. Kohlschreiber verkündete zunächst, solange er im Turnier sei, wolle er sich konzentrieren, danach stehe er zur Verfügung, allerdings nicht unter vier Augen. Arriens ließ dagegen von Anfang an erkennen, dass er nur unter vier Augen reden möchte, und es deutete sich relativ schnell an, dass Hordorff um seine Aufgabe als Parlamentär nicht zu beneiden war.

Nach der Niederlage von Kohlschreiner schreitet er zur Tat, schickt an beiden Parteien eine E-Mail und beraumt das Gespräch für den nächsten Tag um 15 Uhr im Spielerzentrum der Rod Laver Arena an. Kohlschreiber, so berichtet er am Tag danach, sei eine halbe Stunde vor der Zeit dort gewesen, gesprächsbereit und wie er aus Vorgesprächen mit dem Augsburger zu wissen glaubt, ohne Forderung und Konditionen. Die Uhr rückt auf Viertel vor drei vor, auf drei, dann auf Viertel nach drei – Kohlschreiber und Hordorff sitzen da wie bestellt und nicht abgeholt.

Arriens schlendert genau zu dieser Zeit über die Anlage, läuft einem deutschen Journalisten über den Weg, lässt sich in aller Ruhe auf ein paar Sätze ein und berichtet, das geplante Gespräch mit Kohlschreiber werde noch am Nachmittag stattfinden. Unter vier Augen? Ja, unter vier Augen.

War die Mail vielleicht nicht angekommen? Hordorff sagt: „Ich weiß, dass er sie bekommen hat, und ich weiß, dass er Zeit gehabt hätte. Wir haben wirklich lange gewartet, das war mir schon fast peinlich. Aber irgendwann war es dann auch erkennbar, dass der Wunsch nach einem Gespräch offenbar nicht bei jeder Partei gleich groß ist.“ Man könne natürlich darüber streiten, fügt der Vize mit einem unüberhörbaren Hauch von Sarkasmus an, ob drei Uhr oder vier der richtige Zeitpunkt gewesen wäre.

Arriens will offensichtlich nicht, Arriens kommt nicht. Warum, das bleibt sein Geheimnis. Am nächsten Tag bestätigt er am Telefon lediglich, das Gespräch habe nicht stattgefunden, über teaminterne Vorgänge wolle er aber nicht reden. Nach Benjamin Beckers Niederlage antwortet er nicht mal mehr auf die per sms geschickte Bitte nach einem Kommentar zur Bilanz seiner Davis-Cup-Kandidaten in Melbourne. Er fliegt nach Hause.

Was man aus alldem schließen soll? Hordorff sagt, er habe dem Präsidium natürlich von den Vorgängen berichtet und werde das auch nach seiner Rückkehr Mitte der kommenden Woche tun. Auf die Frage, ob Arriens Anfang März in Frankfurt noch Bundestrainer sein werde, antwortet er: „Das war hier natürlich keine Vertrauensbildende Maßnahme. Und mit jeder Nicht-Lösung gehen wir einen weiteren Schritt in die Eskalation. Unser Wunsch ist, ich sage das ganz klar, dass das beste Team spielt.“ Man muss schon ziemlich blind sein, um die Botschaft zwischen den Zeilen nicht lesen zu können.

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+++ Melbourne, den 24.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Manches, was an vielen Tagen des Jahres 2014 passierte, war nicht leicht zu erklären. Julia Görges verlor öfter, als sie gewann, und wenn sie nach einer Niederlage erklärte, sie habe dennoch das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, dann war es nicht immer leicht, ihr zu glauben. Ende des Jahres stand sie auf Platz 75. Aber wenn nicht alles täuscht, dann konnte sie sich auf dieses Gefühl verlassen. Freitag erreichte die deutsche Fed-Cup-Spielerin in Melbourne mit einem Sieg gegen die Tschechin Lucie Hradecka (7:6, 7:5) das Achtelfinale der Australian Open, und das ist nach den Ergebnissen bei den Grand-Slam-Turnieren der letzten Zeit mehr als ein Lichtblick.

Was dieser Tage passiert, hat sicher auch ein wenig mit ihrer besonderen Beziehung zu Melbourne und zu Australien ganz generell zu tun. Sie fühlt sich extrem wohl am anderen Ende der Welt, und sie mag vor allem Melbournes europäische Atmosphäre. Eine Stadt zu mögen, hilft vielleicht nicht dabei, den Matchball zu verwandeln, wenn der Arm ein wenig zittert wie am Ende der Partie gegen Hradecka. Aber sich heimisch zu fühlen und positive Schwingungen wahrzunehmen, gehört zum allumfassenden Wohlfühlpaket, das eben doch einen Unterschied macht.

Aber es gibt natürlich auch handfestere Erklärungen für das erste gute Grand-Slam-Turnier der Julia Görges seit zwei Jahren. Sie sagt, sie habe im Training viel an der Athletik gearbeitet, und sie kontrolliere die Schläge besser als früher. Das konnte man vor allem beim sehenswerten Sieg in der ersten Runde gegen Belinda Bencic sehen, ihrem besten Spiel seit langer Zeit. Früher galt die These: Wenn sie einen guten Tag hat und trifft, dann gibt es für die Gegnerin nicht viel zu erben; so gewann sie im April 2011 beim Porsche Grand Prix in Stuttgart den größten Titel ihrer Karriere. Aber weil ihr Spiel einen hohen Risikofaktor hatte, ging die Sache mit dem Alles-oder-nichts manchmal gewaltig schief.

Nicht, dass das Risiko ganz verschwunden wäre. Aber sie hat es sichtlich reduziert. Jetzt muss sie versuchen, das Gleichgewicht zu halten, Abteilung kontrollierte Attacke, sozusagen. Das wird auch im Achtelfinale am Sonntag gegen Jekatarina Makarowa nötig sein. Die Russin, Nummer elf der Welt, beherrscht diese Disziplin in letzter Zeit immer besser. Mit einem Sieg gegen Makarowa zum ersten Mal in ihrer Karriere das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen, das wäre ein großes Ding für Julia Görges. Aber sie findet, nicht alles könne man einem Resultat entnehmen. Es gehe ja nicht nur ums Gewinnen, sagt sie, sondern vor allem darum, das Maximum des Moments zu suchen. Manchmal reiche dieses Maximum nicht, aber auf den Versuch komme es an. Das kann man so stehen lassen.

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+++ Melbourne, den 24.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Die ganze Aufregung, die atemlose Spannung macht aus den letzten Momenten dieses Spiels eine Kostbarkeit. Matchball, der Favorit in höchster Gefahr, Adrenalin in doppelter Ausschüttung, Herzklopfen. Er wird doch nicht? Es ist fast wie zur glorreichen Zeit, in der er fast alles gewann und jede Niederlage die Magnitude eines Erdbebens hatte. Aber gerade das Zittern der Zuschauer und Dutzender Spieler, die in den Katakomben der Rod Laver Arena gebannt vor den Fernsehschirmen sitzen, sagt viel über Roger Federers Taten im vergangenen Jahr. Sein letzter Titel bei einem Grand-Slam-Turnier liegt zweieinhalb Jahre zurück, aber in letzter Zeit konnte man sich wieder vorstellen, dass er noch einen gewinnen wird. Unter anderem deshalb gehörte er zu den Favoriten der Australian Open 2015, und Favoriten mit dem Rücken zur Wand tun jedem Spiel gut.

Wer hätte damit gerechnet, dass es so weit kommen würde? In zehn gemeinsamen Spielen zuvor hatte Federer einen einzigen Satz gegen Andreas Seppi verloren. Klare Sache aus diesmal, keine Frage, oder? Aber wenn es so wäre, dann würden die Besten nie gegen die Zweitbesten verlieren; Tennis hat nichts mit Wahrscheinlichkeitsrechungen zu tun, sondern lebt zum Glück von der wunderbarsten Ungewissheit.

Federer steckte also in Schwierigkeiten. Er hatte in einem wichtigen Moment des Spiels eine große Chance verpasst, als er Seppi im Tiebreak des zweiten Satzes mit kopflosen Vorstößen geradezu einlud. Und der schnörkellos spielende Südtiroler nahm die Einladung dankend an und schnappte sich nach dem ersten auch diesen zweiten Satz. „Ich wusste, wie wichtig dieser Tiebreak war“, sagte Federer hinterher, „den zu verlieren tat weh.“

Und auch im Tiebreak des vierten Satzes verspielte er seine Chance. Mit einem Doppelfehler gab er seine Führung aus der Hand, beim Stand von 5:4 nutzte er die Möglichkeit nicht, den Satz mit eigenem Aufschlag zu gewinnen. Zwei Fehler, dann folgt der Moment für die Klassikersammlung, der erste Matchball für Andreas Seppi. Federer übernimmt die Initiative, er riskiert, dann lässt er in der Rückhandecke einen Vorhandschuss los, der an Schönheit und Perfektion kaum zu überbieten ist. Alle denken, den Ball kann der andere nicht erwischen; Federer denkt es, der Italiener denkt es auch. Doch irgendwie bringt der den Schläger an den Ball, der fliegt am Schweizer vorbei und landet hinten im Feld. Ein unglaubliches Ding; Tusch und Sieg für Seppi. Federer geht ans Netz, gratuliert und sagt: Bravo.

Als er später gefragt wird, ob er eine Chance gehabt hätte, den Ball mit einem Volley zu erwischen und das Unheil auf diese Weise abzuwenden, antwortet er: „Wenn er den Ball normal trifft, dann schon. Aber nicht so.“

Was soll man nun von all dem halten? Federer schlägt vor, seine Erklärung zu akzeptieren, das sei ein schlechter Tag von ihm gewesen, an dem ihm ein bisschen von allem gefehlt habe und er die falschen – also nicht die wichtigen Punkte – gemacht habe. Er ist in einem Stadium seiner Karriere, in der solchen Erklärungen die Frage folgt: Hätte er sie früher gemacht? Öfter ganz sicher, aber sicher nicht immer. Fest steht, dass die Australian Open nun zum ersten Mal seit 2003 eine zweite Woche ohne Mitwirkung des Meisters erleben werden. Seit 2004 erreichte er in jedem Jahr mindestens das Halbfinale, viermal gewann er den Titel, zuletzt 2010.

Er fühlt sich fit, obwohl die Saison 2014 mit dem großen Sieg im Dezember im Davis Cup und dem Abstecher hinterher zum heftig beworbenen Showturnier der International Premier Tennis League (IPTL) länger als gewöhnlich dauerte. Er sagt, er habe nicht das Gefühl, das Jahresende sei zu stressig gewesen, er habe alles so erledigt wie geplant. „Ehrlich, ich glaube nicht, dass ich vorher irgendwas falsch gemacht hab. Ich wollte nach Indien, wollte dann Weihnachten zuhause sein und habe danach so hart trainiert, wie es nur möglich war. Und ich habe ja in Brisbane auch gut gespielt.“ In Brisbane gewann er den Titel mit Sieg Nummer 1000 seiner Karriere. Wegen des Davis Cups und der Reise nach Indien fiel die Pause flach, die er sich normalerweise zum Jahresende gönnt. Er wollte sie ohnehin nach den Australian Open nachholen und erst Ende Februar in Dubai wieder spielen, nun hat er noch eine Woche länger Zeit.

Vielleicht sollte man die Diskussion darüber, ob Roger Federer weitere Grand-Slam-Titel gewinnen kann, denen überlassen, die das am besten beurteilen können. Andreas Seppi sieht die Sache so: „Natürlich kann er. Er spielt immer noch, weil er genau das denkt, und ich glaube das auch.“ Der Schweizer rät, in diese Niederlage nicht allzu viel hineinzudeuten. Nein, sagt er, die Zahl seiner schlechten Tage sei nicht größer als früher. Die Zahl der Leute, die um ihn zittern, ist jedenfalls immer noch ziemlich hoch.

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+++ Melbourne, den 23.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Zuerst war er der Mann mit den berühmten Initialen – B. Becker, da klingelten alle Glocken der Erinnerung. Dann war er der Mann, der die ebenso glorreiche wie schillernde Karriere des Andre Agassi beendete, und nun wünscht er sich, dass man ihn nicht noch mal ein Etikett auf die Stirn kleben wird. „Ich hoffe sehr, dass das hier nicht sein letztes Spiel war“, meinte Benjamin Becker nach seinem Sieg in fünf Sätzen gegen Lleyton Hewitt (2:6, 1:6, 6:3, 6:4, 6:2).

Der Australier dreht noch ein paar Runden im Herbst seiner Karriere, und alle wissen, dass er nur noch solange weitermachen wird, wie es sein so oft reparierter Körper erlaubt. Er selbst hat sich bisher nicht auf das Datum des Abschieds festgelegt; schon vor einem Jahr nach seiner Niederlage in der ersten Runde der Australian Open hatte es Vermutungen gegeben, das sei es vielleicht gewesen, aber er kam zurück und spielte zum 19. Mal bei diesem Turnier. Solange, bis er Benjamin Becker begegnete.

Dessen Wunsch, ohne neues Etikett weitermachen zu dürfen, ist ebenso verständlich wie berechtigt, denn für diesen Abend musste keine künstlich überhöhte Bedeutung gezimmert werden – er war auch so wichtig genug. Nur einmal in seiner Karriere, die nach dem Studium in den USA relativ spät begonnen hatte, hatte Becker bei einem Grand-Slam-Turnier mehr als ein Spiel gewonnen – damals vor neun Jahren im Agassi-Jahr New York.

Und gerade in letzter Zeit hatte es so ausgesehen, als ginge nicht mehr viel bei den vier wichtigsten Turnieren der Welt. Nur in Wimbledon gewann er 2014 eine Partie, und das stand in einem gewissen Widerspruch zum Rest der Rest der Ereignisse des Jahres. Denn er erreichte nicht nur fünf Jahre nach dem ersten Erfolg noch mal das Finale eines ATP-Turniers, sondern er stand auch im Oktober in der Weltrangliste so gut da wie nie zuvor, auf Platz 35. Mit 33 Jahren, ebenso wie Hewitt im Herbst seiner Karriere, allerdings deutlich frischer. Familienväter sind beide, der Australier mit drei Kindern, Becker mit zwei Söhnen, dem knapp drei Jahren alten Collin und dem kleinen Connor, der Anfang Dezember 2014 zur Welt kam.

Beim Sieg gegen Hewitt in der vollbesetzten Rod Laver Arena schaffte er es endlich, einen Rucksack abzuwerfen. Ein Sieg in fünf Sätzen gilt im Tennis als ultimativer Beweis für Ausdauer, mentale Kraft und die Bereitschaft, alle Herausforderungen anzunehmen, und den Code hat er nun geknackt – nach sechs vergeblichen Versuchen und gewissermaßen unter erschwerten Bedingungen.

Denn es gibt kaum einen größeren Spezialisten in dieser Abteilung Fünfsatzspiele als Lleyton Hewitt, den unermüdlichen Kämpfer; im Melbourne Park müsste längst ein Denkmal als Erinnerung an Hewitts verlorene und gewonnene Sätze in all den Jahren stehen. Sechs verlorene Fünfsatzspiele standen vor diesem Abend in Beckers Bilanz, 54 auf der Seite des Gegners, davon 32 gewonnene.

Und Becker schaffte obendrein das Kunststück, die Dinge nach zwei ernüchternd klar verlorenen ersten Sätzen noch zu drehen. Er verabschiedete sich danach für ein paar Minuten in eine Toilettenpause, trat vor die Tür und schrie die Wand an, um Luft abzulassen, und als er danach in die Arena zurückkehrte hatte er irgendwie das Gefühl, ein besserer Spieler zu sein. Er dominierte die drei folgenden Sätze nicht so, wie Hewitt die ersten beiden dominiert hatte, aber er wirkte nun zuversichtlich, und Hewitts Kräfte ließen sichtlich nach. Bisweilen war es gespenstisch still in der Rod Laver Arena, denn die 15.000 Leute spürten, wie sich ihr Mann dem Ausgang näherte.

Benjamin Becker erledigte schließlich alles mit einem Schlag; er gewann sein erstes Spiel in fünf Sätzen und landete zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in der dritten Runde eines Grand-Slam-Turniers. Irgendwie, meinte er hinterher sichtlich zufrieden, habe er an diesem Abend mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. „Ich wusste, dass ich das kann; bisher sollte es wohl einfach nicht sein.“

Nun nachdem das nun endlich erledigt ist will er mehr. Das wird zwar nicht ganz leicht in der dritten Runde am Samstag gegen Milos Raonic, Nummer acht der Welt und bekanntermaßen einer der besten Aufschläger des Tennis. Mit den Aufschlägen des Kanadiers klarzukommen sei ein kleines Ratespiel, sagt Becker, Kanonendonner inklusive.

Als er zu vorgerückter Stunde über die lange nicht besuchte dritte Runde sprach, war der Gedanke fast schon vergessen, ob er die Ära des Kollegen Hewitt bei den Australian Open beendet hatte. Vielleicht komme der ja noch mal zurück, meinte Becker, 20 sei doch eine gute Zahl.

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+++ Melbourne, den 22.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Selbst eine Stunde vor Mitternacht zeigte das Thermometer noch 25 Grad, und es wäre ein idealer Abend gewesen, um draussen irgendwo mit einem bunten Getränk in der Hand zu sitzen. Drinnen in der Rod Laver Arena waren Elektrolyte gefragt, vor allem bei Rafael Nadal, der gewöhnlich selbst bei herbstlichen Temperaturen tropft wie Wasser aus einer defekten Regenrinne. Es war nicht zu übersehen, wie viel Mühe ihn der Sieg in fünf Sätzen (6:2, 3:6, 6:7, 6:3, 7:5) gegen den amerikanischen Qualifikanten Tim Smyczek vom Weltranglistenplatz 112 kostete, und zwischendurch musste man befürchten, dass dies wieder ein Kapitel der schmerzhaften Beziehung zu diesem Turnier werden könnte.
Wie oft hatte er in Melbourne schon am Boden gelegen, wie viele Enttäuschungen und Rückschläge hatte er einstecken müssen? Im vergangenen Jahr im Finale gegen Stan Wawrinka wurde er so sehr von Rückenschmerzen geplagt, dass es zwischendurch so aussah, als könne er nicht mehr weiterspielen; eine Siegchance hätte er nur gehabt, hätte Wawrinka die Nerven verloren. Im Jahr davor fehlte er verletzt, 2012 verlor er das Rekordspiel des Turniers, fünf Sätze gegen Novak Djokovic, fünf spektakuläre Stunden und 53 Minuten bis zum Rand gefüllt mit Wahnsinn und Widerstandskraft auf beiden Seiten.

2011 verlor er im Viertelfinale gegen David Ferrer, und dass er das Spiel überhaupt beendete, hatte in erster Linie mit dem Respekt vor seinem Landsmann zu tun. Wie sich hinterher herausstellte, spielte er mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel. Allerdings nicht ganz so dramatisch wie die Vorgänge in der gleichen Runde auf den Tag genau ein Jahr zuvor. Damals gab er gegen Andy Murray mit massiven Problemen im rechten Knie auf, und es stand zu befürchten, seine Karriere sei in Gefahr; Nadal und die Knie, eine höchst komplizierte Beziehung in all den Jahren.
Beim einzigen Titelgewinn in der Rod Laver Arena,

2009 nach einem denkwürdigen Finale, war er damit beschäftigt, Roger Federer zu trösten, der auf dem Podium dringend Zuspruch brauchte. 2008 verlor er in weniger als zwei Stunden im Halbfinale gegen den unwiderstehlich spielenden Franzosen Jo-Wilfried Tsonga, der hinterher zugab, nie im Leben so gut gespielt zu haben, und ähnlich erging es ihm zwölf Monate zuvor bei der Niederlage gegen Fernando Gonzalez aus Chile im Viertelfinal. Er selbst beschreibt die besondere Beziehung zur Rod Laver Arena so: „Ich hatte hier viele schöne Momente, aber ich hatte auch eine Menge auszuhalten. Vielleicht bedeutet mir dieser Platz deshalb so viel.“

Nach der Hälfte der vier Stunden und zwölf Minuten gegen Smyczek war zwar nicht klar, was Nadal fehlte, aber dass etwas nicht stimmte, war nicht zu übersehen. Er liess sich Tabletten geben, wirkte fast apathisch und sah immer wieder Hilfe suchend zu seiner Box auf der Tribüne hinüber. Nachdem Smyczek den Tiebreak des dritten Satzes gewann, sah es düster bis stockfinster aus für Rafael Nadal.

Doch der beeindruckend spielende Amerikaner beschrieb hinterher, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt, wenn man den unbändigen Willen des Spaniers kennenlernt. Was an diesem Abend passiert sei zeige einfach, was für ein großer Champion der sei, sagte er. „Er ist krank, er spielt schrecklich – für seine Verhältnisse höchstens auf C- oder D-Niveau -, aber er zieht es trotzdem durch und findet einen Weg.“

Tropfend und mit größter Anstrengung näherte sich Nadal seinem Ziel; am Ende wirkte er wieder halbwegs wie er selbst. Auch hinterher hatte er keine Ahnung, wo das Problem lag. Das letzte Training vor dem Spiel sei bestens gewesen, meinte er, nach dem ersten Satz habe er sich auf einmal extrem schlecht gefühlt. „Dreieinhalb Stunden habe ich gelitten – zu viel.“

Irgendwie überwand er das Problem an diesem schwülen Abend, aber auch der Qualifikant Tim Smyczek gewann. Beim Stand von 6:5 und 30:0 im fünften Satz für den Spanier wurde der in der Aufschlagbewegung massiv von einem Zwischenruf aus dem Publikum gestört; der Ball landete im Aus, und Nadal bereitete sich frustriert auf den zweiten Aufschlag zu. Doch Smyczek signalisierte dem Schiedsrichter: Gib´ zwei Neue, was ihm die höchste Anerkennung des Publikums und des Gegners einbrachte. Der nannte ihn hinterher „gentleman Tim“ und meinte anerkennend, es gebe nicht viele Spieler, in einer solch entscheidenden Situation nach vier Stunden so reagierten.

Tim Smyczek verabschiedete sich mit dem Geständnis, er werde diesen Abend nie vergessen. Rafael Nadal sagte, das Gute daran sei, dass er irgendwie durchgekommen sei und noch mal wiederkommen dürfe. Es sind Stunden wie diese, in ganz klar wird, warum Turnieren ohne diesen Kerl einfach was fehlt.

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+++ Melbourne, den 21.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Auf dem großen Platz nebenan spielte Julia Görges, die beim Sieg in drei Sätzen gegen die Tschechin Klara Koukalova ein hartes Stück Arbeit zu erledigen hatte; bei 30 Grad dauerte der zweite Satz fast eine Stunde und das erste Spiel des dritten Satzes mehr als zehn Minuten. So viel Zeit nahm sich Carina Witthöft nicht. Die junge Hamburgerin rauschte vor vollbesetzten Rängen in nur 49 Minuten zum Sieg; die in der Weltrangliste 50 Plätze vor ihr stehende Amerikanerin Christina McHale hatte nicht den Hauch einer Chance.

„Ich kann´s kaum glauben“, meinte Witthöft hinterher, immer noch überrascht von diesem Auftritt. „Ich hab versucht, mein Spiel durchzuziehen, vom ersten bis zum letzten Ball.“ Eine sehenswerte Mischung aus jugendlicher Kraft und Selbstbewusstsein, gemixt mit frischem Flair, von Kopf bis Fuß in Pink gepackt. Nach zwei ziemlich ernüchternden Tagen für das deutsche Frauentennis mit den Niederlagen der besten Kräfte erinnerte Carina Witthöft daran, dass der Nachwuchs einiges zu bieten hat.

Nächsten Monat wird sie 20, und gemessen an der Tatsache, dass ihre Profilaufbahn erst nach dem Abitur begann, ist sie ziemlich gut im Plan. Vor zwei Jahren tauchte sie zum ersten Mal in der Qualifikation eines Grand-Slam-Turniers auf, ein paar Wochen später in Wimbledon landete sie zum ersten Mal im Hauptfeld, und vor einem Jahr in Melbourne schaffte sie das wieder. Damals musste sie sich während des Turniers ein neues Hotel suchen, weil sie länger blieb, als sie sich das vorgestellt hatte, aber Fehler sind ja da, um daraus zu lernen. Diesmal buchte sie das Zimmer in optimistischer Voraussicht bis zum 24. Januar, das heißt, selbst bei einem weiteren Sieg wäre ihr das gebuchte Bett sicher.

Ohne zu viel zu verraten – sie teilt es gern. In Melbourne wird sie von ihrem Freund Phillip begleitet, der sich nicht nur ums Wohlfühlpaket, sondern auch um das Fitnessprogramm kümmert. Witthöfts Eltern, die in Hamburg eine Tennis-Akademie mit zwei Anlagen vor den Toren der Stadt betreiben, und die die Tochter inzwischen wieder trainieren, vor allem die Mutter, hatten für die Reise nach Australien keine Zeit. Deshalb ist sie froh, zumindest Phillip dabei zu haben; sie fühlt sich unterwegs mit vertrauten Menschen in der Nähe einfach wohler.

Beim Training und bei der Betreuung hilft dieser Tage Bundestrainerin Barbara Rittner; irgendwie logisch, schließlich gehört Carina Witthöft zum Porsche-Talentteam des Deutschen Tennis Bundes. Deren Einschätzung der jungen Hamburgerin lässt auf eine spannende Mischung schließen. Im Stenogramm: Fleißig, hart, selbstkritisch, eigener Kopf – weiß, was sie will. Beste Anlagen, wie Rittner findet, aber sie sagt auch: „Carina braucht noch ein, zwei Jahre; man muss ihr Zeit geben.“

Die erste kritische Phase hat die junge Dame hinter sich, das war 2013, im Jahr des Debüts auf der Profitour. Die Eltern fanden damals, es fehle ihr an der richtigen Einstellung, und um sie ein wenig mit den Gegebenheiten des normalen Arbeitslebens zu konfrontieren, sorgten sie dafür, dass Carina ein Praktikum in einem Sportgeschäft machen musste. Die Wirkung war offenbar zufriedenstellend, an der passenden Arbeitsmoral fehlt es jetzt nicht mehr.

Im Moment profitiert Witthöft auf der Tour sicher noch von einem gewissen Überraschungseffekt. „Ich glaube“, sagt sie, „dass ich noch relativ unbekannt bin. Außerdem haben mir alle gesagt, im ersten Jahr hast du nichts zu verlieren.“

Schwungvoll und ohne übertriebenen Respekt wird sie sie sich der dritten Runde nähern, in der sie Freitag gegen die Rumänin Irina-Camelia Begu spielen wird, gegen die Angelique Kerber zu Beginn der Woche verloren hatte. Keine unlösbare Aufgabe, aber dieser Tage lauern ja überall Gefahren, selbst für die Besten. Maria Scharapowa stand auf einem Bein am Abgrund im Spiel gegen die russische Qualifikantin Alexandra Panowa, die bis zu diesem Tag ein einziges Spiel im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers gewonnen hatte. Bis zu den beiden Matchbällen der unerfahrenen Gegnerin beim Stand von 5:4 im dritten Satz haderte Scharapowa mit sich – was man selten sieht. Aber im Moment der größten Gefahr gönnte sie sich volles Risiko, wehrte die Matchbälle ab, erzwang ein Break, Panowa hatte keine Chance, und damit war die Sache dann so gut wie erledigt. Warum das im Zusammenhang mit der jungen deutschen Siegerin des Tages eine Rolle spielt? Nun, Maria Scharapowa ist Carina Witthöfts Lieblingsspielerin.

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+++ Melbourne, den 20.01.2015 +++

Von Doris Henkel

Irgendwie ist der Wurm drin in diesem Turnier. Keine 24 Stunden nach den Niederlagen von Angelique Kerber und Sabine Lisicki verabschiedete sich auch Andrea Petkovic im Einzel von den Australian Open; es war, um eine Anleihe im Boxsport zu machen, der dritte Wirkungstreffer in ziemlich kurzer Zeit. Der Tag zuvor sei schon ernüchternd gewesen, meinte Bundestrainerin Barbara Rittner, als sie abends auf einem kleinen Mäuerchen vorm Eingang sitzend Bilanz zog. Den Auftakt habe sie noch nicht ganz verarbeitet, und nun komme noch was dazu. Da könne man nichts schönreden, meinte sie, „natürlich war das ein Flop.“

Petkovic selbst nahm die Niederlage (7:5, 6:7, 3:6) gegen Madison Brengle aus den USA anders als früher bei ähnlichen Gelegenheiten vergleichsweise gelassen hin. Sie wusste, dass ein großer Teil mit der starken Leistung der Amerikanerin zu tun hatte, die bereits bemerkenswert gut in Form ist, wie die Ergebnisse aus den ersten Wochen des Jahres zeigen. Aber dennoch musste sie sich hinterher Gedanken darüber machen, warum sie in den ersten beiden Sätzen jeweils eine 5:3-Führung aus der Hand gegeben hatte, wobei die Angelegenheit im ersten Satz noch gut gegangen war, im zweiten aber nicht.

Es ist halt die uralte Geschichte: Siege führen zu Selbstvertrauen, und Selbstvertrauen führt zu weiteren Siegen – Niederlagen nähren Zweifel, und Zweifel führen zu Niederlagen. Ebenso wie Lisicki hatte auch Petkovic bei zwei Turnieren im Vorfeld der Australien Open nicht gewonnen, zum Auftakt in Brisbane nicht und ebenso wenig in der Woche danach in Sydney. Und obwohl sie eine deutlich bessere Figur machte als die beiden anderen aus dem deutschen Fed-Cup-Team am Tag zuvor, sah man auch ihr in entscheidenden Phasen eine gewisse Unsicherheit an. „Wenn du zweimal erste Runde verloren hast, dann kommen schnell Zweifel“, meinte die Bundestrainerin dazu, die aus ihrer aktiven Zeit ziemlich gut weiß, wie schnell die Hand dann zittert. „Wenn das so einfach wäre mit dem Kopf. Ich ziehe meinen Hut vor solchen Spielerinnen wie Scharapowa oder Williams, die ihr bestes Tennis spielen, wenn es darauf ankommt. Manche Spieler lernen das nie.“

Andrea Petkovic hätte mit einem guten Turnier die Chance gehabt, in der Weltrangliste unter die Top Ten zurückzukehren, wird nun aber trotz der frühen Niederlage keinen Boden verlieren, weil sie im vergangenen Jahr ebenfalls in der ersten Runde ausgeschieden war. Sie war enttäuscht, meinte aber, das sei weder ein Riesen-Skandal noch eine Riesen-Überraschung. „Und ich war auch nicht grottenschlecht. Manches lief unglücklich, der Aufschlag war nicht gut, und ich war nicht entschlossen genug.“

Nachlässigkeiten dieser Zeit werden bestraft, heute mehr als vor ein paar Jahren. Die Intensität der Ballwechsel war hoch, der Schweiß floss in Strömen, und es gab keinen Ort der relativen Sicherheit; Madison Brengle ließ nicht locker. Auch dieses Spiel ging als Beispiel für die These durch, dass Namen und Setzlisten im Frauentennis heutzutage mit wenigen Ausnahmen nicht mehr viel zu sagen haben. Zu diesem Thema äußerte sich auch Caroline Wozniacki, die schon in der ersten Runde alle Hände voll zu tun hatte und in der zweiten gegen die lange verletzte, zweimalige Turniersiegerin Wiktoria Asarenka noch mehr zu tun haben wird. Vor fünf, sechs Jahren habe man im Frauentennis noch gewusst, dass in den ersten Runden nicht die härtesten Aufgaben auf die Besten warten, dass man eine Chance habe, sich in Ruhe warmzuspielen, sagt sie. Heute sei das komplett anders, und als Beweis dafür taugen die Ergebnisse der ersten Runde in Melbourne allemal. Elf der 32 Gesetzten sind schon nicht mehr dabei, vor zehn Jahren waren nach der ersten Runde noch 30 und 32 im Spiel. „Jeder gewinnt, jeder verliert“, sagt Petkovic, „das macht es für die Zuschauer interessant. Für die gesetzten Spielerinnen, die verlieren, natürlich eher weniger.“

Aber was ist nun mit dem deutschen Aspekt der ersten Runde? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Niederlagen von Kerber, Petkovic und Lisicki oder nicht? Barbara Rittner meint, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun; die Spielerinnen hätten sich ja in den vergangenen Wochen alle individuell mit ihren Teams auf das neue Jahr vorbereitet. Dieselbe Frage an Andrea Petkovic führt zu einem etwas anderen Ergebnis, das zumindest die Möglichkeit einer Verbindung einbezieht. Sie sagt: „Ich weiß nicht, ob es was mit dem Fed Cup zu tun hat. Wir wollten den Pott, aber am Ende haben wir sang- und klanglos verloren.“

Was es nach dem Anfang November in Prag verlorenen Finale gegen die Tschechinnen innerhalb der Mannschaft noch zu sagen gab, ist nun ausgesprochen. Vor Beginn des Turniers hatten sich in Melbourne alle zusammengesetzt, und Rittner sagt, das sei ein gutes, offenes, kritisches Gespräch gewesen. Danach seien sie zusammen zum Essen gegangen, und alles sei in Ordnung gewesen.

In gut zwei Wochen geht es weiter mit dem Fed Cup, mit der ersten Runde gegen Australien in Stuttgart. „Auch wenn hier alle gut gespielt hätten, wäre das wahnsinnig schwer geworden“, sagt die Chefin. „So haben wir die Möglichkeit, uns relativ früh zu treffen, und vielleicht ist das ja auch irgendwie eine Schocktherapie, dass sich jede Einzelne sagt: Jetzt erst recht.“

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